II. KAPITEL - AUF DEM WEG ZUM »NEUEN« VON HEUTE
12.
Es wäre keine angemessene Jubiläumsfeier für Rerum novarum, würde man
dabei nicht die heutige Situation ins Auge fassen. Schon von seinem Inhalt her
gibt das Dokument Anlaß zu einer derartigen Betrachtung, weil der
geschichtliche Rahmen und die daraus abgeleitete Vorausschau sich im Lichte des
Gesamtgeschehens der nachfolgenden Jahrzehnte als erstaunlich exakt
herausstellen.
Das wird in
besonderer Weise von den Ereignissen der letzten Monate des Jahres 1989 und der
ersten des Jahres 1990 bestätigt. Diese und die radikalen Umgestaltungen lassen
sich nur auf Grund der unmittelbar vorhergehenden Situationen erklären. Sie
haben das, was Leo XIII. voraussah und was die immer besorgteren Warnungen
seiner Nachfolger ankündigten, gleichsam festgeschrieben und
institutionalisiert. Papst Leo sah in der Tat unter allen Aspekten, politisch,
sozial und wirtschaftlich, die negativen Folgen einer Gesellschaftsordnung
voraus, wie sie der Sozialismus vorlegte, der sich freilich damals noch im
Stadium der Sozialphilosophie und einer mehr oder weniger strukturierten
Bewegung befand. Man mag sich darüber wundern, daß der Papst seine Kritik an
den Lösungen, die sich für die »Arbeiterfrage« anboten, beim Sozialismus
ansetzte. Dieser trat damals noch gar nicht — wie es später tatsächlich geschah
— in Gestalt eines starken und mächtigen Staates mit allen ihm zur Verfügung
stehenden Möglichkeiten auf. Der Papst urteilte jedenfalls richtig, wenn er die
Gefahr sah, die darin bestand, daß der breiten Masse eine scheinbar so einfache
und radikale Lösung der »Arbeiterfrage« vorgelegt wurde. Das erweist sich also
um so treffender, wenn man das alles im Zusammenhang der grauenvollen
Ungerechtigkeit sieht, in der sich die proletarischen Massen in den seit kurzem
industrialisierten Nationen befanden.
Hier gilt es
zweierlei zu unterstreichen: einerseits die große Klarheit in der Wahrnehmung
der tatsächlichen Lage der Proletarier, Männer, Frauen und Kinder, in ihrer
ganzen Härte; andererseits die nicht geringere Klarheit, mit der er das Übel
einer Lösung erkennt, die unter dem Anschein, die Stellung von Armen und
Reichen umzukehren, tatsächlich aber jenen zum Schaden gereicht, denen zu
helfen sie vorgab. Das Heilmittel würde sich damit als schlimmer herausstellen
als das Übel. Im Erkennen des Wesens des Sozialismus seiner Zeit mit dessen
Forderung nach Abschaffung des Privateigentums gelangte Leo XIII. zum Kern der
Frage.
Seine Worte
verdienen es, neu gelesen zu werden: »Zur Hebung dieses Übels (der ungerechten
Verteilung des Reichtums und des Elends der Proletarier) verbreiten die
Sozialisten, indem sie die Besitzlosen gegen die Reichen aufstacheln, die
Behauptung, der private Besitz müsse aufhören, um einer Gemeinschaft der Güter
Platz zu machen ...; indessen ist dieses Programm weit entfernt, etwas zur
Lösung der Frage beizutragen; es schädigt vielmehr die arbeitenden Klassen
selbst; es ist ferner sehr ungerecht, indem es die rechtmäßigen Besitzer
vergewaltigt, es ist endlich der staatlichen Aufgabe zuwider, ja führt die
Staaten in völlige Auflösung«. Besser könnte man die durch die
Einführung dieser Art des Sozialismus als Staatssystem verursachten Übel nicht
aufzeigen: Es ist jenes System, das später unter dem Namen »realer Sozialismus«
bekannt werden sollte.
