IV. KAPITEL - DAS PRIVATEIGENTUM UND DIE UNIVERSALE
BESTIMMUNG DER GÜTER
30.
In Rerum novarum machte Leo XIII. gegen den Sozialismus seiner Zeit
nachdrücklich den natürlichen Charakter des Rechtes auf privates Eigentum mit
verschiedenen Argumenten geltend. Dieses für die Autonomie und
Entwicklung der Menschen grundlegende Recht ist von der Kirche bis in unsere
Tage stets verteidigt worden. Ebenso lehrt die Kirche, daß der Güterbesitz kein
absolutes Recht darstellt, sondern in seiner Rechtsnatur die ihm eigenen
Grenzen in sich trägt.
Zugleich mit
der Verkündigung des Rechtes auf Privateigentum stellte der Papst mit gleicher
Eindringlichkeit fest, daß der »Gebrauch« der Güter, der der Freiheit
anvertraut ist, der ursprünglichen Zielbestimmung der geschaffenen Güter für
alle und dem im Evangelium bekundeten Willen Jesu Christi untergeordnet sei. So
schrieb er: »Es ergeht also die Mahnung... an die mit Glücksgütern Gesegneten
... Die auffälligen Drohungen Jesu Christi an die Reichen müßten diese mit
Furcht erfüllen, denn dem ewigen Richter wird einst strengste Rechenschaft über
den Gebrauch der Güter dieses Lebens abgelegt werden müssen«. Und indem er den
hl. Thomas von Aquin zitiert, fährt er fort: »Fragt man nun, wie der Gebrauch
des Besitzes beschaffen sein müsse, so antwortet die Kirche .:
"Der Mensch muß die äußeren Dinge nicht wie ein Eigentum, sondern wie
gemeinsames Gut betrachten"«, denn »über den Gesetzen und den Urteilen der
Menschen steht das Gesetz und der Richtspruch Christi«.
Die Nachfolger
Leos XIII. haben die Doppelaussage wiederholt: die Notwendigkeit und damit die
Erlaubtheit des Privateigentums und zugleich die Grenzen, die auf ihm lasten.
Auch das II. Vatikanische Konzil hat die traditionelle Lehre wieder
vorgelegt mit Worten, die es verdienen, genau wiedergegeben zu werden: »Darum
soll der Mensch, der sich dieser Güter bedient, die äußeren Dinge, die er
rechtmäßig besitzt, nicht nur als ihm persönlich zu eigen, sondern muß er sie
zugleich auch als Gemeingut ansehen in dem Sinn, daß sie nicht ihm allein,
sondern auch anderen von Nutzen sein können«. Und etwas später heißt es:
»Privateigentum oder ein gewisses Maß an Verfügungsmacht über äußere Güter
vermitteln den unbedingt nötigen Raum für eigenverantwortliche Gestaltung des
persönlichen Lebens jedes Einzelnen und seiner Familie; sie müssen als eine Art
Verlängerung der menschlichen Freiheit betrachtet werden ... Aber auch das
Privateigentum selbst hat eine ihm wesentliche soziale Seite; sie hat ihre
Grundlage in der Widmung der Erdengüter an alle«. Dieselbe Lehre
habe ich zuerst in der Ansprache an die III. Konferenz der lateinamerikanischen
Bischöfe in Puebla und dann in den Enzykliken Laborem exercens und Sollicitudo
rei socialis aufgegriffen.
31.
Wenn man diese Lehre über das Recht auf Eigentum und die Gemeinbestimmung der
Güter im Hinblick auf unsere Zeit wieder liest, kann man sich die Frage nach
dem Ursprung der Güter stellen, die den Lebensunterhalt des Menschen bilden,
seine Bedürfnisse befriedigen und Objekt seiner Rechte sind.
Der erste
Ursprung alles Guten ist Gottes Handeln selbst, der die Welt und den Menschen
geschaffen und dem Menschen die Erde übergeben hat, damit er sie sich durch
seine Arbeit unterwerfe und ihre Früchte genieße (vgl. Gen 1, 28-29).
Gott hat die Erde dem ganzen Menschengeschlecht geschenkt, ohne jemanden
auszuschließen oder zu bevorzugen, auf daß sie alle seine Mitglieder ernähre.
Hier liegt die Wurzel der universalen Bestimmung der Güter der Erde. Sie
ist auf Grund ihrer Fruchtbarkeit und Fähigkeit, die Bedürfnisse des Menschen
zu erfüllen, die erste Gabe Gottes für den Lebensunterhalt des Menschen. Doch
die Erde schenkt ihre Früchte nicht ohne eine bewußte Antwort des Menschen auf
die Gabe Gottes, das heißt ohne Arbeit. Durch die Arbeit gelingt es dem
Menschen, sich unter Gebrauch seines Verstandes und seiner Freiheit die Erde zu
unterwerfen und zu seiner würdigen Wohnstatt zu machen. Auf diese Weise macht
er sich einen Teil der Erde zu eigen, den er sich durch Arbeit erworben hat.
Hier liegt der Ursprung des Privateigentums. Natürlich hat der Mensch auch die
Verantwortung, nicht zu verhindern, daß andere Menschen ihren Anteil an der
Gabe Gottes erhalten, ja, er muß mit ihnen zusammenarbeiten, so daß sie
miteinander über die ganze Erde herrschen.
In der
Geschichte finden sich am Beginn jeder menschlichen Gesellschaft stets diese
beiden Faktoren: die Arbeit und die Erde. Nicht immer aber stehen
sie im selben Verhältnis zueinander. Früher erschien die natürliche
Fruchtbarkeit der Erde als der Hauptfaktor des Reichtums, was sie auch
tatsächlich war, während die Arbeit eine Art Hilfe und Unterstützung dieser
Fruchtbarkeit war. Heute aber wird die menschliche Arbeit als
Produktionsfaktor der geistigen und materiellen Reichtümer immer wichtiger.
Zudem wird offenkundig, daß die Arbeit des einen und die Arbeit der anderen
ineinandergreifen und sich verflechten. Arbeiten ist heute mehr denn je ein Arbeiten
mit den anderen und ein Arbeiten für die anderen: Arbeiten besagt,
etwas für jemanden tun. Die Arbeit ist um so fruchtbarer und produktiver, je
mehr der Mensch imstande ist, die Produktivkraft der Erde und die wahren
Bedürfnisse des anderen Menschen zu erkennen, für den die Arbeit getan wird.
32.
