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Die beim Ehebruch ertappte Frau
14. Jesus begibt sich in die konkrete,
geschichtliche Situation der Frau, eine Situation, die vom Erbe der
Sünde belastet ist. Dieses Erbe kommt unter anderem in den
Gewohnheiten zum Ausdruck, die die Frau zugunsten des Mannes diskriminieren,
und ist auch in ihr selbst verwurzelt. Unter diesem Gesichtspunkt scheint die
Episode von der Frau, »die beim Ehebruch ertappt wird« (vgl. 8, 3-11),
besonders ergiebig zu sein. Zuletzt sagt Jesus zu ihr: »Sündige von
jetzt an nicht mehr«; vorher aber weckt er das Schuldbewußtsein in
den Männern, die sie anklagen, um sie zu steinigen, und offenbart so seine
tiefe Fähigkeit, das Gewissen und die Werke der Menschen der Wahrheit
gemäß zu sehen. Jesus scheint den Anklägern sagen zu wollen:
Ist diese Frau mit ihrer ganzen Sünde nicht vielleicht auch und vor allem
eine Bestätigung eurer Übertretungen, eurer »männlichen«
Ungerechtigkeit, eurer Mißbräuche?
Diese Wahrheit ist für das ganze
Menschengeschlecht gültig. Die im Johannesevangelium berichtete
Begebenheit kann man in unzähligen ähnlichen Situationen in jeder
Geschichtsepoche vorfinden. Eine Frau wird allein gelassen und mit »ihrer
Sünde« der öffentlichen Meinung ausgesetzt, während sich hinter
»ihrer« Sünde ein Mann als Sünder verbirgt, der »an der Sünde
anderer« schuld, ja mitverantwortlich für sie ist. Seine Schuld entzieht
sich jedoch der Aufmerksamkeit und wird stillschweigend übergangen:
Für »fremde Schuld« erscheint er nicht verantwortlich! Manchmal macht er
sich auch noch zum Ankläger, wie in dem geschilderten Fall, und
vergißt dabei die eigene Schuld. Wie oft büßt in
ähnlicher Weise die Frau für ihre Sünde (es kann durchaus
sein, daß sie in gewissen Fällen schuld ist an der Sünde des
Mannes); doch nur sie büßt und zahlt allein. Wie oft bleibt
sie mit ihrer Mutterschaft verlassen zurück, wenn der Mann, der Vater des
Kindes, die Verantwortung dafür nicht übernehmen will? Und neben den
so zahlreichen «unverheirateten Müttern» in unserer Gesellschaft
müssen wir auch an all jene Frauen denken, die sich sehr oft unter
mancherlei Druck, auch von seiten des schuldigen Mannes, von ihrem Kind noch
vor dessen Geburt »befreien«. Sie »befreien sich«: aber um welchen Preis? Die
heutige öffentliche Meinung versucht auf verschiedene Weise das Übel
dieser Sünde »wegzureden«; normalerweise jedoch vermag das Gewissen der
Frau nicht zu vergessen, daß sie dem eigenen Kind das Leben genommen
hat; denn sie ist nicht imstande, die ihrem Ethos am »Anfang« eingeschriebene
Bereitschaft zur Annahme des Lebens auszulöschen.
Das Verhalten Jesu bei der im
Johannesevangelium (8, 3-11) beschriebenen Begebenheit ist bezeichnend. Wohl
nur an wenigen Stellen wird seine Macht - die Macht der Wahrheit -
gegenüber dem menschlichen Gewissen so wie hier offenbar. Jesus ist ruhig,
gefaßt, nachdenklich. Besteht hier wie auch im Gespräch mit den
Pharisäern (vgl. Mt 19, 3-9) nicht vielleicht eine Verbindung
zwischen seinem Bewußtsein und dem Geheimnis des »Anfangs« ? Als der
Mensch als Mann und Frau erschaffen wurde und die Frau mit ihrer fraulichen
Eigenart, auch mit ihrer Fähigkeit zur Mutterschaft, dem Mann anvertraut
wurde? Auch der Mann wurde vom Schöpfer der Frau anvertraut. Sie wurden einander
als Personen anvertraut, die nach dem Bild und Gleichnis Gottes selbst
erschaffen waren. In diesem Anvertrauen liegt das Maß der Liebe, einer
bräutlichen Liebe: Um zu einer »aufrichtigen Hingabe« füreinander zu
kommen, muß sich jeder der beiden für diese Hingabe verantwortlich
fühlen. Dieses Maß ist allen beiden - Mann und Frau - vom »Anfang«
an bestimmt. Nach der Ursünde sind im Mann und in der Frau
Gegenkräfte am Werk, auf Grund der dreifachen Begierde, dem
»Sündenkeim«. Sie wirken aus der Tiefe des Menschen. Darum wird Jesus in
der Bergpredigt sagen: »Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in
seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen« (Mt 5, 28). Diese direkt an
den Mann gerichteten Worte beweisen die grundlegende Wahrheit von seiner
Verantwortung gegenüber der Frau: für ihre Würde, für ihre
Mutterschaft, für ihre Berufung. Indirekt gehen diese Worte auch die Frau
an. Christus hat sein Möglichstes getan, damit die Frauen - im Rahmen der
Gewohnheiten und sozialen Verhältnisse jener Zeit - in seiner Lehre und
seinem Handeln ihre eigene Selbständigkeit und Würde wiederfinden.
Auf Grund der gottgewollten »Einheit der zwei« hängt diese Würde direkt
von der Frau selbst als für sich verantwortliches Subjekt ab und
wird gleichzeitig dem Mann zur Aufgabe gestellt. Dementsprechend
appelliert Christus an die Verantwortung des Mannes. In der vorliegenden
Meditation über Würde und Berufung der Frau heute müssen wir uns
so unbedingt auf den Ansatz beziehen, dem wir im Evangelium begegnen. Die
Würde der Frau und ihre Berufung - wie auch jene des Mannes - haben ihre
ewige Quelle im Herzen Gottes und hängen unter den zeitlichen Bedingungen
des menschlichen Daseins eng mit der »Einheit der zwei« zusammen. Daher
muß sich jeder Mann darauf besinnen, ob diejenige, die ihm als Schwester
im selben Menschsein, als Braut und Ehefrau anvertraut ist, nicht in seinem
Herzen Objekt eines Ehebruchs, ob diejenige, die in unterschiedlicher Weise
Mitträgerin seines Daseins in der Welt ist, nicht für ihn zum
»Objekt« geworden ist: Objekt des Genusses, der Ausbeutung.
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