KAPITEL VI - DIE WECHSELWIRKUNG ZWISCHEN THEOLOGIE
UND PHILOSOPHIE
Die
Glaubenswissenschaft und die Erfordernisse der philosophischen Vernunft [64-74]
64.
Das Wort Gottes richtet sich an jeden Menschen, zu jeder Zeit und an jedem Ort
der Erde; und der Mensch ist von Natur aus Philosoph. Die Theologie, als
durchdachte wissenschaftliche Erarbeitung des Verständnisses dieses Wortes im
Lichte des Glaubens, kann sowohl für manche ihrer Verfahrensweisen wie auch für
die Erfüllung bestimmter Aufgaben nicht darauf verzichten, mit den Philosophien
in Beziehung zu treten, die im Laufe der Geschichte tatsächlich ausgearbeitet
worden sind. Ohne den Theologen besondere Methoden empfehlen zu wollen, was dem
Lehramt auch gar nicht zusteht, möchte ich vielmehr einige Aufgaben der
Theologie ins Gedächtnis rufen, bei denen aufgrund des Wesens des geoffenbarten
Wortes der Rückgriff auf das philosophische Denken geboten ist.
65.
Die Theologie konstituiert sich als Glaubenswissenschaft im Lichte eines
methodischen Doppelprinzips: dem auditus fidei und dem intellectus
fidei. Durch das erste gelangt sie in den Besitz der Offenbarungsinhalte,
so wie sie in der Heiligen Überlieferung, in der Heiligen Schrift und im
lebendigen Lehramt der Kirche fortschreitend ausgefaltet worden sind.88
Mit dem zweiten Prinzip will die Theologie den Anforderungen des Denkens durch
die spekulative Reflexion entsprechen.
Was die
Vorbereitung auf einen korrekten auditus fidei betrifft, so leistet die
Philosophie der Theologie ihren eigentlichen Beitrag dann, wenn sie die
Struktur der Erkenntnis und der persönlichen Mitteilung sowie besonders die
vielfältigen Formen und Funktionen der Sprache betrachtet und bedenkt. Ebenso
wichtig ist der Beitrag der Philosophie für ein zusammenhängendes Verständnis
der kirchlichen Überlieferung, der Erklärungen des Lehramtes und der Sätze der
großen Lehrer der Theologie: diese drücken sich nämlich häufig in Begriffen und
Denkformen aus, die einer bestimmten philosophischen Tradition entlehnt sind.
In diesem Fall wird vom Theologen verlangt, daß er nicht nur die Begriffe und
Formulierungen erklärt, mit denen die Kirche über ihre Lehre nachdenkt und sie
erarbeitet; er muß auch die philosophischen Systeme, die möglicherweise
Begriffe und Terminologie beeinflußt haben, gründlich kennen, um zu korrekten
und kohärenten Interpretationen zu gelangen.
66.
Was den intellectus fidei betrifft, so ist vor allem zu beachten, daß
die göttliche Wahrheit, »die uns in den von der Lehre der Kirche richtig
ausgelegten Heiligen Schriften vorgelegt wird«,89 eine eigene, in ihrer
Logik so konsequente Verständlichkeit besitzt, daß sie sich als ein echtes
Wissen darstellt. Der intellectus fidei legt diese Wahrheit aus, indem
er nicht nur die logischen und begrifflichen Strukturen der Aussagen aufnimmt,
in denen sich die Lehre der Kirche artikuliert, sondern auch und vorrangig die
Heilsbedeutung sichtbar werden läßt, die diese Aussagen für den einzelnen und
für die Menschheit enthalten. Von der Gesamtheit dieser Aussagen gelangt der
Glaubende zur Kenntnis der Heilsgeschichte, die in der Person Jesu Christi und
in seinem Ostergeheimnis ihren Höhepunkt hat. Durch seine Zustimmung aus dem
Glauben hat er an diesem Geheimnis teil.
Die dogmatische
Theologie muß ihrerseits imstande sein, den universalen Sinn des
Geheimnisses des dreieinigen Gottes und des Heilsplanes sowohl in
erzählerischer Weise als auch vor allem in Form der Argumentation darzulegen.
Das muß sie mit Hilfe von Ausdrücken und Begriffen tun, die aus der
Urteilskraft heraus formuliert und allgemein mitteilbar sind. Denn ohne den
Beitrag der Philosophie ließen sich theologische Inhalte, wie zum Beispiel das
Sprechen über Gott, die Personbeziehungen innerhalb der Trinität, das
schöpferische Wirken Gottes in der Welt, die Beziehung zwischen Gott und dem
Menschen, die Identität Christi, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist, nicht veranschaulichen.
