15. Die
Ängste des heutigen Menschen
Während wir
also das Bild vom Menschen lebendig im Gedächtnis behalten, das uns das II.
Vatikanische Konzil in so tiefer und maßgeblicher Weise gezeichnet hat, wollen wir
es doch auch an die heutigen »Zeichen der Zeit« anpassen und an die
Erfordernisse der Lebensumstände, die sich ja fortwährend ändern und in
bestimmte Richtungen entwickeln.
Der Mensch von
heute scheint immer wieder von dem bedroht zu sein, was er selbst produziert,
das heißt vom Ergebnis der Arbeit seiner Hände und noch mehr vom Ergebnis der
Arbeit seines Verstandes und seiner Willensentscheidung. Die Früchte dieser
vielgestaltigen Aktivität des Menschen sind nicht nur Gegenstand von
»Entfremdung«, weil sie demjenigen, der sie hervorgebracht hat, einfachhin
genommen werden; allzu oft und nicht selten unvorhersehbar wenden sich diese
Früchte, wenigstens teilweise, in einer konsequenten Folge von Wirkungen
indirekt gegen den Menschen selbst. So sind sie tatsächlich gegen ihn gerichtet
oder können es jederzeit sein. Hieraus scheint das wichtigste Kapitel des
Dramas der heutigen menschlichen Existenz in seiner breitesten und universellen
Dimension zu bestehen. Der Mensch lebt darum immer mehr in Angst. Er befürchtet,
daß seine Produkte, natürlich nicht alle und auch nicht die Mehrzahl, aber doch
einige und gerade jene, die ein beträchtliches Maß an Genialität und
schöpferischer Kraft enthalten, sich in radikaler Weise gegen ihn selbst kehren
könnten; er fürchtet, sie könnten Mittel und Instrumente einer unvorstellbaren
Selbstzerstörung werden, vor der alle Katastrophen der Geschichte, die wir
kennen, zu verblassen scheinen. Hieraus muß sich also die Frage ergeben: Wieso
wendet sich diese Macht, die von Anfang an dem Menschen gegeben war, um damit
die Erde zu beherrschen, gegen ihn selbst und ruft diesen
verständlichen Zustand der Unruhe, der bewußten und unbewußten Angst und der
Bedrohung hervor, der sich in verschiedener Weise der gesamten Menschheitsfamilie
mitteilt und vielfältige Erscheinungsformen kennt?
Dieser Zustand
der Bedrohung, die die eigenen Produkte dem Menschen erzeugen, wirkt sich in
verschiedenen Richtungen aus und zeigt unterschiedliche Intensitäten. Wir
scheinen uns heute wohl der Tatsache mehr bewußt zu sein, daß die Nutzung der
Erde, jenes Planeten, auf dem wir leben, eine vernünftige und gerechte Planung
erfordert. Gleichzeitig aber bewirken diese Nutzung zu wirtschaftlichen und
sogar militärischen Zwecken, diese unkontrollierte Entwicklung der Technik, die
nicht eingeordnet ist in einen Gesamtplan eines wirklich menschenwürdigen
Fortschrittes, oft eine Bedrohung der natürlichen Umgebung des Menschen, sie
entfremden ihn in seiner Beziehung zur Natur, sie trennen ihn von ihr ab. Der
Mensch scheint oft keine andere Bedeutung seiner natürlichen Umwelt
wahrzunehmen, als allein jene, die den Zwecken eines unmittelbaren Gebrauchs
und Verbrauchs dient. Dagegen war es der Wille des Schöpfers, daß der Mensch
der Natur als »Herr« und besonnener und weiser »Hüter« und nicht als
»Ausbeuter«und skrupelloser »Zerstörer« gegenübertritt.