13.
Wenn wir jetzt die begonnene Reflexion vertiefen und auch das mit hereinnehmen,
was in den Enzykliken Laborem exercens und Sollicitudo rei socialis gesagt
worden ist, müssen wir hinzufügen, daß der Grundirrtum des Sozialismus
anthropologischer Natur ist. Er betrachtet den einzelnen Menschen lediglich als
ein Instrument und Molekül des gesellschaftlichen Organismus, so daß das Wohl
des einzelnen dem Ablauf des wirtschaftlich-gesellschaftlichen Mechanismus
völlig untergeordnet wird; gleichzeitig ist man der Meinung, daß eben dieses
Wohl unabhängig von freier Entscheidung und ohne eine ganz persönliche und
unübertragbare Verantwortung gegenüber dem Guten verwirklicht werden könne. Der
Mensch wird auf diese Weise zu einem Bündel gesellschaftlicher Beziehungen
verkürzt, es verschwindet der Begriff der Person als autonomes Subjekt
moralischer Entscheidung, das gerade dadurch die gesellschaftliche Ordnung
aufbaut. Aus dieser verfehlten Sicht der Person folgen die Verkehrung des Rechtes,
das den Raum für die Ausübung der Freiheit bestimmt, und ebenso die Ablehnung
des Privateigentums. Der Mensch, der gar nichts hat, was er »sein eigen« nennen
kann, und jeder Möglichkeit entbehrt, sich durch eigene Initiative seinen
Lebensunterhalt zu verdienen, wird völlig abhängig von den gesellschaftlichen
Mechanismen und von denen, die sie kontrollieren. Es wird dem Menschen äußerst
schwer, seine Würde als Person zu erkennen. Damit aber wird der Weg zur
Errichtung einer echten menschlichen Gemeinschaft verbaut.
Im Gegensatz
dazu folgt aus der christlichen Sicht der Person notwendigerweise die richtige
Sicht der Gesellschaft. Nach Rerum novarum und der ganzen Soziallehre
der Kirche erschöpft sich die gesellschaftliche Natur des Menschen nicht im Staat,
sondern sie verwirklicht sich in verschiedenen Zwischengruppen, angefangen von
der Familie bis hin zu den wirtschaftlichen, sozialen, politischen und
kulturellen Gruppen, die in derselben menschlichen Natur ihren Ursprung haben
und daher — immer innerhalb des Gemeinwohls — ihre eigene Autonomie besitzen.
Das ist die — wie ich sie nenne — »Subjektivität der Gesellschaft«, die
zusammen mit der Subjektivität des einzelnen vom »realen Sozialismus« zerstört
wurde.
Wenn wir uns
weiter fragen, woher diese irrige Sichtweise des Wesens der Person und der
»Subjektivität« der Gesellschaft stammt, können wir nur antworten, daß seine
Hauptursache der Atheismus ist. In der Antwort auf den Anruf Gottes, der sich
in den Dingen der Welt manifestiert, wird sich der Mensch seiner
übernatürlichen Würde bewußt. Jeder Mensch muß diese Antwort geben. Darin
besteht die Krönung seines Menschseins, und kein gesellschaftlicher Mechanismus
und kein kollektives Subjekt kann ihn dabei vertreten. Die Leugnung Gottes beraubt
die Person ihres tragenden Grundes und führt damit zu einer
Gesellschaftsordnung ohne Anerkennung der Würde und Verantwortung der
menschlichen Person.
Der Atheismus,
von dem hier die Rede ist, hängt eng mit dem Rationalismus der Aufklärung
zusammen, der die Wirklichkeit des Menschen und der Gesellschaft mechanisch
versteht. So wird die tiefste Sicht der wahren Größe des Menschen geleugnet,
sein Vorrang vor den Dingen. Aber ebenso verneint wird der Widerspruch, der in
seinem Herzen wohnt: zwischen dem Verlangen nach einem Vollbesitz des Guten und
der eigenen Unfähigkeit, es zu erlangen, und das daraus erwachsene
Heilsbedürfnis.