Aber besonders in der heutigen Zeit gibt es noch eine andere Form von Eigentum,
der keine geringere Bedeutung als dem Besitz der Erde zukommt: Es ist das der Besitz
von Wissen, von Technik und von Können. Der Reichtum der Industrienationen
beruht zu einem viel größeren Teil auf dieser Art des Eigentums als auf dem der
natürlichen Ressourcen.
Es wurde
bereits darauf hingewiesen, daß der Mensch mit den anderen Menschen
arbeitet, daß er an einem »Gemeinschaftswerk« teilnimmt, das immer weitere
Kreise umfaßt. Wer ein Produkt erstellt, tut das außer zum persönlichen
Gebrauch im allgemeinen dafür, daß andere davon Gebrauch machen können, nachdem
sie den durch freie Verhandlung vereinbarten gerechten Preis gezahlt haben.
Gerade die Fähigkeit, die Bedürfnisse der anderen Menschen und die
Kombinationen der geeignetsten Produktionsfaktoren für ihre Befriedigung
rechtzeitig zu erkennen, ist eine bedeutende Quelle des Reichtums in der
modernen Gesellschaft. Viele Güter können gar nicht durch die Arbeitskraft nur
eines einzelnen wirksam erstellt werden, sondern sie erfordern die
Zusammenarbeit vieler für dasselbe Ziel. Einen solchen Produktionsprozeß zu
organisieren, seinen Bestand zu planen, dafür zu sorgen, daß er, unter
Übernahme der notwendigen Risiken, der Befriedigung der Bedürfnissee positiv
entspricht: auch das ist eine Quelle des Reichtums in der heutigen
Gesellschaft. So wird die Rolle der geordneten und schöpferischen menschlichen
Arbeit immer offensichtlicher und entscheidender. Aber ebenso sichtbar wird
— als wesentlich zu dieser Arbeit gehörend — die Bedeutung der wirtschaftlichen
Initiative und des Unternehmertums.
Ein solcher
Vorgang, der eine vom Christentum seit jeher vertretene Wahrheit über den
Menschen konkret ins Licht rückt, muß mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen
betrachtet werden. Die wichtigste Ressource des Menschen ist in der Tat,
zusammen mit der Erde, der Mensch selbst. Sein Verstand entdeckt die
Produktivkraft der Erde und die Vielfalt der Formen, wie die menschlichen
Bedürfnisse befriedigt werden können. Seine geordnete Arbeit in solidarischer
Zusammenarbeit ermöglichen die Erstellung von immer umfassenderen und
zuverlässigeren Arbeitsgemeinschaften zur Umgestaltung der natürlichen
und menschlichen Umwelt. In diesen Prozeß sind wichtige Tugenden miteinbezogen,
wie Fleiß, Umsicht beim Eingehen zumutbarer Risiken, Zuverlässigkeit und Treue
in den zwischenmenschlichen Beziehungen, Festigkeit bei der Durchführung von
schwierigen und schmerzvollen, aber für die Betriebsgemeinschaft notwendigen
Entscheidungen und bei der Bewältigung etwaiger Schicksalsschläge.
Die moderne Betriebswirtschaft
enthält durchaus positive Aspekte. Ihre Wurzel ist die Freiheit des
Menschen, die sich in der Wirtschaft wie auf vielen anderen Gebieten
verwirklicht. Die Wirtschaft ist ein Teilbereich des vielfältigen menschlichen
Tuns und in ihr gilt, wie auf jedem anderen Gebiet, das Recht auf Freiheit
sowie die Pflicht, von ihr verantwortlichen Gebrauch zu machen. Aber hier gibt
es spezifische Unterschiede zwischen den Tendenzen der modernen Gesellschaft
und jenen der Vergangenheit. War früher der entscheidende Produktionsfaktor die
Erde und später das Kapital, verstanden als Gesamtbestand an Maschinen
und Produktionsmitteln, so ist heute der entscheidende Faktor immer mehr der
Mensch selbst, das heißt seine Erkenntnisfähigkeit in Form
wissenschaftlicher Einsicht, seine Fähigkeit, Organisation in Solidarität zu
erstellen, und sein Vermögen, das Bedürfnis des anderen wahrzunehmen und zu
befriedigen.
33.
Es ist jedoch notwendig, auf die mit diesem Vorgang zusammenhängenden Gefahren
und Probleme hinzuweisen. Viele Menschen, vielleicht die große Mehrheit
verfügen heute nicht über Mittel, die ihnen tatsächlich und auf menschenwürdige
Weise den Eintritt in ein Betriebssystem erlauben, in dem die Arbeit eine
wahrhaft zentrale Stellung einnimmt. Sie haben keine Möglichkeit, jene
Grundkenntnisse zu erwerben, die es ihnen ermöglichen würden, ihre Kreativität
zum Ausdruck zu bringen und ihre Leistungsfähigkeit zu entfalten. Sie haben
keine Gelegenheit, in das Gefüge von Beziehungen und Kommunikationen
einzutreten, das ihnen die Erfahrung vermitteln würde, daß ihre Fähigkeiten
geschätzt und gebraucht werden. Um es kurz zu sagen: Sie sind, wenn auch nicht
gerade Ausgebeutete, doch weithin Randexistenzen; die wirtschaftliche
Entwicklung geht über ihre Köpfe hinweg, wenn sie nicht sogar die ohnehin schon
engen Räume ihrer traditionellen Subsistenzwirtschaften noch weiter
einschränkt. Unfähig, der Konkurrenz von Waren standzuhalten, die auf neue
Weise hergestellt werden und Bedürfnissen begegnen, die sie früher mit
herkömmlichen Organisationsformen zu bewältigen gewohnt waren, angelockt vom
Glanz eines zur Schau gestellten, aber für sie unerreichbaren Reichtums und
gleichzeitig getrieben von der Not, drängen sich diese Menschen in den Städten
der Dritten Welt zusammen, wo sie oft kulturell entwurzelt sich in Situationen
drohender Unsicherheit befinden, ohne Möglichkeit zur Integration. Ihnen wird
de facto keine Menschenwürde zuerkannt, und manchmal versucht man sie durch
eine zwangsweise vorgenommene menschenunwürdige Bevölkerungskontrolle aus der
Geschichte zu eliminieren.
Viele andere
Menschen leben, auch wenn sie nicht völlige Randexistenzen sind, in einem
Milieu, wo der Kampf um das Notwendigste den absoluten Vorrang hat. Dort
herrschen noch die Regeln des Kapitalismus der Gründerzeit mit einer
Erbarmungslosigkeit, die jener der finstersten Jahre der ersten
Industrialisierungsphase in nichts nachsteht. In anderen Fällen ist noch der
Boden der Grundfaktor der Wirtschaft. Jene aber, die ihn bebauen, sind von
seinem Besitz ausgeschlossen und befinden sich in der Lage halber Sklaven.