Der Fortschritt
der Technik und die Entwicklung der heutigen Zivilisation, die von der
Vorherrschaft der Technik geprägt ist, erfordern eine entsprechende Entwicklung
im sittlichen Leben und in der Ethik. Diese scheint jedoch leider immer
zurückzubleiben. Der Fortschritt, der ja andererseits so staunenswert ist, weil
wir in ihm auch echte Zeichen der Größe des Menschen mühelos entdecken können,
wie sie uns in ihren schöpferischen Anfängen schon im Buch der Genesis bei der
Darstellung der Schöpfung offenbart worden sind, muß darum doch
auch vielfältige Sorgen wecken. Die erste Sorge betrifft die wesentliche und
grundlegende Frage: Macht dieser Fortschritt, dessen Urheber und Förderer der
Mensch ist, das menschliche Leben auf dieser Erde wirklich in jeder Hinsicht
»menschlicher«? Macht er das Leben »menschenwürdiger«? Zweifellos ist dies in
mancher Hinsicht der Fall. Die Frage meldet sich jedoch hartnäckig wieder, wenn
es um das Wesentliche geht: Wird der Mensch als Mensch im Zusammenhang mit
diesem Fortschritt wirklich besser, das heißt geistig reifer, bewußter in
seiner Menschenwürde, verantwortungsvoller, offener für den Mitmenschen, vor
allem für die Hilfsbedürftigen und Schwachen, und hilfsbereiter zu allen?
Diese Frage
müssen sich die Christen stellen, eben weil Jesus Christus sie so umfassend für
das Problem des Menschen empfänglich gemacht hat. Die gleiche Frage aber stellt
sich allen Menschen, besonders denjenigen, die in solchen sozialen Bereichen
leben, die sich aktiv für die Entwicklung und den Fortschritt in unserer Zeit
einsetzen. Wenn wir diese Entwicklungen beobachten und sogar an ihnen
teilnehmen, darf uns nicht Euphorie überkommen noch dürfen wir uns von
einseitigem Enthusiasmus fortreißen lassen, sondern wir alle müssen uns mit
äußerster Ehrlichkeit, Objektivität und moralischem Verantwortungsbewußtsein
den wesentlichen Fragen stellen, die die Situation des Menschen heute und in
Zukunft betreffen.
Stimmen alle
diese Errungenschaften, die bisher erreicht wurden oder von der Technik für die
Zukunft geplant werden, mit dem moralischen und geistigen Fortschritt des
Menschen überein? Entwickelt sich der Mensch als solcher in diesem
Zusammenhang, macht er wirklich Fortschritte oder fällt er zurück und sinkt in
seiner Menschlichkeit nach unten? Überwiegt unter den Menschen, »in der Welt
des Menschen«, die von sich aus das Gute und das Böse enthält, das Gute vor dem
Bösen? Wachsen tatsächlich in den Menschen und untereinander die Nächstenliebe,
die Achtung vor den Rechten des anderen - sei es der einzelne, eine Nation oder
ein Volk - oder nehmen vielmehr die Egoismen verschiedener Art und die
übertriebenen Nationalismen anstelle einer echten Vaterlandsliebe zu sowie das
Streben, andere über die eigenen legitimen Rechte und Verdienste hinaus zu
beherrschen, wie auch die Tendenz, allen materiellen und wirtschaftlichen
Fortschritt allein zu dem Zweck auszunützen, um die Vorherrschaft über andere
zu besitzen oder diesen oder jenen Imperialismus zu fördern?
Dies sind die
wesentlichen Fragen, die die Kirche sich stellen muß, weil Milliarden von
Menschen, die heute auf der Welt leben, mehr oder weniger ausdrücklich solche
Fragen stellen. Das Thema »Entwicklung und Fortschritt« taucht in allen
Gesprächen auf und erscheint in den Spalten aller Zeitungen und Publikationen
in fast allen Sprachen der heutigen Welt. Dabei dürfen wir jedoch nicht
vergessen, daß dieses Thema nicht nur Feststellungen und gesicherte Aussagen
enthält, sondern auch Fragen und bedrückende Sorgen. Und dies letztere ist
genau so wichtig wie das erste. Sie entsprechen der dialektischen Natur
menschlicher Erkenntnis und vor allem dem Grundbedürfnis der Sorge des Menschen
für den Menschen, für seine eigene Menschlichkeit, für die Zukunft der Menschen
auf dieser Erde. Die Kirche, die aus einem eschatologischen Glauben lebt,
betrachtet diese Besorgnis des Menschen um seine Menschlichkeit, um die Zukunft
der Menschen auf Erden und damit auch um die Richtung von Entwicklung und
Fortschritt als ein wesentliches Element ihrer Sendung, das hiervon nicht
getrennt werden darf. Den Kern dieser Sorge findet die Kirche in Jesus Christus
selbst, wie die Evangelien bezeugen. Gerade darum möchte sie dieses Engagement
aus der Einheit mit ihm verstärken, indem sie die Situation des Menschen in der
heutigen Welt nach den wichtigsten Zeichen unserer Zeit interpretiert.
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