I. KAPITEL - DAS BLUT
DEINES BRUDERS SCHREIT ZU MIR VOM ACKERBODEN - DIE GEGENWÄRTIGEN
BEDROHUNGEN DES MENSCHLICHEN LEBENS
»Kain griff seinen Bruder
Abel an und erschlug ihn« (Gen 4, 8): an der Wurzel der Gewalt gegen das Leben
7. »Denn Gott
hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum
Dasein hat er alles geschaffen... Gott hat den Menschen zur
Unvergänglichkeit geschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens
gemacht. Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt, und
ihn erfahren alle, die ihm angehören« (Weish 1, 13-14; 2, 23-24).
Im Widerspruch zum Evangelium
vom Leben, das am Anfang mit der Erschaffung des Menschen nach dem Ebenbild
Gottes zu einem vollen und vollkommenen Leben (vgl. Gen 2, 7; Weish 9,
2-3) erschallte, steht die qualvolle Erfahrung des Todes, der in die Welt
kommt und auf das ganze Dasein des Menschen den Schatten des Un-Sinnes
wirft. Der Tod kommt durch den Neid des Teufels (vgl. Gen 3, 1.4-5) und
die Sünde der Stammeltern (vgl. Gen 2, 17; 3, 17-19) in die Welt. Und er
kommt gewaltsam mit der Ermordung Abels durch seinen Bruder Kain: »Als
sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn« (Gen
4, 8).
Dieser erste Mord wird in einer
beispielhaften Episode des Buches Genesis mit einzigartiger Beredtheit
geschildert: eine Episode, die jeden Tag pausenlos und in bedrückender
Wiederholung neu ins Buch der Geschichte der Völker geschrieben wird.
Wir wollen miteinander diesen
Passus aus der Bibel wieder lesen, der trotz seines archaischen Charakters und
seiner äußersten Schlichtheit höchst lehrreich erscheint.
»Abel wurde Schafhirt und Kain
Ackerbauer. Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten
des Feldes dar; auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und
von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und
sein Opfer schaute er nicht.
Da überfiel es Kain ganz heiß,
und sein Blick senkte sich. Der Herr sprach zu Kain: 'Warum überläuft es dich
heiß, und warum senkt sich dein Blick? Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst
du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon.
Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn!?
Hierauf sagte Kain zu seinem
Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen
Bruder Abel an und erschlug ihn.
Da sprach der Herr zu Kain:
'Wo ist dein Bruder Abel?? Er entgegnete: 'Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter
meines Bruders?? Der Herr sprach: 'Was hast du getan? Das Blut deines Bruders
schreit zu mir vom Ackerboden. So bist du verflucht, verbannt vom Ackerboden,
der seinen Mund aufgesperrt hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruders
aufzunehmen. Wenn du den Ackerboden bestellst, wird er dir keinen Ertrag mehr
bringen. Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein.?
Kain antwortete dem Herrn: 'Zu
groß ist meine Schuld, als daß ich sie tragen könnte. Du hast mich heute vom
Ackerland verjagt, und ich muß mich vor deinem Angesicht verbergen; rastlos und
ruhelos werde ich auf der Erde sein, und wer mich findet, wird mich
erschlagen.?
Der Herr aber sprach zu ihm:
'Darum soll jeder, der Kain erschlägt, siebenfacher Rache verfallen.? Darauf
machte der Herr dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn
finde. Dann ging Kain vom Herrn weg und ließ sich im Land Nod nieder, östlich
von Eden« (Gen 4,
2-16).
8. Kain
»überlief es ganz heiß« und sein Blick »senkte sich», weil »der Herr auf Abel
und sein Opfer schaute« (Gen 4, 4). Der biblische Text enthüllt zwar
nicht, aus welchem Grund Gott das Opfer Abels jenem Kains vorzieht; er weist
jedoch mit aller Klarheit darauf hin, daß Gott trotz der Bevorzugung von Abels
Gabe den Dialog mit Kain nicht abbricht. Er ermahnt ihn, indem er ihn
an seine Freiheit gegenüber dem Bösen erinnert: der Mensch ist keineswegs
für das Böse vorherbestimmt. Sicherlich wird er, wie schon Adam, von der verderblichen
Macht der Sünde in Versuchung geführt, die, einer wilden Bestie gleich, an der
Pforte seines Herzens lauert und darauf wartet, über die Beute herzufallen.
Aber Kain bleibt der Sünde gegenüber frei. Er kann und er soll Herr über sie
sein: »Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn!« (Gen 4,
7).
Eifersucht und Zorn gewinnen
Oberhand über die Mahnung
des Herrn, und so greift Kain seinen eigenen Bruder an und erschlägt ihn. Im Katechismus
der katholischen Kirche lesen wir: »Im Bericht über die Ermordung Abels
durch seinen Bruder Kain offenbart die Schrift, daß im Menschen schon von
Anfang seiner Geschichte an Zorn und Eifersucht als Folgen der Erbsünde wirksam
sind. Der Mensch ist zum Feind des Mitmenschen geworden«.
Der Bruder tötet den Bruder. Wie beim ersten Brudermord wird bei jedem
Mord die »geistige« Verwandtschaft geschändet, die die Menschen zu einer
einzigen großen Familie vereinigt, da sie alle an demselben
grundlegenden Gut teilhaben: der gleichen Personwürde. Nicht selten wird auch
die Verwandtschaft »des Fleisches und Blutes« geschändet, wenn zum
Beispiel die Bedrohungen des Lebens im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern
ausbrechen, wie es bei der Abtreibung geschieht, oder wenn im weitesten Familien-und
Verwandtenkreis die Euthanasie befürwortet oder dazu angestiftet wird.
