20.
Eucharistie und Buße
Im Geheimnis
der Erlösung, das heißt im Heilswerk, das Christus wirkt, hat die Kirche Anteil
an der Frohen Botschaft ihres Meisters; nicht nur durch ihr treues Hören auf
sein Wort und durch die Verkündigung dieser Wahrheit, sondern gleichermaßen
auch durch einen Akt gläubiger Hingabe in Liebe erfährt sie die Kraft seines
erlösenden Wirkens, das er in die Zeichen der Sakramente, vor allem in die hl.
Eucharistie, hineingelegt hat. Diese ist die Mitte und der Gipfel
von allem sakramentalen Leben, durch das jeder Christ die heilende Kraft der
Erlösung empfängt, beginnend beim Geheimnis der Taufe, das uns eintauchen läßt
in den Tod Christi, um uns dann auch an seiner Auferstehung teilnehmen zu
lassen, wie der Apostel Paulus uns lehrt. Im Licht dieser Lehre
wird es noch klarer, warum das ganze sakramentale Leben der Kirche und eines
jeden Christen seinen Höhepunkt und seine Fülle gerade in der Eucharistie
erreicht. In diesem Sakrament erneuert sich ja fortwährend nach dem Willen
Christi das Geheimnis des Opfers, das er selbst durch seine Hingabe auf dem
Altar des Kreuzes dem Vater dargebracht hat: ein Opfer, das der Vater
angenommen hat, indem er für diese Ganzhingabe seines Sohnes, der »gehorsam
wurde bis zum Tod«, die ihm als Vater eigene Gabe schenkte, ein
neues, ewiges Leben in der Auferstehung; denn der Vater ist die erste Quelle
und der Spender des Lebens von Anbeginn. Dieses neue Leben, das auch die
leibliche Verherrlichung Christi, des Gekreuzigten, umfaßt, ist wirkkräftiges
Zeichen der neuen Gabe geworden, die der Menschheit zuteil geworden ist, der
Gabe des Heiligen Geistes, durch den das göttliche Leben, das der Vater in sich
hat und seinem Sohne gibt, an alle Menschen weitergegeben wird,
die mit Christus vereint sind.
Die Eucharistie
ist das vollkommenste Sakrament für diese Einheit. Indem wir die Eucharistie
feiern und uns in sie aufnehmen lassen, gelangen wir zur Einheit mit dem
irdischen und dem verherrlichten Christus, unserem Fürsprecher beim Vater;
diese Einheit aber kommt immer durch den erlösenden Akt seines
Opfers zustande, durch den er uns befreit hat, indem er uns »für ein teures
Lösegeld freigekauft« hat. Der »hohe Preis« unserer Erlösung
beweist zugleich den Wert, den Gott selbst dem Menschen beimißt, beweist unsere
Würde in Christus. Dadurch daß wir »Kinder Gottes« werden, »an Sohnes
Statt angenommen«, werden wir zugleich, ähnlich wie er, zu
»Königen und Priestern«, erhalten wir das »königliche Priestertum«,
das heißt, wir nehmen teil an jener einzigartigen bleibenden
Übergabe des Menschen und der Welt an den Vater, die er, der Sohn von Ewigkeit
her und zugleich wahrer Mensch, ein für allemal vollzogen hat. Die
Eucharistie ist das Sakrament, in dem sich in vollendeter Weise unser neues
Sein ausdrückt: Christus selbst legt hierin fortwährend und immer wieder neu im
Heiligen Geist Zeugnis ab für unseren Geist, daß jeder von uns
durch die Teilnahme am Geheimnis der Erlösung Zugang hat zu den Früchten der
Versöhnung mit Gott, dem Vater, die der Sohn selbst durch den
Dienst der Kirche gewirkt hat und immer wieder unter uns wirkt.
Es ist eine
grundlegende Wahrheit, nicht nur lehrmäßiger, sondern auch existentieller
Natur, daß die Eucharistie die Kirche aufbaut; sie baut diese auf
als die wahre Gemeinschaft des Volkes Gottes, als Versammlung der Gläubigen,
die von demselben Merkmal der Einheit gekennzeichnet ist, das schon die Apostel
und ersten Jünger des Herrn ausgezeichnet hat. Die Eucharistie baut immer
wieder neu diese Gemeinschaft und Einheit auf; sie baut diese stets auf und
erneuert sie in der Kraft des Opfers Christi, weil sie seines Todes am Kreuze
gedenkt, durch dessen Preis wir von ihm erlöst worden sind. Wir
rühren deshalb in der Eucharistie in gewisser Weise an das Geheimnis selbst des
Leibes und Blutes des Herrn, wie es die Worte im Augenblick der Einsetzung
bezeugen, kraft deren sie auf immer die Worte der Eucharistiefeier für jene
geworden sind, die zu diesem Geheimnis in der Kirche berufen sind.
