I.
EINFÜHRUNG
1. Die Bedeutung der
Werbung "wächst in der modernen Gesellschaft von Tag zu Tag".1
Dieser Feststellung, die der Päpstliche Rat vor einem Vierteljahrhundert
im Rahmen eines Überblicks über den Stand der sozialen
Kommunikationsmittel ausgesprochen hat, kommt heutzutage noch gröbere
Gültigkeit zu.
Genauso wie die Massenmedien selbst
überall einen enormen Einflub ausüben, ebenso wohnt der Werbung, die
die Medien als Werkzeug benützt, eine mächtige, alles durchdringende
Kraft inne, die Einstellungen und Verhalten in der heutigen Welt zu prägen
vermag.
Besonders seit dem II. Vatikanischen Konzil
hat die Kirche häufig das Thema Medien, ihre Rolle und Verantwortung
aufgegriffen.2 Sie bemühte sich, das auf eine grundsätzlich positive
Weise zu tun, wenn sie die Medien als "Geschenke Gottes" ansieht, die
gemäb dem Ratschlub seiner göttlichen Vorsehung die Menschen
verbinden und "ihnen helfen, im Heilswerk Gottes mitzuwirken".3
Hiermit betont die Kirche die Verantwortung
der Medien, zur echten, ganzheitlichen Entwicklung der Menschen beizutragen und
das Wohl der Gesellschaft zu fördern. "Die Information durch Medien
steht im Dienst des Gemeinwohls. Die Gesellschaft hat das Recht auf eine
Information, die auf Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität
gründet".4
In diesem Geist tritt die Kirche mit
Personen in Dialog, die in der Medienarbeit tätig sind. Gleichzeitig lenkt
sie die Aufmerksamkeit auf moralische Prinzipien und Normen, die für die
sozialen Kommunikationsmedien genauso gelten wie für andere menschliche
Verhaltensformen, während sie politische Vorgehensweisen und Praktiken,
die diese Normen verletzen, kritisiert.
In dieser zunehmenden Zahl von
Veröffentlichungen, die auf das kirchliche Medieninteresse
zurückzuführen sind, wurde da und dort auch das Thema Werbung
behandelt.5 Durch die wachsende Bedeutung der Werbung und durch die Nachfrage
nach einer ausführlicheren diesbezüglichen Untersuchung sehen wir uns
nun dazu veranlabt, auf dieses Thema zurückzukommen.
Unsere Absicht ist es, die Aufmerksamkeit
auf die positiven Beiträge zu lenken, die die Werbung leisten kann und
tatsächlich leistet; ethische und moralische Probleme herauszustellen,
welche die Werbung aufwerfen kann und tatsächlich aufwirft; auf in diesem
Bereich geltende Moralprinzipien hinzuweisen; und schlieblich gewisse Mabnahmen
vorzuschlagen, die von den beruflich in der Werbung Tätigen ebenso zu
berücksichtigen wären, wie auch sonst in der Privatwirtschaft; das
gilt auch für die Kirchen und den staatlichen Bereich.
Der Grund dafür, dab wir diese Fragen
angehen, ist einfach. Die Werbung hat in der heutigen Gesellschaft einen
tiefgreifenden Einflub darauf, wie die Menschen das Leben, die Welt und sich
selbst verstehen, insbesondere in bezug auf ihre Werte und die Art und Weise
ihrer Entscheidungen und ihres Verhaltens. Das sind Fragen, an welchen die
Kirche zutiefst und aufrichtig interessiert ist und sein mub.
2.
Bei der Werbung handelt es sich um ein
äuberst breites und buntes Feld. Allgemein gesprochen ist ein Werbeangebot
natürlich einfach eine öffentliche Anzeige, die Information
vermitteln und Kundschaft gewinnen bzw. zu irgendeiner anderen Reaktion
auffordern soll. Damit ist klar, dab Werbung grundsätzlich ein zweifaches
Ziel hat: Sie will informieren und überzeugen, und sehr oft sind diese
Zielsetzungen — obwohl unterscheidbar — beide gleichzeitig vorhanden.
