22. Die
Mutter unseres Vertrauens
Wenn ich zu
Beginn des neuen Pontiflkates meine Gedanken und mein Herz auf den Erlöser der
Welt richte, so möchte ich mich auf diese Weise in den tiefsten Rhythmus des
Lebens der Kirche einordnen und darin eindringen. Wenn nämlich die Kirche ihr
eigenes Leben vollzieht, dann geschieht das, weil sie es aus Christus schöpft,
der immer nur das eine will, daß wir das Leben haben und es im Überfluß haben.
Die Fülle des Lebens, die in ihm ist, ist für den Menschen
bestimmt. Deshalb wird die Kirche, wenn sie sich dem ganzen Reichtum des
Geheimnisses der Erlösung öffnet, eine Kirche von lebendigen Menschen;
lebendig, weil sie durch das Werk des »Geistes der Wahrheit« von
innen belebt und von der Liebe heimgesucht sind, die der Heilige Geist in
unsere Herzen eingießt. Das Ziel eines jeden Dienstes in der
Kirche, sei er apostolischer, pastoraler, priesterlicher oder bischöflicher Natur,
ist es, diese dynamische Verbindung zwischen dem Geheimnis der Erlösung und
jedem Menschen aufrechtzuerhalten.
Wenn wir uns
dieser Aufgabe bewußt sind, verstehen wir wohl auch besser, was es heißt zu
sagen, daß die Kirche Mutter ist, und auch was es heißt, daß die
Kirche immer und besonders in unserer Zeit das Bedürfnis nach einer Mutter hat.
Einen besonderen Dank schulden wir den Vätern des II. Vatikanischen Konzils,
die diese Wahrheit in der Konstitution Lumen Gentium durch die dort
enthaltene ausführliche mariologische Lehre entfaltet haben. Da
Paul VI., von dieser Lehre inspiriert, die Mutter Christi zur »Mutter der
Kirche« proklamiert und diese Bezeichnung eine breite Resonanz
gefunden hat, sei es auch seinem unwürdigen Nachfolger erlaubt, sich am Ende
der vorliegenden Überlegungen, die sich zur Eröffnung seines päpstlichen
Dienstes nahegelegt haben, an Maria als Mutter der Kirche zu wenden. Maria ist
die Mutter der Kirche, weil sie kraft unaussprechlicher Erwählung durch den
Ewigen Vater selbst und durch das besondere Wirken des Geistes der
Liebe das menschliche Leben dem Sohn Gottes gegeben hat, »für den
und durch den das All ist« und von dem das ganze Volk Gottes die
Gnade und Würde seiner Erwählung empfängt. Der eigene Sohn wollte die
Mutterschaft seiner Mutter ausdrücklich in einer für jeden Geist und jedes Herz
leicht verständlichen Weise ausweiten, indem er ihr von der Höhe des Kreuzes
herab seinen Lieblingsjünger als Sohn anvertraute. Der Heilige
Geist gab ihr ein, daß auch sie nach der Himmelfahrt unseres Herrn zusammen mit
den Aposteln im Abendmahlssaal in Gebet und Erwartung verharre bis zum
Pfingsttag, an dem die Kirche sichtbar geboren werden sollte, indem sie aus dem
Dunkel hervortrat. In der Folgezeit nahmen alle Generationen von
Jüngern und Gläubigen, die Christus lieben - so wie der Apostel Johannes -,
diese Mutter geistigerweise in ihr Haus auf, so daß sie von Anfang
an seit dem Augenblick der Verkündigung, in die Heilsgeschichte und in die
Sendung der Kirche eingefügt ist. Wir alle also, die wir die heutige Generation
der Jünger Christi bilden, wollen uns in besonderer Weise ihr anschließen. Wir
tun dies in der völligen Treue zur alten Tradition und gleichzeitig mit
liebevollem Respekt vor den Mitgliedern aller christlichen Gemeinschaften.
Wir wissen uns
dazu veranlaßt von dem tiefen Bedürfnis des Glaubens, der Hoffnung und der
Liebe. Wenn wir nämlich in dieser schwierigen und verantwortungsschweren Phase
der Geschichte der Kirche und der Menschheit ein besonderes Verlangen
verspüren, uns an Christus zu wenden, der Herr seiner Kirche und kraft des
Geheimnisses der Erlösung auch Herr der Geschichte des Menschen ist, so glauben
wir, daß kein anderer uns besser in die göttliche und menschliche Dimension
dieses Geheimnisses einführen kann als Maria. Niemand ist wie Maria von Gott
selbst in dieses Geheimnis eingeführt worden. Darin besteht der
Ausnahmecharakter der Gnade der göttlichen Mutterschaft. Nicht nur die Würde
dieser Mutterschaft ist in der Geschichte des Menschengeschlechtes einzigartig
und unwiederholbar; einzigartig an Tiefe und Wirkung ist auch die Teilnahme
Mariens aufgrund dieser Mutterschaft im göttlichen Heilsplan für den Menschen
durch das Geheimnis der Erlösung.