Dasselbe gilt für verschiedene Themen der Moraltheologie, wo ganz offenkundig
Begriffe, wie z.B. Sittengesetz, Gewissen, Freiheit, persönliche Verantwortung,
Schuld usw. zur Anwendung kommen, die im Rahmen der philosophischen Ethik definiert
werden.
Daher muß die
Vernunft des Gläubigen eine natürliche, wahre und stimmige Kenntnis der
geschaffenen Dinge, der Welt und des Menschen besitzen, die auch Gegenstand der
göttlichen Offenbarung sind; mehr noch: die Vernunft des Gläubigen muß in der Lage
sein, diese Kenntnis begrifflich und in der Form der Argumentation darzulegen.
Die spekulative dogmatische Theologie setzt daher implizit eine auf die
objektive Wahrheit gegründete Philosophie vom Menschen, von der Welt und,
radikaler, vom Sein voraus.
67.
Die Fundamentaltheologie wird sich wegen des Charakters dieser
theologischen Disziplin, deren Aufgabe die Rechenschaft über den Glauben ist
(vgl. 1 Petr 3, 15), darum kümmern müssen, die Beziehung zwischen dem
Glauben und dem philosophischen Denken zu rechtfertigen und zu erklären. Schon
das I. Vatikanische Konzil hatte die paulinische Lehre (vgl. Röm 1,
19-20) neu eingebracht und die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß es Wahrheiten
gibt, die auf natürlichem Weg erkennbar sind. Daher sind sie es auch auf
philosophischem Weg. Ihr Erkennen stellt eine notwendige Voraussetzung für die
Annahme der Offenbarung Gottes dar. Beim Erforschen der Offenbarung und ihrer
Glaubwürdigkeit, begleitet von dem entsprechenden Glaubensakt, wird die Fundamentaltheologie
zeigen müssen, daß im Lichte der Erkenntnis durch den Glauben einige Wahrheiten
ans Licht kommen, welche die Vernunft bereits auf ihrem selbständigen Weg der
Suche erreicht. Die Offenbarung verleiht diesen Wahrheiten dadurch Sinnfülle,
daß sie sie auf den Reichtum des geoffenbarten Geheimnisses hinlenkt, in dem
sie ihr letztes Ziel finden. Man denke zum Beispiel an die natürliche
Gotteserkenntnis, an die Möglichkeit der Unterscheidung der göttlichen
Offenbarung von anderen Phänomenen oder an die Anerkennung ihrer
Glaubwürdigkeit, an die Fähigkeit der menschlichen Sprache, ausdrücklich und
wahrhaftig auch von dem zu sprechen, was jede menschliche Erfahrung übersteigt.
Von allen diesen Wahrheiten wird der Geist dazu gebracht, das Vorhandensein eines
wirklich auf den Glauben vorbereitenden Weges anzuerkennen, der in die Annahme
der Offenbarung einmünden kann, ohne die eigenen Prinzipien und ihre Autonomie
im geringsten zu verletzen.90
In demselben
Maß wird die Fundamentaltheologie aufzeigen müssen, daß eine innere
Vereinbarkeit zwischen dem Glauben und seinem wesentlichen Anspruch besteht,
sich durch eine Vernunft darzustellen, die in der Lage ist, in voller Freiheit
ihre Zustimmung zu geben. So wird der Glaube »einer Vernunft, die aufrichtig
nach der Wahrheit sucht, voll den Weg weisen können. Auf diese Weise kann der
Glaube als Geschenk Gottes, auch wenn er sich nicht auf die Vernunft stützt,
sicher nicht auf sie verzichten; gleichzeitig erscheint es für die Vernunft
notwendig, vom Glauben Gebrauch zu machen, um die Horizonte zu entdecken, die
sie allein nicht zu erreichen vermöchte«.91
68.
