|
Die Würde der Frau und die
Ordnung der Liebe
29. Der bereits angeführte Abschnitt
aus dem Epheserbrief (5, 21-23), wo die Beziehung zwischen Christus und
der Kirche als Band zwischen dem Bräutigam und der Braut dargestellt wird,
nimmt auch Bezug auf die Einsetzung der Ehe nach den Worten der Genesis (vgl.
2, 24). Er verbindet die Wahrheit über die Ehe als Sakrament des »Anfangs«
mit der Erschaffung von Mann und Frau nach dem Bild und Gleichnis Gottes (vgl.
Gen 1, 27; 5, 1). Durch diesen bedeutsamen Vergleich des Epheserbriefes
gewinnt seine volle Klarheit, was für die Würde der Frau sowohl in
den Augen Gottes - des Schöpfers und Erlösers - als auch in
den Augen des Menschen - des Mannes und der Frau - entscheidend ist. Auf
der Grundlage des ewigen Planes Gottes ist die Frau diejenige, in der die
Ordnung der Liebe in der geschaffenen Welt der Personen das Erdreich für
ihr erstes Wurzelfassen findet. Die Ordnung der Liebe gehört zum inneren
Leben Gottes selbst, zum Leben des dreifaltigen Gottes. Im inneren Leben Gottes
ist der Heilige Geist die personhafte Verkörperung der Liebe. Durch den
Geist, die ungeschaffene Gabe, wird die Liebe zu einer Gabe für alle
geschaffenen Personen. Die Liebe, die von Gott ist, teilt sich den
Geschöpfen mit: »Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen
durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist« (Röm 5, 5).
Die Berufung der Frau zur Existenz neben dem
Manne (»eine Hilfe, die ihm entspricht«: Gen 2, 18) in der »Einheit der
zwei« bietet in der sichtbaren Welt der Geschöpfe besondere
Voraussetzungen, damit »die Liebe Gottes ausgegossen wird in die Herzen« der
nach seinem Bild geschaffenen Wesen. Wenn der Verfasser des Epheserbriefes Christus
einen Bräutigam und die Kirche eine Braut nennt, bestätigt er mit
dieser Analogie indirekt die Wahrheit über die Frau als Braut. Der
Bräutigam ist der Liebende. Die Braut wird geliebt: Sie empfängt
die Liebe, um ihrerseits zu lieben.
Der Abschnitt der Genesis - neu
gelesen im Licht der bräutlichen Symbolik des Epheserbriefes -
läßt uns eine Wahrheit schauen, die für die Frage der
Würde der Frau und so auch für ihre Berufung entscheidend zu sein
scheint: Die Würde der Frau wird von der Ordnung der Liebe bestimmt, die
im wesentlichen eine Ordnung von Gerechtigkeit und Nächstenliebe ist.(58)
Nur die Person kann lieben, und nur die
Person kann geliebt werden. Das ist zunächst eine ontologische
Feststellung, aus der sich dann eine Feststellung ethischen Charakters ergibt.
Die Liebe ist ein ontologisches und ethisches Bedürfnis der Person. Die
Person muß geliebt werden; denn allein die Liebe entspricht dem, was eine
Person ist. So erklärt sich das Liebesgebot, das bereits im Alten
Testament bekannt ist (vgl. Dtn 6, 5; Lev 19, 18) und von
Christus in den Mittelpunkt des evangelischen Ethos gestellt wird (vgl. Mt 22,
36-40; Mk 12, 28-34). So erklärt sich auch jener Vorrang der
Liebe, der von Paulus im ersten Korintherbrief ausgesprochen wird:
»Am größten ist die Liebe« (vgl 13, 13).
Ohne Anwendung dieser Ordnung und dieses
Vorranges ist eine vollständige und zutreffende Antwort auf die Frage nach
der Würde und Berufung der Frau gar nicht möglich. Wenn wir sagen,
die Frau empfängt Liebe, um ihrerseits zu lieben, meinen wir nicht nur
oder vor allem die der Ehe eigene bräutliche Beziehung. Wir meinen damit
etwas Universaleres, das sich auf die Tatsache selbst des Frauseins in den
interpersonalen Beziehungen gründet, die dem Zusammenleben und -wirken der
Personen, von Männern und Frauen, die verschiedenste Gestalt verleihen. In
diesem weiten und differenzierten Zusammenhang stellt die Frau einen
Eigenwert dar als menschliche Person und gleichzeitig als jene konkrete
Person in ihrem Frausein. Das trifft auf alle Frauen und auf jede
einzelne von ihnen zu, unabhängig von dem kulturellen Rahmen, in dem jede
sich befindet, und unabhängig von ihren geistigen, psychischen und
körperlichen Merkmalen, wie zum Beispiel Alter, Bildung, Gesundheit,
Arbeit, verheiratet oder ledig.
Der Abschnitt des Epheserbriefes läßt
uns an eine Art von besonderem »Prophetentum« der Frau in ihrer Fraulichkeit
denken. Die Analogie des Bräutigams und der Braut spricht von der Liebe,
mit der jeder Mensch, jeder Mann und jede Frau, von Gott in Christus geliebt
wird. Doch im Rahmen der biblischen Analogie und auf Grund der inneren Logik
des Textes ist es gerade die Frau, die diese Wahrheit allen offenbar macht: die
Braut. Dieses »prophetische« Merkmal der Frau in ihrer Fraulichkeit findet
seinen erhabensten Ausdruck in der Jungfrau und Gottesmutter. Bei ihr wird auf
vollkommenste und unmittelbarste Weise die innige Vereinigung der Ordnung der
Liebe - die durch eine Frau in die Welt der menschlichen Personen einzieht -
mit dem Heiligen Geist deutlich. Maria vernimmt bei der Verkündigung: »Der
Heilige Geist wird über dich kommen« (Lk 1, 35).
|