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Die symbolische Dimension des »tiefen
Geheimnisses«
25. Im Text des Epheserbriefes begegnen
wir einer zweiten Dimension jener Analogie, die als ganze der
Offenbarung des »tiefen Geheimnisses« dienen soll. Es handelt sich um ihre symbolische
Dimension. Wenn die Liebe Gottes zum Menschen und zum auserwählten
Volk Israel von den Propheten als die Liebe des Gemahls zu seiner Frau
dargestellt wird, bringt eine solche Analogie die »bräutliche«
Qualität und den göttlichen und nicht menschlichen Charakter von
Gottes Liebe zum Ausdruck: »Dein Schöpfer ist dein Gemahl (...). Gott der
ganzen Erde wird er genannt« (Jes 54, 5). Dasselbe gilt auch von der
bräutlichen Liebe Christi, des Erlösers: »Denn Gott hat die Welt so
sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab« (Joh 3, 16). Es
handelt sich also um die Liebe Gottes, die durch die von Christus vollbrachte
Erlösung zum Ausdruck kommt. Nach dem Paulusbrief ist diese Liebe der
bräutlichen Liebe menschlicher Eheleute »ähnlich«, aber
natürlich nicht »gleich«. Denn die Analogie weist auf eine
Ähnlichkeit hin, läßt aber zugleich der Nicht-Ähnlichkeit
angemessenen Raum.
Sie ist leicht festzustellen, wenn wir die
Gestalt der »Braut« betrachten. Nach dem Epheserbrief ist jene Braut die
Kirche, so wie für die Propheten die Braut Israel war: Sie ist also ein
kollektives Subjekt, nicht eine Einzelperson. Dieses kollektive Subjekt ist
das Volk Gottes, das heißt eine aus vielen Personen, Frauen wie
Männern, zusammengesetzte Gemeinschaft. »Christus hat die Kirche geliebt«
gerade als Gemeinschaft, als Volk Gottes; und zugleich hat er in dieser Kirche,
die im selben Abschnitt auch sein »Leib« genannt wird (vgl. Eph 5, 23), jede
einzelne Person geliebt. Denn Christus hat alle ohne Ausnahme, jeden Mann und
jede Frau, erlöst. In der Erlösung drückt sich gerade diese
Liebe Gottes aus und gelangt ihr bräutlicher Charakter in der Geschichte
des Menschen und der Welt zur Vollendung.
Christus ist in diese Geschichte eingetreten
und bleibt in ihr als der Bräutigam, der »sich (für sie) hingegeben
hat«. »Hingeben« heißt hier, auf vollkommenste und radikalste Weise »zu
einer aufrichtigen Hingabe werden«: »Es gibt keine größere Liebe als
diese« (Joh 15, 13). In dieser Auffassung sind durch die Kirche alle
Menschen - Frauen wie Männer - berufen, »Braut« Christi, des Erlösers
der Welt, zu sein. So wird das »Braut-Sein« und damit das »Frauliche« zum
Symbol alles »Menschlichen«, wie Paulus sagt: »Es gibt nicht mehr Mann und
Frau; denn ihr alle seid "einer" in Christus Jesus« (Gal 3,
28).
Vom sprachlichen Standpunkt her kann man
sagen, daß die Analogie der bräutlichen Liebe nach dem Epheserbrief
das, was »männlich« ist, auf das zurückführt, was »fraulich«
ist, da als Glieder der Kirche auch die Männer in den Begriff der »Braut«
einbezogen werden. Und das darf uns nicht wundern; spricht doch der Apostel, um
seine Sendung für Christus und an der Kirche zu formulieren, von den
»Kindern, für die er von neuem Geburtswehen erleidet« (vgl. Gal 4,
19). Im Bereich des »Menschlichen«, dessen, was den Menschen als Person
ausmacht, unterscheiden sich das »Mannsein« und das »Frausein«, und
zugleich ergänzen und erklären sie sich gegenseitig. Das ist
auch in der großen Analogie von der »Braut« im Epheserbrief gegenwärtig.
In der Kirche ist jeder einzelne Mensch - Mann und Frau - die »Braut«, weil sie
die Liebe Christi, des Erlösers, als Hingabe erfährt und ihr durch
die Hingabe der eigenen Person zu antworten sucht.
Christus ist der Bräutigam. Darin drückt sich die Wahrheit über die
Liebe Gottes aus, der »zuerst« geliebt hat (vgl. 1 Joh 4, 19) und mit
der von dieser bräutlichen Liebe zum Menschen bewirkten Hingabe alle
menschlichen Erwartungen übertroffen hat: »Er erwies ihnen seine Liebe bis
zur Vollendung« (Joh 13, 1). Der Bräutigam - der mit Gott Vater
wesensgleiche Sohn - ist der Sohn Marias geworden, »Menschensohn« und wahrer
Mensch, ein Mann. Das Symbol des Bräutigams ist männlichen
Geschlechts. In diesem männlichen Symbol ist der menschliche Charakter
jener Liebe dargestellt, in der Gott seiner göttlichen Liebe zu Israel,
zur Kirche, zu allen Menschen Ausdruck gegeben hat. Aus unserer Betrachtung
dessen, was die Evangelien über das Verhalten Christi gegenüber den
Frauen berichten, können wir schließen, daß er als Mann, als
Sohn Israels, die Würde der »Töchter Abrahams« (vgl. Lk
13, 16), die Würde, welche die Frau am »Anfang« ebenso besessen
hat wie der Mann, offenbar gemacht hat. Und zugleich hat Christus
die ganze Eigenart, die die Frau vom Mann unterscheidet, den ganzen Reichtum,
der ihr im Schöpfungsgeheimnis geschenkt wurde, hervorgehoben. Im
Verhalten Christi gegenüber der Frau findet sich in vorbildlicher Weise
verwirklicht, was der Epheserbrief mit dem Begriff »Bräutigam«
ausdrückt. Gerade weil die göttliche Liebe Christi die Liebe eines
Bräutigams ist, wird sie zum Vorbild und Beispiel jeder menschlichen
Liebe, insbesondere aber der Liebe der Männer.
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