2. Selig
ist, die geglaubt hat
12.
Kurz nach dem Verkündigungsbericht läßt uns der Evangelist Lukas der Jungfrau
von Nazaret auf ihrem Weg in »eine Stadt im Bergland von Judäa« folgen (Lk
1, 39). Nach den Gelehrten müßte diese Stadt das heutige Ain-Karim sein, das in
den Bergen nicht weit von Jerusalem liegt. Maria »eilte« dorthin, um
Elisabet, ihre Verwandte, zu besuchen. Der Grund für diesen Besuch
liegt auch darin, daß Gabriel bei der Verkündigung in bedeutungsvoller Weise
Elisabet genannt hat, die noch im vorgeschrittenen Alter durch Gottes mächtiges
Wirken einen Sohn von ihrem Mann Zacharias empfangen hatte: »Elisabet, deine
Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als
unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist
nichts unmöglich« (Lk 1, 36-37). Der göttliche Bote verwies auf das
Geschehen in Elisabet, um auf die Frage Marias zu antworten: »Wie soll das
geschehen, da ich keinen Mann erkenne?« (Lk 1, 34). Ja, es wird möglich
durch die »Kraft des Höchsten«, genauso, und sogar noch mehr, wie bei Elisabet.
Maria begibt
sich also aus Liebe in das Haus ihrer Verwandten. Als sie dort eintritt und
Elisabet bei der Antwort auf ihren Gruß das Kind in ihrem Leib hüpfen fühlt, da
grüßt diese, »vom Heiligen Geist erfüllt«, ihrerseits Maria mit lauter Stimme:
»Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht
deines Leibes« (vgl. Lk 1, 40-42). Dieser preisende Ausruf Elisabets
sollte dann als Fortsetzung des Grußes des Engels in das Ave-Maria
eingehen und so zu einem der am häufigsten gesprochenen Gebete der Kirche
werden. Noch bedeutungsvoller aber sind die Worte Elisabets in der Frage, die
folgt: »Wer bin ich, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?« (Lk
1, 43). Elisabet gibt Zeugnis für Maria: Sie erkennt und bekennt, daß vor
ihr die Mutter des Herrn, die Mutter des Messias, steht. An diesem Zeugnis
beteiligt sich auch der Sohn, den Elisabet in ihrem Schoß trägt: »Das Kind
hüpfte vor Freude in meinem Leib« (Lk 1, 44). Das Kind ist der künftige
Johannes der Täufer, der am Jordan auf Jesus, den Messias, hinweisen wird.
Jedes Wort im
Gruß Elisabets ist voller Bedeutung; doch von grundlegender Wichtigkeit
scheint zu sein, was sie am Ende sagt: »Selig ist die, die geglaubt hat,
daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ« (Lk 1, 45).28
Diese Worte kann man neben die Anrede »du Begnadete« beim Gruß des Engels
stellen. In beiden Texten offenbart sich die Wahrheit ihres wesentlich
mariologischen Inhalts, das heißt die Wahrheit über Maria, die im Geheimnis
Christi gerade darum wirklich gegenwärtig geworden ist, weil sie »geglaubt
hat«. Die Fülle der Gnade, die der Engel verkündet, bedeutet das
Geschenk Gottes selbst; der Glaube Marias, der von Elisabet beim Besuch
gepriesen wird, zeigt, wie die Jungfrau von Nazaret auf dieses
Geschenk geantwortet hat.
13.
»Dem offenbarenden Gott ist der " Gehorsam des Glaubens" (Röm
16, 26; vgl. Röm 1, 5; 2 Kor 10, 5-6 ) zu leisten. Darin
überantwortet sich der Mensch Gott als ganzer in Freiheit«, lehrt das
Konzil.29 Diese Umschreibung des Glaubens fand in Maria ihre
vollkommene Verwirklichung. Der »entscheidende« Augenblick war die
Verkündigung, und die Worte Elisabets: »Selig ist die, die geglaubt hat«
beziehen sich in erster Linie gerade auf diesen Augenblick.30
Bei der
Verkündigung hat Maria sich ja vollkommen Gott überantwortet, indem sie
demjenigen »den Gehorsam des Glaubens« entgegenbrachte, der durch seinen Boten
zu ihr sprach, indem sie sich ihm »mit Verstand und Willen voll
unterwirft«.31 Sie hat also mit ihrem ganzen menschlichen,
fraulichen »Ich« geantwortet. In dieser Glaubensantwort waren ein
vollkommenes Zusammenwirken mit der »zuvorkommenden und helfenden Gnade Gottes«
und eine vollkommene Verfügbarkeit gegenüber dem Wirken des Heiligen Geistes
enthalten, der »den Glauben ständig durch seine Gaben
vervollkommnet«.32
Das Wort des
lebendigen Gottes, das der Engel Maria verkündet, bezieht sich auf sie selbst:
»Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären« (Lk 1, 31).