Die Kirche lebt
von der Eucharistie, lebt aus der Fülle dieses Sakramentes, dessen wunderbarer
Gehalt und Sinn in den Verlautbarungen des Lehramtes der Kirche seit den
ältesten Zeiten bis in unsere Tage oft dargestellt worden sind.
Dennoch können wir mit Sicherheit sagen, daß diese Lehre - die von den
tiefsinnigen Theologen, von Männern tiefen Glaubens und des Gebetes, von
Asketen und Mystikern in ihrer Treue zum eucharistischen Geheimnis stets
bekannt worden ist - fast immer nur an der Schwelle stehenbleibt, da sie das,
was die Eucharistie in ihrer ganzen Fülle ist und bezeichnet und was in ihr
geschieht, nicht in Worten auszudrücken vermag. Sie ist in der Tat ein
unaussprechliches Sakrament! Die entscheidende Pflicht und vor allem die
sichtbare Gnade und Quelle der übernatürlichen Kraft der Kirche als Volk Gottes
bestehen darin, im eucharistischen Leben und in der eucharistischen Frömmigkeit
stets zu verharren und fortzuscheiten und sich selbst unter dem Einfluß der
Eucharistie geistlich zu entfalten. Gerade darum dürfen wir diesem wahrhaft
allerheiligsten Sakrament nicht durch die Art und Weise unseres Denkens, Lebens
und Handelns seine volle Dimension und seine wesentliche Bedeutung nehmen.
Dieses Sakrament ist zugleich Opfer, Kommunion und Gegenwart. Obgleich es
richtig ist, daß die Eucharistie immer die tiefste Offenbarung und Feier der
menschlichen Brüderlichkeit unter den Jüngern und Zeugen Christi gewesen ist
und noch weiter sein muß, darf sie nicht nur als eine »Gelegenheit« benutzt
werden, um diese Brüderlichkeit zu bekunden. In der Feier des Sakramentes des
Leibes und Blutes des Herrn muß man die volle Dimension des göttlichen
Geheimnisses und den vollen Sinn dieses sakramentalen Zeichens beachten, bei
dem der wahrhaft gegenwärtige Christus empfangen, die Seele mit Gnaden
beschenkt und ein Unterpfand der künftigen Herrlichkeit gegeben wird.
Daraus ergibt sich die Pflicht einer gewissenhaften Beobachtung
der liturgischen Normen und alles dessen, was den gemeinschaftlichen
Gottesdienst bezeugt, der Gott selbst dargebracht wird; und das um so mehr,
weil er sich unter diesem sakramentalen Zeichen mit grenzenlosem Vertrauen uns
überantwortet, als ob er unserer menschlichen Schwäche und Unwürdigkeit, den
Gewohnheiten, der »Routine« oder sogar der Möglichkeit von Beleidigungen keine
Beachtung schenke. In der Kirche müssen alle, besonders aber die Bischöfe und
Priester, darüber wachen, daß dieses Sakrament der Liebe den Mittelpunkt im
Leben des Gottesvolkes bildet, auf daß durch alle Ausdrucksformen des
geschuldeten Kultes Christus »Liebe für Liebe« erwiesen wird und er wirklich
das »Leben unserer Seele« wird. Auf der anderen Seite können wir
niemals die folgenden Worte des hl. Paulus vergessen: »Jeder soll sich selbst
prüfen, und dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken«.
Diese Einladung
des Apostels zeigt, zumindest indirekt, das enge Band zwischen der Eucharistie
und der Buße. Wenn nämlich das erste Wort in der Verkündigung Christi, der
erste Satz der Frohen Botschaft des Evangeliums gewesen ist: »Bekehret euch und
glaubt an das Evangelium« (metanoeite), so scheint das
Sakrament des Leidens, des Kreuzes und der Auferstehung diese Einladung in
unseren Seelen auf ganz besondere Weise zu verstärken und zu festigen. Die
Eucharistie und die Buße werden so in gewissem Sinn eine zweifache und zugleich
innerlich verbundene Dimension des authentischen Lebens im Geist des
Evangeliums, des wahrhaft christlichen Lebens. Christus, der zum
eucharistischen Mahl einlädt, ist stets derselbe Christus, der zur Buße
ermahnt, der das »Bekehret euch« wiederholt. Ohne diese ständigen
und immer wieder neuen Bemühungen um die Bekehrung wäre die Teilnahme an der
Eucharistie der vollen erlösenden Wirklichkeit beraubt, würde sie
herabgemindert oder in ihr allgemein jene besondere Fähigkeit geschwächt, Gott
das geistige Opfer darzubringen, in dem sich auf grundlegende und
umfassende Weise unsere Teilnahme am Priestertum Christi ausdrückt. In Christus
ist das Priestertum nämlich verbunden mit dem eigenen Opfer, mit seiner Hingabe
an den Vater. Diese Hingabe ruft, da sie unbegrenzt ist, in uns Menschen, die
wir vielfältigen Begrenzungen unterliegen, das Bedürfnis wach, uns in immer
reiferer Form und durch eine beständige und immer tiefere Bekehrung zu Gott
hinzuwenden.
