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Das Bewußtsein von einer Sendung
30. Die Würde der Frau ist eng
verbunden mit der Liebe, die sie gerade in ihrer Fraulichkeit empfängt,
und ebenso mit der Liebe, die sie ihrerseits schenkt. So wird die
Wahrheit über die Person und über die Liebe bestätigt. Was die
Wahrheit über die Person betrifft, müssen wir noch einmal auf das II.
Vatikanische Konzil zurückkommen: »Der Mensch, der auf Erden die einzige
von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist, kann sich selbst nur
durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden«.(59) Das gilt
für jeden Menschen als nach Gottes Bild geschaffene Person, für den
Mann ebenso wie für die Frau. Die hier enthaltene ontologische Aussage
weist auch auf die ethische Dimension der Berufung der Person hin. Die Frau
kann sich nicht selbst finden, wenn sie nicht den anderen ihre Liebe schenkt.
Am »Anfang« ist die Frau - wie der Mann -
von Gott geschaffen und in diese Ordnung der Liebe »hineingestellt« worden. Die
Ursünde hat diese Ordnung nicht zerstört und nicht rettungslos
aufgehoben. Das beweisen die Bibelworte des Protoevangeliums (vgl. Gen 3,
15).Wir haben in den vorliegenden Betrachtungen gesehen, welchen einmaligen
Platz die »Frau« in diesem entscheidenden Text der Offenbarung einnimmt. Es
sei außerdem betont, daß dieselbe »Frau«, die zum biblischen
»Urbild« wird, auch in der von der Offenbarung des Johannes zum Ausdruck
gebrachten eschatologischen Perspektive der Welt und des Menschen ihren Platz
hat.(60) Sie ist dort »eine Frau, mit der Sonne bekleidet«, den Mond
unter ihren Füßen und einen Kranz von zwölf Sternen auf ihrem
Haupt (vgl. Offb. 12, 1). Man kann sagen: eine Frau in kosmischer
Dimension, auf das gesamte Schöpfungswerk bezogen. Zugleich aber »ist sie
schwanger und schreit unter ihren Geburtswehen« (Offb 12, 2) wie Eva,
die »Mutter aller Lebendigen« (vgl. Gen 3, 20). Sie leidet auch, weil
»vor der Frau, die gebären soll, der Drache steht« (vgl. Offb 12,
4), »der große Drache, die alte Schlange« (vgl. Offb 12, 9), die
wir schon aus dem Protoevangelium kennen: der Böse als der »Vater der
Lüge« und der Sünde (vgl. Joh 8, 44). Die »alte Schlange« will
»ihr Kind (das Kind der Frau) verschlingen« (vgl. Offb 12, 4). Wenn wir
in diesem Text einen Widerschein des Kindheitsevangeliums (vgl. Mt 2,
13. 16) sehen, können wir meinen, daß zum biblischen »Urbild« der
»Frau« vom Beginn der Geschichte bis zu ihrem Ende der Kampf gegen das
Böse und den Bösen in Person gehört. Es ist dies auch der Kampf
um den Menschen, um sein wahres Wohl, um sein Heil. Will uns die Bibel
damit nicht sagen, daß die Geschichte gerade in der »Frau«, in Eva und
Maria, einen dramatischen Kampf um jeden Menschen verzeichnet? Den Kampf um
sein grundlegendes »Ja« oder »Nein« zu Gott und zu seinem ewigen Plan für
den Menschen?
Wenn die Würde der Frau von der Liebe
zeugt, die sie empfängt, um ihrerseits zu lieben, scheint das biblische
Urbild der »Frau« auch die rechte Ordnung der Liebe zu enthüllen, welche
die eigentliche Berufung der Frau darstellt. Es handelt sich hier um die
Berufung in ihrer fundamentalen und geradezu universalen Bedeutung, die dann
konkrete Gestalt annimmt und in den vielfältigen »Berufungen« der Frau in
Kirche und Welt zum Ausdruck kommt.
Die moralische Kraft der Frau und ihre
geistige Kraft verbinden sich mit dem Bewußtsein, daß Gott ihr
in einer besonderen Weise den Menschen anvertraut. Natürlich vertraut
Gott jeden Menschen allen und jedem einzelnen an. Doch dieses Anvertrauen
betrifft in besonderer Weise die Frau - eben wegen ihrer Fraulichkeit -, und es
entscheidet in besonderer Weise über ihre Berufung.
Die aus diesem Bewußtsein und diesem
Anvertrauen geschöpfte moralische Kraft der Frau findet in zahlreichen
Frauengestalten aus dem Alten Testament, aus der Zeit Christi und aus den
folgenden Epochen bis herauf in unsere Tage ihren Ausdruck. Die Frau ist stark
im Bewußtsein der ihr anvertrauten Aufgabe, stark, weil Gott »ihr den
Menschen anvertraut«, immer und überall, selbst unter den Bedingungen
gesellschaftlicher Diskriminierung, unter der sie vielleicht leben muß.
Dieses Bewußtsein und diese grundlegende Berufung erinnern die Frau an
die Würde, die sie von Gott selber empfängt, und das macht sie
»stark« und festigt ihre Berufung. So wird die »tüchtige Frau« (vgl. Spr
31, 10) zu einer unersetzlichen Stütze und einer Quelle geistiger Kraft
für die anderen, die der großen Kräfte ihres Geistes gewahr
werden. Diesen »tüchtigen Frauen« haben ihre Familien und oft ganze
Nationen viel zu verdanken.
In unserer Zeit ermöglichen die Erfolge
von Wissenschaft und Technik einen materiellen Wohlstand in bisher ungeahntem
Ausmaß, der einige begünstigt, andere aber an den Rand
abdrängt. So kann dieser einseitige Fortschritt auch zu einem
schrittweisen Verlust der Sensibilität für den Menschen, für
das eigentlich Menschliche, führen. In diesem Sinne erwartet vor allem
unsere Zeit, daß jener »Genius« der Frau zutage trete, der die
Sensibilität für den Menschen, eben weil er Mensch ist, unter allen
Umständen sicherstellt und so bezeugt: »Die Liebe ist am
größten« (vgl. 1 Kor 13, 13).
Ein aufmerksames Bedenken des biblischen
Urbildes der »Frau« - vom Buch der Genesis bis zur Offenbarung des
Johannes - bestätigt also, worin Würde und Berufung der Frau
bestehen und was an ihnen unwandelbar und immer aktuell ist, weil es seinen
»letzten Grund in Christus hat, der derselbe ist gestern, heute und in
Ewigkeit«.(61) Wenn der Mensch von Gott in besonderer Weise der Frau anvertraut
ist, bedeutet das etwa nicht, daß Christus von ihr die Verwirklichung
jenes »königlichen Priestertums« (1 Petr 2, 9) erwartet, jenes
Reichtums, den er den Menschen zum Geschenk gemacht hat? Christus, der oberste
und einzige Priester des Neuen und Ewigen Bundes und Bräutigam der Kirche,
hört nicht auf, dem Vater dieses Erbe im Heiligen Geist darzubringen,
damit Gott »alles in allen« (1 Kor 15, 28) sei.(62)
Dann wird sich die Wahrheit, daß »am
größten die Liebe ist« (vgl. 1 Kor 13, 13), endgültig
erfüllen.
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