TEIL
I
CHARAKTER
UND AUFGABE
A. CHARAKTER EINER KATHOLISCHEN
UNIVERSITÄT
1. Wesen und Ziel
12. Jede Katholische
Universität ist als Universität eine akademische Gemeinschaft,
die in strenger und kritischer Methode zum Schutz und zur Förderung der
menschlichen Würde und zugleich des Kulturerbes ihren Beitrag leistet
durch Forschung und Lehre und durch die verschiedenen Dienste, die sie den
örtlichen, nationalen und internationalen Gemeinschaften zu deren Nutzen
erbringt.(14) Sie besitzt jene institutionelle Autonomie, die notwendig
ist, damit sie ihre Aufgaben wirksam erfüllen kann, und sie
gewährleistet ihren Mitgliedern die akademische Freiheit, unter Wahrung
der Rechte des Individuums und der Gemeinschaft, innerhalb des Anspruchs der
Wahrheit und des Gemeinwohls.(15)
13. Weil es die Zielsetzung
einer Katholischen Universität ist, angesichts der großen
Fragestellungen in Gesellschaft und Kultur in institutionalisierter Form das
Christliche im universitären Bereich präsent zu machen,(16)
muß diese Universität als Katholische Universität durch
folgende Wesensmerkmale geprägt sein:
christliche Ausrichtung nicht nur der einzelnen Mitglieder, sondern
der ganzen Universitätsgemeinschaft als solcher;
ständige Reflexion im Lichte des katholischen Glaubens
über den immerfort wachsenden Schatz der menschlichen Erkenntnis, zu
dem sie ihren Teil mit den ihr eigenen Studien beizutragen sucht;
Treue gegenüber der christlichen Botschaft, so wie sie von der
Kirche ausgelegt wird;
institutionalisierte Verpflichtung, dem Volk Gottes und der
Menschheitsfamilie zu dienen auf ihrem Weg zu jenem alles
transzendierenden Ziel, das dem Leben seinen Sinn gibt.(17)
14.
»Im Licht dieser vier Eigenschaften ist offenkundig, daß über Lehre,
Forschung und über die allen Universitäten gemeinsamen Dienste
hinaus, eine Katholische Universität aufgrund ihrer als Institution
eigenen Verpflichtung in ihre Arbeit die Inspiration und das Licht der christlichen
Botschaft einbezieht. In einer Katholischen Universität prägen
und durchdringen daher katholische Ideale, Haltungen und Grundsätze die
vielfältige Tätigkeit der Universität in Übereinstimmung
mit Wesen und Autonomie, die diesen Tätigkeiten eigen sind. Kurz gesagt:
Da die Katholische Universität gleichzeitig sowohl Universität als
auch katholisch ist, muß sie zugleich eine Gemeinschaft von Dozenten und
Studierenden aus den verschiedenen Bereichen menschlichen Wissens sein und
zugleich eine akademische Institution, in der das Katholische in lebendiger
Weise gegenwärtig ist«.(18)
15.
Die Katholische Universität ist deshalb der Ort, an dem Wissenschaftler
die Tiefe der Wahrheit der Dinge mit den einer jeden akademischen
Disziplin eigenen Methoden erforschen und so zur Bereicherung des Schatzes
menschlichen Wissens beitragen. Jede Disziplin wird in geordneter
systematischer Weise betrieben, und die verschiedenen Disziplinen stehen in
einem Gespräch miteinander und bereichern sich so gegenseitig.
Solche
Forschung ist nicht nur den Männern und den Frauen bei der
unaufhörlichen Suche nach Wahrheit eine Hilfe, sie ist vielmehr auch das
heute so sehr notwendige Zeugnis für das Vertrauen, das die Kirche auf den
inneren Wert von Wissenschaft und Forschung setzt.
Die
Forschung an einer Katholischen Universität umfaßt deshalb
notwendigerweise: a) das Bemühen um Integration des Wissens; b) den
Dialog zwischen Glaube und Vernunft; c) die ethische Verantwortung;
d) theologische Perspektive.
16.
Die Integration des Wissens bleibt eine stets zu vervollkommende
Aufgabe. Zudem macht die in unseren Tagen angewachsene Fülle des Wissens,
zu der die fortwährend zunehmende Aufsplitterung des Wissens selbst
innerhalb der einzelnen akademischen Disziplinen hinzukommt, diese Aufgabe
immer schwieriger. Aber die Universität selbst, und vor allem die
Katholische Universität »muß eine "lebendige Einheit" von
Organen sein, die sich der Erforschung der Wahrheit widmen. ... Es gilt daher
eine solche höhere Synthese zu fördern, denn nur darin findet jener
Durst nach Wahrheit Befriedigung, der tief im Herzen des Menschen lebendig
ist«.(19) Die Universitätsdozenten werden ständig bemüht
sein, mit Hilfe von Beiträgen der Philosophie und Theologie, den Platz und
die Bedeutung der einzelnen Disziplinen zu bestimmen im Rahmen eines Menschen-
und Weltbildes, das vom Evangelium, und folglich vom Glauben an Christus, den
»Logos« und das Zentrum der Schöpfung und der Menschheitsgeschichte,
erleuchtet ist.