14.
Aus derselben atheistischen Wurzel stammt auch die Wahl der Methode des
Sozialismus, die in Rerum novarum verurteilt wird. Es handelt sich um
den Klassenkampf. Der Papst hat keineswegs die Absicht, jegliche Form sozialer
Konflikte zu verurteilen. Die Kirche weiß nur zu gut, daß in der Geschichte
unvermeidlich Interessenskonflikte zwischen verschiedenen sozialen Gruppen
auftreten und daß der Christ dazu oft entschieden und konsequent Stellung
beziehen muß. Die Enzyklika Laborem exercens hat mit aller Deutlichkeit
die positive Rolle des Konfliktes anerkannt, wenn dieser als »Kampf für die
soziale Gerechtigkeit« angesehen wird. In Quadragesimo anno heißt
es: »Wenn sich der Klassenkampf der Aktionen der Gewalt und des gegenseitigen
Hasses enthält, verwandelt er sich nach und nach in eine ehrliche Diskussion,
die auf der Suche nach der Gerechtigkeit gegründet ist«.
Was am
Klassenkampf verurteilt wird, ist die Auffassung eines Konfliktes, der sich von
keiner Erwägung ethischer oder rechtlicher Art leiten läßt; der sich weigert,
die Personenwürde im anderen (und damit die eigene) anzuerkennen; der daher
einen angemessenen Vergleich ausschließt und nicht mehr das Gesamtwohl der
Gesellschaft, vielmehr ausschließlich das Sonderinteresse einer Gruppe im Auge
hat, das sich an die Stelle des Gemeinwohls setzt und daher vernichten will,
was sich ihm entgegenstellt. Es handelt sich, bezogen auf die interne
Konfrontation gesellschaftlicher Gruppen, um die Wiederholung der Theorie vom
»totalen Krieg«, den der Materialismus und Imperialismus jener Tage für das
Verhältnis der internationalen Beziehungen aufzwangen. Diese Theorie ersetzte
die Suche nach einem gerechten Ausgleich der Interessen der verschiedenen
Nationen mit dem absoluten Vorrang der eigenen Interessen bis hin zur
Vernichtung unter Anwendung aller Mittel. Lüge, Terror gegen die
Zivilbevölkerung, Massenvernichtungswaffen (deren Anwendung man gerade in jenen
Jahren zu planen begann), Machtmittel des Widerstandes gegen den Feind waren
nicht ausgeschlossen. Der Klassenkampf im marxistischen Sinn und der
Militarismus haben gleiche Wurzeln: den Atheismus und die Verachtung der
menschlichen Person, die das Prinzip der Macht über Vernunft und Recht setzen.
15.
Rerum novarum stellt sich der Verstaatlichung der Produktionsmittel entgegen,
die den Bürger als nur kleinen Bestandteil der Staatsmaschinerie herabwürdigen
würde. Nicht weniger energisch aber kritisiert die Enzyklika eine
Staatsauffassung, die die Wirtschaft aus seinen Interessen und Maßnahmen völlig
ausklammern würde. Zweifellos gibt es einen berechtigten Raum der Freiheit in
der Wirtschaft, in den der Staat nicht eingreifen soll. Aber der Staat hat die
Aufgabe, den rechtlichen Rahmen zu erstellen, innerhalb dessen sich das
Wirtschaftsleben entfalten kann. Damit schafft er die Grundvoraussetzung für
eine freie Wirtschaft, die in einer gewissen Gleichheit unter den Beteiligten
besteht, so daß der eine nicht so übermächtig wird, daß er den anderen
praktisch zur Sklaverei verurteilt.
