|
Die Jungfräulichkeit um des
Himmelreiches willen
20. In der Lehre Christi wird die
Mutterschaft mit der Jungfräulichkeit verbunden, aber auch von ihr
unterschieden. Der hierfür grundlegende Satz bleibt jener, den Jesus
im Gespräch über die Unauflöslichkeit der Ehe gesprochen hat.
Nachdem die Jünger seine Antwort an die Pharisäer gehört hatten,
sagten sie zu Christus: »Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann
ist es nicht gut zu heiraten« (Mt 19, 10). Unabhängig vom Sinn, den
die Worte »es ist nicht gut« im damaligen Verständnis der Jünger
hatten, nimmt Christus ihre falsche Auffassung zum Anlaß, um sie über
den Wert der Ehelosigkeit zu belehren: Er unterscheidet die Ehelosigkeit
infolge natürlicher Mängel, auch wenn diese vom Menschen verursacht
sind, von der »Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen«. Er sagt: »Und
manche haben sich selbst zur Ehe unfähig gemacht - um des Himmelreiches
willen« (Mt 19, 12). Es handelt sich also um eine freiwillige
Ehelosigkeit, die um des Himmelreiches willen, im Hinblick auf die
eschatologische Berufung des Menschen zur Gemeinschaft mit Gott, gewählt
wird. Und er fügt hinzu: »Wer das erfassen kann, der erfasse es«, wobei
diese Worte wieder aufnehmen, was er zu Beginn seines Gesprächs über
die Ehelosigkeit gesagt hatte (vgl. Mt 19, 11). Deswegen ist die Ehelosigkeit
um des Himmelreiches willen nicht nur Frucht einer freien Entscheidung von
seiten des Menschen, sondern auch einer besonderen Gnade von seiten
Gottes, der eine bestimmte Person zu einem Leben in Ehelosigkeit beruft. Wenn
diese ein besonderes Zeichen des Reiches Gottes ist, das kommen soll, so dient
sie zugleich dazu, auch schon während des Erdenlebens alle Kräfte der
Seele und des Leibes aussschließlich für das endgültige Reich
Gottes einzusetzen.
Die Worte Jesu sind die Antwort auf eine
Frage der Jünger. Sie sind direkt an die Fragesteller gerichtet: in diesem
Fall an Männer. Nichtsdestoweniger gilt die Antwort Christi an sich für
Männer wie für Frauen. In diesem Zusammenhang weist sie auf das
evangelische Ideal der Jungfräulichkeit hin, ein Ideal, das im Vergleich
zur alttestamentlichen Tradition etwas völlig »Neues« darstellt. Diese
Tradition hing gewiß auch irgendwie mit der Erwartung Israels und
besonders der israelitischen Frau zusammen, daß der Messias komme und
daß er als »Sohn der Frau« kommen solle. Das Ideal der Ehelosigkeit und
der Jungfräulichkeit um einer größeren Gottnähe willen war
zwar gewissen jüdischen Kreisen nicht völlig fremd, vor allem in der
Zeit unmittelbar vor dem Kommen Jesu. Doch ist die Ehelosigkeit um des
Himmelreiches willen, also die Jungfräulichkeit, eine
unbestreitbare Neuheit, die unmittelbar mit der Menschwerdung Gottes
zusammenhängt.
Vom Augenblick des Kommens Christi an soll
sich die Erwartung des Gottesvolkes auf das ewige Reich richten, das kommt und
in das er selbst »das neue Israel« einführen soll. Für eine derartige
Wende und einen solchen Wertewandel ist tatsächlich ein neues
Glaubensbewußtsein unerläßlich. Christus unterstreicht das
zweimal: »Wer das erfassen kann, der erfasse es« - »Das können nur die
erfassen, denen es gegeben ist« (Mt 19, 11. 12). Maria ist die
erste Person, in der sich dieses neue Bewußtsein offenbart hat;
denn sie fragt den Engel: »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?«
(Lk 1, 34). Obwohl sie »mit einem Mann namens Josef verlobt ist« (vgl. Lk
1, 27), hält sie entschlossen an ihrer Jungfräulichkeit fest, und
die Mutterschaft, die sich in ihr erfüllt, kommt ausschließlich aus
der »Kraft des Höchsten« und ist Frucht der Herabkunft des Heiligen
Geistes auf sie (vgl. Lk 1, 35). Diese göttliche Mutterschaft ist
also die völlig unerwartete Antwort auf die menschliche Erwartung der Frau
in Israel: Sie widerfährt Maria als Gnadengabe Gottes selbst. Diese Gabe
ist zum Anfang und Urbild einer neuen Erwartung aller Menschen im Rahmen des
ewigen Bundes, im Rahmen der neuen und endgültigen Verheißung Gottes
geworden: Sie ist Zeichen eschatologischer Hoffnung.
