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Ioannes Paulus PP. II
Mulieris dignitatem

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  • VI. MUTTERSCHAFT - JUNGFRÄULICHKEIT
    • Mutterschaft
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Mutterschaft

18. Um an diesem »Wahrnehmen« teilzuhaben, müssen wir noch einmal die Wahrheit über die menschliche Person vertiefen, die uns das Zweite Vatikanische Konzil in Erinnerung gerufen hat. Der Mensch - sowohl der Mann wie die Frau - ist auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur: Er ist eine Person, ein Subjekt, das über sich entscheidet. Zugleich kann der Mensch »sich selbst nur durch die aufrichtige Selbsthingabe vollkommen finden«.(39) Es wurde schon gesagt, daß diese Beschreibung, in gewissem Sinne eine Definition der Person, der biblischen Grundwahrheit über die Erschaffung des Menschen - als Mann und Frau - nach dem Bild und Gleichnis Gottes entspricht. Das ist keine rein theoretische Deutung oder abstrakte Definition; denn sie gibt im wesentlichen den Sinn des menschlichen Daseins an, indem sie den Wert der Selbsthingabe der Person betont. In dieser Sicht der Person ist auch das Wesen jenes »Ethos« enthalten, das in Verbindung mit der Wahrheit der Schöpfung von den Büchern der Offenbarung und besonders von den Evangelien voll entfaltet werden wird.

Diese Wahrheit über die Person eröffnet darüber hinaus den Weg zu einem vollen Verständnis der Mutterschaft der Frau. Die Mutterschaft ist das Ergebnis der ehelichen Vereinigung zwischen einem Mann und einer Frau, jenes biblischen »Erkennens«, von dem es in der Genesis heißt: »Die zwei werden ein Fleisch« (vgl. Gen 2, 24); sie verwirklicht auf diese Weise - von seiten der Frau - eine besondere »Selbsthingabe« als Ausdruck jener bräutlichen Liebe, in der sich die Eheleute so eng miteinander vereinigen, daß sie »ein Fleisch« werden. Das biblische »Erkennen« wird nur dann gemäß der Wahrheit der Person Wirklichkeit, wenn die gegenseitige Selbsthingabe weder dadurch entstellt wird, daß sich der Mann zum »Beherrscher« seiner Frau machen will (»Er wird über dich herrschen«), noch dadurch, daß sich die Frau auf ihre triebhafte Veranlagung zurückzieht (»Nach dem Mann wird dich verlangen«: Gen 3, 16).

Die gegenseitige Hingabe der Personen in der Ehe öffnet sich bereits für das Geschenk eines neuen Lebens, eines neuen Menschen, der auch eine Person nach dem Abbild seiner Eltern ist. Die Mutterschaft aber schließt von Anfang an eine besondere Aufnahmebereitschaft für diese neue Person ein: und eben das ist der Anteil der Frau. In dieser Bereitschaft, im Empfangen und Gebären eines Kindes, »findet die Frau durch ihre aufrichtige Selbsthingabe sich selbst«. Die Gabe der inneren Bereitschaft zum Empfangen und Gebären eines Kindes ist mit der ehelichen Vereinigung verbunden, die - wie schon gesagt - einen besonderen Augenblick der gegenseitigen Hingabe von seiten der Frau und des Mannes darstellen sollte. Empfängnis und Geburt des neuen Menschen werden nach der Bibel von den folgenden Worten der »Frau« und Mutter begleitet: »Ich habe einen Mann vom Herrn erworben« (Gen 4, 1). Dieser Ausruf Evas, der »Mutter aller Lebendigen«, wiederholt sich jedesmal, wenn ein neuer Mensch zur Welt kommt; er ist Ausdruck der Freude und des Bewußtseins der Frau, teilzuhaben an dem tiefen Geheimnis des ewigen Zeugens. Die Ehegatten haben teil an Gottes Schöpferkraft!