Wenn Maria diese Ankündigung annahm, sollte sie die »Mutter des Herrn« werden
und das göttliche Geheimnis der Menschwerdung sich in ihr vollziehen: »Der
Vater der Erbarmungen wollte aber, daß vor der Menschwerdung die
vorherbestimmte Mutter ihr empfangendes Ja sagte«.33 Und nachdem Maria
alle Worte des Boten gehört hat, gibt sie diese Zustimmung. Sie sagt: »Ich bin
die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1, 38).
Dieses Fiat Marias - »mir geschehe« - hat von der menschlichen Seite her über
die Verwirklichung des göttlichen Geheimnisses entschieden. Es findet sich hier
eine volle Übereinstimmung mit den Worten des Sohnes, der nach dem Hebräerbrief
beim Eintritt in die Welt zum Vater sagt: »Schlacht- und Speiseopfer hast du
nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen ... Ja, ich
komme ..., um deinen Willen, Gott, zu tun« (Hebr 10, 5-7). Das Geheimnis
der Menschwerdung hat sich also vollzogen, als Maria ihr Fiat gesprochen
hat: »Mir geschehe, wie du es gesagt hast«, indem sie, soweit es sie nach dem
göttlichen Plan betraf, die Erhörung des Wunsches ihres Sohnes ermöglicht hat.
Maria hat
dieses Fiat im Glauben gesprochen. Im Glauben hat sie sich ohne
Vorbehalte Gott überantwortet und »gab sich als Magd des Herrn ganz der Person
und dem Werk ihres Sohnes hin«.34 Und diesen Sohn - so lehren uns die
Väter - hat sie, noch bevor sie ihn im Leib empfing, im Geist empfangen: eben
durch den Glauben!35 Zu Recht also lobt Elisabet Maria: »Selig ist, die
geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ«. Diese
Worte haben sich schon erfüllt: Maria tritt über die Schwelle des Hauses
Elisabets und des Zacharias als die Mutter des Sohnes Gottes. Dies ist die
freudige Entdeckung Elisabets: »Die Mutter meines Herrn kommt zu mir«!
14.
Deshalb kann auch der Glaube Marias mit dem Abrahams verglichen
werden, den der Apostel »unseren Vater im Glauben» nennt (vgl. Röm 4,
12). In der Heilsordnung der Offenbarung Gottes bildet der Glaube Abrahams den
Anfang des Alten Bundes. Der Glaube Marias bei der Verkündigung eröffnet den
Neuen Bund. Wie Abraham »gegen alle Hoffnung voll Hoffnung geglaubt hat,
daß er der Vater vieler Völker werde« (vgl. Röm 4, 18), so hat Maria,
nachdem sie im Augenblick der Verkündigung ihre Jungfräulichkeit bekannt hatte
( »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?«) geglaubt, daß sie
durch die Kraft des Höchsten, durch den Heiligen Geist, nach der Offenbarung
des Engels die Mutter des Sohnes Gottes werden würde: »Deshalb wird auch das
Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden« (Lk 1, 35).
Doch betreffen
die Worte Elisabets: »Selig ist, die geglaubt hat« nicht nur jenen besonderen
Augenblick der Verkündigung. Gewiß ist dies der Höhepunkt für den Glauben
Marias in der Erwartung Christi; sie ist aber auch der Ausgangspunkt, an dem
ihr ganzer »Weg zu Gott«, ihr Glaubensweg insgesamt, beginnt. Und auf diesem
Weg, der herausragend und wahrhaft heroisch ist, - ja, mit wachsendem
Glaubensheroismus - wird sich der »Gehorsam« verwirklichen, den sie gegenüber
dem Wort der göttlichen Offenbarung bekannt hat. Dieser »Gehorsam des Glaubens«
von seiten Marias wird auf ihrem ganzen Weg überraschende Ähnlichkeiten mit dem
Glauben Abrahams haben. Wie der Patriarch des Volkes Gottes hat auch Maria auf
dem Weg ihres kindlichen und mütterlichen Fiat »geglaubt voll Hoffnung
gegen alle Hoffnung«. Vor allem in einigen Etappen dieses Weges offenbart sich
die Seligpreisung derjenigen, »die geglaubt hat«, mit besonderer Deutlichkeit.