In den letzten
Jahren ist viel unternommen worden, um - im Einklang übrigens mit der ältesten
Tradition der Kirche - den gemeinschaftlichen Aspekt der Buße und vor allem des
Bußsakramentes im praktischen Leben der Kirche gebührend herauszustellen. Diese
Initiativen sind nützlich und werden gewiß zur Bereicherung der Bußpraxis in
der Kirche von heute beitragen. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß die
Bekehrung ein innerer Akt von besonderer Tiefe ist, bei dem der Mensch nicht
durch andere ersetzt werden kann noch sich durch die Gemeinschaft »vertreten«
lassen kann. Wenn auch die brüderliche Ge meinschaft der Gläubigen, die an der
Bußfeier teilnehmen, für den Akt der persönlichen Bekehrung von großem Nutzen
ist, muß sich schließlich doch der einzelne selbst in diesem Akt äußern mit der
ganzen Tiefe seines Bewußtseins, in voller Einsicht seiner Schuld und mit
Gottvertrauen, indem er wie der Psalmist vor Gott hintritt, um zu bekennen:
»Gegen dich habe ich gesündigt«. Die Kirche verteidigt also, indem
sie die jahrhundertealte Praxis des Bußsakramentes bewahrt - die Praxis der
individuellen Beichte in Verbindung mit dem persönlichen Akt der Reue und dem
Vorsatz, sich zu bessern und wiedergutzumachen -, das besondere Recht der
menschlichen Seele. Es ist das Recht zu einer mehr persönlichen Begegnung des
Menschen mit dem gekreuzigten Christus, der verzeiht, mit Christus, der durch
den Spender des Sakramentes der Versöhnung sagt: »Deine Sünden sind dir
vergeben«; »Geh und sündige von jetzt an nicht mehr«.
Offenkundig ist es gleichzeitig auch das Recht Christi selbst hinsichtlich
eines jeden Menschen, der von ihm erlöst worden ist. Es ist das Recht, jedem
von uns in jenem entscheidenden Augenblick des Lebens der Seele, nämlich dem
der Bekehrung und des Verzeihens, zu begegnen. Indem die Kirche das
Bußsakrament bewahrt, bekräftigt sie ausdrücklich ihren Glauben an das
Geheimnis der Erlösung als eine lebendige und lebenspendende Wirklichkeit, die
der inneren Wahrheit des Menschen, der menschlichen Schuld und auch der
Sehnsucht des menschlichen Gewissens entspricht. »Selig, die hungern und
dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden«. Das
Bußsakrament ist das Mittel, um den Menschen mit jener Gerechtigkeit zu
sättigen, die vom Erlöser selber kommt.
In der Kirche,
die sich besonders in unserer Zeit um die Eucharistie versammelt und dabei
wünscht, daß die authentische eucharistische Gemeinschaft zum Zeichen der
Gemeinschaft aller Christen wird, einer Einheit, die stufenweise heranreift,
muß das Bedürfnis nach Buße lebendig bleiben, sei sie sakramentaler
oder mehr asketischer Natur. Dieser zweite Aspekt ist von Paul VI.
in der Apostolischen Konstitution Paenitemini dargelegt
worden. Eine der Aufgaben der Kirche ist es, die darin enthaltene Lehre in die
Praxis umzusetzen. Gewiß muß dieses Thema von uns auch noch in gemeinsamen
Überlegungen vertieft und zum Gegenstand vieler weiterer Entscheidungen gemacht
werden, die im Geist pastoraler Kollegialität zu treffen sind, wobei man die
verschiedenen diesbezüglichen Traditionen und die verschiedenen
Lebensverhältnisse der Menschen von heute mitberücksichtigen wird. Dennoch ist
sicher, daß die Kirche des neuen Advents, die Kirche, die sich beständig auf
die neue Ankunft des Herrn vorbereitet, die Kirche der Eucharistie und der Buße
sein muß. Nur unter diesem geistlichen Profil ihrer Lebendigkeit und ihres
Handelns ist sie die Kirche der göttlichen Sendung, die Kirche im Zustand der
»Mission«, so wie sie uns das II. Vatikanische Konzil dargestellt hat.
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