Angesichts
solcher Gefahren zeigt Rerum novarum den Weg gerechter Reformen auf, die
der Arbeit ihre Würde als freies Tun des Menschen wiedergeben. Das besagt unter
anderem vor allem die Verantwortung von seiten der Gesellschaft und des
Staates, den Arbeiter vor dem Alptraum der Arbeitslosigkeit zu schützten. Dies
wurde im Verlauf der Zeit durch zwei sich ergänzende Wege versucht: Durch eine
Wirtschaftspolitik mit dem Ziel eines ausgeglichenen Wachstums und der
Sicherung von Vollbeschäftigung und ebenso mit einer Versicherung gegen
Arbeitslosigkeit, verbunden mit einer Politik der Umschulung, die den Wechsel
eines Arbeiters von einem Krisensektor in einen Entwicklungssektor erleichtert.
Ferner müssen
Gesellschaft und Staat für ein angemessenes Lohnniveau sorgen, das dem Arbeiter
und seiner Familie den Unterhalt sichert und die Möglichkeit zum Sparen erlaubt.
Es erfordert Anstrengungen, um den Arbeitern stets jenes fachliche Wissen und
Können zu vermitteln, damit ihre Arbeit zur Verbesserung der Produktion
beiträgt. Es ist ebenso notwendig, darüber zu wachen und gesetzgeberische
Maßnahmen zu ergreifen, um die schändliche Ausbeutung insbesondere der
Schwachen, der Einwanderer und der an den Rand gedrängten Arbeiter zu
verhindern. Hier liegt die entscheidende Aufgabe der Gewerkschaften, die
Mindestlohn und Arbeitsbedingungen aushandeln.
Schließlich ist
die Sicherung einer »menschlichen« Arbeitszeit und eine entsprechende Erholung
zu garantieren. Von Bedeutung ist das Recht, die eigene Persönlichkeit am
Arbeitsplatz einzubringen, ohne daß dabei das eigene Gewissen oder die
Menschenwürde Schaden leiden. Hier ist von neuem an die Rolle der
Gewerkschaften zu appellieren, die nicht nur als Verhandlungspartner, sondern
auch als »Ort« dienen sollen, an dem die Persönlichkeit des Arbeiters zur
Geltung kommen kann. Sie sollen dazu beitragen, eine echte Arbeitskultur zu
entwickeln und den Arbeitern die volle menschliche Anteilnahme am Unternehmen
zu ermöglichen. Zur Verwirklichung dieser Ziele muß der Staat, sei
es unmittelbar oder mittelbar, seinen Beitrag leisten. Mittelbar dadurch, daß
er nach dem Prinzip der Subsidiarität möglichst günstige Voraussetzungen
für die freie Entfaltung der Wirtschaft bietet, die damit ein reiches Angebot
an Arbeitsmöglichkeiten und einen Grundstock für den Wohlstand schafft.
Unmittelbar leistet der Staat seinen Beitrag, wenn er nach dem Prinzip der
Solidarität, zur Verteidigung des Schwächeren Grenzen setzt, die über die
Arbeitsbedingungen entscheiden, und wenn er dem beschäftigungslosen Arbeiter
das Existenzminimum garantiert.
Die Enzyklika
und mit ihr das soziale Lehramt hatten in den Jahren der Wende vom 19. zum 20.
Jahrhundert einen vielfältigen Einfluß. Dieser Einfluß zeigt sich in
zahlreichen Reformen auf dem Gebiet der Sozialgesetzgebung, der
Altersversorgung, der Krankenversicherung, der Unfallverhütung, immer im
Hinblick auf eine umfassendere und größere Achtung vor den Rechten der
Arbeiter.
16.
Die Reformen wurden zum Teil von den Staaten selber durchgeführt, zum Teil aber
hatte die Arbeiterbewegung im Kampf um ihre Durchsetzung eine wichtige
Rolle. Als Reaktion des moralischen Gewissens gegen Ungerechtigkeit und
Ausbeutung entstanden, kam sie in der Folge in einem gewissen Maße unter den
Einfluß jener marxistischen Ideologie, gegen die sich Rerum novarum wandte.