Die Moraltheologie hat vielleicht in noch höherem Maße den Beitrag der
Philosophie nötig. Denn im Neuen Bund ist das menschliche Leben viel weniger
durch Vorschriften geregelt als im Alten Bund. Das Leben im Heiligen Geist
führt die Glaubenden zu einer Freiheit und Verantwortlichkeit, die über das
Gesetz selbst hinausgehen. Immerhin stellen das Evangelium und die
apostolischen Schriften sowohl allgemeine Prinzipien christlicher Lebensführung
als auch gewissenhafte Lehren und Gebote auf. Um sie auf die besonderen
Verhältnisse des Lebens des einzelnen und der Gesellschaft anzuwenden, muß der
Christ imstande sein, sein Gewissen und seine Denkkraft bis zum Äußersten
einzusetzen. Das heißt mit anderen Worten, die Moraltheologie muß sich einer
richtigen philosophischen Sicht sowohl von der menschlichen Natur und
Gesellschaft wie von den allgemeinen Prinzipien einer sittlichen Entscheidung
bedienen.
69.
Man mag vielleicht einwenden, daß sich der Theologe in der gegenwärtigen
Situation weniger der Philosophie als vielmehr der Hilfe anderer Formen des
menschlichen Wissens bedienen sollte, wie der Geschichte und vor allem der
Naturwissenschaften, deren jüngste außergewöhnliche Entwicklungen alle
bewundern. Andere dagegen vertreten infolge einer gesteigerten Sensibilität für
die Beziehung zwischen Glaube und Kultur die Ansicht, die Theologie sollte sich
statt einer Philosophie griechischen und eurozentrischen Ursprungs lieber den
traditionellen Weisheitsformen zuwenden. Wieder andere leugnen, von einer
falschen Vorstellung des Pluralismus der Kulturen ausgehend, schlechthin den
universalen Wert des von der Kirche empfangenen philosophischen Erbes.
Diese hier
angeführten Ansichten, die uns unter anderem bereits in der Lehre des Konzils
begegnen,92 sind teilweise wahr. Die Bezugnahme auf die
Naturwissenschaften ist in vielen Fällen nützlich, weil sie eine vollständigere
Kenntnis des Forschungsobjektes ermöglicht; sie darf jedoch nicht die
notwendige Vermittlung einer typisch philosophischen, kritischen und
Allgemeingültigkeit anstrebenden Reflexion in Vergessenheit geraten lassen, die
im übrigen von einem fruchtbaren Austausch zwischen den Kulturen gefordert
wird. Was ich dringend unterstreichen möchte, ist die Verpflichtung, nicht beim
konkreten Einzelfall stehenzubleiben und damit die vorrangige Aufgabe zu
vernachlässigen, die darin besteht, den universalen Charakter des Glaubensinhaltes
aufzuzeigen. Zudem darf man nicht vergessen, daß es der besondere Beitrag des
philosophischen Denkens erlaubt, sowohl in den verschiedenen Lebensauffassungen
wie in den Kulturen zu erkennen, »nicht was die Menschen denken, sondern welches
die objektive Wahrheit ist«.93 Nicht die verschiedenen menschlichen
Meinungen, sondern allein die Wahrheit kann für die Theologie hilfreich sein.
70.
Das Thema der Beziehung zu den Kulturen verdient eine spezielle, wenn auch
notgedrungen nicht erschöpfende Überlegung wegen der von dort herrührenden
Implikationen sowohl im philosophischen wie im theologischen Bereich. Der
Prozeß der Begegnung und Auseinandersetzung mit den Kulturen ist eine
Erfahrung, welche die Kirche von den Anfängen der Verkündigung des Evangeliums
an erlebt hat. Das Gebot Christi an die Jünger, überall hinzugehen, »bis an die
Grenzen der Erde« (Apg 1, 8), um die von ihm geoffenbarte Wahrheit
weiterzugeben, hat die Christengemeinde in die Lage versetzt, schon sehr bald
die Allgemeingültigkeit der Verkündigung und die aus der Verschiedenheit der
Kulturen entstehenden Hindernisse festzustellen. Ein Abschnitt aus dem Brief
des hl. Paulus an die Christen von Ephesus bietet eine gute Hilfe, um zu
verstehen, wie die Urgemeinde an dieses Problem herangegangen ist. Der Apostel
schreibt: »Jetzt aber seid ihr, die ihr einst in der Ferne wart, durch Christus
Jesus, nämlich durch sein Blut, in die Nähe gekommen. Denn er ist unser Friede.
Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riß durch sein Sterben
die trennende Wand der Feindschaft nieder« (2, 13-14).
