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Ioannes Paulus PP. II
Mulieris dignitatem

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  • VI. MUTTERSCHAFT - JUNGFRÄULICHKEIT
    • Die Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen
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Die Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen

20. In der Lehre Christi wird die Mutterschaft mit der Jungfräulichkeit verbunden, aber auch von ihr unterschieden. Der hierfür grundlegende Satz bleibt jener, den Jesus im Gespräch über die Unauflöslichkeit der Ehe gesprochen hat. Nachdem die Jünger seine Antwort an die Pharisäer gehört hatten, sagten sie zu Christus: »Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu heiraten« (Mt 19, 10). Unabhängig vom Sinn, den die Worte »es ist nicht gut« im damaligen Verständnis der Jünger hatten, nimmt Christus ihre falsche Auffassung zum Anlaß, um sie über den Wert der Ehelosigkeit zu belehren: Er unterscheidet die Ehelosigkeit infolge natürlicher Mängel, auch wenn diese vom Menschen verursacht sind, von der »Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen«. Er sagt: »Und manche haben sich selbst zur Ehe unfähig gemacht - um des Himmelreiches willen« (Mt 19, 12). Es handelt sich also um eine freiwillige Ehelosigkeit, die um des Himmelreiches willen, im Hinblick auf die eschatologische Berufung des Menschen zur Gemeinschaft mit Gott, gewählt wird. Und er fügt hinzu: »Wer das erfassen kann, der erfasse es«, wobei diese Worte wieder aufnehmen, was er zu Beginn seines Gesprächs über die Ehelosigkeit gesagt hatte (vgl. Mt 19, 11). Deswegen ist die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen nicht nur Frucht einer freien Entscheidung von seiten des Menschen, sondern auch einer besonderen Gnade von seiten Gottes, der eine bestimmte Person zu einem Leben in Ehelosigkeit beruft. Wenn diese ein besonderes Zeichen des Reiches Gottes ist, das kommen soll, so dient sie zugleich dazu, auch schon während des Erdenlebens alle Kräfte der Seele und des Leibes aussschließlich für das endgültige Reich Gottes einzusetzen.

Die Worte Jesu sind die Antwort auf eine Frage der Jünger. Sie sind direkt an die Fragesteller gerichtet: in diesem Fall an Männer. Nichtsdestoweniger gilt die Antwort Christi an sich für Männer wie für Frauen. In diesem Zusammenhang weist sie auf das evangelische Ideal der Jungfräulichkeit hin, ein Ideal, das im Vergleich zur alttestamentlichen Tradition etwas völlig »Neues« darstellt. Diese Tradition hing gewiß auch irgendwie mit der Erwartung Israels und besonders der israelitischen Frau zusammen, daß der Messias komme und daß er als »Sohn der Frau« kommen solle. Das Ideal der Ehelosigkeit und der Jungfräulichkeit um einer größeren Gottnähe willen war zwar gewissen jüdischen Kreisen nicht völlig fremd, vor allem in der Zeit unmittelbar vor dem Kommen Jesu. Doch ist die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen, also die Jungfräulichkeit, eine unbestreitbare Neuheit, die unmittelbar mit der Menschwerdung Gottes zusammenhängt.

Vom Augenblick des Kommens Christi an soll sich die Erwartung des Gottesvolkes auf das ewige Reich richten, das kommt und in das er selbst »das neue Israel« einführen soll. Für eine derartige Wende und einen solchen Wertewandel ist tatsächlich ein neues Glaubensbewußtsein unerläßlich. Christus unterstreicht das zweimal: »Wer das erfassen kann, der erfasse es« - »Das können nur die erfassen, denen es gegeben ist« (Mt 19, 11. 12). Maria ist die erste Person, in der sich dieses neue Bewußtsein offenbart hat; denn sie fragt den Engel: »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?« (Lk 1, 34). Obwohl sie »mit einem Mann namens Josef verlobt ist« (vgl. Lk 1, 27), hält sie entschlossen an ihrer Jungfräulichkeit fest, und die Mutterschaft, die sich in ihr erfüllt, kommt ausschließlich aus der »Kraft des Höchsten« und ist Frucht der Herabkunft des Heiligen Geistes auf sie (vgl. Lk 1, 35). Diese göttliche Mutterschaft ist also die völlig unerwartete Antwort auf die menschliche Erwartung der Frau in Israel: Sie widerfährt Maria als Gnadengabe Gottes selbst. Diese Gabe ist zum Anfang und Urbild einer neuen Erwartung aller Menschen im Rahmen des ewigen Bundes, im Rahmen der neuen und endgültigen Verheißung Gottes geworden: Sie ist Zeichen eschatologischer Hoffnung.