In solchen Fällen kann man noch heute wie zur Zeit von Rerum
novarum von einer unmenschlichen Ausbeutung sprechen. Trotz der großen
Veränderungen, die in den fortgeschrittenen Gesellschaften stattgefunden haben,
ist das menschliche Defizit des Kapitalismus mit der daraus sich ergebenden
Herrschaft der Dinge über die Menschen keineswegs überwunden; ja, für die Armen
kam zum Mangel an materiellen Gütern noch der Mangel an Wissen und Bildung
hinzu, der es ihnen unmöglich macht, sich aus ihrer Lage erniedrigender Unterwerfung
zu befreien.
Unter ähnlichen
Bedingungen lebt leider noch immer die große Mehrheit der Bewohner der Dritten
Welt. Es wäre jedoch falsch, diese Dritte Welt in einem bloß räumlichen Sinn zu
verstehen. In ihr wurden in manchen Gegenden und in einigen gesellschaftlichen
Bereichen Entwicklungsprozesse gefördert, die sich nicht so sehr auf die
Erschließung materiellen Reichtums als vielmehr auf die der »menschlichen
Ressourcen« konzentriert haben.
Noch vor
wenigen Jahren wurde behauptet, die Entwicklung würde von der Isolierung der
ärmsten Länder vom Weltmarkt und davon abhängen, daß sie nur auf ihre eigenen
Kräfte vertrauen. Die jüngste Erfahrung aber hat bewiesen, daß die Länder, die
sich ausgeschlossen haben, Stagnation und Rückgang erlitten haben; eine
Entwicklung hingegen haben jene Länder durchgemacht, denen es gelungen ist, in
das allgemeine Gefüge der internationalen Wirtschaftsbeziehungen einzutreten.
Das größte Problem scheint also darin zu bestehen, einen gerechten Zugang zum
internationalen Markt zu erhalten, der nicht auf dem einseitigen Prinzip der
Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, sondern auf der Erschließung
menschlicher Ressourcen beruht.
Dritte-Welt-Aspekte
treten jedoch auch in den Industrieländern dort auf, wo der ununterbrochene
Wandel in den Produktionsweisen und im Konsumverhalten bereits erworbene
Kenntnisse und langjährige Berufserfahrungen abwertet und ein ständiges Bemühen
der Umschulung und Anpassung erfordert. Jene, denen es nicht gelingt, mit der
Zeit Schritt zu halten, werden leicht an den Rand gedrängt. Mit ihnen werden
die Alten, die Jugendlichen, denen der Einstieg in die Gesellschaft nicht
gelingt, und allgemein die Schwachen und die sogenannte Vierte Welt zu
Randgruppen. Auch die Situation der Frau ist unter diesen Bedingungen alles
eher als leicht.
34.
Sowohl auf nationaler Ebene der einzelnen Nationen wie auch auf jener der
internationalen Beziehungen scheint der freie Markt das wirksamste
Instrument für die Anlage der Ressourcen und für die beste Befriedigung der
Bedürfnisse zu sein. Das gilt allerdings nur für jene Bedürfnisse, die
»bezahlbar« sind, die über eine Kaufkraft verfügen, und für jene Ressourcen,
die »verkäuflich« sind und damit einen angemessenen Preis erzielen können. Es gibt
aber unzählige menschliche Bedürfnisse, die keinen Zugang zum Markt haben. Es
ist strenge Pflicht der Gerechtigkeit und der Wahrheit zu verhindern, daß die
fundamentalen menschlichen Bedürfnisse unbefriedigt bleiben und daß die davon
betroffenen Menschen zugrunde gehen. Diesen notleidenden Menschen muß geholfen
werden, sich das nötige Wissen zu erwerben, in den Kreis der internationalen
Beziehungen einzutreten, ihre Anlagen zu entwickeln, um Fähigkeiten und
Ressourcen besser einbringen zu können. Noch vor der Logik des Austausches
gleicher Werte und der für sie wesentlichen Formen der Gerechtigkeit gibt es etwas,
das dem Menschen als Menschen zusteht, das heißt auf Grund seiner
einmaligen Würde. Dieses ihm zustehende Etwas ist untrennbar verbunden
mit der Möglichkeit, zu überleben und einen aktiven Beitrag zum Gemeinwohl der
Menschheit zu leisten.
Im Zusammenhang
mit der Dritten Welt bewahren jene Zielsetzungen, die von Rerum novarum angeführt
wurden, um zu vermeiden, daß die Arbeit des Menschen und der Mensch selber auf
das Niveau einer bloßen Ware herabgedrückt werden, ihre volle Gültigkeit (in
manchen Fällen ein Ziel, das zu erreichen noch ansteht): der familiengerechte
Lohn; die Sozialversicherungen für Alter und Arbeitslosigkeit; der angemessene
Schutz der Arbeitsbedingungen.
35.
Hier tut sich ein großes und fruchtbares Feld des Einsatzes und des Kampfes im
Namen der Gerechtigkeit für die Gewerkschaften und für die anderen
Organisationen der Arbeiter auf, die ihre Rechte verteidigen und ihre
Subjektivität schützen. Sie haben aber gleichzeitig eine wesentliche Aufgabe
kultureller Art, indem sie dazu beitragen, daß die Arbeiter vollwertig und in
Würde am Leben der Nation teilnehmen und auf dem Weg der Entwicklung
fortschreiten.
In diesem Sinne
kann man mit Recht von einem Kampf gegen ein Wirtschaftssystem sprechen, hier
verstanden als Methode, die die absolute Vorherrschaft des Kapitals, des
Besitzes der Produktionsmittel und des Bodens über die freie Subjektivität der
Arbeit des Menschen festhalten will. Für diesen Kampf gegen ein
solches System eignet sich als Alternativmodell nicht das sozialistische
System, das tatsächlich nichts anderes als einen Staatskapitalismus darstellt.
Es geht vielmehr um eine Gesellschaftsordnung der freien Arbeit, der
Unternehmen und derBeteiligung. Sie stellt sich keineswegs gegen den Markt,
sondern verlangt, daß er von den sozialen Kräften und vom Staat in angemessener
Weise kontrolliert werde, um die Befriedigung der Grundbedürfnisse der
Gesellschaft zu gewährleisten.
