12. Der
Auftrag der Kirche und die Freiheit des Menschen
In dieser
Verbundenheit im Auftrag, über den vor allem Christus selbst entscheidet,
müssen alle Christen entdecken, was sie bereits vereint, noch bevor sich ihre
volle Gemeinschaft verwirklicht. Das ist die apostolische und missionarische,
die missionarische und apostolische Einheit. Dank dieser Einheit können wir uns
zusammen dem großartigen Erbe des menschlichen Geistes nähern, das sich in
allen Religionen kundgetan hat, wie die Erklärung Nostra Aetate des II.
Vatikanischen Konzils sagt. Dank dieser Einheit nähern wir uns
gleichzeitig allen Kulturen, allen Weltanschauungen und allen Menschen guten
Willens. Wir nähern uns ihnen mit jener Wertschätzung, mit jenem Respekt und
jenem Geist der Unterscheidung, der seit den Zeiten der Apostel die missionarische
Tätigkeit und die Haltung des Missionars ausgezeichnet haben. Es
genügt, an den hl. Paulus zu erinnern, z.B. an seine Rede vor dem Areopag in
Athen. Die missionarische Verhaltensweise beginnt immer mit
einem Gefühl der Hochachtung vor dem, was »in jedem Menschen ist«,
vor dem, was er selbst im Innersten seines Wesens schon erarbeitet hat
bezüglich der tiefsten und bedeutendsten Probleme; es handelt sich um die
Achtung vor allem, was der Geist in ihm gewirkt hat, der »weht, wo er will«.
Die Mission ist niemals Zerstörung, sondern Aufnahme vorhandener
Werte und Neuaufbau, wenn auch in der Praxis diesem hohen Ideal nicht immer
voll entsprochen worden ist. Dabei wissen wir sehr gut, daß die Bekehrung, die
von der Mission ihren Anfang nehmen muß, Werk der Gnade ist. In ihr muß der
Mensch vollständig zu sich selbst zurückfinden.
Deswegen legt
die Kirche in unserer Zeit einen großen Wert auf alles, was das II.
Vatikanische Konzil in der Erklärung über die Religionsfreiheit dargelegt
hat, sei es im ersten, sei es im zweiten Teil des Dokumentes. Wir
spüren zutiefst den verpflichtenden Charakter der Wahrheit, die Gott uns
geoffenbart hat. Wir empfinden insbesondere die große Verantwortung für diese
Wahrheit. Die Kirche ist kraft der Einsetzung durch Christus Wächterin und
Lehrerin der Wahrheit, dadurch daß sie ja ausgestattet ist mit einem besonderen
Beistand des Heiligen Geistes, damit sie über die Wahrheit treu wachen und sie
in ihrer ganzen Fülle unverfälscht lehren kann. Indem wir diesen
Auftrag erfüllen, schauen wir auf Christus selbst, der der erste Verkünder der
Frohen Botschaft ist; ebenso schauen wir auch auf seine Apostel,
Märtyrer und Bekenner. Die Erklärung über die Religionsfreiheit macht
uns in überzeugender Weise deutlich, wie Christus und folglich seine Apostel in
der Verkündigung der Wahrheit, die nicht von den Menschen, sondern von Gott
kommt (»Meine Lehre stammt nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt
hat«), das heißt vom Vater, obgleich sie alle Überzeugungskünste
des Geistes einsetzen, eine tiefe Wertschätzung für den Menschen, für seinen
Verstand, seinen Willen, sein Gewissen und seine Freiheit bewahren.
Auf diese Weise wird die Würde der menschlichen Person Bestandteil jener
Botschaft, wenn auch nicht in Worten, so doch durch das Verhalten ihr
gegenüber. Diese Verhaltensweise scheint übereinzustimmen mit den besonderen
Bedürfnissen unserer Zeit. Da sich nicht in allem, was die verschiedenen
Systeme und auch einzelne Menschen als Freiheit ansehen und propagieren, die
wahre Freiheit des Menschen findet, wird die Kirche um so mehr kraft ihrer
göttlichen Sendung zur Wächterin dieser Freiheit, die Bedingung und Grundlage
für die wahre Würde der menschlichen Person ist.
Jesus Christus
geht dem Menschen jeder Epoche, auch der unseren, mit den gleichen Worten
entgegen: »Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei
machen«. Diese Worte schließen eine wesentliche Forderung und
zugleich eine Ermahnung ein: die Forderung eines ehrlichen Verhältnisses zur
Wahrheit als Bedingung einer authentischen Freiheit; und auch die Ermahnung,
daß jede nur scheinbare Freiheit, jede oberflächliche und einseitige Freiheit
und jede Freiheit, die nicht von der ganzen Wahrheit über den Menschen und die
Welt geprägt ist, vermieden werde. Auch heute, nach 2000 Jahren, erscheint uns
Christus als der, der dem Menschen die Freiheit bringt, die auf der Wahrheit
begründet ist, als der, der den Menschen befreit von allem, was diese Freiheit
in der Seele des Menschen, in seinem Herzen und in seinem Gewissen beschränkt,
schmälert und gleichsam von den Ursprüngen selbst trennt. Welche wundervolle
Bestätigung haben dafür diejenigen gegeben und geben sie noch immer, die durch
Christus und in Christus zur wahren Freiheit gelangt sind und sie sogar unter Bedingungen
äußerer Nötigung bekundet haben!
Als Jesus
Christus als Gefangener vor das Gericht des Pilatus trat und von ihm zur
Anklage befragt wurde, die gegen ihn von den Vertretern des Synedriums erhoben
worden war, hat er da nicht selbst geantwortet: »Ich bin dazu geboren und in
die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit Zeugnis ablege«? Es
ist, als ob er mit diesen Worten vor dem Richter im entscheidenden Augenblick
noch einmal den schon vorher ausgesprochenen Satz bestätigt hätte: »Ihr werdet
die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen«. Ist nicht Jesus
Christus selbst im Verlauf so vieler Jahrhunderte und so vieler Generationen,
angefangen von den Zeiten der Apostel, sehr oft an die Seite von Menschen
getreten, über die um der Wahrheit willen gerichtet wurde; ist er nicht auch
mit Menschen in den Tod gegangen, die um der Wahrheit willen verurteilt wurden?
Ist er nicht weiterhin Sprecher und Anwalt des Menschen, der im Geist und in
der Wahrheit lebt? Wie er nicht aufhört, vor dem Vater zu sein, so
ist er auch in der Geschichte des Menschen stets anwesend. Die Kirche läßt
ihrerseits trotz aller Schwächen, die zu ihrer menschlichen Geschichte gehören,
nicht nach, ihm zu folgen, der gesagt hat: »Es kommt die Stunde, und sie ist
jetzt da, in der die wahren Beter zum Vater beten werden im Geist und in der
Wahrheit; denn solche Beter verlangt der Vater. Gott ist Geist, und alle, die
anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten«.
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