Werbung ist nicht dasselbe wie Marketing
(Gesamtkomplex der unternehmerischen Tätigkeiten, mit denen die Güter
von den Produzenten an die Verbraucher herangeführt werden sollen) oder
Öffentlichkeitsarbeit im Sinne von Public Relations (das systematische
Bemühen, einen günstigen öffentlichen Eindruck oder ?Image' von
einer bestimmten Person oder Gruppe herzustellen). Sie wird aber in vielen
Fällen von diesen beiden als Technik bzw. Werkzeug eingesetzt.
Werbung kann sehr einfach — ein lokales,
geradezu ?nachbarschaftliches' Phänomen — sein oder sie kann sehr komplex
sein durch die Einbeziehung hochentwickelter Forschung und weltumspannender
multimedialer Kampagnen. Sie unterscheidet sich je nach der Zielgruppe, die
erreicht werden soll: so wirft z.B. Werbung, die auf Kinder abzielt, technische
und moralische Fragen auf, die sich auf signifikante Weise von jenen
unterscheiden, welche sich bei der auf sachkundige Erwachsene abzielenden
Werbung stellen.
Die Werbung bedient sich nicht nur vieler
verschiedener Medien und Techniken; man mub bei der Werbung selbst mehrere
verschiedene Typen unterscheiden: die kommerzielle Werbung für Produkte
und Dienstleistungen; die Werbung des öffentlichen Dienstes für
verschiedene Einrichtungen, Programme und Anliegen; und — ein Phänomen,
das heute zunehmend an Bedeutung gewinnt — die politische Werbung zugunsten von
Parteien und Kandidaten. Unter Berücksichtigung der Unterschiede zwischen
den verschiedenen Arten und Methoden von Werbung wollen wir das Folgende auf
sie alle angewandt wissen.
3.
Wir stimmen nicht mit der Behauptung
überein, Werbung spiegle einfach die Haltungen und Werte der umgebenden
Kultur wider. Zweifellos fungiert Werbung ebenso wie die sozialen
Kommunikationsmittel im allgemeinen als ein Spiegel. Doch genauso wie die Medien
überhaupt ist sie auch ein Spiegel, der hilft, die von ihm reflektierte
Wirklichkeit zu prägen, und bisweilen zeigt er ein verzerrtes Bild der
Wirklichkeit.
Werbemanager sind selektiv, was die Werte
und Haltungen betrifft, die unterstützt und angeregt werden sollen, indem
sie manche fördern, während sie andere ignorieren. Diese
Selektivität straft die Behauptung Lügen, Werbung reflektiere
lediglich die umgebende Kultur. So kann z.B. das Fehlen bestimmter rassischer
und ethnischer Gruppen in der Werbung in manchen multi-rassischen und
multi-ethnischen Gesellschaften zum Entstehen von Image- und
Identitätsproblemen besonders unter den Vernachlässigten und
Mibachteten beitragen, und der von der Wirtschaftswerbung beinahe unvermeidlich
vermittelte Eindruck, ein Überflub an Gütern führe zu Glück
unf Erfüllung, kann irreführend und frustrierend sein.
Die Werbung übt durch ihren Einflub auf
die Massenmedien auch einen indirekten, aber mächtigen Einflub auf die
Kultur aus. Viele Publikationen und Rundfunkund Fernsehbetriebe sind für
ihr Überleben auf Werbeeinnahmen angewiesen. Das trifft auf religiöse
Medien ebenso zu wie auf die kommerziellen. Die Werbemanager ihrerseits
bemühen sich natürlich darum, das Publikum zu erreichen; und die Medien,
die sich bemühen, den Werbemanagern ein Publikum zu liefern, müssen
ihr Angebot so gestalten, dab es ein Publikum in dem angestrebten Umfang und
der gewünschten demographischen Zusammensetzung anzieht. Diese
wirtschaftliche Abhängigkeit der Medien und die Macht, die sie Werbemanagern
in die Hand gibt, bringt für beide ernste Verantwortlichkeiten mit sich.
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