III. KAPITEL - DAS JAHR 1989
22.
Von der eben geschilderten und in der Enzyklika Sollicitudo rei socialis bereits
ausführlich dargestellten Weltlage her begreift man die unerwartete und
vielversprechende Tragweite der Geschehnisse der letzten Jahre. Ihr Höhepunkt
waren sicher die Ereignisse des Jahres 1989 in den Ländern Mittel - und
Osteuropas; sie umfassen aber einen größeren Zeitbogen und einen breiteren
geographischen Horizont. Im Laufe der achtziger Jahre brechen nacheinander in
einigen Ländern Lateinamerikas, aber auch Afrikas und Asiens diktatorische, von
Unterdrückung gekennzeichnete Regimes zusammen; in anderen Fällen beginnt ein
schwieriger, aber erfolgreicher Übergang hin zu gerechteren und demokratischen
politischen Strukturen. Einen wichtigen, ja entscheidenden Beitrag hat dabei der
Einsatz der Kirche für die Verteidigung und die Förderung der Menschenrechte geleistet.
In stark ideologisierten Milieus, wo eine völlig einseitige Beeinflussung das
Bewußtsein von der gemeinsamen menschlichen Würde trübte, hat die Kirche klar
und nachdrücklich geltend gemacht, daß jeder Mensch, welche persönlichen
Überzeugungen er auch immer haben mag, das Ebenbild Gottes in sich trage und
daher Achtung verdiene. In dieser Aussage hat sich die große Mehrheit des
Volkes oft wiedererkannt, und das hat zur Suche nach Kampfformen und
politischen Lösungen geführt, die der Würde des Menschen mehr entsprechen.
Aus diesem
historischen Prozeß sind neue Formen der Demokratie hervorgegangen. Sie geben
Hoffnung auf einen Wandel in den brüchigen politischen und sozialen Strukturen,
die nicht nur von der Hypothek schmerzlicher Ungerechtigkeit und Verbitterung,
sondern auch von einer geschädigten Wirtschaft und schweren sozialen Konflikten
belastet sind. Während ich zusammen mit der ganzen Kirche Gott für das oft
heldenhafte Zeugnis danke, das viele Bischöfe, ganze Christengemeinden und
einzelne Gläubige und andere Menschen guten Willens unter diesen schwierigen
Umständen gegeben haben, bete ich darum, daß Er die Anstrengungen aller zum
Aufbau einer besseren Zukunft unterstützen möge. Diese Verantwortung trifft
nicht nur die Bürger jener Länder, sondern alle Christen und Menschen guten
Willens. Es geht darum zu beweisen, daß die umfassenden Probleme jener Völker
auf dem Weg des Dialogs und der Solidarität eher gelöst werden können als durch
die Vernichtung des Gegners und durch Krieg.
23.
Unter den zahlreichen Faktoren des Zusammenbruches der von Unterdrückung
gekennzeichneten Regimes verdienen einige besonders erwähnt zu werden. Der
entscheidende Faktor, der den Wandel in Gang gebracht hat, ist zweifellos die
Verletzung der Rechte der Arbeit. Man darf nicht vergessen, daß die
entscheidende Krise der Systeme, die vorgeben, Ausdruck der Herrschaft und der
Diktatur der Arbeiter zu sein, mit den großen Arbeiterbewegungen beginnt, die
in Polen im Namen der Solidarität stattfanden. Es sind die Massen der Arbeiter,
die der Ideologie, die angeblich in ihrem Namen spricht, die Legitimation
entziehen. Die gleichen Arbeiter stoßen in der harten Erfahrung der Arbeit und
der Unterdrückung auf die Aussagen und Grundsätze der Soziallehre der Kirche,
und dies bedeutet für sie eine Neuentdeckung.
