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Die
evangelische »Neuheit«
24. Der Text wendet sich an die Eheleute als
konkrete Frauen und Männer und erinnert sie an das »Ethos« der
bräutlichen Liebe, das auf die Einsetzung der Ehe durch Gott »im Anfang«
zurückgeht. Der Wahrheit dieser Einsetzung entspricht die Aufforderung: »Ihr
Männer, liebt eure Frauen«; liebt sie auf Grund jenes besonderen und
einzigen Bandes, durch welches der Mann und die Frau in der Ehe »ein Fleisch«
werden (Gen 2, 24; Eph 5, 31). In dieser Liebe haben wir eine
grundlegende Bejahung der Frau als Person, eine Bejahung, dank derer
sich die frauliche Persönlichkeit voll entfalten und vertiefen kann.
Genauso handelt Christus als Bräutigam der Kirche, wenn er sie »herrlich,
ohne Flecken oder Falten« sehen will (Eph 5, 27). Man kann sagen, hier
ist alles voll aufgenommen, was den »Stil« Christi im Umgang mit der Frau
ausmacht. Der Gatte müßte sich die Elemente dieses Stils
gegenüber seiner Ehefrau zu eigen machen; und ähnlich sollte es der
Mann in jeder Lage der Frau gegenüber tun. So leben alle zwei, Mann und
Frau, die »aufrichtige Selbsthingabe«.
Der Verfasser des Epheserbriefes sieht
keinen Widerspruch zwischen einer so formulierten Aufforderung und der
Feststellung, daß »sich die Frauen ihren Männern unterordnen sollen
wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau« (vgl. 5,
22-23). Der Verfasser weiß, daß diese Auflage, die so tief in
der Sitte und religiösen Tradition der Zeit verwurzelt ist, in neuer Weise
verstanden und verwirklicht werden muß: als ein »gegenseitiges
Sich-Unterordnen in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus« (vgl. Eph 5,
21). Um so mehr, da der Ehemann »Haupt« der Frau genannt wird, wie Christus
Haupt der Kirche ist, und das ist er eben, um »sich für sie« hinzugeben
(vgl. Eph 5, 25); und sich für sie hinzugeben bedeutet, sogar das
eigene Leben hinzugeben. Aber während die Unterordnung in der Beziehung
Christus - Kirche nur die Kirche betrifft, ist diese »Unterordnung« in der
Beziehung Gatte - Gattin nicht einseitig, sondern gegenseitig. Das stellt im
Verhältnis zum »Alten« ganz offensichtlich ein »Neues« dar: Es ist das
»Neue« des Evangeliums. Wir begegnen mehreren Stellen, wo die apostolischen Schriften
dieses »Neue« zum Ausdruck bringen, auch wenn in ihnen das »Alte«, das, was
auch in der religiösen Tradition Israels, in seiner Weise des
Verständnisses und der Auslegung der heiligen Texte, wie zum Beispiel von Gen
2, verwurzelt ist, durchaus noch spürbar ist.(49)
Die Briefe der Apostel sind an Personen
gerichtet, die in einem Milieu leben, wo alle in gleicher Weise denken und
handeln. Das »Neue«, das Christus bringt, ist eine Tatsache: Es bildet den
eindeutigen Inhalt der evangelischen Botschaft und ist Frucht der
Erlösung. Zugleich aber muß sich das Bewußtsein, daß es
in der Ehe die gegenseitige »Unterordnung der Eheleute in der gemeinsamen
Ehrfurcht vor Christus« gibt und nicht nur die Unterordnung der Frau
gegenüber dem Mann, den Weg in die Herzen und Gewissen, in das Verhalten
und die Sitten bahnen. Dieser Appell hat seit damals nicht aufgehört, auf
die einander folgenden Generationen einzuwirken; es ist ein Appell, den die
Menschen immer wieder von neuem annehmen müssen. Der Apostel schreibt
nicht nur: »In Jesus Christus gibt es nicht mehr Mann und Frau (...)«, sondern
auch: »Es gibt nicht mehr Sklaven und Freie« (Gal 3, 28). Und doch, wie
viele Generationen hat es gebraucht, bis sich ein solcher Grundsatz in der
Menschheitsgeschichte in der Abschaffung der Sklaverei verwirklicht hat! Und
was soll man zu so vielen Formen sklavenhafter Abhängigkeit von Menschen
und Völkern sagen, die bis heute nicht aus dem Weltgeschehen verschwunden
sind?
Die Herausforderung des »Ethos« der
Erlösung hingegen ist klar und
endgültig. Sämtliche Gründe für die »Unterordnung« der Frau
gegenüber dem Mann in der Ehe müssen im Sinne einer »gegenseitigen
Unterordnung« beider »in der Ehrfurcht vor Christus« gedeutet werden. Das
Maß der echten bräutlichen Liebe hat seine tiefste Quelle in
Christus, dem Bräutigam der Kirche, seiner Braut.
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