Die Kirche
anerkennt die berechtigte Funktion des Gewinnes als Indikator für den
guten Zustand und Betrieb des Unternehmens. Wenn ein Unternehmen mit Gewinn
produziert, bedeutet das, daß die Produktionsfaktoren sachgemäß eingesetzt und
die menschlichen Bedürfnisse gebührend erfüllt wurden. Doch der Gewinn ist
nicht das einzige Anzeichen für den Zustand des Unternehmens. Es ist durchaus
möglich, daß die Wirtschaftsbilanz in Ordnung ist, aber zugleich die Menschen,
die das kostbarste Vermögen des Unternehmens darstellen, gedemütigt und in
ihrer Würde verletzt werden. Das ist nicht nur moralisch unzulässig, sondern
muß auf weite Sicht gesehen auch negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit des Unternehmens haben. Denn Zweck des Unternehmens ist
nicht bloß die Gewinnerzeugung, sondern auch die Verwirklichung als Gemeinschaft
von Menschen, die auf verschiedene Weise die Erfüllung ihrer grundlegenden
Bedürfnisse anstreben und zugleich eine besondere Gruppe im Dienst der Gesamtgesellschaft
bilden. Der Gewinn ist ein Regulator des Unternehmens, aber nicht der einzige.
Hinzukommen andere menschliche und moralische Faktoren, die auf lange
Sicht gesehen zumindest ebenso entscheidend sind für das Leben des
Unternehmens.
Man sieht
daraus, wie unhaltbar die Behauptung ist, die Niederlage des sogenannten
»realen Sozialismus« lasse den Kapitalismus als einziges Modell
wirtschaftlicher Organisation übrig. Es gilt, die Barrieren und Monopole zu
durchbrechen, die so viele Völker am Rande der Entwicklung liegenlassen. Es
gilt, für alle — einzelne und Nationen — die Grundbedingungen für die Teilnahme
an der Entwicklung sicherzustellen. Diese Zielsetzung verlangt geplante und
verantwortungsvolle Anstrengungen von seiten der ganzen internationalen
Gemeinschaft. Die stärkeren Nationen müssen den schwachen Gelegenheiten zur
Eingliederung in das internationale Leben anbieten, und die schwachen müssen in
der Lage sein, diese Angebote aufzugreifen. Sie müssen dazu die notwendigen
Anstrengungen und Opfer aufbringen, indem sie die politische und
wirtschaftliche Stabilität, die Sicherheit für die Zukunft, die Förderung der
Fähigkeiten der eigenen Arbeiter, die Ausbildung leistungsfähiger Unternehmer,
die sich ihrer Verantwortung bewußt sind, gewährleisten.
Heute lastet
auf all den positiven Anstrengungen, die diesbezüglich unternommen werden, das
großenteils noch ungelöste Problem der Auslandsverschuldung der ärmsten Länder.
Der Grundsatz, daß die Schulden gezahlt werden müssen, ist sicher richtig. Es
ist jedoch nicht erlaubt, eine Zahlung einzufordern oder zu beanspruchen, die
zu politischen Maßnahmen zwingt, die ganze Völker in den Hunger und in die
Verzweiflung treiben würden. Man kann nicht verlangen, daß die aufgelaufenen
Schulden mit unzumutbaren Opfern bezahlt werden. In diesen Fällen ist es
notwendig — wie es übrigens teilweise schon geschieht —, Formen der
Erleichterung der Rückzahlung, der Stundung oder auch der Tilgung der Schulden
zu finden, Formen, die mit dem Grundrecht der Völker auf Erhaltung und
Fortschritt vereinbar sind.
36.
Es muß nun auf die besonderen Probleme und Gefahren hingewiesen werden, die
innerhalb der Wirtschaften der Industrieländer mit ihren spezifischen
Eigenschaften auftreten. In den früheren Entwicklungsstufen hat der Mensch
immer unter dem Druck der Not gelebt. Seine Bedürfnisse waren bescheiden und
gewissermaßen schon in den gegebenen Strukturen seiner leiblichen Verfassung
festgelegt. Die wirtschaftliche Tätigkeit beschränkte sich darauf, sie zu
befriedigen. Das Problem besteht heute nicht nur darin, eine bestimmte Menge
ausreichender Güter anzubieten, sondern auch in der Nachfrage nach der
Qualität: Qualität der zu erzeugenden und zu konsumierenden Güter, Qualität
der beanspruchten Dienste, Qualität der Umvelt und des Lebens überhaupt.
Die Nachfrage
nach einem qualitativ befriedigenderen und reicheren Leben ist an sich
berechtigt. Man muß dabei aber die neue Verantwortung und die neuen Gefahren
unterstreichen, die mit dieser geschichtlichen Phase zusammenhängen. In der Art
und Weise, wie die neuen Bedürfnisse entstehen und definiert werden, drückt
sich immer auch eine mehr oder weniger zutreffende Auffassung vom Menschen und
seinem wahren Wohl aus. Die Entscheidung für bestimmte Formen von Produktion
und Konsum bringt immer auch eine bestimmte Kultur als Gesamtauffassung des
Lebens zum Ausdruck. Hier entsteht das Phänomen des Konsumismus. Bei der
Entdeckung neuer Bedürfnisse und neuer Möglichkeiten, sie zu befriedigen, muß
man sich von einem Menschenbild leiten lassen, das alle Dimensionen seines
Seins berücksichtigt und die materiellen und triebhaften den inneren und
geistigen unterordnet. Überläßt man sich hingegen direkt seinen Trieben, unter
Verkennung der Werte des persönlichen Gewissens und der Freiheit, können Konsumgewohnheiten
und Lebensweisen entstehen, die objektiv unzulässig sind und nicht selten
der körperlichen und geistigen Gesundheit schaden. Das Wirtschaftssystem
besitzt in sich selber keine Kriterien, die gestatten, die neuen und höheren
Formen der Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse einwandfrei von den neuen,
künstlich erzeugten Bedürfnissen zu unterscheiden, die die Heranbildung einer
reifen Persönlichkeit verhindern. Es braucht daher dringend ein groß
angelegtes erzieherisches und kulturelles Bemühen, das die Erziehung der
Konsumenten zu einem verantwortlichen Verbraucherverhalten, die Weckung eines
hohen Verantwortungsbewußtseins bei den Produzenten und vor allem bei den
Trägern der Kommunikationsmittel sowie das notwendige Eingreifen der
staatlichen Behörden umfaßt.
