V.
JESUS
CHRISTUS
»Sie wunderten sich, daß er mit
einer Frau sprach«
12. Die Worte des Protoevangeliums im Buch
Genesis erlauben uns den Übergang in den Bereich des Evangeliums. Die
dort angekündigte Erlösung des Menschen wird hier Wirklichkeit in der
Person und Sendung Jesu Christi, an denen wir auch erkennen, was die Wirklichkeit
der Erlösung für die Würde und Berufung der Frau
bedeutet. Diese Bedeutung wird uns noch stärker erhellt durch die
Worte Christi und durch sein ganzes Verhalten zu den Frauen, das
äußerst schlicht und gerade darum außergewöhnlich ist,
wenn man es vor dem Hintergrund seiner Zeit sieht: ein Verhalten, das von
großer Klarheit und Tiefe gekennzeichnet ist. Auf dem Weg der Sendung des
Jesus von Nazaret treten verschiedene Frauen auf, und die Begegnung mit jeder
von ihnen ist eine Bestätigung des »neuen Lebens« aus dem Geist des
Evangeliums, von dem bereits die Rede war.
Es wird allgemein zugegeben - sogar von
solchen Menschen, die der christlichen Botschaft kritisch gegenüberstehen
-, daß Christus seinen Zeitgenossen gegenüber zum Förderer
der wahren Würde der Frau und der dieser Würde entsprechenden
Berufung geworden ist. Das löste bisweilen Befremden und Verwunderung aus
und ging oft bis an die Grenze eines Skandals: »Sie wunderten sich, daß
er mit einer Frau sprach« (Joh 4, 27); denn dieses Verhalten unterschied
sich von dem seiner Zeitgenossen. Ja, »es wunderten sich« sogar die Jünger
Christi. Der Pharisäer, in dessen Haus die Sünderin ging, um Jesus
die Füße mit wohlriechendem Öl zu salben, dachte: »Wenn er
wirklich ein Prophet wäre, müßte er wissen, was das
für eine Frau ist, von der er sich berühren läßt; er
wüßte, daß sie eine Sünderin ist« (Lk 7, 39). Noch
größere Bestürzung oder geradezu »heilige Empörung«
mußten bei den selbstzufriedenen Zuhörern die Worte Christi
auslösen: »Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als
ihr« (Mt 21, 31).
Der so sprach und handelte, gab damit zu
verstehen, daß er »die Geheimnisse des Reiches« zutiefst kannte. Ebenso
»wußte er, was im Menschen ist« (Joh 2, 25), in seinem Innersten,
in seinem »Herzen«. Er war Zeuge des ewigen Planes Gottes für den von ihm
nach seinem Ebenbild als Mann und Frau geschaffenen Menschen. Er wußte
auch zutiefst um die Folgen der Sünde, jenes »Geheimnis der Bosheit«, das
als die bittere Frucht der Trübung der Gottebenbildlichkeit in den
Menschenherzen wirksam ist. Wie bedeutungsvoll ist es doch, daß Jesus in
dem grundlegenden Gespräch über die Ehe und ihre
Unauflöslichkeit gegenüber seinen Gesprächspartnern, den
»Schriftgelehrten«, die von Amts wegen Kenner des Gesetzes waren, auf den
»Anfang« Bezug nimmt! Es geht um die Frage, ob »dem Mann« das Recht
zustehe, »seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe zu entlassen« (Mt
19, 3); und damit geht es auch um das Recht der Frau, um ihre gerechte
Stellung in der Ehe, um ihre Würde. Die Gesprächspartner Jesu sind
der Meinung, das in Israel geltende mosaische Gesetz auf ihrer Seite zu haben:
»Wozu hat dann Mose vorge schrieben, daß man (der Frau) eine
Scheidungsurkunde geben muß, wenn man sich trennen will?« (Mt 19,
7). Darauf antwortet Jesus: »Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch
erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so« (Mt
19, 8). Jesus beruft sich auf den »Anfang«, auf die Erschaffung des
Menschen als Mann und Frau und auf jene Ordnung Gottes, die sich darauf
gründet, daß alle beide »nach seinem Bild und Gleichnis«
erschaffen sind . Wenn also der Mann »Vater und Mutter verläßt«
und sich an seine Frau bindet, so daß die zwei »ein Fleisch werden«,
bleibt daher das von Gott selbst stammende Gesetz in Kraft: »Was aber Gott
verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen« (Mt 19, 6).
Der Grundsatz dieses »Ethos«, der von Anfang
an der Wirklichkeit der Schöpfung eingeschrieben ist, wird nun von
Christus gegen jene Tradition, welche die Diskriminierung der Frau mit sich
brachte, bestätigt. In dieser Tradition »herrschte « der Mann, ohne
genügend auf die Frau und jene Würde Rücksicht zu nehmen, die das
»Ethos« der Schöpfung den gegenseitigen Beziehungen zweier in der Ehe
verbundener Personen zugrunde gelegt hat. Dieses »Ethos« wird von den Worten
Christi in Erinnerung gerufen und bekräftigt: Es ist das »Ethos« des
Evangeliums und der Erlösung.
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