Die Arbeiterbewegung entfaltete umfangreiche gewerkschaftliche und
reformerische Aktivitäten, die sich vom Nebel der Ideologie fernhielt. Sie
befaßte sich mit den täglichen Anliegen der Arbeiter, und hier traf sich ihr
Bemühen oft mit dem der Christen, für die Arbeiter bessere Lebensbedingungen zu
schaffen.
In die gleiche
Richtung gingen auch die Bemühungen der organisierten Selbsthilfe der
Gesellschaft in der Erstellung wirksamer Formen der Solidarität, die
imstande waren, das Wirtschaftswachstum mit mehr Achtung vor dem Menschen zu
verbinden. Hier ist an die vielfältige Tätigkeit zu erinnern, an der Christen
einen wesentlichen Anteil hatten: in der Gründung von Produktions - , Konsum -
und Kreditgenossenschaften, in der Förderung der Volks - und Berufsbildung, in
den verschiedenen Versuchen der Mitbeteiligung am Betrieb und ganz allgemein am
Leben der Gesellschaft.
Wenn es im
Blick auf die Vergangenheit angebracht ist, Gott zu danken, weil die große
Enzyklika in den Herzen nicht ohne Antwort blieb, sondern zu großmütigem Handeln
angeregt hat, so ist dennoch daran zu erinnern, daß ihre prophetische Botschaft
von den Menschen ihrer Zeit nicht in vollem Umfang aufgenommen wurde. Gerade
dadurch kam es zu ernsten Katastrophen.
17.
Wenn man die Enzyklika in Verbindung mit dem ganzen Reichtum des Lehramtes Leos
liest, so erkennt man, daß sie auf
wirtschaftlich-gesellschaftlichem Gebiet die Konsequenzen eines Irrtums von
größter Tragweite aufzeigt. Dieser Irrtum besteht, wie ich vorher sagte, in
einem Verständnis der menschlichen Freiheit, die sie vom Gehorsam gegenüber der
Wahrheit und damit auch von der Pflicht, die Rechte der Menschen zu
respektieren, entbindet. Inhalt der Freiheit wird dann die Selbstliebe, die bis
zur Verachtung Gottes und des Nächsten führt, die in der Verfolgung der eigenen
Interessen keine Grenzen kennt und die auf die Forderungen der Gerechtigkeit
keine Rücksicht nimmt.
Gerade dieser
Irrtum kam voll zur Wirkung in der tragischen Abfolge von Kriegen, die zwischen
1914 und 1945 Europa und die ganze Welt erschütterten. Diese Kriege waren
Auswirkungen des Militarismus und des maßlosen Nationalismus und der damit
verbundenen Formen von Totalitarismus. Sie entstehen aus dem Klassenkampf, aus
Bürgerkriegen und ideologischen Kämpfen. Ohne die schreckliche Last von Haß und
Rachsucht, die sich wegen derart zahlreicher Ungerechtigkeiten sowohl auf
internationaler Ebene als auch auf jener im Inneren der einzelnen Staaten
anhäufte, wäre ein Krieg von solch totaler Grausamkeit, in dem alle Kräfte
großer Nationen eingesetzt wurden, in dem man vor Verletzung heiligster
Menschenrechte nicht zurückschreckte, in dem die Ausrottung ganzer Völker und
gesellschaftlicher Gruppen geplant und durchgeführt wurde, nicht möglich
gewesen. Wir denken hier besonders an das jüdische Volk, dessen schreckliches
Schicksal zum Symbol für jene Verirrungen wurde, zu denen der Mensch kommen
kann, wenn er sich gegen Gott wendet.
