19. Die
Verantwortung der Kirche für die Wahrheit
Im Licht der
feierlich verkündeten Lehre des II. Vatikanischen Konzils steht uns die Kirche
als die Gemeinschaft vor Augen, die für die göttliche Wahrheit verantwortlich
ist. In tiefer Ergriffenheit hören wir Christus selbst sprechen: »Das Wort, das
ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat«.
Wird uns nicht in dieser Aussage unseres Herrn die Verantwortung
für die geoffenbarte Wahrheit deutlich, die ja Gottes persönliches »Eigentum«
ist, wenn selbst er, »der eingeborene Sohn«, der »am Herzen des Vaters ruht«,
es für notwendig hält zu betonen, daß er in vollkommener Treue zu
seinem göttlichen Ursprung handelt, wenn er diese Wahrheit als Prophet und
Meister weitergibt? Die gleiche Treue muß ein wesentlicher Bestandteil des
Glaubens der Kirche sein, wenn sie ihn lehrt oder verkündet. Der Glaube, der
als eine besondere übernatürliche Tugend dem menschlichen Geist eingegossen
ist, läßt uns am Erkennen Gottes teilhaben, wenn wir auf sein geoffenbartes
Wort antworten. Darum muß die Kirche, wenn sie den Glauben bekennt und lehrt,
sich eng an die göttliche Wahrheit anschließen und sie als den ihr
angemessenen Gottesdienst in ihrem Leben ausprägen. Um diese Treue
zur göttlichen Wahrheit zu gewährleisten, hat Christus der Kirche den
besonderen Beistand des Geistes der Wahrheit verheißen. Er hat jenen die Gabe
der Unfehlbarkeit verliehen, die den Auftrag haben, diese
Wahrheiten zu verbreiten und zu lehren, wie es schon das I.
Vatikanische Konzil klar definiert und dann das II. Vatikanische
Konzil wiederholt hat. Das ganze Volk Gottes hat er außerdem mit
einem besonderen Glaubenssinn ausgestattet.
So sind wir
also Teilhaber an dieser prophetischen Sendung Christi geworden, und aus der
Kraft der gleichen Sendung dienen wir zusammen mit ihm der göttlichen Wahrheit
in der Kirche. Die Verantwortung für eine solche Wahrheit bedeutet auch, sie zu
lieben und möglichst genau zu verstehen zu suchen, damit sie uns selbst und den
anderen in all ihrer erlösenden Kraft, in ihrem hellen Glanz, in ihrer Tiefe
und zugleich Einfachheit immer vertrauter wird. Diese Liebe und das Verlangen,
die Wahrheit besser zu verstehen, müssen zusammengehen, wie die
Lebensgeschichten der Heiligen in der Kirche bestätigen. Das wahre Licht, das
die göttliche Wahrheit erhellt und uns so die Wirklichkeit Gottes selbst
näherbringt, hat immer diejenigen am meisten erleuchtet, die in Ehrfurcht und
Liebe dieser Wahrheit begegnet sind: Liebe vor allem zu Christus, dem
lebendigen Wort der göttlichen Wahrheit, und dann Liebe zu dessen menschlichem
Ausdruck im Evangelium, in der Tradition und in der Theologie. Auch heute
brauchen wir vor allem anderen ein solches Verständnis und eine solche
Auslegung des Wortes Gottes sowie eine solche Theologie. Die Theologie ist heute,
genau so wie früher, sehr wichtig dafür, daß die Kirche, das Volk Gottes, in
kreativer und fruchtbarer Weise an der prophetischen Sendung Christi teilnehmen
kann. Darum dürfen die Theologen, wenn sie als Diener an der göttlichen
Wahrheit sich in ihren Studien und Arbeiten einem immer tiefer eindringenden
Verständnis widmen, niemals die Bedeutung ihres Dienstes in der Kirche aus den
Augen verlieren, wie sie in dem Begriff »intellectus fidei« (= »verstehender
Glaube«) enthalten ist. Dieser Doppelbegriff gilt in zweifacher Richtung nach
der Formel »intellege, ut credas - crede, ut intellegas« (= »verstehe, um zu
glauben - glaube, um zu verstehen«) und kommt dort voll zum
Tragen, wo man dem Lehramt, das in der Kirche den Bischöfen anvertraut ist, die
ihrerseits mit dem Nachfolger des Petrus in hierarchischer Einheit verbunden
sind, zu dienen sucht und sich ihrer Sorge für die Verkündigung und Pastoral
sowie den apostolischen Initiativen des ganzen Gottesvolkes zur Verfügung
stellt.
Wie in früheren
Epochen so sind auch heute - und heute vielleicht noch dringender - die
Theologen und alle Wissenschaftler in der Kirche aufgerufen, den Glauben mit
ihrem Wissen und inrer Weisheit zu verbinden, damit diese sich gegenseitig
durchdringen können, wie wir es in der Oration zum Fest des hl. Kirchenlehrers
Albert lesen. Diese Aufgabe hat sich heute durch den Fortschritt der
Wissenschaft, ihrer Methoden und Resultate in der Kenntnis der Welt und des
Menschen enorm erweitert. Das betrifft die Naturwissenschaften ebenso wie die
Geisteswissenschaften und auch die Philosophie, deren enge Verbindung mit der
Theologie das II. Vatikanische Konzil in Erinnerung gerufen hat.