Es muß
ausdrücklich betont werden, daß der Zusammenbruch dieser Machtblöcke überall
durch einen gewaltlosen Kampf erreicht wurde, der nur von den Waffen der
Wahrheit und der Gerechtigkeit Gebrauch machte. Der Marxismus war der Meinung,
daß es erst nach Radikalisierung der sozialen Gegensätze möglich wäre, durch
eine gewaltsame Auseinandersetzung zu einer Lösung zu gelangen. Die Kämpfe
hingegen, die zum Zusammenbruch des Marxismus führten, bemühten sich mit
Zähigkeit, alle Wege der Verhandlung, des Dialogs und des Zeugnisses der
Wahrheit zu gehen. Man appellierte an das Gewissen des Gegners und man war
bemüht, in ihm das Bewußtsein der gemeinsamen Menschenwürde zu wecken.
Man konnte den
Eindruck haben, daß die aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangene und vom Abkommen
von Jalta festgelegte Ordnung Europas nur durch einen neuerlichen Krieg
erschüttert werden könnte. Statt dessen ist sie von dem gewaltlosen Engagement
von Menschen überwunden worden, die sich stets geweigert hatten, der Macht der
Gewalt zu weichen, und Schritt für Schritt wirksame Mittel zu finden wußten, um
von der Wahrheit Zeugnis abzulegen. Das hat den Gegner entwaffnet. Denn die
Gewalt muß sich immer mit der Lüge rechtfertigen. Sie gibt vor, auch wenn der
Anschein trügt, die Verteidigung eines Rechts oder die Abwehr einer Bedrohung
im Auge zu haben. Ich danke Gott dafür, daß Er das Herz der
Menschen in der Zeit der schweren Prüfung gestärkt hat, und bitte Ihn, daß
dieses Beispiel auch an anderen Orten und in anderen Situationen zur Geltung
komme. Mögen die Menschen lernen, gewaltlos für die Gerechtigkeit zu kämpfen,
in den internen Auseinandersetzungen auf den Klassenkampf zu verzichten und in
internationalen Konflikten auf den Krieg.
24.
Die zweite Ursache der Krise ist zweifellos die Untauglichkeit des
Wirtschaftssystems. Hier geht es nicht bloß um ein technisches Problem, sondern
vielmehr um die Folgen der Verletzung der menschlichen Rechte auf
wirtschaftliche Initiative, auf Eigentum und auf Freiheit im Bereich der
Wirtschaft. Dazu kommt die kulturelle und nationale Dimension. Man kann den
Menschen nicht einseitig von der Wirtschaft her begreifen und auch nicht aufGrund
der bloßen Zugehörigkeit zu einer Klasse. Der Mensch wird am umfassendsten dann
erfaßt, wenn er im Kontext seiner Kultur gesehen wird, das heißt, wie er sich
durch die Sprache, die eigene Geschichte und durch die Grundhaltungen in den
entscheidenden Ereignissen des Lebens, in der Geburt, in der Liebe, im Tod,
darstellt. Im Mittelpunkt jeder Kultur steht die Haltung, die der Mensch dem
größten Geheimnis gegenüber einnimmt: dem Geheimnis Gottes. Die Kulturen der
einzelnen Nationen sind im Grunde nur verschiedene Weisen, sich der Frage nach
dem Sinn der eigenen Existenz zu stellen; wird diese Frage ausgeklammert,
entarten die Kultur und die Moral der Völker. Deshalb hat sich der Kampf für
die Verteidigung der Rechte der Arbeit spontan mit dem Kampf für die Kultur und
die Rechte der Nation verbunden.