Haß und
Ungerechtigkeit bemächtigen sich immer noch ganzer Nationen. Sie lassen sich
nur dann zum Handeln bewegen, wenn sie von Ideologien legitimiert und
organisiert werden, die sich mehr auf die eigene Ahnung als auf die Wahrheit
über den Menschen gründen. Die Enzyklika Rerum novarum hat
sich gegen die Ideologien des Hasses zur Wehr gesetzt und Wege der
Gerechtigkeit zur Überwindung von Gewalt und Feindschaft aufgezeigt. Möchte die
Erinnerung an jene schrecklichen Ereignisse das Handeln aller Menschen
beeinflussen, insbesondere das der Verantwortlichen der Völker unserer Zeit.
Einer Zeit, in der neues Unrecht neuen Haß nährt und neue Ideologien am
Horizont auftauchen, die die Gewalt verherrlichen.
18.
Gewiß, seit 1945 schweigen die Waffen auf dem europäischen Kontinent. Der wahre
Friede aber — daran sei erinnert — ist niemals das Ergebnis eines errungenen
militärischen Sieges, sondern besteht in der Überwindung der Kriegsursachen und
in der echten Aussöhnung unter den Völkern. Während vieler Jahre gab es in
Europa und in der Welt jedoch eher eine Situation des Nicht-Krieges als des
authentischen Friedens. Eine Hälfte des europäischen Kontinents geriet unter
die Herrschaft der kommunistischen Diktatur, während die andere Hälfte darauf
bedacht war, sich gegen eine solche Gefahr abzusichern. Viele Völker verlieren
die Möglichkeit, über sich selbst zu verfügen. Sie werden in die bedrückenden
Grenzen eines Machtblockes eingeschlossen, während man darauf hinarbeitet, ihr
Geschichtsbewußtsein und die Wurzeln ihrer Jahrhunderte alten Kultur
auszulöschen. Ungeheure Massen von Menschen werden als Folge der gewaltsamen
Teilung dazu gezwungen, ihr Land zu verlassen, und werden gewaltsam vertrieben.
Ein irrsinniger
Rüstungswettlauf verschlingt die Mittel, die nötig wären, um eine Entwicklung
der eigenen Wirtschaft zu sichern und den am meisten benachteiligten Nationen
zu helfen. Der wissenschaftliche und technologische Fortschritt, der zum
Wohlergehen des Menschen beitragen sollte, wird zum Instrument für den Krieg.
Man gebraucht Wissenschaft und Technik, um immer vollkommenere Waffen zur
Massenvernichtung zu produzieren, während eine Ideologie, die eine Perversion
echter Philosophie darstellt, die theoretische Rechtfertigung für den neuen
Krieg liefern soll. Dieser Krieg wird nicht nur erwartet und vorbereitet, er
wird geführt mit ungeheurem Blutvergießen in verschiedenen Teilen der Welt. Die
Logik der Blöcke und Machtbereiche, die in den verschiedenen Dokumenten der
Kirche und jüngst in der Enzyklika Sollicitudo rei socialis
angeprangert wurden, verfährt in der Weise, daß die in den Ländern der dritten
Welt entstandenen Streitigkeiten und Unstimmigkeiten systematisch gefördert und
ausgenützt werden, um dem Gegner Schwierigkeiten zu machen.
Extremistische
Gruppen, die diese Konflikte mit Waffengewalt lösen wollen, finden politische
und militärische Unterstützung. Sie werden mit Waffen versehen und für den
Krieg ausgebildet, während jene, die sich unter Respektierung der legitimen
Interessen aller Beteiligten um friedliche und menschliche Lösungen bemühen,
isoliert bleiben und oft Opfer ihrer Gegner werden.