In diesem
Bereich menschlichen Wissens, der sich fortwährend ausweitet und auffächert,
muß sich auch der Glaube beständig vertiefen, indem er auf die Dimension des
geoffenbarten Geheimnisses hinweist und sich um das Verständnis der Wahrheit
bemüht, die in Gott ihre einzige und höchste Quelle hat. Wenn es auch erlaubt
ist - und man sollte es sogar wünschen -, daß bei der Durchführung dieses
weiten Arbeitsauftrages eine gewisse Vielfalt an Methoden in Betracht kommt, so
darf sich doch diese Tätigkeit nicht von der fundamentalen Einheit in der
Verkündigung des Glaubens und der Moral als einem Ziel, das ihr wesentlich ist,
entfernen. Darum ist eine enge Zusammenarbeit der Theologie mit dem Lehramt
unentbehrlich. Jeder Theologe muß sich in besonderer Weise dessen bewußt sein,
was Christus selbst gemeint hat, wenn er sagte: »Das Wort, das ihr hört, ist
nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat«.
Niemand darf deshalb aus der Theologie so etwas machen wie eine einfache
Sammlung von eigenen persönlichen Auffassungen; sondern jeder muß darauf
bedacht sein, in enger Verbindung zu bleiben mit dem Sendungsauftrag, die
Wahrheit zu lehren, für die die Kirche verantwortlich ist.
Die Teilnahme
am prophetischen Amt Christi formt das Leben der ganzen Kirche von Grund auf.
Einen besonderen Anteil an diesem Auftrag haben die Hirten der Kirche, die in
die Wahrheit Christi einführen und in beständiger, vielfältiger Weise die Lehre
des Glaubens und der christlichen Moral verkündigen und ausbreiten. Diese
Glaubensunterweisung - sei es in der Mission sei es unter den Christen selbst -
trägt dazu bei, daß das Volk Gottes sich um Christus versammelt; sie bereitet
auf die Teilnahme an der Eucharistie vor und gibt die Wege für ein Leben aus
der Kraft des Sakramentes an. Die Bischofssynode vom Jahre 1977 hat ihre
besondere Aufmerksamkeit der Katechese in der heutigen Welt gewidmet, und die
reife Frucht ihrer Beratungen, Erfahrungen und Anregungen wird bald - einem
Vorschlag der Teilnehmer der Synode entsprechend - in einem eigenen päpstlichen
Dokument erscheinen. Die Katechese ist sicherlich eine dauerhafte und
grundlegende Form des Wirkens der Kirche; hierin zeigt sich ihr prophetisches
Charisma: Glaubenszeugnis und Unterweisung gehören zusammen. Wenn es hierbei
auch in erster Linie um die Priester geht, dürfen wir doch in keiner Weise die
große Zahl von Ordensleuten übersehen, die aus Liebe zu Christus in der
Katechese tätig sind. Ebenso müssen wir schließlich die zahlreichen Laien
erwähnen, die durch solche Tätigkeit den Glauben und ihre apostolische
Verantwortung konkret leben.
Wir müssen außerdem
dafür Sorge tragen, daß die verschiedenen Formen der Katechese in ihren
vielfältigen Bereichen - angefangen bei jener grundlegenden Form, die die
Katechese in der Familie darstellt, das heißt die Katechese der Eltern für ihre
eigenen Kinder - die breite Teilnahme des ganzen Gottesvolkes am prophetischen
Amt Christi aufweisen. So muß, hiermit verbunden, die Verantwortung der Kirche
für die göttliche Wahrheit immer mehr und in unterschiedlicher Weise von allen
geteilt werden. Wir denken dabei auch an die Fachleute der verschiedenen
Disziplinen, an die Vertreter der Natur - und Geisteswissenschaften, an die
Ärzte, die Juristen, die Künstler, die Ingenieure, an die Lehrer der
verschiedenen Grade und Spezialisierungen. Sie alle haben als Mitglieder des Volkes
Gottes ihren eigenen Anteil an der prophetischen Sendung Christi, an seinem
Dienst für die göttliche Wahrheit. Das gilt schon für ihre lautere Einstellung
zu jeglicher Wahrheit und immer dann, wenn sie andere zur Wahrheit erziehen und
sie lehren, in der Liebe und Gerechtigkeit zu reifen. So stellt das
Verantwortungsbewußtsein für die Wahrheit eine der wichtigsten Stellen dar, wo
die Kirche jedem Menschen begegnen kann, und ist zugleich eine wesentliche
Anforderung, die die Berufung des Menschen in der Gemeinschaft der Kirche
bestimmt. Angeleitet vom Bewußtsein, für die Wahrheit verantwortlich zu sein,
muß die Kirche unserer Tage ihrer eigenen Natur treu bleiben, zu der die
prophetische Sendung gehört, die von Christus selbst herstammt: »Wie mich der
Vater gesandt hat, so sende ich euch.... Empfangt den Heiligen Geist«.
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