Glauben will besagen, sich der Wahrheit des Wortes des lebendigen Gottes zu
»überantworten«, obwohl man darum weiß und demütig anerkennt, »wie
unergründlich seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege sind«
(Röm 11, 33). Maria, die sich nach dem ewigen Willen des Höchsten
sozusagen im Mittelpunkt jener »unerforschlichen Wege« und jener
»unergründlichen Entscheidungen« Gottes befindet, verhält sich im Halbdunkel
des Glaubens entsprechend, indem sie mit offenem Herzen alles voll und ganz
annimmt, was in Gottes Plan verfügt ist.
15.
Als Maria bei der Verkündigung vom Sohn sprechen hört, dessen Mutter sie werden
und dem sie »den Namen Jesus (= Erlöser) geben soll«, erfährt sie auch, daß
ihrem Sohn »der Herr den Thron seines Vaters David geben wird«, daß er »über
das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft kein Ende haben wird«
(Lk 1, 32-33). In diese Richtung ging die Hoffnung ganz Israels. Der
verheißene Messias sollte »groß« sein, und auch der himmlische Bote verkündet,
daß er »groß sein wird« - groß, sei es durch den Namen Sohn des
Höchsten, sei es durch die Übernahme von Davids Erbe. Er soll also
König sein und »über das Haus Jakob« herrschen. Konnte Maria, die inmitten
dieser Erwartungen ihres Volkes aufgewachsen ist, im Augenblick der
Verkündigung erfassen, welche wesentliche Bedeutung diese Worte des Engels
haben? Wie soll man jenes »Reich« verstehen, das »kein Ende« haben wird?
Wenn sie sich
auch in jenem Augenblick durch ihren Glauben als Mutter des »Messias-König«
fühlte, so antwortete sie doch: »Ich bin die Magd des Herrn; mir
geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1, 38). Vom ersten Augenblick an
hat Maria den »Gehorsam des Glaubens« bekannt, indem sie sich der
geheimnisvollen Bedeutung überantwortete, die jenen Worten der Verkündigung
derjenige gegeben hat, von dem sie kamen: Gott selbst.
16.
Auf dem Weg dieses »Gehorsams des Glaubens« hört Maria etwas später noch andere
Worte, die im Tempel von Jerusalem ausgesprochen werden. Es war der
vierzigste Tag nach der Geburt Jesu, als Maria und Josef nach der Vorschrift
des mosaischen Gesetzes »das Kind nach Jerusalem hinaufbrachten, um es dem
Herrn zu weihen« (Lk 2, 22). Die Geburt war in größter Armut erfolgt.
Wir wissen ja von Lukas, daß Maria, als sie sich anläßlich der von der
römischen Obrigkeit angeordneten Volkszählung mit Josef nach Betlehem begab und
sich »in der Herberge kein Platz« für sie fand, ihren Sohn in einem Stall
geboren hat und »ihn in eine Krippe legte« (vgl. Lk 2, 7).
Ein gerechter
und gottesfürchtiger Mann namens Simeon erscheint an jenem Beginn des
Glaubensweges Marias. Seine Worte, die vom Heiligen Geist eingegeben wurden
(vgl. Lk 2, 25-27), bestätigen einerseits die Wahrheit der Verkündigung.
Wir lesen nämlich, daß er das Kind »in seine Arme nahm«, dem - nach dem Auftrag
des Engels - »der Name Jesus gegeben worden war« (vgl. Lk 2, 21). Die
Rede Simeons entspricht dem Inhalt dieses Namens, der Heiland bedeutet: »Gott
ist Heil«. Zum Herrn gewandt, sagt er: »Meine Augen haben das Heil
gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die
Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel« (Lk 2, 30.
