9. Die
göttliche Dimension im Geheimnis der Erlösung
Während wir
diesen wundervollen Text des konziliaren Lehramtes erneut überdenken, vergessen
wir nicht, auch nicht für einen Augenblick, daß Jesus Christus, der Sohn des
lebendigen Gottes, unsere Versöhnung beim Vater geworden ist.
Gerade er, er allein, hat der ewigen Liebe des Vaters Genüge getan, jener
Vaterschaft, die von Anfang an in der Schöpfung der Welt zum Ausdruck gekommen
ist, die dem Menschen den ganzen Reichtum des Erschaffenen anvertraute und ihn
selbst »nur wenig unter die Engel« gestellt hat, dadurch daß er ihn
nach dem Ebenbild und Gleichnis Gottes geschaffen hat; ebenso hat
er auch jener Vaterschaft Gottes und jener Liebe Genüge getan, die vom Menschen
mit dem Bruch des ersten Bundes und der nachfolgenden, die Gott
»immer wieder den Menschen angeboten hat«, in gewisser Weise
zurückgewiesen worden ist. Die Erlösung der Welt - dieses ehrfurchtgebietende
Geheimnis der Liebe, in dem die Schöpfung erneuert wird - ist in
ihrer tiefsten Wurzel die Fülle der Gerechtigkeit in einem menschlichen Herzen:
im Herzen des Erstgeborenen Sohnes, damit sie Gerechtigkeit der Herzen vieler
Menschen werden kann, die ja im Erstgeborenen Sohn von Ewigkeit vorherbestimmt
sind, Kinder Gottes zu werden, berufen zur Gnade und zur Liebe. Das
Kreuz aufdem Kalvarienberg, durch das Jesus Christus - Mensch, Sohn der
Jungfrau Maria, vor dem Gesetz Sohn des Josef von Nazaret - diese Welt »verläßt«,
ist zur gleichen Zeit eine neue Manifestation der ewigen Vaterschaft Gottes,
der sich in ihm erneut der Menschheit und jedem Menschen nähert, indem er ihm
den dreimalheiligen Geist der Wahrheit schenkt.
Mit dieser Offenbarung
des Vaters und der Ausgießung des Heiligen Geistes, die dem Geheimnis der
Erlösung ein unauslöschliches Merkmal einprägen, erklärt sich der Sinn des
Kreuzes und des Todes Christi. Der Gott der Schöpfung offenbart sich als Gott
der Erlösung, als Gott, der sich selbst treu ist, treu seiner Liebe
zum Menschen und zur Welt, wie sie sich schon am Tag der Schöpfung offenbart
hat. Seine Liebe ist eine Liebe, die vor nichts zurückweicht, was die
Gerechtigkeit in ihm selbst fordert. Und darum hat Gott den Sohn, »der die
Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht«. Wenn er den, der
völlig ohne Sünde war, »zur Sünde gemacht hat«, so tat er dies, um die Liebe zu
offenbaren, die immer größer ist als alles Geschaffene, die Liebe, die er
selber ist, denn »Gott ist Liebe«. Die Liebe ist vor allem größer
als die Sünde, als die Schwachheit und die Vergänglichkeit des Geschaffenen,
stärker als der Tod; es ist eine Liebe, die stets bereit ist,
aufzurichten und zu verzeihen, stets bereit, dem verlorenen Sohn
entgegenzugehen und immer auf der Suche ist nach dem
»Offenbarwerden der Söhne Gottes«, die zur künftigen Herrlichkeit
berufen sind. Diese Offenbarung der Liebe wird auch Barmherzigkeit
genannt; diese Offenbarung der Liebe und der Barmherzigkeit hat in
der Geschichte nur eine Form und einen Namen: sie heißt Jesus Christus.
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