17.
Die Katholische Universität, die diese Integration des Wissens
fördern will, muß sich besonders dem Dialog zwischen Glaube und
Vernunft widmen, damit tiefer erfaßt werden kann, wie Glaube und
Vernunft in der einen Wahrheit zusammenkommen. Wenn auch jede akademische
Disziplin die eigene Integrität und Forschungsmethode wahrt, so wird durch
diesen Dialog doch hervorgehoben, daß »die methodische Forschung in allen
Wissensbereichen - vorausgesetzt, sie wirklich geht in wissenschaftlicher Weise
und gemäß den Normen der Sittlichkeit vor - niemals in einen echten
Konflikt mit dem Glauben kommen kann, weil die Wirklichkeiten des profanen
Bereichs und die des Glaubens in demselben Gott ihren Ursprung haben«.(20)
Diese lebendige Wechselwirkung zweier verschiedener Ordnungen der Erkenntnis
der einen Wahrheit führt zu einer größeren Liebe der Wahrheit
selbst und trägt zu einem breiteren Verständnis des Sinns des
menschlichen Lebens und des Ziels der göttlichen Schöpfung bei.
18.
Weil jedes Wissen im Dienst der menschlichen Person stehen soll, deshalb ist an
einer Katholischen Universität die Forschung immer mit der Sorge um die
ethischen und moralischen Inhalte verbunden, welche die Methoden und die
Ergebnisse in sich bergen. Wenn diese Sorge auch mit jeder Art von Forschung
verbunden ist, so ist sie besonders drängend im Bereich der
wissenschaftlichen und technologischen Forschung: »Wir müssen
überzeugt sein vom Vorrang der Ethik gegenüber der Technik, vom
Primat der Person gegenüber den Sachen, von der Überlegenheit des Geistes
gegenüber der Materie. Die Sache des Menschen kommt voran nur, wenn sich
die Wissenschaft mit dem Gewissen zusammenschließt. Der Wissenschaftler
wird der Menschheit einen echten Dienst leisten, wenn er "den Sinn
für die Transzendenz des Menschen gegenüber der Welt und Gottes gegenüber
dem Menschen" bewahrt«.(21)
19.
Auf der Suche nach einer Synthese des Wissens wie auch im Dialog zwischen
Glaube und Vernunft kommt der Theologie eine besonders bedeutende
Stellung zu. Sie leistet auch einen Beitrag für alle anderen Disziplinen,
die sich der Sinnfrage stellen, und zwar nicht nur indem sie ihnen hilft zu
prüfen, auf welche Weise deren Ergebnisse den Menschen und die
Gesellschaft beeinflussen, sondern indem sie auch eine Perspektive und eine
Orientierung bereitstellt, die in deren eigenen Methoden nicht enthalten sind.
Andererseits befruchtet der Austausch mit diesen anderen Disziplinen und ihren
Ergebnissen auch die Theologie selbst, indem er ihr ein besseres
Verständnis der heutigen Zeit ermöglicht und die theologische Forschung
den Anforderungen der Gegenwart näherbringt. Im Blick auf dieses der
Theologie eigene Gewicht unter den akademischen Disziplinen muß jede
Katholische Universität eine theologische Fakultät oder wenigstens
einen Lehrstuhl für Theologie haben.(22)
20.
Wegen der engen Beziehung zwischen Forschung und Lehre ist es erforderlich,
daß die bereits aufgezählten Postulate für die Forschung den
gesamten Lehrbetrieb beeinflussen. Die einzelnen Disziplinen werden zwar in
systematischer Weise und gemäß den ihnen eigenen Methoden
vermittelt, doch hilft die Interdisziplinarität, die durch den
Beitrag der Philosophie und Theologie befruchtet ist, den Studierenden, sich
eine organische Sicht der Wirklichkeit zu erwerben und die ständige
Sehnsucht nach Entfaltung des Geistes zu hegen. Bei der Vermittlung des Wissens
zeigt sich, daß die menschliche Vernunft in ihrer Reflexion sich
immer neuen Fragestellungen öffnet, und wie die erschöpfende Antwort
auf diese letztlich von oben durch den Glauben gegeben wird. Außerdem
sind die moralischen Inhalte einer jeden Disziplin als wesentlicher
Bestandteil bei deren Vermittlung zu werten; und dies, damit der gesamte
Bildungsprozeß letztlich auf die volle Entfaltung der Persönlichkeit
ausgerichtet sei. Schließlich bietet die katholische Theologie, in
voller Treue zu Schrift und Überlieferung und kirchlichem Lehramt gelehrt,
eine klare Kenntnis der Grundsätze des Evangeliums, wodurch der Sinn des
menschlichen Lebens betont und ihm eine neue Würde verliehen wird.
Durch
Forschung und Lehre sollen die Studenten in den verschiedenen Disziplinen so
gebildet werden, daß sie in jenem Bereich der Wissenschaft, in dem sie
sich dem Dienst an Gesellschaft und Kirche widmen werden, eine wirkliche
Sachkenntnis erwerben und gleichzeitig auch in der Lage seien, ihren Glauben
vor der Welt zu bezeugen.
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