Ein
augenfälliges Beispiel künstlichen Konsums, der sich gegen die Gesundheit und
gegen die Würde des Menschen richtet und sich gewiß nicht leicht unter
Kontrolle bringen läßt, ist die Droge. Ihre Ausbreitung ist Anzeichen einer
ernsten Funktionsstörung des Gesellschaftssystems und schließt gleichfalls eine
materialistische und in einem gewissen Sinn destruktive »Lesart« der
menschlichen Bedürfnisse ein. Die Erneuerungsfähigkeit der freien Wirtschaft
wird so schließlich einseitig und unzureichend realisiert. Die Droge wie auch
die Pornographie und andere Konsumismusformen versuchen die entstandene
geistige Leere auszufüllen, indem sie sich die Anfälligkeit der Schwachen
zunutze machen.
Nicht das
Verlangen nach einem besseren Leben ist schlecht, sondern falsch ist ein
Lebensstil, der vorgibt, dann besser zu sein, wenn er auf das Haben und nicht
auf das Sein ausgerichtet ist. Man will mehr haben, nicht um mehr zu sein,
sondern um das Leben in Selbstgefälligkeit zu konsumieren. Es ist
daher notwendig, sich um den Aufbau von Lebensweisen zu bemühen, in denen die
Suche nach dem Wahren, Schönen und Guten und die Verbundenheit mit den anderen
für ein gemeinsames Wachstum jene Elemente sind, die die Entscheidungen für
Konsum, Sparen und Investitionen bestimmen. In diesem Zusammenhang kann ich
nicht allein an die Pflicht der Nächstenliebe erinnern, das heißt die Pflicht,
mit dem eigenen »Überfluß« und bisweilen auch mit dem, was man selber »nötig«
hat, zu helfen, um das bereitzustellen, was für das Leben des Armen
unentbehrlich ist. Ich weise auch darauf hin, daß eine Entscheidung, lieber an
diesem als an jenem Ort, lieber in diesem und nicht in einem anderen Sektor zu
investieren, immer auch eine moralische und kulturelle Entscheidung ist.
Unumgängliche wirtschaftliche Bedingungen und politische Stabilität
vorausgesetzt, wird die Entscheidung zu investieren, das heißt, einem Volk die
Chance zu geben, seine eigene Arbeit zu verwerten, auch von einer Haltung der
Sympathie und von dem Vertrauen in die Vorsehung bestimmt. Gerade darin kommt
die menschliche Qualität dessen zum Vorschein, der die Entscheidung trifft.
37.
Gleichfalls besorgniserregend ist, neben dem Problem des Konsumismus und mit
ihm eng verknüpft, die Frage der Ökologie. Der Mensch, der mehr von dem
Verlangen nach Besitz und Genuß als dem nach Sein und Entfaltung ergriffen ist,
konsumiert auf maßlose und undisziplinierte Weise die Ressourcen der Erde und
selbst ihre Existenz. Der unbesonnenen Zerstörung der natürlichen Umwelt liegt
ein heute leider weitverbreiteter anthropologischer Irrtum zugrunde. Der
Mensch, der seine Fähigkeit entdeckt, mit seiner Arbeit die Welt umzugestalten
und in einem gewissen Sinne neu zu »schaffen«, vergißt, daß sich das immer nur
auf der Grundlage der ersten Ur-Schenkung der Dinge von seiten Gottes ereignet.
Der Mensch meint, willkürlich über die Erde verfügen zu können, indem er sie
ohne Vorbehalte seinem Willen unterwirft, als hätte sie nicht eine eigene
Gestalt und eine ihr vorher von Gott verliehene Bestimmung, die der Mensch
entfalten kann, aber nicht verraten darf. Statt seine Aufgabe als Mitarbeiter
Gottes am Schöpfungswerk zu verwirklichen, setzt sich der Mensch an die Stelle
Gottes und ruft dadurch schließlich die Auflehnung der Natur hervor, die von
ihm mehr tyrannisiert als verwaltet wird.
In dieser
Haltung läßt sich vor allem eine Armseligkeit oder Beschränktheit der
Sichtweise des Menschen erkennen. Er ist von dem Verlangen beseelt, die Dinge
zu besitzen, statt sie an der Wahrheit auszurichten; er entbehrt jener
uneigennützigen, selbstlosen, ästhetischen Haltung, die aus dem Staunen über
das Sein und über die Schönheit entsteht, das in den sichtbaren Dingen die
Botschaft des unsichtbaren Schöpfergottes erkennen läßt. In diesem Zusammenhang
muß sich die heutige Menschheit ihrer Pflichten und Aufgaben gegenüber den
künftigen Generationen bewußt sein.
38.
Außer der sinnlosen Zerstörung der natürlichen Umwelt muß hier die noch
schwerwiegendere Zerstörung der mensch1ichen Umwelt erwähnt werden; man
ist noch weit davon entfernt, ihr die notwendige Beachtung zu schenken. Während
man sich mit Recht, wenn auch viel weniger als notwendig darum kümmert, die
natürlichen Lebensbedingungen der verschiedenen, vom Aussterben bedrohten
Tierarten zu bewahren, weil man sich bewußt ist, daß jede von ihnen einen
besonderen Beitrag zum allgemeinen Gleichgewicht der Erde erbringt, engagiert
man sich viel zu wenig für die Wahrung der moralischen Bedingungen einer
glaubwürdigen »Humanökologie«. Nicht allein die Erde ist von Gott dem
Menschen gegeben worden, daß er von ihr unter Beachtung der ursprünglichen
Zielsetzung des Gutes, das ihm geschenkt wurde, Gebrauch machen soll. Aber der
Mensch ist sich selbst von Gott geschenkt worden; darum muß er die natürliche
und moralische Struktur, mit der er ausgestattet wurde, respektieren. In diesem
Zusammenhang sind die ernsten Probleme der modernen Verstädterung zu erwähnen,
die Notwendigkeit einer städtischen Kultur, die Sorge trägt für das Leben der
Menschen, und auch die gebührende Berücksichtigung einer »Sozialökologie« der
Arbeit.
Der Mensch
empfängt von Gott seine ihm wesenhafte Würde und mit ihr die Fähigkeit, über
jede Gesellschaftsordnung in Richtung der Wahrheit und des Guten
hinauszuschreiten. Er wird jedoch gleichzeitig von der gesellschaftlichen
Struktur, in der er lebt, beeinflußt, von der Erziehung, die er erhalten hat,
und von der Umwelt. Diese Elemente können sein Leben nach der Wahrheit
erleichtern, aber auch behindern. Die Entscheidungen, auf Grund derer sich ein
menschliches Milieu herausbildet, können spezifische Strukturen der Sünde
erzeugen, die die volle Verwirklichung derer, die von ihnen vielfältig bedrückt
werden, verhindern. Solche Strukturen abzubauen und durch authentischere Formen
des Zusammenlebens zu ersetzen, ist eine Aufgabe, die Mut und Ausdauer
erfordert.
