Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek
Ioannes Paulus PP. II
Mulieris dignitatem

IntraText CT - Text

  • III. ABBILD UND GLEICHNIS GOTTES
    • Anthropomorphe Sprache der Bibel
zurück - vor

Hier klicken um die Links zu den Konkordanzen auszublenden

Anthropomorphe Sprache der Bibel

8. Die Vorstellung des Menschen als »Abbild und Gleichnis Gottes« sofort zu Beginn der Heiligen Schrift hat noch eine andere Bedeutung. Diese Tatsache ist der Schlüssel zum Verständnis der biblischen Offenbarung als Selbstmitteilung Gottes. Wenn Gott von sich spricht - sei es »durch die Propheten«, sei es »durch den Sohn« (vgl. Hebr 1, 1. 2), der Mensch geworden ist -, spricht er in menschlicher Sprache, gebraucht er menschliche Begriffe und Bilder. Wenn diese Ausdruckweise von einem gewissen Anthropomorphismus gekennzeichnet ist, hat das seinen Grund darin, daß der Mensch Gott »ähnlich« ist: geschaffen nach seinem Bild und Gleichnis. Dann ist auch Gott in gewissem Maße »dem Menschen ähnlich« und kann eben auf Grund dieser Ähnlichkeit von den Menschen erkannt werden. Zugleich aber ist die Sprache der Bibel klar genug, um die Grenzen dieser »Ähnlichkeit«, die Grenzen der »Analogie« anzuzeigen. Tatsächlich sagt die biblische Offenbarung, daß zwar die »Ähnlichkeit« des Menschen mit Gott, aber noch wesentlicher die »Nicht-Ähnlichkeit« zutrifft, welche die ganze Schöpfung vom Schöpfer trennt.(27) Für den nach dem Bild Gottes geschaffenen Menschen hört ja Gott schließlich nicht auf, derjenige zu sein, »der in unzugänglichem Licht wohnt« (1 Tim 6, 16): Er ist der wesenhaft »Verschiedene«, der »ganz Andere«.

Diese Feststellung über die Grenzen der Analogie - Grenzen der Gottähnlichkeit des Menschen in der Sprache der Bibel - müssen wir auch vor Augen haben, wenn wir in verschiedenen Abschnitten der Heiligen Schrift (besonders im Alten Testament) Vergleiche finden, die Gott »männliche« oder »weibliche« Eigenschaften zuschreiben. Wir finden in solchenVergleichen die indirekte Bestätigung der Wahrheit, daß beide, sowohl der Mann wie die Frau, nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen sind. Wenn es Ähnlichkeit zwischen Schöpfer und Geschöpfen gibt, ist verständlich, daß die Bibel, was ihn betrifft, Formulierungen gebraucht, die ihm sowohl »männliche« als auch »weibliche« Eigenschaften zuschreiben.

Wir führen hier einige charakteristische Abschnitte aus dem Buch des Propheten Jesaja an: »Doch Zion sagt: Der Herr hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kind vergessen, eine Mutter ihren eigenen Sohn? Und selbst wenn sie ihr Kind vergessen würde: Ich vergesse dich nicht« (49, 14-15). Und an einer anderen Stelle: »Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost« (Jes 66, 13). Auch in den Psalmen wird Gott mit einer fürsorglichen Mutter verglichen: »Ich ließ meine Seele ruhig werden und still; wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir. Israel, harre auf den Herrn« (Ps 131, 2-3). An verschiedenen Stellen wird Gottes Liebe und Sorge für sein Volk mit denen einer Mutter verglichen: Wie eine Mutter hat Gott die Menschheit und insbesondere sein auserwähltes Volk in seinem Schoß »getragen«; er hat es unter Schmerzen geboren; er hat es genährt und getröstet (vgl. Jes 42, 14; 46, 3-4; Jer 31, 20). Die Liebe Gottes wird an vielen Stellen als »männliche« Liebe eines Gatten und Vaters (vgl. Hos 11, 1-4; Jer 3, 4-19), zuweilen aber auch als »frauliche« Liebe einer Mutter dargestellt.

Dieses Merkmal der biblischen Sprache, ihre anthropomorphe Redeweise von Gott, ist auch ein indirekter Hinweis auf das Geheimnis des ewigen »Zeugens«, das zum inneren Leben Gottes gehört. Dieses »Zeugen« an sich besitzt allerdings weder »männliche« noch »weibliche« Eigenschaften. Es ist ganz und gar göttlicher Natur. Es ist in vollkommenster Weise ein geistiges Zeugen - denn »Gott ist Geist« (Joh 4, 24) - und besitzt keine, weder »weibliche« noch »männliche«, leibgebundene Eigenschaft. Darum ist auch die »Vaterschaft« in Gott ganz göttlicher Art, frei von den »männlichen« Körpermerkmalen, die für die menschliche Vaterschaft typisch sind. In diesem Sinne sprach das Alte Testament von Gott als einem Vater und wandte sich an ihn als einen Vater. Jesus Christus, der sich als Gottes eingeborener und wesensgleicher Sohn mit dem Anruf: »Abba-Vater« (Mk 14, 36) an diesen wenden wird und der diese Wahrheit als Norm christlichen Betens in den Mittelpunkt seiner Frohen Botschaft gestellt hat, wies auf die Vaterschaft in diesem überleiblichen, übermenschlichen, ganz und gar göttlichen Sinn hin. Er sprach als Sohn, der durch das ewige Mysterium der göttlichen Zeugung mit dem Vater verbunden ist, und er tat das, während er zugleich der wahrhaft menschliche Sohn seiner jungfräulichen Mutter war.

Auch wenn der ewigen Zeugung des Wortes Gottes keine menschlichen Eigenschaften zugeschrieben werden können und die göttliche Vaterschaft keine »männlichen« Merkmale im leiblichen Sinne aufweist, muß man doch in Gott das absolute Vorbild jeder »Zeugung« in der Welt der Menschen suchen. In diesem Sinne, so scheint es, lesen wir im Epheserbrief: »Daher beuge ich meine Knie vor dem Vater, nach dessen Namen jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde benannt wird« (3, 14-15). Jede »Zeugung« im kreatürlichen Bereich findet ihr erstes Vorbild in jener vollkommen göttlichen, das heißt geistigen, Zeugung in Gott. Diesem absoluten, nicht geschaffenen Vorbild wird jede »Zeugung« in der geschaffenen Welt ähnlich. Daher trägt alles, was bei der menschlichen Zeugung in typischer Weise zum Manne gehört, wie auch alles, was typischer Anteil der Frau ist, das heißt die menschliche »Vaterschaft« und »Mutterschaft«, in sich eine Ähnlichkeit oder Analogie mit dem göttlichen »Zeugen« und mit der »Vaterschaft«, die in Gott »ganz anders« ist: vollkommen geistig und ihrem Wesen nach göttlich. In der menschlichen Ordnung dagegen gehört das Zeugen zur »Einheit der zwei«. Beide, der Mann wie die Frau, sind ElternErzeuger«).




zurück - vor

Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek

Best viewed with any browser at 800x600 or 768x1024 on Tablet PC
IntraText® (V89) - Some rights reserved by EuloTech SRL - 1996-2007. Content in this page is licensed under a Creative Commons License