Im Lichte
dieses Textes dehnt sich unsere Überlegung auf den Wandel aus, der sich in den
Heiden ereignet hat, die einst zum Glauben gelangt sind. Angesichts der Fülle
des von Christus vollbrachten Heils fallen die trennenden Wände zwischen den
verschiedenen Kulturen. Die Verheißung Gottes wird nun in Christus zu einem
Angebot für alle: sie ist nicht mehr auf die Eigenart eines Volkes, seiner
Sprache und seiner Bräuche beschränkt, sondern wird als Schatz, aus dem jeder
frei schöpfen kann, auf alle ausgedehnt. Von verschiedenen Orten und
Traditionen sind alle in Christus dazu berufen, an der Einheit der Familie der
Kinder Gottes teilzuhaben. Christus erlaubt den beiden Völkern »eins« zu
werden. Jene, die »in der Ferne« waren, sind dank des vom Ostergeheimnis
gewirkten Neuen »in die Nähe gekommen«. Jesus reißt die trennenden Wände nieder
und vollzieht auf einzigartige und erhabene Weise die Vereinigung durch die
Teilhabe an seinem Geheimnis. Diese Einheit ist so tief, daß die Kirche mit dem
hl. Paulus sagen kann: »Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht,
sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes« (Eph 2, 19).
In einem so
einfachen Satz wird eine großartige Wahrheit beschrieben: Die Begegnung des
Glaubens mit den verschiedenen Kulturen hat tatsächlich eine neue Wirklichkeit
ins Leben gerufen. Wenn die Kulturen tief im Humanen verwurzelt sind, tragen
sie das Zeugnis der typischen Öffnung des Menschen für das Universale und für
die Transzendenz in sich. Deshalb stehen sie als verschiedene Annäherungen an
die Wahrheit da; diese stellen sich als zweifellos nützlich für den Menschen
heraus, den sie auf Werte hinweisen, die sein Dasein immer menschlicher machen
können.94 Insofern sich dann die Kulturen auf die Werte der antiken
Überlieferungen berufen, enthalten sie — zwar unausgesprochen, deshalb aber
nicht weniger real — den Bezug auf das Sich-Offenbaren Gottes in der Natur, wie
wir vorher bei der Besprechung der Weisheitstexte und der Lehre des hl. Paulus
gesehen haben.
71.
Da die Kulturen in enger Beziehung zu den Menschen und ihrer Geschichte stehen,
teilen sie dieselben dynamischen Kräfte, mit denen sich die menschliche Zeit
Ausdruck verschafft. Demzufolge sind Veränderungen und Fortschritte zu
verzeichnen, die auf den Begegnungen der Menschen miteinander und auf ihrem
gegenseitigen Austausch über ihre Lebensmodelle beruhen. Die Kulturen nähren
sich aus der Mitteilung von Werten, und ihre Lebenskraft und ihr Bestand rührt
von der Fähigkeit her, offen zu bleiben für die Aufnahme des Neuen. Welche
Erklärung gibt es für diese dynamischen Kräfte? Jeder Mensch ist in eine Kultur
verflochten, hängt von ihr ab und beeinflußt sie. Er ist zugleich Kind und
Vater der Kultur, in der er eingebunden ist. In jeder seiner Lebensäußerungen
trägt er etwas mit sich, was ihn aus der Schöpfung heraushebt: seine ständige
Offenheit für das Geheimnis und sein unerschöpfliches Verlangen nach Erkenntnis.
Infolgedessen trägt jede Kultur das Prägemal der auf eine Vollendung hin
gerichtete Spannung an sich und läßt sie durchscheinen. Man kann daher sagen,
die Kultur hat die Möglichkeit in sich, die göttliche Offenbarung anzunehmen.
Die Art und
Weise, wie die Christen den Glauben leben, ist auch durchdrungen von der Kultur
ihrer Umgebung und trägt ihrerseits dazu bei, fortlaufend deren Wesensmerkmale
zu gestalten. Die Christen bringen in jede Kultur die von Gott in der
Geschichte und in der Kultur eines Volkes geoffenbarte, unwandelbare Wahrheit
von Gott ein. So pflanzt sich im Laufe der Jahrhunderte das Ereignis immer
weiter fort, dessen Zeugen die am Pfingsttag in Jerusalem anwesenden Pilger
waren. Als sie den Aposteln zuhörten, fragten sie sich: »Sind das nicht alles
Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache
hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und
Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von
Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier
aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren
Sprachen Gottes große Taten verkünden« (Apg 2, 7-11). Die Verkündigung
des Evangeliums in den verschiedenen Kulturen verlangt von den einzelnen
Empfängern das Festhalten am Glauben; sie hindert die Empfänger aber nicht
daran, ihre kulturelle Identität zu bewahren. Das erzeugt keine Spaltung, weil
sich das Volk der Getauften durch eine Universalität auszeichnet, die jede
Kultur aufnehmen kann, wodurch die Weiterentwicklung des in ihr implizit
Vorhandenen hin zu seiner vollen Entfaltung in der Wahrheit begünstigt wird.