32). Zugleich aber wendet sich Simeon auch an Maria mit den folgenden Worten:
»Dieser ist dazu bestimmt, daß viele in Israel durch ihn zu Fall kommen und
viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen
wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden«. Und mit
direktem Bezug auf Maria fügt er hinzu: »Dir selbst aber wird ein Schwert durch
die Seele dringen« (vgl. Lk 2, 34. 35). Die Worte Simeons werfen auf die
Verkündigung, die Maria vom Engel gehört hat, ein neues Licht: Jesus ist der
Heiland, er ist »Licht«, das die Menschen »erleuchtet«. Ist es nicht
das, was sich in gewisser Weise in der Nacht von Weihnachten offenbart hat, als
die Hirten zum Stall gekommen sind? (vgl. Lk 2, 8-20). Ist es
nicht das, was sich noch deutlicher im Kommen der Weisen aus dem Morgenland
kundtun sollte? (vgl. Mt 2, 1-12). Zugleich aber wird der Sohn Marias
schon am Anfang seines Lebens - und mit ihm seine Mutter - auch die Wahrheit
der anderen Worte Simeons an sich erfahren: »Zeichen, dem widersprochen wird« (Lk
2, 34). Dieses Wort Simeons erscheint wie eine zweite Verkündigung an Maria;
denn es zeigt ihr die konkrete geschichtliche Dimension, in der ihr Sohn seine
Sendung ausführen wird, nämlich im Unverständnis und im Leid. Wenn eine solche
Ankündigung einerseits ihren Glauben an die Erfüllung der göttlichen
Heilsverheißungen bestätigt, so offenbart sie andererseits auch, daß Maria
ihren Glaubensgehorsam im Leid leben muß, an der Seite des leidenden Heilandes,
und daß ihre Mutterschaft umschattet und schmerzenreich sein wird. Und in der
Tat, schon nach dem Besuch der Weisen, nach ihrer Ehrenbezeugung ( »sie fielen
nieder und huldigten ihm« ), nach der Übergabe der Geschenke (vgl. Mt 2,
11 ) muß Maria zusammen mit ihrem Kind unter dem sorgenden Schutz Josefs nach
Ägypten fliehen; denn »Herodes suchte das Kind, um es zu töten« (vgl. Mt
2, 13). Und bis zum Tode des Herodes werden sie in Ägypten bleiben müssen (vgl.
Mt 2, 15).
17.
Als die heilige Familie nach dem Tode des Herodes nach Nazaret zurückkehrt,
beginnt die lange Periode ihres verborgenen Lebens. Diejenige, »die
geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ« (Lk 1, 45),
lebt jeden Tag den Inhalt dieser Worte. Täglich ist an ihrer Seite der Sohn,
dem sie »den Namen Jesus gegeben hat«; gewiß benutzte sie im Umgang mit
ihm diesen Namen, der übrigens bei niemandem Verwunderung erregen konnte, da er
seit langer Zeit in Israel gebräuchlich war. Dennoch weiß Maria, daß jener, der
den Namen Jesus trägt, vom Engel »Sohn des Höchsten« genannt worden
ist (vgl.Lk 1, 32). Maria weiß, daß sie ihn empfangen und geboren hat,
»ohne einen Mann zu erkennen«, durch den Heiligen Geist, durch die Kraft des
Höchsten, die sie überschattet hat (vgl. Lk 1, 35), so wie die Wolke zur
Zeit des Mose und der Väter die Gegenwart Gottes umhüllte (vgl. Ex
24,16; 40,34-35; 1 Kön 8,10-12). Maria weiß also, daß der Sohn, der von
ihr auf diese Weise jungfräulich geboren worden ist, eben jener »Heilige«, »der
Sohn Gottes« ist, von dem der Engel gesprochen hat.
Während der
Jahre des verborgenen Lebens Jesu im Haus von Nazaret ist auch das Leben
Marias »mit Christus verborgen in Gott« (vgl. Kol 3,3) durch
den Glauben. Der Glaube ist nämlich eine Berührung mit dem Geheimnis
Gottes. Maria ist ständig, täglich in Berührung mit dem unaussprechlichen
Geheimnis Gottes, der Mensch geworden ist, einem Geheimnis, das alles
übersteigt, was im Alten Bund offenbart worden ist. Seit dem Augenblick der
Verkündigung ist der Geist der Jungfrau und Mutter in die völlige »Neuheit« der
Selbstoffenbarung Gottes eingeführt und sich dieses Geheimnisses bewußt
geworden. Sie ist die erste jener »Kleinen«, von denen Jesus eines Tages sagen
wird: »Vater,... du hast all das den Weisen und Klugen verborgen, den
Unmündigen aber offenbart« (Mt 11, 25). Denn »niemand kennt den Sohn,
nur der Vater« (Mt 11,27). Wie kann also Maria »den Sohn kennen«?