Die wahre
Ursache der jüngsten Ereignisse ist jedoch die vom Atheismus hervorgerufene
geistige Leere. Sie hat die jungen Generationen ohne Orientierung gelassen und
sie nicht selten veranlaßt, bei ihrer ununterdrückbaren Suche nach der eigenen
Identität und nach dem Sinn des Lebens die religiösen Wurzeln der Kultur ihrer
Nationen und die Person Christi selbst wiederzuentdecken als einzige Antwort
auf die im Herzen jedes Menschen vorhandene Sehnsucht nach Glück, Wahrheit und
Leben. Diesem Suchen ist das Zeugnis all derer entgegengekommen, die unter
schwierigen Umständen und unter Verfolgungen Gott die Treue hielten. Der
Marxismus hatte versprochen, das Verlangen nach Gott aus dem Herzen des
Menschen zu tilgen. Die Ergebnisse aber haben bewiesen, daß dies nicht gelingen
kann, ohne dieses Herz selber zu zerrütten.
25.
Die Ereignisse des Jahres 1989 bieten ein Beispiel für den Erfolg des
Verhandlungswillens und des evangelischen Geistes gegenüber einem Gegner, der
entschlossen war, sich nicht von sittlichen Normen eingrenzen zu lassen. Sie
sind eine Warnung für alle, die im Namen des politischen Realismus Recht und
Moral aus der Politik verbannen wollen. Der Kampf, der zu den Veränderungen von
1989 führte, hat sicher Klarheit, Mäßigung, Leiden und Opfer verlangt; er ist
in gewissem Sinne aus dem Gebet entstanden und wäre ohne ein grenzenloses
Vertrauen in Gott, den Herrn der Geschichte, der das Herz der Menschen in
seinen Händen hält, undenkbar gewesen. Indem der Mensch sein Leiden für die
Wahrheit und die Freiheit dem Leiden Christi am Kreuz hinzufügt, vermag er das
Wunder des Friedens zu vollbringen und ist imstande, den schmalen Pfad zu
erkennen zwischen der Feigheit, die dem Bösen weicht, und der Gewalt, die sich
zwar einbildet, das Böse zu bekämpfen, es aber in Wirklichkeit verschlimmert.
Man darf
allerdings nicht die zahlreichen Bedingtheiten übersehen, von denen die
Freiheit des einzelnen Menschen abhängt. Sie beeinflussen die Freiheit, aber
bestimmen sie nicht; sie erleichtern mehr oder weniger ihre Ausübung, können
sie aber nicht zerstören. Es ist nicht nur vom ethischen Standpunkt her nicht
gestattet, die Natur des Menschen, der zur Freiheit geschaffen ist, zu
übersehen. Es ist praktisch gar nicht möglich. Dort, wo sich die Gesellschaft
so organisiert, daß der legitime Raum der Freiheit willkürlich eingeschränkt
oder gar zerstört wird, löst sich das gesellschaftliche Leben nach und nach auf
und verfällt schließlich.
Der zur
Freiheit geschaffene Mensch trägt in sich die Wunde der Ursünde, die ihn
ständig zum Bösen treibt und erlösungsbedürftig macht. Diese Lehre ist nicht
nur ein wesentlicher Bestandteil der christlichen Offenbarung, sondern
sie besitzt auch einen großen hermeneutischen Wert, weil sie die Wirklichkeit
des Menschen begreifen hilft. Der Mensch strebt zum Guten, aber er ist auch des
Bösen fähig; er kann über sein unmittelbares Interesse hinausgehen und bleibt
dennoch daran gebunden. Die Gesellschaftsordnung wird um so beständiger sein,
je mehr sie dieser Tatsache Rechnung trägt. Sie wird nicht das persönliche
Interesse dem Gesamtinteresse der Gesellschaft entgegenstellen, sondern nach
Möglichkeiten einer fruchtbaren Zusammenarbeit suchen. Denn wo das Interesse
des einzelnen gewaltsam unterdrückt wird, wird es durch ein drückendes System
bürokratischer Kontrolle ersetzt, das die Quellen der Initiative und
Kreativität versiegen läßt. Wenn Menschen meinen, sie verfügten über das
Geheimnis einer vollkommenen Gesellschaftsordnung, die das Böse unmöglich
macht, dann glauben sie auch, daß sie für deren Verwirklichung jedes Mittel,
auch Gewalt und Lüge, einsetzen dürfen. Die Politik wird dann zu einer
»weltlichen Religion«, die sich einbildet, das Paradies in dieser Welt zu
errichten. Aber niemals wird irgendeine politische Gesellschaft, die ihre
eigene Autonomie und ihre eigenen Gesetze besitzt, mit dem Reich
Gottes verwechselt werden können. Das biblische Gleichnis vom guten Samen und
vom Unkraut (vgl. Mt 13, 24-30; 36-43) lehrt uns aber, daß es allein
Gott zusteht, die Söhne des Reiches und die Söhne des Bösen zu scheiden, und
daß dieses Urteil erst am Ende der Zeiten stattfinden wird. Indem der Mensch
sich anmaßt, dieses Urteil schon jetzt zu verkünden, setzt er sich an die Stelle
Gottes und widersetzt sich seiner Geduld.