Dieses
Geheimnis hat sich sozusagen unter dem Herzen der Jungfrau von Nazaret
gebildet, als sie ihr »Fiat« gesprochen hat. Von jenem Augenblick an folgt
dieses jungfräuliche und zugleich mütterliche Herz unter dem besonderen Wirken
des Heiligen Geistes immer dem Werk des Sohnes und nähert sich allen, die
Christus in seine Arme geschlossen hat und noch ständig in seiner
unerschöpflichen Liebe umarmt. Deswegen muß dieses Herz auch als Herz einer
Mutter unerschöpflich sein. Das Wesen dieser mütterlichen Liebe, die die Mutter
Gottes in das Geheimnis der Erlösung und in das Leben der Kirche einbringt,
findet seinen Ausdruck in ihrer besonderen Nähe zum Menschen in allen
wechselvollen Ereignissen seines Lebens. Darin besteht das Geheimnis der
Mutter. Die Kirche, die auf sie mit einer ganz besonderen Liebe und Hoffnung
schaut, möchte sich dieses Geheimnis immer tiefer aneignen. Gerade hier erkennt
die Kirche wieder den Weg ihres täglichen Lebens, den ja jeder Mensch für sie
bedeutet.
Die ewige Liebe
des Vaters, die sich in der Geschichte der Menschheit durch den Sohn
geoffenbart hat, den der Vater dahingab, »damit jeder, der an ihn glaubt, nicht
verlorengeht, sondern ewiges Leben hat«, diese Liebe nähert sich
einem jeden von uns durch diese Mutter und wird so für jeden Menschen
verständlicher und leichter zugänglich. Darum muß Maria auf allen Wegen des
täglichen Lebens der Kirche gegenwärtig sein. Durch die Anwesenheit ihrer
Mutter gewinnt die Kirche Gewißheit, daß sie wirklich das Leben ihres Meisters
und Herrn lebt, daß sie das Geheimnis der Erlösung in all ihrer belebenden
Tiefe und Fülle vollzieht. Die Kirche, die ihre Wurzeln in zahlreichen und
verschiedenartigen Lebensbereichen der ganzen heutigen Menschheit hat, gewinnt
dabei auch die Gewißheit und, so könnte man sagen, die Erfahrung, daß sie dem
Menschen nahe ist, jedem einzelnen, daß es seine Kirche ist: die Kirche des
Volkes Gottes.
Vor solchen
Aufgaben, die sich entlang der Wege der Kirche ergeben und die Papst Paul VI.
uns in der ersten Enzyklika seines Pontifikates klar aufgezeigt hat, die wir
uns der absoluten Notwendigkeit all dieser Wege und gleichzeitig der
Schwierigkeiten bewußt sind, welche sich auf ihnen auftürmen, vor solchen
Aufgaben also verspüren wir um so stärker das Bedürfnis einer engen Bindung an
Christus. Die Worte, die er gesagt hat, hallen in uns wie ein Echo wider: »Ohne
mich könnt ihr nichts tun«. Wir fühlen nicht nur das Bedürfnis,
sondern geradezu einen kategorischen Imperativ zu einem großen, intensiven und
vermehrten Gebet der ganzen Kirche. Nur das Gebet kann bewirken, daß all diese
großen Aufgaben und Schwierigkeiten, die sich einander ablösen werden, nicht
Anlaß einer Krise werden, sondern die Gelegenheit und eine Art von Fundament
für immer reifere Fortschritte auf dem Weg des Volkes Gottes hin zum
verheißenen Land in dieser geschichtlichen Etappe, die sich dem Ende des
zweiten Jahrtausends nähert. Wenn ich nun also diese Betrachtung mit einer
innigen und demütigen Einladung zum Gebet beende, dann ist es mein Wunsch, daß
man in diesem Gebet verharrt, vereint mit Maria, der Mutter Jesu,
so wie die Apostel und die Jünger des Herrn nach seiner Himmelfahrt im
Abendmahlssaal von Jerusalem verharrten. Ich bitte vor allem
Maria, die himmlische Mutter der Kirche, sie möchte während dieses Gebetes im
neuen Advent der Menschheit bei uns bleiben, die wir die Kirche bilden, den
Mystischen Leib ihres eingeborenen Sohnes. Ich hoffe, daß wir dank eines
solchen Gebetes den Heiligen Geist aus der Höhe empfangen können
und so Zeugen Christi werden »bis an die Enden der Erde« wie jene,
die am Pfingsttag aus dem Abendmahlssaal in Jerusalem in die Welt
hinausgegangen sind.
Mit meinem
Apostolischen Segen!
Gegeben in
Rom zu St. Peter, am 4. März, dem ersten Fastensonntag des Jahres 1979, des
ersten meines Pontifikates.
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