Natürlich kennt sie ihn nicht wie der Vater. Und doch ist sie die erste
unter denen, denen der Vater »ihn hat offenbaren wollen« (vgl. Mt
11, 26-27; 1 Kor 2, 11). Wenn Maria aber vom Augenblick der Verkündigung
an der Sohn offenbart worden ist, von dem nur der Vater die volle Wahrheit
kennt als derjenige, der ihn im ewigen »Heute« zeugt (vgl. Ps 2,7), so
ist sie, die Mutter, mit der Wahrheit ihres Sohnes nur im Glauben und durch den
Glauben in Berührung! Sie ist also selig, weil sie »geglaubt hat« und jeden
Tag glaubt inmitten der Prüfungen und Widerwärtigkeiten in der Zeit der
Kindheit Jesu und dann während der Jahre seines verborgenen Lebens in Nazaret,
wo Jesus »ihnen gehorsam war« (Lk 2, 51): gehorsam Maria und auch Josef
gegenüber, weil dieser vor den Menschen die Stelle des Vaters vertrat; deswegen
wurde der Sohn Marias von den Leuten als »der Sohn des Zimmermanns« angesehen (Mt
13, 55).
Die Mutter jenes
Sohnes, eingedenk all dessen, was ihr bei der Verkündigung und den
nachfolgenden Begebenheiten gesagt worden ist, trägt also die völlige »Neuheit«
des Glaubens in sich: den Anfang des Neuen Bundes. Dieser ist der Anfang
des Evangeliums, der guten, frohen Botschaft. Es ist aber nicht schwer, in
jenem Anfang auch eine besondere Mühe des Herzens zu erkennen, die mit
einer gewissen »Glaubensnacht« verbunden ist - um ein Wort des hl. Johannes vom
Kreuz zu gebrauchen -, gleichsam ein »Schleier«, durch den hindurch man sich
dem Unsichtbaren nahen und mit dem Geheimnis in Vertrautheit leben
muß.36 Auf diese Weise lebte Maria viele Jahre in Vertrautheit mit
dem Geheimnis ihres Sohnes und schritt voran auf ihrem »Glaubensweg«,
während Jesus »an Weisheit zunahm und Gefallen fand bei Gott und den Menschen«
(Lk 2, 52). Immer mehr offenbarte sich vor den Augen der Menschen die
besondere Liebe, die Gott für ihn hatte. Die erste unter diesen menschlichen
Geschöpfen, die Christus immer tiefer erkennen durften, war Maria, die mit
Josef im selben Haus in Nazaret lebte.
Als die Eltern
den zwölfjährigen Jesus im Tempel wiederfanden und seine Mutter ihn
fragte: »Wie konntest du uns das antun«, antwortete dieser: »Wußtet ihr nicht,
daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?«. Aber der Evangelist fügt
hinzu: »Doch sie (Josef und Maria) verstanden nicht, was er damit
sagen wollte« (Lk 2, 48-50). Jesus war sich also bewußt, daß »den Sohn
nur der Vater kennt« (vgl. Mt 11, 27). Sogar diejenige, der das
Geheimnis seiner göttlichen Sohnschaft tiefer offenbart worden war, seine Mutter,
lebte nur durch den Glauben in Vertrautheit mit diesem Geheimnis! An der Seite
ihres Sohnes, unter demselben Dach, »bewahrte sie die Verbundenheit mit dem
Sohn in Treue« und schritt voran »auf dem Pilgerweg des Glaubens«, wie
es das Konzil unterstreicht.37 So tat sie es auch während des
öffentlichen Lebens Christi (vgl. Mk 3, 21-35), wobei sich an ihr
täglich die Seligpreisung erfüllte, die bei ihrem Besuch von Elisabet
ausgesprochen worden war: »Selig ist, die geglaubt hat«.
18.
Diese Seligpreisung erreicht ihre volle Bedeutung, als Maria unter dem
Kreuze ihres Sohnes steht (vgl. Joh 19, 25). Das Konzil betont, daß
das »nicht ohne göttliche Absicht« geschah: Dadurch daß Maria »heftig mit ihrem
Eingeborenen litt und sich mit seinem Opfer in mütterlichem Geist verband,
indem sie der Darbringung des Opfers, das sie geboren hatte, liebevoll
zustimmte«, bewahrte sie «ihre Verbundenheit mit dem Sohn in Treue bis zum
Kreuz«:38 die Verbundenheit durch den Glauben, denselben Glauben, mit
dem es ihr möglich geworden war, im Augenblick der Verkündigung die Offenbarung
des Engels anzunehmen. Sie hatte damals auch die Worte vernommen: »Er wird groß
sein... Der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird
über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende
haben« (Lk 1, 32-33).
