|
»Er wird über dich herrschen«
10. Die biblische Darstellung im Buch
Genesis umreißt die Wahrheit über die Folgen der Sünde des
Menschen, so wie sie außerdem auf die Störung jener
ursprünglichen Beziehung zwischen Mann und Frau hinweist, die der
Würde jedes von ihnen als Person entspricht. Der Mensch, sowohl der Mann
wie die Frau, ist eine Person und daher »die einzige von Gott um ihrer selbst
willen gewollte Kreatur auf Erden«; und zugleich kann eben diese einzige und
unwiederholbare Kreatur »sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe ihrer
selbst vollkommen finden«.(32) Hier nimmt die Gemeinschaftsbeziehung ihren
Anfang, in der die »Einheit von zweien« und die Würde des Mannes wie der
Frau als Person Ausdruck finden. Wenn wir daher in der biblischen Darstellung
die an die Frau gerichteten Worte lesen: »Dennoch verlangt dich nach dem
Mann, doch er wird über dich herrschen« (Gen 3, 16), entdecken wir
darin einen Bruch und eine ständige Bedrohung eben dieser »Einheit der
zwei«, die der Würde des Ebenbildes Gottes in beiden entspricht. Diese
Bedrohung erweist sich jedoch als schwerwiegender für die Frau. Denn an
die Stelle einer aufrichtigen Hingabe und daher eines Lebens »für« den
anderen tritt das Beherrschen: »Er wird über dich herrschen«. Dieses »Herrschen«
zeigt die Störung und Schwächung jener grundlegenden
Gleichheit an, die Mann und Frau in der »Einheit der zwei« besitzen: Und
das gereicht vor allem der Frau zum Nachteil, während nur die Gleichheit,
die sich aus der Würde der beiden als Personen ergibt, den gegenseitigen
Beziehungen den Charakter einer echten »communio personarum« (Personengemeinschaft)
zu geben vermag. Wenn die Verletzung dieser Gleichheit, die ein vom
Schöpfergott selber stammendes Geschenk und Recht ist, sich zum Nachteil
der Frau auswirkt, mindert sie gleichzeitig aber auch die wahre Würde des
Mannes. Wir rühren hier an einen äußerst empfindlichen Punkt
im Bereich jenes »Ethos«, das der Schöpfer schon von Anfang an mit der
Tatsache verbunden hatte, daß er beide nach seinem Bild und Gleichnis
erschaffen hat.
Die in Gen 3, 16 gemachte Aussage ist
von großer Bedeutung und Tragweite. Sie schließt einen Hinweis auf
die gegenseitige Beziehung zwischen Mann und Frau in der Ehe ein. Es
handelt sich hier um das im Bereich bräutlicher Liebe entstandene
Verlangen, die bewirkt, daß »die aufrichtige Hingabe« von seiten der Frau
in einer ähnlichen »Hingabe« von seiten des Gatten Antwort und
Vervollständigung findet. Nur auf Grund dieses Prinzips können alle
beide und besonders die Frau sich als wahre »Einheit von zweien«, der
Würde der Person entsprechend, »selbst finden«. Die eheliche Vereinigung
verlangt die Achtung und die Vervollkommnung des echten personalen Subjektseins
beider. Die Frau darf nicht zum »Objekt« männlicher »Herrschaft« und »Besitzes«
werden. Die Worte des Bibeltextes betreffen aber direkt die Erbsünde
und ihre im Mann und in der Frau fortdauernden Auswirkungen. Sie sind von der
erblichen Sündhaftigkeit belastet und tragen den ständigen »Sündenkeim«
in sich, das heißt die Neigung zur Verletzung jener sittlichen Ordnung,
die der Vernunftnatur und moralischen Würde des Menschen als Person
entspricht. Diese Neigung kommt in der dreifachen Begierde zum Ausdruck,
die der apostolische Text als Begierde der Augen, Begierde des Fleisches und
Prahlen mit dem Besitz angibt (vgl. 1 Joh 2, 16). Die vorhin
angeführten Worte der Genesis (3, 16) machen deutlich, auf welche
Weise diese dreifache Begierde als »Sündenkeim« das gegenseitige
Verhältnis von Mann und Frau belasten wird.