Durch den
Opfertod Christi am Kreuz ist der Sieg des Reiches Gottes ein für allemal
erworben. Doch Christ sein besagt immer den Kampf gegen die Anfechtungen und
die Macht des Bösen. Erst am Ende der Geschichte wird der Herr zum Endgericht
wiederkommen in Herrlichkeit (vgl. Mt 25, 31) und den neuen Himmel und
die neue Erde errichten (vgl. 2 Petr 3, 13; Offb 21, 2). Solange
aber die Geschichte währt, vollzieht sich der Kampf zwischen Gut und Böse im
Herzen des Menschen.
Was uns die
Schrift über die Bestimmung des Gottesreiches lehrt, ist nicht ohne Folgen für
das Leben der weltlichen Gesellschaften, die der irdischen Wirklichkeit
angehören mit aller Unvollkommenheit und Vorläufigkeit, mit der diese behaftet
ist. Das Reich Gottes, das in der Welt gegenwärtig ist, ohne von der
Welt zu sein, erleuchtet die Ordnung der menschlichen Gesellschaft, während die
Kräfte der Gnade sie durchdringen und beleben. So werden die Erfordernisse
einer menschenwürdigen Gesellschaft besser erfaßt, die Abirrungen berichtigt
und der Mut, für das Gute zu wirken, gestärkt. Zu dieser Aufgabe der
Neubelebung der Welt des Menschen aus dem Evangelium sind, zusammen mit allen
Menschen guten Willens, die Christen und in besonderer Weise die Laien aufgerufen.
26.
Die Ereignisse von 1989 haben sich vorwiegend in den Ländern Ost - und
Mitteleuropas zugetragen; sie haben jedoch eine weltweite Bedeutung, da von
ihnen positive und negative Folgen ausgehen, die die ganze Menschheitsfamilie
betreffen. Diese Folgen haben keinen mechanischen oder fatalistischen
Charakter, sondern sind Herausforderungen an die menschliche Freiheit zur
Mitarbeit am Heilsplan Gottes, der in der Geschichte handelt.
Die erste Folge
war in einigen Ländern die Begegnung zwischen Kirche und Arbeiterbewegung, die
aus einer sittlichen und ausdrücklich christlichen Reaktion gegen eine
weitverbreitete Situation der Ungerechtigkeit entstanden war. In der
Überzeugung, die Proletarier müßten sich, um wirksam gegen die Unterdrückung zu
kämpfen, die ökonomistischen und materialistischen Theorien des entstehenden
Kapitalismus aneignen, geriet diese Bewegung für ungefähr ein Jahrhundert unter
die Vorherrschaft des Marxismus.
In der Krise
des Marxismus tauchen spontan die Formen des Arbeiterbewußtseins wieder auf,
die eine Forderung nach Gerechtigkeit und Anerkennung der Würde der Arbeit zum
Ausdruck bringen, wie sie der Soziallehre der Kirche entspricht.