Auf der Grundlage des Evangeliums kam es zu
einer Entwicklung und zugleich Vertiefung des Sinngehaltes der
Jungfräulichkeit als Berufung auch für die Frau, in der ihre
Würde nach dem Vorbild der Jungfrau aus Nazaret ihre Bestätigung
findet. Das Evangelium legt das Ideal von der Weihe der Person vor, worunter
ihre ausschließliche Hingabe an Gott kraft der evangelischen Räte,
vor allem der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams, zu verstehen ist. Ihre
vollkommenste Verkörperung ist Jesus Christus selber. Wer ihm auf radikale
Weise nachfolgen will, entscheidet sich für ein Leben nach diesen
Räten. Sie unterscheiden sich von den Geboten und weisen dem Christen den
Weg evangelischer Radikalität. Seit den Anfängen des Christentums
schlagen Männer und Frauen diesen Weg ein, da sich nun das evangelische
Ideal an den Menschen, ohne Unterschied des Geschlechts, wendet.
In diesem weiteren Zusammenhang muß die
Jungfräulichkeit als ein Weg auch für die Frau gesehen werden,
ein Weg, auf dem sie anders als in der Ehe ihre Persönlichkeit als Frau
verwirklicht. Um diesen Weg zu verstehen, müssen wir noch einmal auf die
Grundidee der christlichen Anthropologie zurückkommen. In der freiwillig
gewählten Jungfräulichkeit bestätigt sich die Frau als Person,
das heißt als jenes vom Schöpfer von Anfang an um seiner selbst
willen gewollte Wesen,(41) und gleichzeitig realisiert sie den personalen Wert
ihres Frauseins, indem sie zur »aufrichtigen Hingabe« an Gott wird, der sich in
Christus offenbart hat, zu einer Hingabe an Christus, den Erlöser des
Menschen und Bräutigam der Seelen: zu einer »bräutlichen« Hingabe
also. Ohne Bezug auf die bräutliche Liebe läßt sich die
Jungfräulichkeit, die Weihe der Frau in der Jungfräulichkeit, nicht
richtig begreifen: Denn in einer solchen Liebe wird die Person zur Hingabe
an den anderen.(42) Im übrigen ist auch die Weihe des Mannes im
priesterlichen Zölibat oder im Ordensstand ähnlich zu verstehen.
Die natürliche bräutliche
Veranlagung der fraulichen Persönlichkeit findet in der so verstandenen
Jungfräulichkeit eine Antwort. Die Frau, vom »Anfang« an dazu berufen,
geliebt zu werden und zu lieben, findet in der Berufung zur
Jungfräulichkeit vor allem Christus als den, der als Erlöser
durch seine Hingabe »den Menschen seine Liebe bis zur Vollendung erwies« (vgl. Joh
13, 1), und sie erwidert dieses Geschenk mit einer »aufrichtigen Hingabe«
ihres ganzen Lebens. Sie schenkt sich also dem göttlichen Bräutigam,
und diese ihre persönliche Hingabe strebt nach Vereinigung, die einen
wesentlich geistlichen Charakter hat: Durch das Wirken des Heiligen Geistes
wird sie »ein Geist« mit Christus, dem Bräutigam (vgl. 1 Kor 6,
17).
In diesem evangelischen Ideal der
Jungfräulichkeit verwirklichen sich auf besondere Weise die Würde und
die Berufung der Frau. In der so verstandenen Ehelosigkeit zeigt sich der
sogenannte Radikalismus des Evangeliums: Verlaßt alles und folgt
Christus nach (vgl. Mt 19, 27). Das alles läßt sich nicht mit
dem einfachen Ledigsein oder Unverheiratetbleiben vergleichen; denn die
Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen beschränkt sich nicht
auf das bloße »Nein«, sondern enthält ein tiefes »Ja« im bräutlichen
Sinne: die vollkommene und ungeteilte Hingabe aus Liebe.
|