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Mutterschaft
18. Um an diesem »Wahrnehmen« teilzuhaben,
müssen wir noch einmal die Wahrheit über die menschliche Person
vertiefen, die uns das Zweite Vatikanische Konzil in Erinnerung gerufen
hat. Der Mensch - sowohl der Mann wie die Frau - ist auf Erden die einzige von
Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur: Er ist eine Person, ein Subjekt,
das über sich entscheidet. Zugleich kann der Mensch »sich selbst nur durch
die aufrichtige Selbsthingabe vollkommen finden«.(39) Es wurde schon gesagt,
daß diese Beschreibung, in gewissem Sinne eine Definition der Person, der
biblischen Grundwahrheit über die Erschaffung des Menschen - als Mann und
Frau - nach dem Bild und Gleichnis Gottes entspricht. Das ist keine rein
theoretische Deutung oder abstrakte Definition; denn sie gibt im wesentlichen den
Sinn des menschlichen Daseins an, indem sie den Wert der Selbsthingabe
der Person betont. In dieser Sicht der Person ist auch das Wesen jenes
»Ethos« enthalten, das in Verbindung mit der Wahrheit der Schöpfung von
den Büchern der Offenbarung und besonders von den Evangelien voll
entfaltet werden wird.
Diese Wahrheit über die Person
eröffnet darüber hinaus den Weg zu einem vollen Verständnis
der Mutterschaft der Frau. Die Mutterschaft ist das Ergebnis der ehelichen
Vereinigung zwischen einem Mann und einer Frau, jenes biblischen »Erkennens«,
von dem es in der Genesis heißt: »Die zwei werden ein Fleisch«
(vgl. Gen 2, 24); sie verwirklicht auf diese Weise - von seiten
der Frau - eine besondere »Selbsthingabe« als Ausdruck jener bräutlichen
Liebe, in der sich die Eheleute so eng miteinander vereinigen, daß sie
»ein Fleisch« werden. Das biblische »Erkennen« wird nur dann gemäß
der Wahrheit der Person Wirklichkeit, wenn die gegenseitige Selbsthingabe weder
dadurch entstellt wird, daß sich der Mann zum »Beherrscher« seiner Frau
machen will (»Er wird über dich herrschen«), noch dadurch, daß sich
die Frau auf ihre triebhafte Veranlagung zurückzieht (»Nach dem Mann wird
dich verlangen«: Gen 3, 16).
Die gegenseitige Hingabe der Personen in
der Ehe öffnet sich bereits
für das Geschenk eines neuen Lebens, eines neuen Menschen, der auch
eine Person nach dem Abbild seiner Eltern ist. Die Mutterschaft aber
schließt von Anfang an eine besondere Aufnahmebereitschaft für diese
neue Person ein: und eben das ist der Anteil der Frau. In dieser Bereitschaft,
im Empfangen und Gebären eines Kindes, »findet die Frau durch ihre
aufrichtige Selbsthingabe sich selbst«. Die Gabe der inneren Bereitschaft zum
Empfangen und Gebären eines Kindes ist mit der ehelichen Vereinigung
verbunden, die - wie schon gesagt - einen besonderen Augenblick der
gegenseitigen Hingabe von seiten der Frau und des Mannes darstellen sollte.
Empfängnis und Geburt des neuen Menschen werden nach der Bibel von den
folgenden Worten der »Frau« und Mutter begleitet: »Ich habe einen Mann vom
Herrn erworben« (Gen 4, 1). Dieser Ausruf Evas, der »Mutter aller
Lebendigen«, wiederholt sich jedesmal, wenn ein neuer Mensch zur Welt kommt; er
ist Ausdruck der Freude und des Bewußtseins der Frau, teilzuhaben an dem
tiefen Geheimnis des ewigen Zeugens. Die Ehegatten haben teil an Gottes
Schöpferkraft!