Auch die
militärische Aufrüstung vieler Länder der dritten Welt und die sie
zerfleischenden Stammesfehden, die Ausbreitung des Terrorismus und der stets
barbarischer werdenden Mittel der politisch-militärischen Auseinandersetzung
stellen eine der Hauptursachen dar in der Brüchigkeit des Friedens nach dem
zweiten Weltkrieg. Auf der ganzen Welt lastet schließlich die Bedrohung eines
Atomkrieges, der die ganze Menschheit auslöschen kann. Die für militärische
Zwecke angewandte Wissenschaft gibt dem von Ideologie geförderten Haß die
entscheidenden Möglichkeiten. Aber der Krieg kann ohne Sieger und Besiegte im
Selbstmord der Menschheit enden, und deshalb muß man die Logik, die dazu führt,
radikal zurückweisen, närnlich die Idee, daß der Kampf zur Vernichtung des
Feindes, die Gegnerschaft und der Krieg zur Entwicklung und zum Fortschritt der
Geschichte beitragen. Wenn man die Notwendigkeit dieser Ablehnung
einsieht, dann muß notwendigerweise die Logik des »totalen Krieges« wie die des
»Klassenkampfes« in Krise geraten.
19.
Am Ende des zweiten Weltkrieges ist ein solcher Fortschritt des Bewußtseins
aber erst in den Anfängen. Was die Aufmerksamkeit erregt, ist die Ausbreitung
des kommunistischen Totalitarismus auf mehr als die Hälfte Europas und weite
Teile der Welt. Der Krieg, der die Freiheit wiederbringen und das Recht der
Völker wiederherstellen sollte, geht ohne die Verwirklichung dieser Ziele zu
Ende. Viele Völker, besonders jene, die schwer gelitten hatten, erfahren das
Gegenteil. Diese Situation hat verschiedene Antworten hervorgebracht.
In einigen
Ländern sieht man nach der Zerstörung des Krieges auf verschiedenen Gebieten
ein positives Bemühen zum Aufbau einer demokratischen Gesellschaft, die sich
von sozialer Gerechtigkeit leiten läßt und dem Kommunismus sein revolutionäres
Potential entzieht, das sich auf die ausgebeuteten und unterdrückten Massen
gründet. Dieses Bemühen wird im allgemeinen durch die Methoden der freien
Marktwirtschaft unterstützt. Durch stabile Währung und Sicherheit der sozialen
Beziehungen sucht man die Voraussetzungen für ein stabiles und gesundes
Wirtschaftswachstum zu schaffen, in dem die Menschen mit ihrer Arbeit für sich
selbst und für ihre Kinder eine bessere Zukunft bauen können. Zugleich will man
vermeiden, daß die Marktmechanismen zum ausschließlichen Bezugspunkt für das
gesamte gesellschaftliche Leben werden. Man strebt eine öffentliche Kontrolle
an, die das Prinzip der Bestimmung der Güter der Erde für alle wirksam zur
Geltung kommen läßt. Die verhältnismäßig guten Arbeitsmöglichkeiten, ein
solides System der sozialen und beruflichen Sicherheit, die Freiheit zur
Gründung von Vereinigungen und die ausgeprägte Tätigkeit von Gewerkschaften,
Vorkehrungen für den Fall der Arbeitslosigkeit, die Möglichkeit demokratischer
Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, all das sollte dazu beitragen, die
Arbeit ihres Warencharakters zu entkleiden und ihr die Möglichkeit zu geben,
sie in Würde auszuführen.
Es gibt sodann
andere soziale Kräfte und geistige Bewegungen, die sich dem Marxismus durch die
Erstellung von Systemen »nationaler Sicherheit« entgegenstellen. Ihr Ziel ist,
die ganze Gesellschaft bis in die feinsten Verästelungen zu kontrollieren, um
marxistische Infiltration zu verhindern. Sie verherrlichen und steigern die
Macht des Staates und wollen so ihre Völker vor dem Kommunismus bewahren. Dabei
geraten sie aber ernstlich in die Gefahr, jene Freiheit und jene Werte des
Menschen zu zerstören, in deren Namen man sich diesem entgegenstellen muß.