39.
Die erste und grundlegende Struktur zu Gunsten der »Humanökologie« ist die Familie,
in deren Schoß der Mensch die entscheidenden Anfangsgründe über die
Wahrheit und das Gute empfängt, wo er lernt, was lieben und geliebt werden
heißt und was es konkret besagt, Person zu sein. Hier ist die auf die Ehe
gegründete Familie gemeint, wo die gegenseitige Hingabe von Mann und Frau
eine Lebensatmosphäre schafft, in der das Kind geboren werden und seine
Fähigkeiten entfalten kann. Wo es sich seiner Würde bewußt wird und sich auf
die Auseinandersetzung mit seinem einmaligen und unwiederholbaren Schicksal
vorbereiten kann. Oft geschieht es jedoch, daß der Mensch entmutigt wird, die
naturgegebenen Bedingungen der Weitergabe des Lebens auf sich zu nehmen. Er
läßt sich dazu verleiten, sich selbst und sein Leben als eine Folge von Sensationen
zu betrachten, die es zu erleben gilt und nicht als eine Aufgabe, die zu
erfüllen ist. Daraus entsteht ein Mangel an Freiheit, der von der
Verpflichtung, sich fest mit einem anderen Menschen zu verbinden und Kinder zu
zeugen, zurückscheut oder dazu verleitet, Partner und Kinder als eines der
vielen »Dinge« anzusehen, die man, je nach eigenem Geschmack, haben oder nicht
haben kann und die mit anderen Möglichkeiten in Konkurrenz treten.
Die Familie muß
wieder als das Heiligtum des Lebens angesehen werden. Sie ist in der Tat
heilig: Sie ist der Ort, an dem das Leben, Gabe Gottes, in angemessener Weise
angenommen und gegen die vielfältigen Angriffe, denen es ausgesetzt ist,
geschützt wird und wo es sich entsprechend den Forderungen eines echten menschlichen
Wachstums entfalten kann. Gegen die sogenannte Kultur des Todes stellt die
Familie den Sitz der Kultur des Lebens dar.
Der Geist des
Menschen scheint auf diesem Gebiet mehr darauf bedacht zu sein, die Quellen des
Lebens zu beschränken, zu unterdrücken und zu vernichten, bis hin zur leider so
weltweit verbreiteten Abtreibung, als die Möglichkeiten des Lebens selbst zu
verteidigen und zu eröffnen. In der Enzyklika Sollicitudo rei socialis wurden
die systematischen Kampagnen zur Geburtenkontrolle mit aller Klarheit
kritisiert. Auf Grund einer entstellten Auffassung des demographischen Problems
und im Klima eines »absoluten Mangels an Respekt vor der Entscheidungsfreiheit
der betroffenen Personen« werden diese oft einem »unerträglichen Druck«
ausgesetzt, »um sie für diese neue Form der Unterdrückung gefügig zu machen«.
Es handelt sich hier um eine Politik, die mit Hilfe neuer Techniken
ihren Aktionsradius bis hin zu einem »Krieg mit chemischen Waffen« ausweitet,
um das Leben von Millionen schutzloser Menschen zu vergiften.
Diese Kritik
richtet sich nicht so sehr gegen ein Wirtschaftssystem als gegen ein
ethisch-kulturelles System. Die Wirtschaft ist ja nur ein Aspekt und eine
Dimension der Vielfalt des menschlichen Handelns. Wenn sie verabsolutiert wird,
wenn die Produktion und der Konsum der Waren schließlich die Mitte des
gesellschaftlichen Lebens einnehmen und zum einzigen Wert der Gesellschaft
werden, der keinem anderen mehr untergeordnet wird, so ist die Ursache dafür
nicht allein und nicht so sehr im Wirtschaftssystem selbst als in der Tatsache
zu suchen, daß das ganze sozio-kulturelle System mit der Vernachlässigung der
sittlichen und religiösen Dimension versagt hat und sich nunmehr allein auf die
Produktion von Gütern und Dienstleistungen beschränkt.
Das alles läßt
sich zusammenfassen, indem man noch einmal feststellt, daß die wirtschaftliche
Freiheit nur ein Element der menschlichen Freiheit ist. Wenn sie sich für
autonom erklärt, das heißt, wenn der Mensch mehr als Produzent bzw. Konsument
von Gütern, nicht aber als ein Subjekt gesehen wird, das produziert und
konsumiert, um zu leben, dann verliert sie ihre notwendige Beziehung zum
Menschen, den sie schließlich entfremdet und unterdrückt.
40.
Es ist Aufgabe des Staates, für die Verteidigung und den Schutz jener
gemeinsamen Güter, wie die natürliche und die menschliche Umwelt, zu sorgen,
deren Bewahrung von den Marktmechanismen allein nicht gewährleistet werden
kann. Wie der Staat zu Zeiten des alten Kapitalismus die Pflicht hatte, die
fundamentalen Rechte der Arbeit zu verteidigen, so haben er und die ganze
Gesellschaft angesichts des neuen Kapitalismus nun die Pflicht, die
gemeinsamen Güter zu verteidigen, die unter anderem den Rahmen bilden, in
dem allein es jedem einzelnen möglich ist, seine persönlichen Ziele auf
gerechte Weise zu verwirklichen.
Hier stoßen wir
auf eine neue Grenze des Marktes: Es gibt gemeinsame und qualitative
Bedürfnisse, die mit Hilfe seiner Mechanismen nicht befriedigt werden können.
Es gibt wichtige menschliche Erfordernisse, die sich seiner Logik entziehen. Es
gibt Güter, die auf Grund ihrer Natur nicht verkauft und gekauft werden können
und dürfen. Gewiß bieten die Marktmechanismen sichere Vorteile. Sie helfen
unter anderem dabei, besseren Gebrauch von den Ressourcen zu machen; sie
fördern den Austausch der Produkte und stellen den Willen und die Präferenzen
des Menschen in den Mittelpunkt, die sich im Vertrag mit denen eines anderen
Menschen treffen. Diese Mechanismen schließen jedoch die Gefahr einer
»Vergötzung« des Marktes ein, der die Existenz von Gütern ignoriert, die ihrer
Natur nach weder bloße Waren sind noch sein können.