Am Anfang jeder Gewalt gegen den
Nächsten steht ein Nachgeben gegenüber der »Logik« des Bösen, das heißt
desjenigen, der »von Anfang an ein Mörder war« (Joh 8, 44), wie uns der Apostel
Johannes in Erinnerung ruft: »Denn das ist die Botschaft, die ihr von Anfang an
gehört habt: Wir sollen einander lieben und nicht wie Kain handeln, der von dem
Bösen stammte und seinen Bruder erschlug« (1 Joh 3, 11-12). Die
Ermordung des Bruders ist also von Beginn der Geschichte an das traurige
Zeugnis dafür, wie das Böse mit beeindruckender Geschwindigkeit voranschreitet:
zum Aufbegehren des Menschen gegen Gott im irdischen Paradies gesellt sich der
tödliche Kampf des Menschen gegen den Menschen.
Nach dem Verbrechen greift
Gott ein, um den Ermordeten zu rächen. Gott gegenüber, der sich nach dem
Schicksal Abels erkundigt, weicht Kain in Überheblichkeit der Frage aus, statt
sich verlegen zu zeigen und um Verzeihung zu bitten: »Ich weiß es nicht. Bin ich
der Hüter meines Bruders?« (Gen 4, 9). »Ich weiß es nicht«: mit
der Lüge versucht Kain das Verbrechen zu verdecken. So ist es oft geschehen und
geschieht es, wenn Ideologien verschiedenster Art dazu dienen, um die
schrecklichsten Verbrechen gegen die Person zu rechtfertigen und zu bemänteln. »Bin
ich der Hüter meines Bruders?«: Kain will nicht an den Bruder denken und
lehnt es ab, jene Verantwortung, die jeder Mensch gegenüber dem anderen hat, zu
leben. Das läßt uns unwillkürlich an heutige Bestrebungen denken, die den
Menschen seiner Verantwortung gegenüber seinem Mitmenschen entheben wollen;
Anzeichen dafür sind unter anderem das Nachlassen der Solidarität gegenüber den
schwächsten Gliedern der Gesellschaft, wie den Alten, den Kranken, den
Einwanderern, den Kindern gegenüber, und die häufig zu bemerkende
Gleichgültigkeit in den Beziehungen der Völker untereinander, selbst dann, wenn
fundamentale Werte wie das Überleben, die Freiheit und der Friede auf dem Spiel
stehen.
9. Doch Gott
kann das Verbrechen nicht ungestraft lassen: vom Ackerboden, auf dem es
vergossen wurde, verlangt das Blut des Erschlagenen, daß Er Gerechtigkeit
widerfahren lasse (vgl. Gen 37, 26; Jes 26, 21; Ez 24,
7f). Aus diesem Text hat die Kirche die Bezeichnung »himmelschreiende Sünden«
abgeleitet und in diese vor allem den beabsichtigten Mord einbezogen.
Für die Juden ist, wie für viele Völker der Antike, das Blut der
Sitz des Lebens, ja »das Blut ist Lebenskraft« (Dtn 12, 23), und das
Leben, besonders das menschliche Leben, gehört allein Gott: wer daher nach
dem Leben des Menschen trachtet, trachtet Gott selbst nach dem Leben.
Kain ist von Gott und ebenso vom Ackerboden, der ihm
seinen Ertrag verweigert, verflucht (vgl. Gen 4, 11-12). Und er wird
bestraft: er soll in der Steppe und in der Wüste wohnen. Die mörderische
Gewalttätigkeit verändert das Lebensmilieu des Menschen tiefgreifend. Aus dem
»Garten von Eden« (Gen 2, 15), einem Ort des Überflusses, der
unbeschwerten zwischenmenschlichen Beziehungen und der Freundschaft mit Gott,
wird die Erde zum »Land Nod« (Gen 4, 16), Ort des »Elends», der
Einsamkeit und der Gottferne. Kain wird »rastlos und ruhelos auf der Erde« sein
(Gen 4, 14): Unsicherheit und Unbeständigkeit werden ihn immer begleiten.
Gott jedoch, der stets
Barmherzige, auch wenn Er straft, »machte dem Kain ein Zeichen, damit
ihn keiner erschlage, der ihn finde« (Gen 4, 15): Er versieht ihn also
mit einem Zeichen, das nicht den Zweck hat, ihn zur Verabscheuung durch die
anderen Menschen zu verdammen, sondern ihn vor allen zu schützen und zu
verteidigen, die ihn töten wollen, und wäre es auch, um den Tod Abels zu
rächen. Nicht einmal der Mörder verliert seine Personwürde, und Gott
selber leistet dafür Gewähr. Tatsächlich offenbart sich hier das paradoxe
Geheimnis von der barmherzigen Gerechtigkeit Gottes, wie der hl. Ambrosius
schreibt: »Nachdem in dem Augenblick, als sich die Sünde eingeschlichen hatte,
ein Brudermord, also das größte Verbrechen, begangen worden war, mußte sofort
das Gesetz von der göttlichen Barmherzigkeit erweitert werden; damit es nicht
geschähe, daß die Menschen, obwohl die Strafe den Schuldigen unmittelbar
getroffen hatte, beim Bestrafen weder Toleranz noch Milde walten lassen,
sondern die Schuldigen unverzüglich der Strafe ausliefern würden. (...) Gott
verstieß Kain von seinem Angesicht und verbannte den von seinen Eltern
Abtrünnigen an einen anderen Wohnort, weil er von der menschlichen Zahmheit zur
tierischen Wildheit übergegangen war. Doch Gott wollte den Mörder nicht durch einen
Mord bestrafen, da Er mehr die Reue des Sünders will als seinen Tod«.
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