Eine weitere
praktische Antwort wird schließlich von der Wohlstands - oder
Konsumgesellschaft verkörpert. Sie sucht den Marxismus auf der Ebene eines
reinen Materialismus zu besiegen, indem gezeigt wird, daß eine Gesellschaft der
freien Marktwirtschaft die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse des
Menschen besser gewährleisten kann als der Kommunismus, wobei geistige Werte
ebenso außer acht gelassen werden. Einerseits ist es wahr, daß dieses soziale
Modell den Zusammenbruch des Marxismus aufzeigt, insofern er eine neue und
bessere Gesellschaft erstellen wollte. Andererseits stimmt es mit ihm aber in
Wirklichkeit überein, insofern es jede Eigenständigkeit, jede Berufung zum
sittlichen Handeln, zum Recht, zur Kultur und zur Religion leugnet und den
Menschen völlig auf den Bereich der Wirtschaft und die Befriedigung materieller
Bedürfnisse reduziert.
20.
In derselben Zeitspanne vollzieht sich ein grandioser Prozeß der
»Dekolonisation«, durch den viele Länder die Unabhängigkeit und das Recht der
freien Selbstbestimmung erhalten. Aber mit der formalen Erlangung der
staatlichen Souveränität befinden sich diese Länder oft erst am Beginn des
Weges zu einer echten Unabhängigkeit. Tatsächlich bleiben wichtige Bereiche der
Wirtschaft noch in den Händen großer ausländischer Unternehmen, die nicht
bereit sind, sich auf Dauer zur Entwicklung des Gastlandes zu verpflichten. Oft
wird die Politik selbst von ausländischen Mächten kontrolliert. Im Inneren der
Staaten leben Stammesgruppen, die noch nicht zu einer echten nationalen
Gemeinschaft verschmolzen sind. Es fehlen darüber hinaus kompetente Fachleute,
die fähig sind, die Verwaltung des Staates sachgerecht und in rechtschaffener
Weise zu ordnen. Es fehlen ebenso die Rahmenbedingungen effizienter und
verantwortungsbewußter Wirtschaftsführung.
In der
dargelegten Situation scheint es vielen, daß der Marxismus für den Aufbau der
Nation und des Staates richtungsweisend sein könnte, und darum entstehen
verschiedene Spielarten des Sozialismus mit spezifisch nationalem Charakter. So
vermischen sich in vielen Ideologien, die sich jeweils andersartig darstellen,
legitime Forderungen nationaler Befreiung, Nationalismen und Militarismen sowie
Grundsätze alter Volksüberlieferungen, die oft verwandt erscheinen mit der
christlichen Soziallehre, und Begriffe des Marxismus-Leninismus.
21.
Schließlich ist daran zu erinnern, daß sich nach dem zweiten Weltkrieg als Reaktion
auf seine Schrecken ein lebendiges Bewußtsein für die Menschenrechte
verbreitete. Es hat in verschiedenen internationalen Dokumenten
seinen Ausdruck gefunden, und ebenso in der Erarbeitung eines neuen
Völkerrechtes, zu dem der Heilige Stuhl einen beständigen Beitrag geleistet
hat. Der Angelpunkt dieser Entwicklung aber war die Organisation der Vereinten
Nationen. Nicht nur das Bewußtsein des Rechts des einzelnen ist gewachsen,
sondern auch das der Rechte der Völker. Man erkannte klarer die Notwendigkeit,
dahin zu wirken, die Unterschiede in den verschiedenen Regionen der Welt
auszugleichen, die den Kernpunkt der sozialen Frage von der nationalen auf die
internationale Ebene verlagert haben.
Nimmt man auch
diese Entwicklung mit Genugtuung zur Kenntnis, so kann man doch nicht die
Tatsache übersehen, daß die Gesamtbilanz der verschiedenen Entwicklungshilfen
keineswegs immer positiv ist. Den Vereinten Nationen ist es bis jetzt nicht
gelungen, an Stelle des Krieges ein wirksames Instrumentarium zur Lösung
internationaler Konflikte auszuarbeiten. Das erscheint als das dringendste
Problem, das die internationale Gemeinschaft zu lösen hat.
|