41.
Der Marxismus hat die kapitalistischen bürgerlichen Gesellschaften kritisiert,
indem er ihnen die Vermarktung und die Entfremdung des menschlichen Daseins
vorwarf. Dieser Vorwurf beruht zweifellos auf einer falschen und unsachgemäßen
Auffassung des Begriffes Entfremdung. Er wird einseitig aus dem Bereich der
Produktions - und Eigentumsverhältnisse abgeleitet, das heißt, es wird ihm eine
materialistische Begründung zugeschrieben. Es werden außerdem die Berechtigung
und die positive Bedeutung der Marktbeziehungen in ihrem spezifischen Bereich
geleugnet. Daher behauptet der Marximus, nur in einer kollektiven
Gesellschaftsordnung könnte die Entfremdung beseitigt werden. Die historische
Erfahrung der sozialistischen Länder hat auf traurige Weise gezeigt, daß der
Kollektivismus die Entfremdung nicht beseitigt, sondern noch steigert, weil der
Mangel am Notwendigsten und das wirtschaftliche Versagen hinzukommen.
Die
geschichtliche Erfahrung des Westens ihrerseits zeigt, daß dennoch, obwohl die
marxistische Analyse und Begründung der Entfremdung falsch sind, die
Entfremdung mit dem Verlust des wahren Lebenssinnes auch in den westlichen
Gesellschaften eine reale Gegebenheit ist. Denn sie ereignet sich im Konsum,
wenn der Mensch in ein Netz falscher und oberflächlicher Befriedigungen
hineingezogen wird, statt daß man ihm hilft, die echte und konkrete Erfahrung
seiner Persönlichkeit zu machen. Sie ereignet sich auch bei der Arbeit, wenn
diese so organisiert wird, daß sie möglichst hohe Erträge abwirft, man sich
aber nicht darum kümmert, daß der Arbeiter sich durch seine Arbeit mehr oder
weniger als Mensch verwirklicht, je nachdem, ob seine Teilnahme an einer echten
solidarischen Gemeinschaft wächst oder ob seine Isolierung in einem Komplex von
Beziehungen eines erbitterten Konkurrenzkampfes und gegenseitiger Entfremdung
zunimmt, in dem er nur als ein Mittel, nicht aber als ein Ziel angesehen wird.
Wir müssen den
Begriff der »Entfremdung« auf seinen christlichen Sinngehalt zurückführen und
in ihm die Umkehrung von Mitteln und Zielen wieder aufleben lassen. Wenn der
Mensch auf die Anerkennung des Wertes und der Größe der Person bei sich selbst
und im anderen verzichtet, beraubt er sich in der Tat der Möglichkeit, sich
seines Menschseins zu freuen und in jene Beziehung der Solidarität und
Gemeinschaft mit den anderen Menschen einzutreten, für die ihn Gott geschaffen
hat. Denn durch die freie Selbsthingabe wird der Mensch wahrhaftig er selbst.
Ermöglicht wird diese Hingabe durch die dem Menschen wesenseigene
»Fähigkeit zur Transzendenz«. Der Mensch kann sich nicht an ein bloß
menschliches Projekt der Wirklichkeit, an ein abstraktes Ideal oder an falsche
Utopien verschenken. Der Mensch als Person kann sich nur an einen anderen oder
an andere Menschen und endlich an Gott hingeben, der der Urheber seines Seins
und der Einzige ist, der seine Hingabe ganz anzunehmen vermag.
Entfremdet wird der Mensch, der es ablehnt, über sich selbst hinauszugehen und
die Erfahrung der Selbsthingabe und der Bildung einer an seiner letzten
Bestimmung orientierten echten menschlichen Gemeinschaft zu leben. Diese letzte
Zielbestimmung des Menschen aber ist Gott selber. Entfremdet wird eine
Gesellschaft, die in ihren sozialen Organisationsformen, in Produktion und
Konsum, die Verwirklichung dieser Hingabe und die Bildung dieser
zwischenmenschlichen Solidarität erschwert.
In der
westlichen Gesellschaft wurde die Ausbeutung wenigstens in den von Karl Marx
analysierten und beschriebenen Formen überwunden. Nicht überwunden wurde jedoch
die Entfremdung in den verschiedenen Formen von Ausbeutung, wenn sich die Menschen
gegenseitig als Werkzeuge benutzen und bei der immer raffinierteren
Befriedigung ihrer Sonder - und Sekundärbedürfnisse taub werden für die
hauptsächlichen und echten Bedürfnisse, die auch die Art und Weise der
Befriedigung der anderen Bedürfnisse regeln sollen. Der Mensch, der
sich nur oder vorwiegend um das Haben und den Genuß kümmert, der nicht mehr
fähig ist, seine Triebe und Leidenschaften zu beherrschen und sie im Gehorsam
gegenüber der Wahrheit unterzuordnen, kann nicht frei sein. Der Gehorsam
gegenüber der Wahrheit über Gott und über den Menschen ist die erste
Voraussetzung der Freiheit, da er ihm erlaubt, seine Bedürfnisse, seine Wünsche
und die Art und Weise ihrer Befriedigung einer rechten Hierarchie entsprechend
zu ordnen, so daß der Besitz der Dinge für ihn ein Mittel zum Wachstum ist. Ein
Hindernis kann diesem Wachstum aus der Manipulation erstehen, die von jenen
Massenmedien vorgenommen wird, die mit der Macht einer geradezu organisierten
Zähigkeit Moden und Meinungstrends aufzwingen, ohne daß es möglich wäre, ihre
Voraussetzungen einer kritischen Prüfung zu unterziehen.
42.
Um zur Eingangsfrage zurückzukehren: Kann man etwa sagen, daß nach dem
Scheitern des Kommunismus der Kapitalismus das siegreiche Gesellschaftssystem
sei und daß er das Ziel der Anstrengungen der Länder ist, die ihre Wirtschaft
und ihre Gesellschaft neu aufzubauen versuchen? Ist vielleicht er das Modell,
das den Ländern der Dritten Welt vorgeschlagen werden soll, die nach dem Weg
für den wahren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt suchen?