Und nun, zu
Füßen des Kreuzes, ist Maria, menschlich gesprochen, Zeuge einer völligen Verneinung
dieser Worte. Ihr Sohn stirbt an jenem Holze wie ein Ausgestoßener. »Er wurde
verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen ...; er war
verachtet, und man schätzte ihn nicht«: fast völlig vernichtet (vgl. Jes 53,
3-5). Wie groß, wie heroisch ist somit »der Gehorsam des Glaubens«, den
Maria angesichts dieser »unergründlichen Entscheidungen« Gottes zeigt. Wie hat
sie sich ohne Vorbehalt »Gott überantwortet«, indem sie sich demjenigen »mit
Verstand und Willen voll unterwirft«,39 dessen »Wege unerforschlich
sind« (vgl. Röm 11, 33)! Und wie mächtig ist zugleich das Wirken der
Gnade in ihrer Seele, wie durchdringend der Einfluß des Heiligen Geistes,
seines Lichtes und seiner Kraft.
Durch diesen
Glauben ist Maria vollkommen mit Christus in seiner Entäußerung verbunden. Denn obwohl Jesus
Christus »Gott gleich war, hielt er nicht daran fest ..., sondern er entäußerte
sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich«: Gerade hier auf Golgota
»erniedrigte er sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz« (vgl.
Phil 2, 8). Und am Fuß des Kreuzes nahm Maria durch den Glauben teil an dem
erschütternden Geheimnis dieser Entäußerung. Dies ist vielleicht die tiefste »kenosis«
(Entäußerung) des Glaubens in der Geschichte des Menschen: Durch
den Glauben nimmt Maria teil am Tod des Sohnes - an seinem Erlösertod. Im
Gegensatz zum Glauben der Jünger, die flohen, besaß sie aber einen
erleuchteteren Glauben. Durch das Kreuz hat Jesus auf Golgota endgültig
bestätigt, daß er das »Zeichen ist, dem widersprochen wird«, wie Simeon
vorhergesagt hatte. Gleichzeitig haben sich dort auch jene Worte erfüllt, die
dieser an Maria gerichtet hatte: »Dir selbst aber wird ein Schwert durch die
Seele dringen«.40
19.
In der Tat, wahrhaft »selig ist, die geglaubt hat«! Diese erhabenen Worte, die
Elisabet nach der Verkündigung gesprochen hat, scheinen hier, zu Füßen des
Kreuzes, in ihrer dichtesten Bedeutung widerzuhallen, und die in ihnen
enthaltene Kraft wird überwältigend. Vom Kreuz, sozusagen von der Herzmitte des
Geheimnisses der Erlösung, geht ein Lichtstrahl aus und erweitert den Horizont
jener Seligpreisung des Glaubens. Sie reicht »bis zum Anfang« zurück und wird
in gewissem Sinn das Gegengewicht zum Ungehorsam und Unglauben, die in
der Sünde der Stammeltern enthalten sind. So lehren die Kirchenväter und vor
allem Irenäus, der von der Konstitution »Lumen gentium« zitiert wird: »Der
Knoten des Ungehorsams der Eva ist gelöst worden durch den Gehorsam Marias; was
die Jungfrau Eva durch den Unglauben gebunden hat, das hat die Jungfrau Maria durch
den Glauben gelöst«.41 Im Licht dieses Vergleiches mit Eva nennen
die Väter - wie das Konzil weiter sagt - Maria »die Mutter der Lebendigen« und
betonen oft: »Der Tod kam durch Eva, das Leben durch Maria«.42
Mit Recht
können wir also in jenem Satz »Selig ist, die geglaubt hat« gleichsam einen
Schlüssel suchen, der uns die innerste Wirklichkeit Marias erschließt:
derjenigen, die der Engel im Augenblick der Verkündigung als »voll der Gnade«
bezeichnet hat. Wenn sie als die »Begnadete« seit Ewigkeit im Geheimnis Christi
gegenwärtig gewesen ist, so erhält sie durch den Glauben in vollem Umfang
Anteil an seinem irdischen Lebensweg: Sie schritt voran auf dem »Pilgerweg des
Glaubens«. Zugleich macht sie auf diskrete, aber unmittelbare und wirksame
Weise dieses Geheimnis Christi für die Menschen gegenwärtig. Und sie tut
dies noch immer und ist durch das Geheimnis Christi auch selbst unter den
Menschen zugegen.
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