Die
Schlußfolgerung daraus ist, daß eine Kultur niemals zum Urteilskriterium und
noch weniger zum letzten Wahrheitskriterium gegenüber der Offenbarung Gottes
werden kann. Das Evangelium steht nicht im Gegensatz zu dieser oder jener
Kultur, als wollte es ihr bei der Begegnung mit ihr das aberkennen, was zu ihr
gehört, und sie zur Annahme äußerer Formen nötigen, die nicht zu ihr passen. Im
Gegenteil, die Verkündigung, die der Gläubige in die Welt und in die Kulturen
trägt, ist eine wirkliche Form der Befreiung von jeder durch die Sünde
eingeführten Unordnung und zugleich Aufruf zur vollen Wahrheit. Bei dieser
Begegnung wird den Kulturen nichts aberkannt; sie werden sogar ermuntert, sich
dem Neuen zu öffnen, das die Wahrheit des Evangeliums enthält, um daraus
Ansporn zu weiteren Entwicklungen zu gewinnen.
72.
Der Umstand, daß die Evangelisierung auf ihrem Weg zunächst der griechischen
Philosophie begegnete, ist keineswegs ein Hinweis darauf, daß andere Wege der
Annäherung ausgeschlossen wären. In unserer heutigen Zeit, in der das
Evangelium nach und nach mit Kulturräumen in Berührung kommt, die sich bisher
außerhalb des Verbreitungsbereiches des Christentums befunden hatten, eröffnen
sich für die Inkulturation neue Aufgaben. Unserer Generation stellen sich
ähnliche Probleme, wie sie die Kirche in den ersten Jahrhunderten zu bewältigen
hatte.
Meine Gedanken
gehen spontan zu den Ländern des Orients, die so reich an sehr alten religiösen
und philosophischen Überlieferungen sind. Unter ihnen nimmt Indien einen
besonderen Platz ein. Ein großartiger geistiger Aufschwung führt das indische
Denken zur Suche nach einer Erfahrung, die dadurch, daß sie den Geist von den
durch Zeit und Raum gegebenen Bedingtheiten befreit, Absolutheitswert hat. Im
Dynamismus dieser Suche nach Befreiung finden sich große metaphysische Systeme.
Den Christen
von heute, vor allem jenen in Indien, fällt die Aufgabe zu, aus diesem reichen
Erbe die Elemente zu entnehmen, die mit ihrem Glauben vereinbar sind, so daß es
zu einer Bereicherung des christlichen Denkens kommt. Für diese
Unterscheidungsarbeit, zu der die Konzilserklärung Nostra aetate Anregung
bietet, sollen sie eine Reihe von Kriterien berücksichtigen. Das erste ist die
Universalität des menschlichen Geistes, dessen Grundbedürfnisse in den
verschiedenen Kulturen identisch sind. Das zweite Kriterium, das sich aus dem ersten
ergibt, besteht in Folgendem: Wenn die Kirche mit großen Kulturen in Kontakt
tritt, mit denen sie vorher noch nicht in Berührung gekommen war, darf sie sich
nicht von dem trennen, was sie sich durch die Inkulturation ins
griechisch-lateinische Denken angeeignet hat. Der Verzicht auf ein solches Erbe
würde dem Vorsehungsplan Gottes zuwiderlaufen, der seine Kirche die Straßen der
Zeit und der Geschichte entlangführt. Dieses Kriterium gilt übrigens für die
Kirche jeder Epoche, auch für die Kirche von morgen, die sich durch die in der
heutigen Annäherung an die orientalischen Kulturen gewonnenen Errungenschaften
bereichert fühlen wird. Sie wird in diesem Erbe neue Hinweise finden, um in
einen fruchtbaren Dialog mit jenen Kulturen einzutreten, welche die Menschheit
auf ihrem Weg in die Zukunft zum Erblühen bringen können. Drittens soll man
sich davor hüten, den legitimen Anspruch des indischen Denkens auf Besonderheit
und Originalität mit der Vorstellung zu verwechseln, eine kulturelle Tradition
müsse sich in ihr Verschiedensein einkapseln und sich in ihrer
Gegensätzlichkeit zu den anderen Traditionen behaupten; dies würde dem Wesen
des menschlichen Geistes widersprechen.