Die Mutterschaft der Frau im Zeitraum zwischen der Empfängnis und der Geburt des Kindes ist ein biophysiologischer und psychischer Prozeß, über den wir heutzutage besser Bescheid wissen als in der Vergangenheit und der Gegenstand zahlreicher tiefreichender Untersuchungen ist. Die wissenschaftliche Analyse bestätigt voll und ganz, daß bereits die physische Konstitution und der Organismus der Frau die natürliche Veranlagung zur Mutterschaft, zur Empfängnis, zur Schwangerschaft und zur Geburt des Kindes, als Folge der ehelichen Vereinigung mit dem Mann enthalten. Gleichzeitig entspricht das alles auch der psycho-physischen Struktur der Frau. Alles, was die verschiedenen Wissenschaftszweige zu diesem Thema sagen, ist wichtig und nützlich, insofern sie sich nicht auf eine rein biophysiologische Interpretation der Frau und ihrer Mutterschaft beschränken. Ein solches »verkürztes« Bild entspräche nämlich völlig der materialistischen Menschen- und Weltsicht. In diesem Falle ginge bedauerlicherweise das wirklich Wesentliche verloren: Die Mutterschaft als menschliches Faktum und Phänomen läßt sich nur auf der Grundlage der Wahrheit über die Person voll erklären. Die Mutterschaft steht im Zusammenhang mit der personalen Struktur des Frauseins und mit der personalen Dimension der Hingabe: »Ich habe einen Mann vom Herrn erworben« (Gen 4, 1). Der Schöpfer schenkt den Eltern ein Kind. Von seiten der Frau ist dies in besonderer Weise mit »einer aufrichtigen Hingabe ihrer selbst« verbunden. Die Worte Marias auf die Verkündigung hin: »Mir geschehe, wie du es gesagt hast«, bedeuten die Bereitschaft der Frau zur Hingabe und zur Annahme des neuen Lebens.

In der Mutterschaft der Frau, die an die Vaterschaft des Mannes gebunden ist, spiegelt sich das in Gott selber, dem dreieinigen Gott, gelegene ewige Geheimnis der Zeugung wider (vgl. Eph 3, 14-15). Das menschliche Zeugen ist Mann und Frau gemeinsam. Und wenn die Frau in Liebe zu ihrem Mann spricht: »Ich habe dir ein Kind geschenkt«, so bedeuten ihre Worte zugleich: »Das ist unser Kind«. Doch obwohl beide gemeinsam Eltern ihres Kindes sind, stellt die Mutterschaft der Frau einen besonderen Anteil dieser gemeinsamen Elternschaft, ja deren anspruchsvolleren Teil dar. Die Elternschaft gehört zwar zu beiden; sie verwirklicht sich jedoch viel mehr in der Frau, besonders in der vorgeburtlichen Phase. Die Frau muß unmittelbar für dieses gemeinsame Hervorbringen neuen Lebens »bezahlen«, das buchstäblich ihre leiblichen und seelischen Kräfte aufzehrt. Der Mann muß sich daher voll bewußt sein, daß ihm aus dieser gemeinsamen Elternschaft eine besondere Schuldverpflichtung gegenüber der Frau erwächst. Kein Programm für die »Gleichberechtigung« von Frauen und Männern ist gültig, wenn man diesem Umstand nicht ganz entscheidend Rechnung trägt.

Die Mutterschaft enthält eine besondere Gemeinschaft mit dem Geheimnis des Lebens, das im Schoß der Frau heranreift: Die Mutter steht staunend vor diesem Geheimnis, und mit einzigartiger Intuition »erfaßt« sie, was in ihr vor sich geht. Im Licht des »Anfangs« nimmt die Mutter das Kind, das sie im Schoß trägt, als Person an und liebt es. Diese einmalige Weise des Kontaktes mit dem neuen Menschen, der sich formt, schafft seinerseits eine derartige Einstellung zum Menschen - nicht nur zum eigenen Kind, sondern zum Menschen als solchem -, daß dadurch die ganze Persönlichkeit der Frau tief geprägt wird. Man ist allgemein überzeugt, daß die Frau mehr als der Mann fähig ist, auf die konkrete Person zu achten und daß die Mutterschaft diese Veranlagung noch stärker zur Entfaltung bringt. Der Mann befindet sich - trotz all seiner Teilhabe an der Elternschaft - immer »außerhalb« des Prozesses der Schwangerschaft und der Geburt des Kindes und muß in vielem von der Mutter seine eigene »Vaterschaft« lernen. Das gehört, so kann man sagen, zum normalen menschlichen Ablauf der Elternschaft, auch in ihrer weiteren Entwicklung nach der Geburt des Kindes, vor allem in der ersten Zeit. Die Erziehung des Kindes sollte, umfassend verstanden, den doppelten Beitrag der Eltern enthalten: den mütterlichen und den väterlichen Beitrag. Doch jener der Mutter ist entscheidend für die Grundlagen einer neuen menschlichen Persönlichkeit.




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