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Anthropomorphe Sprache der Bibel
8. Die Vorstellung des Menschen als »Abbild
und Gleichnis Gottes« sofort zu Beginn der Heiligen Schrift hat noch eine
andere Bedeutung. Diese Tatsache ist der Schlüssel zum
Verständnis der biblischen Offenbarung als Selbstmitteilung Gottes. Wenn
Gott von sich spricht - sei es »durch die Propheten«, sei es »durch den Sohn«
(vgl. Hebr 1, 1. 2), der Mensch geworden ist -, spricht er in
menschlicher Sprache, gebraucht er menschliche Begriffe und Bilder. Wenn
diese Ausdruckweise von einem gewissen Anthropomorphismus gekennzeichnet ist,
hat das seinen Grund darin, daß der Mensch Gott »ähnlich« ist:
geschaffen nach seinem Bild und Gleichnis. Dann ist auch Gott in
gewissem Maße »dem Menschen ähnlich« und kann eben auf Grund dieser
Ähnlichkeit von den Menschen erkannt werden. Zugleich aber ist die Sprache
der Bibel klar genug, um die Grenzen dieser »Ähnlichkeit«, die Grenzen der
»Analogie« anzuzeigen. Tatsächlich sagt die biblische Offenbarung,
daß zwar die »Ähnlichkeit« des Menschen mit Gott, aber noch
wesentlicher die »Nicht-Ähnlichkeit« zutrifft, welche die ganze
Schöpfung vom Schöpfer trennt.(27) Für den nach dem Bild Gottes
geschaffenen Menschen hört ja Gott schließlich nicht auf, derjenige
zu sein, »der in unzugänglichem Licht wohnt« (1 Tim 6, 16): Er ist
der wesenhaft »Verschiedene«, der »ganz Andere«.
Diese Feststellung über die Grenzen der
Analogie - Grenzen der Gottähnlichkeit des Menschen in der Sprache der
Bibel - müssen wir auch vor Augen haben, wenn wir in verschiedenen
Abschnitten der Heiligen Schrift (besonders im Alten Testament) Vergleiche finden,
die Gott »männliche« oder »weibliche« Eigenschaften zuschreiben. Wir
finden in solchenVergleichen die indirekte Bestätigung der Wahrheit, daß
beide, sowohl der Mann wie die Frau, nach dem Bild und Gleichnis Gottes
geschaffen sind. Wenn es Ähnlichkeit zwischen Schöpfer und
Geschöpfen gibt, ist verständlich, daß die Bibel, was ihn
betrifft, Formulierungen gebraucht, die ihm sowohl »männliche« als auch
»weibliche« Eigenschaften zuschreiben.
Wir führen hier einige
charakteristische Abschnitte aus dem Buch des Propheten Jesaja an: »Doch
Zion sagt: Der Herr hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kind
vergessen, eine Mutter ihren eigenen Sohn? Und selbst wenn sie ihr Kind
vergessen würde: Ich vergesse dich nicht« (49, 14-15). Und an einer
anderen Stelle: »Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste
ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost« (Jes 66, 13). Auch in den Psalmen
wird Gott mit einer fürsorglichen Mutter verglichen: »Ich ließ
meine Seele ruhig werden und still; wie ein kleines Kind bei der Mutter ist
meine Seele still in mir. Israel, harre auf den Herrn« (Ps 131, 2-3). An
verschiedenen Stellen wird Gottes Liebe und Sorge für sein Volk mit denen
einer Mutter verglichen: Wie eine Mutter hat Gott die Menschheit
und insbesondere sein auserwähltes Volk in seinem Schoß »getragen«;
er hat es unter Schmerzen geboren; er hat es genährt und getröstet
(vgl. Jes 42, 14; 46, 3-4; Jer 31, 20). Die Liebe Gottes wird an
vielen Stellen als »männliche« Liebe eines Gatten und Vaters (vgl. Hos 11,
1-4; Jer 3, 4-19), zuweilen aber auch als »frauliche« Liebe einer Mutter
dargestellt.
Dieses Merkmal der biblischen Sprache, ihre
anthropomorphe Redeweise von Gott, ist auch ein indirekter Hinweis auf das
Geheimnis des ewigen »Zeugens«, das zum inneren Leben Gottes gehört.
Dieses »Zeugen« an sich besitzt allerdings weder »männliche« noch
»weibliche« Eigenschaften. Es ist ganz und gar göttlicher Natur. Es ist in
vollkommenster Weise ein geistiges Zeugen - denn »Gott ist Geist« (Joh
4, 24) - und besitzt keine, weder »weibliche« noch »männliche«,
leibgebundene Eigenschaft. Darum ist auch die »Vaterschaft« in Gott ganz
göttlicher Art, frei von den »männlichen« Körpermerkmalen,
die für die menschliche Vaterschaft typisch sind. In diesem Sinne sprach
das Alte Testament von Gott als einem Vater und wandte sich an ihn als einen
Vater. Jesus Christus, der sich als Gottes eingeborener und wesensgleicher Sohn
mit dem Anruf: »Abba-Vater« (Mk 14, 36) an diesen wenden wird und der
diese Wahrheit als Norm christlichen Betens in den Mittelpunkt seiner Frohen
Botschaft gestellt hat, wies auf die Vaterschaft in diesem überleiblichen,
übermenschlichen, ganz und gar göttlichen Sinn hin. Er sprach als
Sohn, der durch das ewige Mysterium der göttlichen Zeugung mit dem Vater
verbunden ist, und er tat das, während er zugleich der wahrhaft
menschliche Sohn seiner jungfräulichen Mutter war.
Auch wenn der ewigen Zeugung des Wortes
Gottes keine menschlichen Eigenschaften zugeschrieben werden können und
die göttliche Vaterschaft keine »männlichen« Merkmale im leiblichen
Sinne aufweist, muß man doch in Gott das absolute Vorbild jeder »Zeugung«
in der Welt der Menschen suchen. In diesem Sinne, so scheint es, lesen wir
im Epheserbrief: »Daher beuge ich meine Knie vor dem Vater, nach dessen
Namen jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde benannt wird« (3, 14-15).
Jede »Zeugung« im kreatürlichen Bereich findet ihr erstes Vorbild in jener
vollkommen göttlichen, das heißt geistigen, Zeugung in Gott. Diesem
absoluten, nicht geschaffenen Vorbild wird jede »Zeugung« in der geschaffenen
Welt ähnlich. Daher trägt alles, was bei der menschlichen Zeugung in
typischer Weise zum Manne gehört, wie auch alles, was typischer Anteil der
Frau ist, das heißt die menschliche »Vaterschaft« und »Mutterschaft«, in
sich eine Ähnlichkeit oder Analogie mit dem göttlichen »Zeugen« und
mit der »Vaterschaft«, die in Gott »ganz anders« ist: vollkommen geistig und
ihrem Wesen nach göttlich. In der menschlichen Ordnung dagegen gehört
das Zeugen zur »Einheit der zwei«. Beide, der Mann wie die Frau, sind Eltern
(»Erzeuger«).
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