Die Arbeiterbewegung mündet in eine allgemeinere Bewegung der Werktätigen und
der Menschen guten Willens für die Befreiung des Menschen und für die Bejahung
seiner Rechte ein. Sie erfaßt heute viele Länder und weit davon entfernt, sich
der katholischen Kirche entgegenzustellen, blickt sie mit Interesse auf diese
Kirche.
Die Krise des
Marxismus beseitigt nicht die Situationen von Ungerechtigkeit und Unterdrückung
in der Welt; von ihnen holte sich der Marxismus seinen Zulauf, indem er sie als
sein Werkzeug benutzte. Allen denen, die heute auf der Suche nach einer neuen
und authentischen Theorie und Praxis der Befreiung sind, bietet die Kirche
nicht nur ihre Soziallehre und überhaupt ihre Botschaft über den in Christus
erlösten Menschen, sondern auch ihren konkreten Einsatz und ihre Hilfe für den
Kampf gegen die Ausgrenzung und das Leiden an.
Das ehrliche
Verlangen, auf der Seite der Unterdrückten zu stehen und nicht vom Lauf der
Geschichte abgeschnitten zu werden, hat in jüngster Vergangenheit viele
Gläubige dazu verleitet, auf verschiedene Weise einen gar nicht möglichen
Kompromiß zwischen Marxismus und Christentum zu versuchen. Unsere Zeit ist
dabei, all das zu überwinden, was an jenen Versuchen unzulässig war, und neigt
dazu, wieder den positiven Wert einer authentischen Theologie der umfassenden
menschlichen Befreiung geltend zu machen. Unter dieser Hinsicht
erweisen sich die Ereignisse des Jahres 1989 auch für die Länder der Dritten
Welt als bedeutsam, die auf der Suche nach dem Weg ihrer Entwicklung sind, so
wie es die Länder Mittel - und Osteuropas gewesen sind.
27.
Die zweite Folgerung betrifft die Völker Europas. In den Jahren, in denen der
Kommunismus herrschte und auch schon vorher wurden zahlreiche individuelle und
soziale, regionale und nationale Ungerechtigkeiten begangen. Viel Haß und Groll
hat sich aufgestaut. Es besteht die Gefahr, daß sich nach dem Zusammenbruch der
Diktatur diese Gefühle des Hasses und des Zornes neu entladen und ernste
Konflikte und Trauer auslösen, sobald die moralische Kraft und das bewußte
Bemühen, von der Wahrheit Zeugnis zu geben, nachlassen. Es ist zu wünschen, daß
vor allem in den Herzen jener, die für die Gerechtigkeit kämpfen, nicht Haß und
Gewalt triumphieren und in allen der Geist des Friedens und der Vergebung
wachse.
Es müssen
jedoch konkrete Schritte unternommen werden, um internationale Strukturen zu
schaffen bzw. zu stärken, denen es im Fall von Konflikten zwischen den Nationen
möglich ist, durch den entsprechenden Schiedsspruch einzugreifen. Auf diese
Weise werden jeder Nation ihre Rechte gesichert und gleichzeitig werden durch
gerechte Übereinkunft und friedliche Schlichtung die Rechte der anderen
gewahrt. Das alles ist besonders notwendig für die europäischen Nationen, die
durch das Band der gemeinsamen Kultur und tausendjährigen Geschichte eng
miteinander verbunden sind. Für den moralischen und wirtschaftlichen
Wiederaufbau in den Ländern, die den Kommunismus aufgegeben haben, bedarf es
einer großen Anstrengung. Über lange Zeit wurden die elementarsten
Wirtschaftsbeziehungen verzerrt. Grundlegende Tugenden des Wirtschaftslebens,
wie Zuverlässigkeit, Aufrichtigkeit, Fleiß, wurden entwürdigt. Es braucht einen
geduldigen materiellen und moralischen Wiederaufbau. Gleichzeitig fordern die
von jahrelangen Entbehrungen zermürbten Völker von ihren Regierungen greifbare
und schnelle Erfolge, was den Wohlstand betrifft, und eine angemessene
Befriedigung ihrer berechtigten Ansprüche.