Auf der Grundlage des Evangeliums kam es zu einer Entwicklung und zugleich Vertiefung des Sinngehaltes der Jungfräulichkeit als Berufung auch für die Frau, in der ihre Würde nach dem Vorbild der Jungfrau aus Nazaret ihre Bestätigung findet. Das Evangelium legt das Ideal von der Weihe der Person vor, worunter ihre ausschließliche Hingabe an Gott kraft der evangelischen Räte, vor allem der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams, zu verstehen ist. Ihre vollkommenste Verkörperung ist Jesus Christus selber. Wer ihm auf radikale Weise nachfolgen will, entscheidet sich für ein Leben nach diesen Räten. Sie unterscheiden sich von den Geboten und weisen dem Christen den Weg evangelischer Radikalität. Seit den Anfängen des Christentums schlagen Männer und Frauen diesen Weg ein, da sich nun das evangelische Ideal an den Menschen, ohne Unterschied des Geschlechts, wendet.

In diesem weiteren Zusammenhang muß die Jungfräulichkeit als ein Weg auch für die Frau gesehen werden, ein Weg, auf dem sie anders als in der Ehe ihre Persönlichkeit als Frau verwirklicht. Um diesen Weg zu verstehen, müssen wir noch einmal auf die Grundidee der christlichen Anthropologie zurückkommen. In der freiwillig gewählten Jungfräulichkeit bestätigt sich die Frau als Person, das heißt als jenes vom Schöpfer von Anfang an um seiner selbst willen gewollte Wesen,(41) und gleichzeitig realisiert sie den personalen Wert ihres Frauseins, indem sie zur »aufrichtigen Hingabe« an Gott wird, der sich in Christus offenbart hat, zu einer Hingabe an Christus, den Erlöser des Menschen und Bräutigam der Seelen: zu einer »bräutlichen« Hingabe also. Ohne Bezug auf die bräutliche Liebe läßt sich die Jungfräulichkeit, die Weihe der Frau in der Jungfräulichkeit, nicht richtig begreifen: Denn in einer solchen Liebe wird die Person zur Hingabe an den anderen.(42) Im übrigen ist auch die Weihe des Mannes im priesterlichen Zölibat oder im Ordensstand ähnlich zu verstehen.

Die natürliche bräutliche Veranlagung der fraulichen Persönlichkeit findet in der so verstandenen Jungfräulichkeit eine Antwort. Die Frau, vom »Anfang« an dazu berufen, geliebt zu werden und zu lieben, findet in der Berufung zur Jungfräulichkeit vor allem Christus als den, der als Erlöser durch seine Hingabe »den Menschen seine Liebe bis zur Vollendung erwies« (vgl. Joh 13, 1), und sie erwidert dieses Geschenk mit einer »aufrichtigen Hingabe« ihres ganzen Lebens. Sie schenkt sich also dem göttlichen Bräutigam, und diese ihre persönliche Hingabe strebt nach Vereinigung, die einen wesentlich geistlichen Charakter hat: Durch das Wirken des Heiligen Geistes wird sie »ein Geist« mit Christus, dem Bräutigam (vgl. 1 Kor 6, 17).

In diesem evangelischen Ideal der Jungfräulichkeit verwirklichen sich auf besondere Weise die Würde und die Berufung der Frau. In der so verstandenen Ehelosigkeit zeigt sich der sogenannte Radikalismus des Evangeliums: Verlaßt alles und folgt Christus nach (vgl. Mt 19, 27). Das alles läßt sich nicht mit dem einfachen Ledigsein oder Unverheiratetbleiben vergleichen; denn die Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen beschränkt sich nicht auf das bloße »Nein«, sondern enthält ein tiefes »Ja« im bräutlichen Sinne: die vollkommene und ungeteilte Hingabe aus Liebe.




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