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Ioannes Paulus PP. II
Mulieris dignitatem

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  • VI. MUTTERSCHAFT - JUNGFRÄULICHKEIT
    • Die Mutterschaft in Beziehung zum Bund
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Die Mutterschaft in Beziehung zum Bund

19. Das vom Protoevangelium übernommene biblische Urbild der »Frau« kehrt nun in unsere Überlegungen zurück. Die »Frau« besitzt als Mutter, als erste Erzieherin des Menschen (die Erziehung ist die geistige Dimension der Elternschaft) einen besonderen Vorrang vor dem Mann. Wenn auch ihre Mutterschaft, vor allem im biophysischen Sinn, vom Mann abhängt, drückt sie doch dem ganzen Prozeß der Personwerdung der neuen Söhne und Töchter des Menschengeschlechts ein entscheidendes »Zeichen« auf. Die Mutterschaft der Frau im biophysischen Sinn zeigt eine scheinbare Passivität: der Prozeß der Ausformung eines neuen Lebens »geschieht« in ihrem Organismus, wobei er diesen allerdings tief einbezieht. Gleichzeitig drückt die Mutterschaft im personalen und ethischen Sinn eine sehr bedeutende Kreativität der Frau aus, von der das Menschsein des neuen Menschen hauptsächlich abhängt. Auch in diesem Sinne wird die Mutterschaft der Frau als ein besonderer Ruf und eine besondere Herausforderung für den Mann und seine Vaterschaft offenbar.

Seinen Höhepunkt findet das biblische Urbild der »Frau« in der Mutterschaft der Gottesmutter. Die Worte des Protoevangeliums: »Feindschaft stifte ich zwischen dir und der Frau«, finden hier eine neue Bestätigung. Ja, in ihr, in ihrem mütterlichen »Fiat« (»Mir geschehe, wie du gesagt hast«), stiftet Gott einen Neuen Bund mit der Menschheit. Es ist der ewige und endgültige Bund in Christus, in seinem Leib und Blut, in seinem Kreuz und seiner Auferstehung. Eben weil dieser Bund »in Fleisch und Blut« vollzogen werden soll, hat er seinen Anfang in der Mutter. Der »Sohn des Höchsten« kann allein durch sie, durch ihr jungfräuliches und mütterliches »Fiat«, zum Vater sagen: »Einen Leib hast du mir geschaffen. Ja, ich komme, um deinen Willen, Gott, zu tun« (vgl. Hebr 10,5. 7).

In die Ordnung des Bundes, den Gott mit dem Menschen in Jesus Christus geschlossen hat, ist die Mutterschaft der Frau eingefügt. Und jedesmal, wenn sich in der Geschichte des Menschen auf Erden die Mutterschaft der Frau wiederholt, steht sie nun immer in Beziehung zu dem Bund, den Gott durch die Mutterschaft der Gottesmutter mit dem Menschengeschlecht geschlossen hat.

Wird diese Wirklichkeit nicht vielleicht von der Antwort Jesu an jene Frau bewiesen, die ihm aus der Menge zurief und ihn für die Mutterschaft seiner Mutter seligpries: »Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat!«? Jesus erwidert: »Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen« (Lk 11, 27-28). Jesus bestätigt die Bedeutung von Mutterschaft im leiblichen Sinn; zugleich verweist er jedoch auf ihre noch tiefere Bedeutung, die mit der Ordnung des Geistes in Zusammenhang steht: Sie ist Zeichen des Bundes mit Gott, der »Geist« ist (vgl. Joh 4, 24). Das gilt vor allem für die Mutterschaft der Gottesmutter. Aber auch die Mutterschaft jeder anderen Frau ist, im Licht des Evangeliums verstanden, nicht nur »aus Fleisch und Blut«: In ihr kommt das innere »Hören des Wortes des lebendigen Gottes« und die Bereitschaft zur »Bewahrung« dieses Wortes, das »Wort des ewigen Lebens« ist (vgl. Joh 6, 68), zum Ausdruck. Es sind ja in der Tat die von den irdischen Müttern geborenen Kinder, die Söhne und Töchter des Menschengeschlechts, die vom Sohn Gottes die Macht erhalten, »Kinder Gottes zu werden« (Joh 1, 12). Die Dimension des Neuen Bundes im Blute Christi durchdringt das menschliche Zeugen und macht es zur Wirklichkeit und zum Auftrag »einer neuen Schöpfung« (vgl. 2 Kor 5, 17). Die Mutterschaft der Frau ist aus der Sicht der Geschichte jedes Menschen gleichsam die erste Schwelle, deren Überwindung auch Vorbedingung für »das Offenbarwerden der Söhne Gottes« ist (vgl. Röm 8, 19).

»Wenn die Frau gebären soll, ist sie bekümmert, weil ihre Stunde da ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, daß ein Mensch zur Welt gekommen ist« (Joh 16, 21). Die Worte Christi nehmen in ihrem ersten Teil Bezug auf jene »Geburtswehen«, die zum Vermächtnis der Erbsünde gehören; gleichzeitig weisen sie jedoch auf den Zusammenhang hin, der zwischen der Mutterschaft der Frau und dem Ostergeheimnis besteht. Denn in diesem Geheimnis ist auch der Schmerz der Mutter unter dem Kreuz enthalten - der Mutter, die im Glauben am erschütternden Geheimnis der »Entäußerung« ihres Sohnes teilnimmt. »Dies ist vielleicht die tiefste "kenosis" (Entäußerung) des Glaubens in der Geschichte des Menschen«.(40)

Beim Anblick dieser Mutter, der »ein Schwert durch die Seele drang« (vgl. Lk 2, 35), gehen die Gedanken zu allen Frauen in der Welt, die leiden, leiden im physischen wie im moralischen Sinn. Bei diesem Leiden spielt auch die der Frau eigene Sensibilität eine Rolle, auch wenn sie dem Leiden oft besser zu widerstehen vermag als der Mann. Es ist kaum möglich, alle diese Leiden aufzuzählen, sie alle beim Namen zu nennen: Man kann an die mütterlichen Sorgen um die Kinder denken, besonders wenn sie krank sind oder auf Abwege geraten; an den Tod geliebter Menschen; an die Einsamkeit der von ihren erwachsenen Kindern vergessenen Mütter oder an die Einsamkeit der Witwen; an die Leiden der Frauen, die im Lebenskampf alleinstehen, und der Frauen, die Unrecht und Kränkung erlitten haben oder ausgebeutet werden. Schließlich gibt es die Leiden des Gewissens wegen der Sünde, die die menschliche oder mütterliche Würde der Frau verletzt hat, Wunden des Gewissens, die nur schwer verheilen. Auch mit diesen Leiden muß man sich unter das Kreuz Christi stellen.

Aber die Worte des Evangeliums über die Frau, die bekümmert ist, wenn ihre Stunde da ist, daß sie gebären soll, drücken gleich darauf Freude aus. Es ist »die Freude, daß ein Mensch zur Welt gekommen ist«. Und auch diese Freude steht in Beziehung zum Ostergeheimnis, das heißt zu jener Freude, die den Aposteln am Tag der Auferstehung Christi zuteil wird: »So seid auch ihr jetzt bekümmert« (diese Worte hatte Jesus am Tag vor seinem Leiden und Sterben gesprochen); »aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen, und niemand nimmt euch eure Freude« (Joh 16, 22).




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