Die Worte der Genesis beziehen sich direkt auf die Ehe;
indirekt aber berühren sie die verschiedenen Bereiche des sozialen
Zusammenlebens: Situationen, wo die Frau deshalb benachteiligt oder
diskriminiert wird, weil sie Frau ist. Die offenbarte Wahrheit über die
Erschaffung des Menschen als Mann und Frau stellt das Hauptargument gegen alle
Zustände dar, die schon rein objektiv schädlich, das heißt
ungerecht sind und dabei das Erbe der Sünde enthalten und zum Ausdruck
bringen, das alle Menschen in sich tragen. Die Bücher der Heiligen Schrift
bestätigen an verschiedenen Stellen das tatsächliche Vorhandensein
solcher Zustände und verkünden zugleich die Notwendigkeit
umzukehren, das heißt, sich vom Bösen zu reinigen und von der
Sünde zu befreien: von dem, was den anderen beleidigt, was den Menschen
»mindert« und herabsetzt, und nicht nur den, dem die Beleidigung zugefügt
wird, sondern auch den, der sie zufügt. Das ist die unveränderliche
Botschaft des von Gott geoffenbarten Wortes. Darin kommt das biblische »Ethos«
mit ganzer Radikalität zum Ausdruck.(33)
In unserer Zeit hat die Frage der »Rechte
der Frau« im weiten Rahmen der Rechte der menschlichen Person eine neue
Bedeutung erlangt. Indemdie Botschaft der Bibel und des Evangeliums dieses
Programm, das ständig durch Erklärungen verschiedenster Art in
Erinnerung gehalten wird, erhellt, bewahrt sie die Wahrheit über die
»Einheit der zwei«, das heißt über jene Würde und Berufung,
die sich aus der spezifischen Verschiedenheit und personalen Eigenart von Mann
und Frau ergeben. Daher darf auch der berechtigte Widerstand der Frau gegen die
Aussage der biblischen Worte: »Er wird über dich herrschen« (Gen 3,
16), unter keinen Umständen zur »Vermännlichung« der Frauen
führen. Die Frau darf nicht - in Namen der Befreiung von der »Herrschaft«
des Mannes - danach trachten, sich entgegen ihrer fraulichen »Eigenart« die
typisch männlichen Merkmale anzueignen. Es besteht die begründete
Furcht, daß sich auf einem solchen Weg die Frau nicht »verwirklichen«
wird, sondern vielmehr das entstellen und einbüßen könnte,
was ihren wesentlichen Reichtum ausmacht. Es handelt sich um einen
außerordentlichen Reichtum. Im biblischen Schöpfungsbericht ist der
Ausruf des ersten Menschen beim Anblick der soeben geschaffenen Frau ein Ausruf
der Bewunderung und Verzauberung, wie er die ganze Geschichte des Menschen auf
Erden durchzieht.
Die persönlichen Möglichkeiten des
Frauseins sind gewiß nicht geringer als die Möglichkeiten des
Mannseins; sie sind nur anders. Die Frau muß also - wie übrigens
auch der Mann - ihre »Verwirklichung« als Person, ihre Würde und Berufung
auf der Grundlage dieser Möglichkeiten anstreben, entsprechend dem
Reichtum des Frauseins, das sie am Tag der Erschaffung empfangen und als den
ihr eigenen Ausdruck des »Bildes Gottes« ererbt hat. Nur auf diese Weise kann
auch jene Erbschaft der Sünde überwunden werden, die von den
Worten der Bibel angedeutet wird: »Dennoch verlangt dich nach dem Mann, doch er
wird über dich herrschen«. Die Überwindung dieses schlimmen Erbes ist
von Generation zu Generation Aufgabe jedes Menschen, sowohl der Frau wie des
Mannes. In der Tat handelt der Mann in allen Fällen, in denen er für
die Verletzung der persönlichen Würde und Berufung der Frau
verantwortlich ist, auch gegen die eigene persönliche Würde und
Berufung.
|