Der
Zusammenbruch des Marxismus hatte natürlich Auswirkungen von großer Tragweite
auf die Spaltung der Erde in voneinander abgeschlossene und miteinander
eifersüchtig ringende Welten. Er rückt die Wirklichkeit der gegenseitigen
Abhängigkeit der Völker klarer ins Licht und ebenso die Tatsache, daß die
menschliche Arbeit von Natur aus dazu bestimmt ist, die Völker zu verbinden,
nicht aber sie zu spalten. Friede und Wohlergehen sind Güter, die dem ganzen
Menschengeschlecht gehören. Es ist nicht möglich, sie zu Recht und auf Dauer zu
genießen, wenn sie zum Schaden anderer Völker und Nationen gewonnen und bewahrt
werden, indem sie ihre Rechte verletzen oder sie von den Quellen des
Wohlstandes ausschließen.
28.
Für einige Länder Europas beginnt in gewissem Sinne die eigentliche
Nachkriegszeit. Die radikale Neuordnung der bisherigen Kollektivwirtschaften
bringt Probleme und Opfer mit sich, die sich mit jenen vergleichen lassen, die
die westlichen Länder des Kontinents für ihren Wiederaufbau nach dem Zweiten
Weltkrieg auf sich nahmen. Es ist nur gerecht, daß die ehemals kommunistischen
Länder in den derzeitigen Schwierigkeiten von der solidarischen Hilfe der
anderen Nationen unterstützt werden. Natürlich müssen sie selbst die ersten
Baumeister ihrer Entwicklung sein; aber es muß ihnen eine entsprechende
Möglichkeit dazu geboten werden. Das kann nur mit der Hilfe der anderen Länder
geschehen. Die derzeitige von Schwierigkeiten und Mangel geprägte Lage ist die
Folge eines historischen Prozesses, in dem die ehemaligen kommunistischen
Länder meist Objekt und nicht Subjekt waren. Sie befinden sich also nicht auf
Grund ihrer freien Entscheidung oder auf Grund begangener Irrtümer in dieser
Situation, sondern infolge tragischer geschichtlicher Ereignisse, die ihnen
gewaltsam aufgezwungen wurden und die sie daran gehindert haben, den Weg der
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung zu gehen.
Die Hilfe der
anderen, vor allem der europäischen Länder, die an dieser Geschichte
teilgenommen haben und dafür Mitverantwortung tragen, entspricht einer
Verpflichtung der Gerechtigkeit. Aber sie entspricht auch dem Interesse und dem
allgemeinen Wohl Europas. Europa wird nicht in Frieden leben können, wenn die
vielfältigen Konflikte, die als Folge der Vergangenheit aufbrechen, sich durch
wirtschaftlichen Niedergang, geistige Unzufriedenheit und Verzweiflung
verschärfen.
Diese Forderung
darf jedoch nicht dazu verleiten, die Bemühungen um Unterstützung und Hilfe an
die Länder der Dritten Welt zu verringern, die oft unter noch schwereren
Situationen der Not und Armut leiden. Es wird vielmehr
außerordentlicher Anstrengungen bedürfen, um die Ressourcen, an denen es der
Welt insgesamt nicht fehlt, für das Wirtschaftswachstum und die Entwicklung
aller aufzubringen. Man wird die Prioritäten und die Werteskalen, auf Grund
derer die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen getroffen werden, neu
definieren müssen. Gewaltige Mittel können durch den Abbau des riesigen
Militärpotentials, das im Ost-West-Konflikt aufgebaut worden war, verfügbar
gemacht werden. Sie könnten noch wesentlich gesteigert werden, wenn es gelingt,
anstelle von Kriegen wirksame Verfahren für die Lösung von Konflikten
festzulegen und damit das Prinzip der Rüstungskontrolle und der
Rüstungsbeschränkung in Verbindung mit geeigneten Maßnahmen gegen den
Waffenhandel auch in den Ländern der Dritten Welt anzuwenden. Vor
allem aber ist es notwendig, eine Denkweise aufzugeben, die die Armen der Erde
— Personen und Völker — als eine Last und als unerwünschte Menschen ansieht,
die das zu konsumieren beanspruchen, was andere erzeugt haben. Die Armen verlangen
das Recht, an der Nutzung der materiellen Güter teilzuhaben und ihre
Arbeitsfähigkeit einzubringen, um eine gerechtere und für alle glücklichere
Welt aufzubauen. Die Hebung der Armen ist eine große Gelegenheit für das
sittliche, kulturelle und wirtschaftliche Wachstum der gesamten Menschheit.