Die Antwort ist
natürlich kompliziert. Wird mit »Kapitalismus« ein Wirtschaftssystem
bezeichnet, das die grundlegende und positive Rolle des Unternehmens, des
Marktes, des Privateigentums und der daraus folgenden Verantwortung für die
Produktionsmittel, der freien Kreativität des Menschen im Bereich der
Wirtschaft anerkennt, ist die Antwort sicher positiv. Vielleicht wäre es
passender, von »Unternehmenswirtschaft« oder »Markwirtschaft« oder einfach
»freier Wirtschaft« zu sprechen. Wird aber unter »Kapitalismus« ein System
verstanden, in dem die wirtschaftliche Freiheit nicht in eine feste
Rechtsordnung eingebunden ist, die sie in den Dienst der vollen menschlichen
Freiheit stellt und sie als eine besondere Dimension dieser Freiheit mit ihrem
ethischen und religiösen Mittelpunkt ansieht, dann ist die Antwort ebenso
entschieden negativ.
Die
marxistische Lösung ist gescheitert, aber in der Welt bestehen nach wie vor
Formen der Ausgrenzung und Ausbeutung, insbesondere in der Dritten Welt, sowie
Erscheinungen menschlicher Entfremdung, besonders in den Industrieländern,
gegen die die Kirche mit Nachdruck ihre Stimme erhebt. Massen von Menschen
leben noch immer in Situationen großen materiellen und moralischen Elends. Der
Zusammenbruch des kommunistischen Systems beseitigt sicher in vielen Ländern
ein Hindernis in der sachgemäßen und realistischen Auseinandersetzung mit
diesen Problemen, aber das reicht nicht aus, um sie zu lösen. Es besteht die
Gefahr, daß sich eine radikale kapitalistische Ideologie breitmacht, die es
ablehnt, sie auch nur zu erwägen, da sie glaubt, daß jeder Versuch, sich mit
ihnen auseinanderzusetzen, von vornherein zum Scheitern verurteilt sei,
und ihre Lösung in einem blinden Glauben der freien Entfaltung der Marktkräfte
überläßt.
43.
Die Kirche hat keine eigenen Modelle vorzulegen. Die konkreten und
erfolgreichen Modelle können nur im Rahmen der jeweils verschiedenen
historischen Situationen durch das Bemühen aller Verantwortlichen gefunden
werden, die sich den konkreten Problemen in allen ihren eng miteinander
verflochtenen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen
Aspekten stellen. Diesem Bemühen bietet die Kirche als unerläßliche
geistige Orientierung ihre Soziallehre an, die — wie schon gesagt — die
positive Bedeutung des Marktes und des Unternehmens anerkennt, aber
gleichzeitig darauf hinweist, daß beide unbedingt auf das Gemeinwohl
ausgerichtet sein müssen. Sie anerkennt auch die Rechtmäßigkeit der
Anstrengungen der Arbeiter, um die volle Achtung ihrer Würde und eine größere
Beteiligung am Leben des Unternehmens zu erlangen. Auch wenn sie zusammen mit
anderen und unter der Leitung anderer arbeiten, sollen sie doch in gewissem Sinne
»in eigener Sache arbeiten« unter Einsatz ihrer Intelligenz und
ihrer Freiheit.
Die umfassende
Entwicklung des Menschen in der Arbeit widerspricht nicht den Anforderungen
einer höheren Produktivität und eines größeren Ertrages der Arbeit. Im
Gegenteil, sie fördert diese sogar, auch wenn das verfestigte Machtverhältnisse
schwächen kann. Das Unternehmen darf nicht ausschließlich als
»Kapitalgesellschaft« angesehen werden; es ist zugleich eine »Gemeinschaft von
Menschen«, zu der als Partner in je verschiedener Weise und mit spezifischen
Verantwortlichkeiten sowohl jene beitragen, die das für ihre Tätigkeit nötige
Kapital einbringen, als auch jene, die mit ihrer Arbeit daran mitwirken. Um
diese Ziele zu erreichen, braucht es noch einen großen gemeinsamen Einsatz
der Arbeiter, dessen Ziel die Befreiung und die umfassende Förderung des
Menschen ist.
Im Licht des
»Neuen« von heute wurde das Verhältnis zwischen dem Privateigentum und der
universalen Bestimmung der Güter »wiedergelesen«. Der Mensch verwirklicht
sich selbst durch seinen Verstand und seine Freiheit und übernimmt dabei als
Gegenstand und Werkzeug die Dinge dieser Welt und eignet sie sich an. In diesem
Tun des Menschen hat das Recht auf die Initiative und das Recht auf das
Privateigentum seinen Grund. Durch seine Arbeit setzt sich der Mensch nicht nur
für sich, sondern auch für die anderen und mit den anderen ein:
Jeder trägt zur Arbeit und zum Wohl anderer bei. Der Mensch arbeitet, um die
Bedürfnisse seiner Familie, der Gemeinschaft, zu der er gehört, der Nation und
schließlich der ganzen Menschheit zu erfüllen. Er trägt außerdem
zur Arbeit der anderen bei, die im selben Unternehmen tätig sind, sowie, in
einer Solidaritätskette, die sich progressiv fortsetzt, zur Arbeit der Lieferanten
bzw. zum Konsum der Kunden. Das Eigentum an Produktionsmitteln sowohl im
industriellen wie im landwirtschaftlichen Bereich ist gerechtfertigt, wenn es
einer nutzbringenden Arbeit dient. Es wird hingegen rechtswidrig, wenn es nicht
aufgewertet wird oder dazu dient, die Arbeit anderer zu behindern, um einen
Gewinn zu erzielen, der nicht aus der Gesamtausweitung der Arbeit und des
gesellschaftlichen Reichtums erwächst, sondern aus ihrer Unterdrückung, aus der
unzulässigen Ausbeutung, aus der Spekulation und aus dem Zerbrechen der
Solidarität in der Welt der Arbeit. Ein solches Eigentum besitzt
keinerlei Rechtfertigung und stellt einen Mißbrauch vor Gott und den Menschen
dar.
Die
Verpflichtung, im Schweiße seines Angesichtes sein Brot zu verdienen, besagt
gleichzeitig ein Recht. Eine Gesellschaft, in der dieses Recht systematisch
verweigert wird, in der es die wirtschaftspolitischen Maßnahmen den Arbeitern
nicht ermöglichen, eine befriedigende Beschäftigungslage zu erreichen, kann
weder ihre sittliche Rechtfertigung noch den gerechten sozialen Frieden
erlangen. Wie sich die Person in der freien Selbsthingabe voll
verwirklicht, so findet das Eigentum seine sittliche Rechtfertigung darin, daß
es unter den erforderlichen Umständen und in der erforderlichen Zeit
Arbeitsgelegenheiten und menschliches Wachstum für alle schafft.
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