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»Ihm zu dienen bedeutet herrschen«
5. Dieses Ereignis hat einen klaren interpersonalen
Charakter: Es ist ein Dialog. Wir begreifen das nicht ganz, wenn wir nicht
das gesamte Gespräch zwischen dem Engel und Maria von dem »Sei
gegrüßt, du Begnadete« her betrachten.(19) Der ganze Dialog
enthüllt die wesentliche Dimension des Geschehens: die übernatürliche
Dimension (***). Aber die Gnade schiebt niemals die Natur beiseite, noch
hebt sie sie auf; sie trägt vielmehr zu ihrer Vervollkommnung und
Veredelung bei. Daher bedeutet jene »Gnadenfülle«, die der
Jungfrau aus Nazaret im Hinblick darauf, daß sie Theotókos werden
sollte, gewährt worden ist, zugleich die Fülle der Vollkommenheit
all dessen, »was kennzeichnend für die Frau ist«, was »das typisch
Frauliche ist«. Wir befinden uns hier gewissermaßen am Höhepunkt
und beim Urbild der personalen Würde der Frau.
Als Maria auf die Worte des himmlischen
Boten mit ihrem »Fiat« antwortet, empfindet die »Begnadete« das Bedürfnis,
ihre persönliche Einstellung zu dem Geschenk, das ihr geoffenbart wurde,
zu bekennen, und sagt: »Ich bin die Magd des Herrn« (Lk 1, 38). Dieser
Satz darf nicht dadurch seiner tiefen Bedeutung beraubt oder geschmälert
werden, daß man ihn aus dem Gesamtzusammenhang des Geschehens und aus dem
Gesamtinhalt der über Gott und über den Menschen offenbarten Wahrheit
künstlich herauslöst. Im Ausdruck »Magd des Herrn« wird deutlich,
daß sich Maria voll bewußt ist, vor Gott ein Geschöpf zu sein.
Doch wird das Wort »Magd« vom Ende des Verkündigungsdialogs dann in die
Gesamtperspektive der Geschichte der Mutter und des Sohnes einbezogen. In der
Tat wird dieser Sohn, der wahrer und wesensgleicher »Sohn des
Höchsten« ist oft - besonders auf dem Höhepunkt seiner Sendung - von
sich sagen: »Denn der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu
lassen, sondern um zu dienen« (Mk 10, 45).
Christus trägt immer in sich das
Bewußtsein, der »Gottesknecht« nach der Prophezeiung des Jesaja zu sein
(vgl. Jes 42, 1; 49, 3. 6; 52, 13), wo der Inhalt seiner messianischen
Sendung im wesentlichen schon enthalten ist: das Bewußtsein, der
Erlöser der Welt zu sein. Maria fügt sich vom ersten
Augenblick ihrer Gottesmutterschaft, ihrer Verbundenheit mit dem Sohn, den »der
Vater in die Welt gesandt hat, damit die Welt durch ihn gerettet wird« (vgl. Joh
3, 17), in den messianischen Dienst Christi ein.(20) Dieser Dienst
ist es, der das Fundament zu jenem Reich legt, in dem »dienen (...) herrschen
bedeutet«.(21) Christus, der »Knecht des Herrn«, wird allen Menschen die
königliche Würde des Dienens offenbaren, mit der die Berufung jedes
Menschen eng verknüpft ist.
So beginnen wir mit der Betrachtung der
Wirklichkeit »Frau - Gottesmutter« auf sehr passende Weise die vorliegende
Meditation des Marianischen Jahres. Diese Wirklichkeit bestimmt auch den
wesentlichen Horizont der Betrachtung über Würde und Berufung der
Frau. Wenn etwas zur Würde und Berufung der Frau gedacht, gesagt oder
getan werden soll, dürfen sich Geist, Herz und Handeln nicht von diesem
Horizont abwenden. Die Würde jedes Menschen und die ihr entsprechende
Berufung finden ihr entscheidendes Maß in der Verbundenheit mit Gott. Maria
- die Frau der Bibel - ist der vollkommenste Ausdruck dieser Würde und
dieser Berufung. Denn jeder Mensch, Mann oder Frau, kann sich, da nach dem Bild
und Gleichnis Gottes geschaffen, in der Tat nur in der Dimension dieser
Ebenbildlichkeit verwirklichen.
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