29.
Schließlich darf die Entwicklung nicht ausschließlich ökonomisch, sondern im
gesamtmenschlichen Sinn verstanden werden. Es geht nicht einfach
darum, alle Völker auf das Niveau zu heben, dessen sich heute die reichsten
Länder erfreuen. Es geht vielmehr darum, in solidarischer Zusammenarbeit ein
menschenwürdigeres Leben aufzubauen, die Würde und Kreativität jedes einzelnen
wirksam zu steigern, seine Fähigkeit, auf seine Berufung und damit auf den
darin enthaltenen Anruf Gottes zu antworten. Auf dem Höhepunkt der Entwicklung
steht die Ausübung des Rechtes und der Pflicht, Gott zu suchen, ihn
kennenzulernen und nach dieser Erkenntnis zu leben. In den
totalitären und autoritären Regimes wurde das Prinzip des Vorrangs der Macht
vor der Vernunft auf die Spitze getrieben. Der Mensch wurde gewaltsam zur
Annahme einer Weltanschauung gezwungen, zu der er nicht durch das Bemühen der
eigenen Vernunft und die Ausübung seiner Freiheit gelangt war. Dieses Prinzip
muß zum Sturz gebracht werden und die Rechte des menschlichen Gewissens, das
nur der Wahrheit, sowohl der natürlichen wie der geoffenbarten, verpflichtet
ist, müssen wieder voll zur Geltung kommen. In der Anerkennung dieser Rechte
besteht die wesentliche Grundlage jeder wirklich freien politischen Ordnung.
Es ist wichtig, dieses Prinzip heute aus drei Gründen neu
einzuschärfen.
a) Die alten
Formen des Totalitarismus und Autoritarismus sind noch nicht vollständig besiegt
und es besteht die Gefahr, daß sie neuen Auftrieb bekommen. Das drängt zu einem
erneuerten Bemühen um Zusammenarbeit und Solidarität zwischen allen Ländern.
b) Es gibt in
den Industrieländern bisweilen eine geradezu besessene Propaganda für die rein
utilitaristischen Werte, verbunden mit einer Enthemmung der Triebe und einem
Drang zum unmittelbaren Genuß, die ein Erkennen und Anerkennen einer
Werthierarchie im Leben geradezu unmöglich macht.
c) In einigen
Ländern zeigen sich neue Formen eines religiösen Fundamentalismus.
Verschleiert, aber auch offen wird den Bürgern eines anderen
Glaubensbekenntnisses die freie Ausübung ihrer bürgerlichen und religiösen
Rechte verwehrt. Sie werden daran gehindert, sich voll am kulturellen Geschehen
zu beteiligen. Der Kirche wird das Recht auf freie Verkündigung des Evangeliums
eingeschränkt. Menschen, die diese Botschaft hören, wird verboten, sie
anzunehmen und sich zu Christus zu bekehren. Ohne die Achtung des natürlichen
Grundrechtes, die Wahrheit zu erkennen und nach ihr zu leben, gibt es keinen
echten Fortschritt. Aus diesem Recht folgt als seine Verwirklichung und
Vertiefung das Recht, Jesus Christus, der das wahre Gut des Menschen ist, frei
zu entdecken und anzunehmen.
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