Die Mutterschaft der Frau im Zeitraum
zwischen der Empfängnis und der Geburt des Kindes ist ein
biophysiologischer und psychischer Prozeß, über den wir heutzutage
besser Bescheid wissen als in der Vergangenheit und der Gegenstand zahlreicher
tiefreichender Untersuchungen ist. Die wissenschaftliche Analyse bestätigt
voll und ganz, daß bereits die physische Konstitution und der Organismus
der Frau die natürliche Veranlagung zur Mutterschaft, zur Empfängnis,
zur Schwangerschaft und zur Geburt des Kindes, als Folge der ehelichen
Vereinigung mit dem Mann enthalten. Gleichzeitig entspricht das alles auch der
psycho-physischen Struktur der Frau. Alles, was die verschiedenen
Wissenschaftszweige zu diesem Thema sagen, ist wichtig und nützlich,
insofern sie sich nicht auf eine rein biophysiologische Interpretation der Frau
und ihrer Mutterschaft beschränken. Ein solches »verkürztes« Bild entspräche
nämlich völlig der materialistischen Menschen- und Weltsicht. In
diesem Falle ginge bedauerlicherweise das wirklich Wesentliche verloren: Die
Mutterschaft als menschliches Faktum und Phänomen läßt
sich nur auf der Grundlage der Wahrheit über die Person voll
erklären. Die Mutterschaft steht im Zusammenhang mit der personalen
Struktur des Frauseins und mit der personalen Dimension der Hingabe: »Ich
habe einen Mann vom Herrn erworben« (Gen 4, 1). Der Schöpfer
schenkt den Eltern ein Kind. Von seiten der Frau ist dies in besonderer Weise
mit »einer aufrichtigen Hingabe ihrer selbst« verbunden. Die Worte Marias auf
die Verkündigung hin: »Mir geschehe, wie du es gesagt hast«, bedeuten die
Bereitschaft der Frau zur Hingabe und zur Annahme des neuen Lebens.
In der Mutterschaft der Frau, die an die
Vaterschaft des Mannes gebunden ist, spiegelt sich das in Gott selber, dem
dreieinigen Gott, gelegene ewige Geheimnis der Zeugung wider (vgl. Eph 3,
14-15). Das menschliche Zeugen ist Mann und Frau gemeinsam. Und wenn die Frau
in Liebe zu ihrem Mann spricht: »Ich habe dir ein Kind geschenkt«, so bedeuten
ihre Worte zugleich: »Das ist unser Kind«. Doch obwohl beide gemeinsam
Eltern ihres Kindes sind, stellt die Mutterschaft der Frau einen besonderen
Anteil dieser gemeinsamen Elternschaft, ja deren anspruchsvolleren Teil
dar. Die Elternschaft gehört zwar zu beiden; sie verwirklicht sich jedoch
viel mehr in der Frau, besonders in der vorgeburtlichen Phase. Die Frau
muß unmittelbar für dieses gemeinsame Hervorbringen neuen Lebens
»bezahlen«, das buchstäblich ihre leiblichen und seelischen Kräfte
aufzehrt. Der Mann muß sich daher voll bewußt sein,
daß ihm aus dieser gemeinsamen Elternschaft eine besondere
Schuldverpflichtung gegenüber der Frau erwächst. Kein Programm
für die »Gleichberechtigung« von Frauen und Männern ist gültig,
wenn man diesem Umstand nicht ganz entscheidend Rechnung trägt.
Die Mutterschaft enthält eine besondere
Gemeinschaft mit dem Geheimnis des Lebens, das im Schoß der Frau
heranreift: Die Mutter steht staunend vor diesem Geheimnis, und mit
einzigartiger Intuition »erfaßt« sie, was in ihr vor sich geht. Im Licht
des »Anfangs« nimmt die Mutter das Kind, das sie im Schoß trägt, als
Person an und liebt es. Diese einmalige Weise des Kontaktes mit dem neuen
Menschen, der sich formt, schafft seinerseits eine derartige Einstellung zum
Menschen - nicht nur zum eigenen Kind, sondern zum Menschen als solchem -,
daß dadurch die ganze Persönlichkeit der Frau tief geprägt
wird. Man ist allgemein überzeugt, daß die Frau mehr als der
Mann fähig ist, auf die konkrete Person zu achten und daß die
Mutterschaft diese Veranlagung noch stärker zur Entfaltung bringt. Der
Mann befindet sich - trotz all seiner Teilhabe an der Elternschaft - immer
»außerhalb« des Prozesses der Schwangerschaft und der Geburt des Kindes
und muß in vielem von der Mutter seine eigene »Vaterschaft« lernen. Das
gehört, so kann man sagen, zum normalen menschlichen Ablauf der
Elternschaft, auch in ihrer weiteren Entwicklung nach der Geburt des Kindes,
vor allem in der ersten Zeit. Die Erziehung des Kindes sollte, umfassend
verstanden, den doppelten Beitrag der Eltern enthalten: den mütterlichen
und den väterlichen Beitrag. Doch jener der Mutter ist entscheidend
für die Grundlagen einer neuen menschlichen Persönlichkeit.
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