Was hier für
Indien gesagt wird, gilt auch für das Erbe, das die großen Kulturen Chinas,
Japans und der anderen Länder Asiens sowie der Reichtum der vor allem mündlich
überlieferten traditionellen Kulturen Afrikas enthalten.
73.
Im Lichte dieser Überlegungen wird die Beziehung, die sich zwischen Theologie
und Philosophie anbahnen soll, in Form einer Kreisbewegung erfolgen. Für die
Theologie wird das in der Geschichte geoffenbarte Wort Gottes stets
Ausgangspunkt und Quelle sein, während das letzte Ziel nur das in der
Aufeinanderfolge der Generationen nach und nach vertiefte Verständnis des
Gotteswortes sein kann. Da andererseits das Wort Gottes Wahrheit ist (vgl. Joh
17, 17), muß zu seinem besseren Verständnis die menschliche Suche nach der
Wahrheit, das heißt das unter Respektierung der ihm eigenen Gesetze entwickelte
Philosophieren, nutzbar gemacht werden. Dabei handelt es sich nicht einfach
darum, in der theologischen Argumentation den einen oder anderen Begriff oder
Bruchstücke eines philosophischen Gefüges zu verwenden; entscheidend ist, daß
bei der Suche nach dem Wahren innerhalb einer Bewegung, die sich, ausgehend vom
Wort Gottes, um dessen besseres Verständnis bemüht, die Vernunft des Glaubenden
ihre Denkfähigkeiten einsetzt. Im übrigen ist klar, daß die Vernunft, wenn sie
sich innerhalb dieser beiden Pole — Wort Gottes und sein besseres Verständnis —
bewegt, gleichsam darauf hingewiesen, ja in gewisser Weise dazu angehalten
wird, Wege zu meiden, die sie außerhalb der geoffenbarten Wahrheit und letzten
Endes außerhalb der reinen, einfachen Wahrheit führen würden; sie wird sogar
angespornt, Wege zu erforschen, von denen sie von sich aus nicht einmal
vermutet hätte, sie je einschlagen zu können. Aus diesem Verhältnis zum Wort
Gottes in Form der Kreisbewegung geht die Philosophie bereichert hervor, weil
die Vernunft neue und unerwartete Horizonte entdeckt.
74.
Den Beweis für die Fruchtbarkeit einer solchen Beziehung liefert die
persönliche Geschichte großer christlicher Theologen, die sich auch als große
Philosophen auszeichneten und Schriften von so hohem spekulativen Wert
hinterließen, daß sie mit Recht neben die Meister der antiken Philosophie
gestellt werden können. Das gilt sowohl für die Kirchenväter, von denen
wenigstens die Namen des hl. Gregor von Nazianz und des hl. Augustinus genannt
seien, als auch für die mittelalterlichen Gelehrten mit dem großen Dreigestirn
hl. Anselm, hl. Bonaventura und hl. Thomas von Aquin. Die fruchtbare Beziehung
zwischen der Philosophie und dem Wort Gottes schlägt sich auch in der mutigen
Forschung nieder, die von einigen jüngeren Denkern geleistet wurde. Unter ihnen
möchte ich für den westlichen Bereich Persönlichkeiten nennen wie John Henry
Newman, Antonio Rosmini, Jacques Maritain, Étienne Gilson und Edith Stein. Aus
dem östlichen Bereich sind Gelehrte wie Vladimir S. Solov'ev, Pavel A.
Florenskij, Petr J. Tschaadaev und Vladimir N. Lossky zu erwähnen. Wenn ich
mich auf diese Autoren berufe, neben denen noch andere Namen stehen könnten,
möchte ich natürlich nicht alle Gesichtspunkte ihres Denkens bestätigen,
sondern lediglich sprechende Beispiele eines philosophischen Forschungsweges
vorstellen, der aus der Auseinandersetzung mit den Vorgaben des Glaubens
beachtenswerte Vorteile gezogen hat. Eines ist sicher: Die Beachtung des
geistlichen Weges dieser Lehrmeister muß dem Fortschritt in der Suche nach
Wahrheit und in der Nutzbarmachung der erzielten Ergebnisse zum Wohl der
Menschen dienen. Es bleibt zu hoffen, daß diese große
philosophisch-theologische Tradition heute und in Zukunft zum Wohl der Kirche
und der Menschheit ihre Fortsetzer und Verehrer finden möge.
|