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Ioannes Paulus PP. II
Mulieris dignitatem

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  • VIII. AM GRÖSSTEN IST DIE LIEBE
    • Das Bewußtsein von einer Sendung
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Das Bewußtsein von einer Sendung

30. Die Würde der Frau ist eng verbunden mit der Liebe, die sie gerade in ihrer Fraulichkeit empfängt, und ebenso mit der Liebe, die sie ihrerseits schenkt. So wird die Wahrheit über die Person und über die Liebe bestätigt. Was die Wahrheit über die Person betrifft, müssen wir noch einmal auf das II. Vatikanische Konzil zurückkommen: »Der Mensch, der auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist, kann sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden«.(59) Das gilt für jeden Menschen als nach Gottes Bild geschaffene Person, für den Mann ebenso wie für die Frau. Die hier enthaltene ontologische Aussage weist auch auf die ethische Dimension der Berufung der Person hin. Die Frau kann sich nicht selbst finden, wenn sie nicht den anderen ihre Liebe schenkt.

Am »Anfang« ist die Frau - wie der Mann - von Gott geschaffen und in diese Ordnung der Liebe »hineingestellt« worden. Die Ursünde hat diese Ordnung nicht zerstört und nicht rettungslos aufgehoben. Das beweisen die Bibelworte des Protoevangeliums (vgl. Gen 3, 15).Wir haben in den vorliegenden Betrachtungen gesehen, welchen einmaligen Platz die »Frau« in diesem entscheidenden Text der Offenbarung einnimmt. Es sei außerdem betont, daß dieselbe »Frau«, die zum biblischen »Urbild« wird, auch in der von der Offenbarung des Johannes zum Ausdruck gebrachten eschatologischen Perspektive der Welt und des Menschen ihren Platz hat.(60) Sie ist dort »eine Frau, mit der Sonne bekleidet«, den Mond unter ihren Füßen und einen Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt (vgl. Offb. 12, 1). Man kann sagen: eine Frau in kosmischer Dimension, auf das gesamte Schöpfungswerk bezogen. Zugleich aber »ist sie schwanger und schreit unter ihren Geburtswehen« (Offb 12, 2) wie Eva, die »Mutter aller Lebendigen« (vgl. Gen 3, 20). Sie leidet auch, weil »vor der Frau, die gebären soll, der Drache steht« (vgl. Offb 12, 4), »der große Drache, die alte Schlange« (vgl. Offb 12, 9), die wir schon aus dem Protoevangelium kennen: der Böse als der »Vater der Lüge« und der Sünde (vgl. Joh 8, 44). Die »alte Schlange« will »ihr Kind (das Kind der Frau) verschlingen« (vgl. Offb 12, 4). Wenn wir in diesem Text einen Widerschein des Kindheitsevangeliums (vgl. Mt 2, 13. 16) sehen, können wir meinen, daß zum biblischen »Urbild« der »Frau« vom Beginn der Geschichte bis zu ihrem Ende der Kampf gegen das Böse und den Bösen in Person gehört. Es ist dies auch der Kampf um den Menschen, um sein wahres Wohl, um sein Heil. Will uns die Bibel damit nicht sagen, daß die Geschichte gerade in der »Frau«, in Eva und Maria, einen dramatischen Kampf um jeden Menschen verzeichnet? Den Kampf um sein grundlegendes »Ja« oder »Nein« zu Gott und zu seinem ewigen Plan für den Menschen?

Wenn die Würde der Frau von der Liebe zeugt, die sie empfängt, um ihrerseits zu lieben, scheint das biblische Urbild der »Frau« auch die rechte Ordnung der Liebe zu enthüllen, welche die eigentliche Berufung der Frau darstellt. Es handelt sich hier um die Berufung in ihrer fundamentalen und geradezu universalen Bedeutung, die dann konkrete Gestalt annimmt und in den vielfältigen »Berufungen« der Frau in Kirche und Welt zum Ausdruck kommt.

Die moralische Kraft der Frau und ihre geistige Kraft verbinden sich mit dem Bewußtsein, daß Gott ihr in einer besonderen Weise den Menschen anvertraut. Natürlich vertraut Gott jeden Menschen allen und jedem einzelnen an. Doch dieses Anvertrauen betrifft in besonderer Weise die Frau - eben wegen ihrer Fraulichkeit -, und es entscheidet in besonderer Weise über ihre Berufung.

Die aus diesem Bewußtsein und diesem Anvertrauen geschöpfte moralische Kraft der Frau findet in zahlreichen Frauengestalten aus dem Alten Testament, aus der Zeit Christi und aus den folgenden Epochen bis herauf in unsere Tage ihren Ausdruck. Die Frau ist stark im Bewußtsein der ihr anvertrauten Aufgabe, stark, weil Gott »ihr den Menschen anvertraut«, immer und überall, selbst unter den Bedingungen gesellschaftlicher Diskriminierung, unter der sie vielleicht leben muß. Dieses Bewußtsein und diese grundlegende Berufung erinnern die Frau an die Würde, die sie von Gott selber empfängt, und das macht sie »stark« und festigt ihre Berufung. So wird die »tüchtige Frau« (vgl. Spr 31, 10) zu einer unersetzlichen Stütze und einer Quelle geistiger Kraft für die anderen, die der großen Kräfte ihres Geistes gewahr werden. Diesen »tüchtigen Frauen« haben ihre Familien und oft ganze Nationen viel zu verdanken.

In unserer Zeit ermöglichen die Erfolge von Wissenschaft und Technik einen materiellen Wohlstand in bisher ungeahntem Ausmaß, der einige begünstigt, andere aber an den Rand abdrängt. So kann dieser einseitige Fortschritt auch zu einem schrittweisen Verlust der Sensibilität für den Menschen, für das eigentlich Menschliche, führen. In diesem Sinne erwartet vor allem unsere Zeit, daß jener »Genius« der Frau zutage trete, der die Sensibilität für den Menschen, eben weil er Mensch ist, unter allen Umständen sicherstellt und so bezeugt: »Die Liebe ist am größten« (vgl. 1 Kor 13, 13).

Ein aufmerksames Bedenken des biblischen Urbildes der »Frau« - vom Buch der Genesis bis zur Offenbarung des Johannes - bestätigt also, worin Würde und Berufung der Frau bestehen und was an ihnen unwandelbar und immer aktuell ist, weil es seinen »letzten Grund in Christus hat, der derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit«.(61) Wenn der Mensch von Gott in besonderer Weise der Frau anvertraut ist, bedeutet das etwa nicht, daß Christus von ihr die Verwirklichung jenes »königlichen Priestertums« (1 Petr 2, 9) erwartet, jenes Reichtums, den er den Menschen zum Geschenk gemacht hat? Christus, der oberste und einzige Priester des Neuen und Ewigen Bundes und Bräutigam der Kirche, hört nicht auf, dem Vater dieses Erbe im Heiligen Geist darzubringen, damit Gott »alles in allen« (1 Kor 15, 28) sei.(62)

Dann wird sich die Wahrheit, daß »am größten die Liebe ist« (vgl. 1 Kor 13, 13), endgültig erfüllen.




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