VI.
MUTTERSCHAFT
- JUNGFRÄULICHKEIT
Zwei Dimensionen der Berufung der Frau
17. Wir müssen unsere Meditation jetzt
der Jungfräulichkeit und der Mutterschaft zuwenden als zwei besonderen
Dimensionen bei der Verwirklichung der Persönlichkeit einer Frau. Im Licht
des Evangeliums erlangen sie in Maria, die als Jungfrau Mutter des Gottessohnes
geworden ist, die Fülle ihrer Bedeutung und ihres Wertes. Diese zwei
Dimensionen der Berufung der Frau sind sich in ihr begegnet und haben sich
einzigartig verbunden, so daß die eine die andere nicht ausschloß,
sondern sie auf wunderbare Weise vervollständigte. Die Darstellung der
Verkündigung im Lukasevangelium zeigt deutlich, daß dies der
Jungfrau aus Nazaret unmöglich erschien. Als sie die Worte vernimmt: »Du
wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den
Namen Jesus geben«, fragt sie sogleich: »Wie soll das geschehen, da ich keinen
Mann erkenne?« (Lk 1, 31. 34). In der allgemeinen Ordnung der Dinge ist
die Mutterschaft Ergebnis des gegenseitigen »Erkennens« von Mann und Frau in
der ehelichen Vereinigung. Unter entschiedener Betonung ihrer
Jungfräulichkeit stellt Maria dem göttlichen Boten die Frage und
erhält die Erklärung:»Der Heilige Geist wird über dich
kommen«; deine Mutterschaft wird nicht Folge eines ehelichen »Erkennens«,
sondern Werk des Heiligen Geistes sein, und die »Kraft des Höchsten« wird
ihren »Schatten« über das Geheimnis der Empfängnis und der Geburt des
Sohnes breiten. Als Sohn des Höchsten wird er dir in der von Ihm
gewußten Weise ausschließlich von Gott geschenkt. Maria hat also an
ihrem jungfräulichen »Ich erkenne keinen Mann« (vgl. Lk 1, 34)
festgehalten und ist zugleich Mutter geworden. Jungfräulichkeit und
Mutterschaft bestehen in ihr zugleich: Sie schließen sich nicht
gegenseitig aus und behindern sich nicht. Ja, die Person der Gottesmutter hilft
allen - besonders allen Frauen - wahrzunehmen, wie diese beiden Dimensionen und
diese beiden Wege der Berufung der Frau als Person sich gegenseitig
erklären und ergänzen.
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