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»Meine Kinder, für die ich von
neuem Geburtswehen erleide«
22. Das Evangelium offenbart eben diese Möglichkeit
der menschlichen Person und macht sie begreiflich. Das Evangelium hilft
jeder Frau und jedem Mann, sie zu leben und sich so zu verwirklichen.
Hinsichtlich der Gaben des Heiligen Geistes und »der großen Taten Gottes«
(vgl. Apg 2, 11) besteht in der Tat vollständige Gleichheit. Nicht
nur das. Gerade im Hinblick auf »Gottes große Taten« empfindet der
Apostel - als Mann - das Bedürfnis, das, was wesenhaft zum fraulichen Sein
gehört, zur Hilfe zu nehmen, um die Wahrheit über seinen
apostolischen Dienst auszudrücken. Genau das tut Paulus von Tarsus, als er
sich an dieGalater mit den Worten wendet: »Meine Kinder, für die
ich von neuem Geburtswehen erleide« (Gal 4, 19). Im ersten Korintherbrief
(vgl. 7, 38) verkündet der Apostel den Vorrang der Jungfräulichkeit
gegenüber der Ehe, eine ständige Lehre der Kirche im Geist der im
Matthäusevangelium (19, 10-12) wiedergegebenen Worte Christi, ohne jedoch
die Bedeutung der leiblichen und geistigen Mutterschaft zu verdunkeln. Um die
grundlegende Sendung der Kirche zu veranschaulichen, findet er sogar keinen
treffenderen Vergleich als den Bezug auf die Mutterschaft.
Einen Anklang an dieselbe Analogie - und
dieselbe Wahrheit - finden wir in der Dogmatischen Konstitution über die
Kirche. Maria ist dort das »Bild« der Kirche.(43) »Im Geheimnis der
Kirche, die ja auch selbst mit Recht Mutter und Jungfrau genannt wird, ist
(...) Maria vorangegangen, da sie in hervorragender und einzigartiger Weise das
Urbild sowohl der Jungfrau wie der Mutter darstellt (...) Sie gebar (aber)
einen Sohn, den Gott gesetzt hat zum Erstgeborenen unter vielen Brüdern (Röm
8, 29), den Gläubigen nämlich, bei deren Geburt und Erziehung sie
in mütterlicher Liebe mitwirkt«.(44) »Nun aber wird die Kirche, indem sie
Marias geheimnisvolle Heiligkeit betrachtet, ihre Liebe nachahmt und den Willen
des Vaters treu erfüllt, durch die gläubige Annahme des Wortes Gottes
auch selbst Mutter: Durch Predigt und Taufe nämlich gebiert sie die
vom Heiligen Geist empfangenen und aus Gott geborenen Kinder zu neuem und
unsterblichem Leben«.(45) Es handelt sich hier, was die Söhne und
Töchter des Menschengeschlechts betrifft, um eine geistige Mutterschaft.
Eine solche Mutterschaft wird - wie schon gesagt - der Frau auch in der
Jungfräulichkeit zuteil. Auch die Kirche »ist Jungfrau, da sie das
Treuewort, das sie dem Bräutigam gegeben hat, unversehrt und rein
bewahrt.(46) In Maria findet dies seine vollkommenste Erfüllung. Die
Kirche »bewahrt (also) in Nachahmung der Mutter ihres Herrn in der Kraft des
Heiligen Geistes jungfräulich einen unversehrten Glauben, eine feste
Hoffnung und eine aufrichtige Liebe«.(47)
Das Konzil hat bekräftigt, daß
sich das Geheimnis der Kirche, ihre Wirklichkeit, ihre wesentliche Lebenskraft,
ohne den Bezug auf die Gottesmutter unmöglich begreifen läßt. Indirekt
finden wir hier den Bezug zum biblischen Urbild der »Frau«, wie es
sich bereits in der Beschreibung des »Anfangs« (vgl. Gen 3, 15) und dann
im ganzen Verlauf von der Schöpfung über die Sünde bis zur
Erlösung klar abzeichnet. Auf diese Weise wird die tiefe Verbundenheit
zwischen dem, was menschlich ist, und dem, was den göttlichen Heilsplan in
der Geschichte des Menschen darstellt, bestätigt. Die Bibel überzeugt
uns davon, daß es ohne eine entsprechende Berufung auf das »frauliche«
Element keine zutreffende Hermeneutik des Menschen und seines Menschseins geben
kann. Ähnliches gilt auch für Gottes Heilsplan: Wenn wir ihn für
die ganze Geschichte des Menschen voll begreifen wollen, dürfen wir das
Geheimnis der »Frau« - Jungfrau, Mutter, Braut - nicht aus dem Blickfeld
unseres Glaubens ausschließen.
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