Ein
komplexes und in Bewegung geratenes religiöse Bild
32.
Wir befinden uns heute vor einer stark veränderten und schillernden religiösen
Situation: die Völker sind in Bewegung; soziale und religiöse Wirklichkeiten,
die früher klar definiert waren, entwickeln sich zu komplexen Situationen. Man
denke dabei nur an einige Phänomene wie die Verstädterung, die
Massenwanderungen, die Flüchtlingsbewegung, die Entchristlichung von Ländern
mit alter christlicher Tradition, an den deutlich erkennbaren Einfluß des
Evangeliums und seiner Werte in Ländern mit größtenteils nichtchristlicher
Mehrheit, an das Umsichgreifen von Messianismen und religiösen Sekten. Es geht
eine Umwälzung von sozialen und religiösen Situationen vor sich, die es schwer
macht, gewisse kirchliche Unterscheidungen und Kategorien, an die man gewöhnt
war, konkret anzuwenden. Schon vor dem Konzil sagte man von einigen
Hauptstädten oder christlichen Ländern, sie seien »Missionsländer« geworden.
Die Situation hat sich in den darauffolgenden Jahren sicher nicht verbessert.
Andererseits
hat die Missionstätigkeit in allen Teilen der Welt reiche Früchte gebracht;
deshalb gibt es tief verwurzelte, zum Teil so gefestigte und gereifte Kirchen,
daß sie sowohl für die Bedürfnisse der eigenen Gemeinden als auch für die Aussendung
von Personal zur Evangelisierung in anderen Kirchen und Gebieten gut gerüstet
sind. Dies im Kontrast zu Gebieten der alten Christenheit, deren
Neuevangelisierung notwendig geworden ist. Inzwischen fragen sich nicht wenige,
ob man noch von spezifischer Missionstätigkeit oder von abgrenzbaren
Bereichen sprechen könne, oder ob man nicht zugeben müsse, daß es nur eine einheitliche
Missionssituation und folglich auch nur eine einheitliche, überall gleiche
Sendung gebe. Die Schwierigkeit, diese komlexe und veränderliche Realität in
bezug auf den Auftrag zur Evangelisierung zu deuten, zeigt sich bereits im
»Missionsvokabular«: es gibt zum Beispiel eine gewisses Zögern im Gebrauch der
Ausdrücke »Missionen« und »Missionare«; sie werden als überholt und von negativen
historischen Resonanzen belastet angesehen. Man zieht es vor, zur Kennzeichnung
des Wirkens der Kirche generell das Hauptwort »Mission« in der Einzahl und das
Eigenschaftswort »missionarisch« zu verwenden.
Diese Not weist
auf eine tatsächliche Veränderung hin, die auch positive Aspekte hat. Die
sogenannte Rückkehr oder »Wiederbeheimatung« der Missionen in die Sendung
der Kirche, das Einfließen der Missiologie in die Ekklesiologie
und die Einbindung beider in den trinitarischen Heilsplan haben die Missionstätigkeit
selbst neu aufatmen lassen; sie wird nicht als eine Aufgabe am Rande der Kirche
begriffen, sondern eingebunden in das Herz ihres Lebens; sie wird als
wesentliche Verpflichtung des gesamten Volkes Gottes verstanden. Man muß sich
jedoch vor der Gefahr hüten, die sehr verschiedenen Situationen auf die gleiche
Stufe zu stellen und die Mission sowie die Missionare ad gentes zu
reduzieren, wenn nicht gar verschwinden zu lassen. Die Feststellung, daß die
ganze Kirche eine Missionskirche ist, schließt nicht aus, daß es eine
spezifische Mission ad gentes gibt; so wie die Feststellung, daß alle
Katholiken Missionare sein sollen, nicht ausschließt, sondern im Gegenteil
erfordert, daß es aufgrund einer spezifischen Berufung »Missionare ad gentes
und auf Lebenszeit« geben soll.
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