III. DAS BILD DER HEUTIGEN WELT
11. Die
grundlegende Lehraussage der Enzyklika Populorum Progressio hatte wegen ihres
neuartigen Charakters ein starkes Echo gefunden. Der soziale Kontext, in dem
wir heute leben, ist freilich nicht mehr völlig identisch mit dem vor zwanzig
Jahren. Darum möchte ich mich nun in einem kurzen Überblick mit einigen
Merkmalen der heutigen Welt beschäftigen, um die Lehre der Enzyklika Pauls VI.
zu vertiefen, und zwar immer unter dem Gesichtspunkt der "Entwicklung der
Völker".
12. Die erste
Tatsache, die hervorgehoben werden muß, besteht darin, daß die damals so
lebhaften Hoffnungen auf Entwicklung heute weit entfernt von ihrer
Verwirklichung erscheinen.
Die Enzyklika machte sich hierin
keine Illusionen. Ihre starke und bisweilen dramatische Sprache beschränkte
sich darauf, den Ernst der Lage zu betonen und die Gewissen aller dringend zu
verpflichten, zu einer Lösung beizutragen. In jenen Jahren bestand ein gewisser
Optimismus hinsichtlich der Möglichkeit, den wirtschaftlichen Rückstand der
armen Völker ohne allzu große Anstrengungen aufzuholen, sie mit Infrastrukturen
zu versehen und ihnen beim Prozeß der Industrialisierung zu helfen.
In jenem geschichtlichen Kontext
proklamierte die Organisation der Vereinten Nationen über die Anstrengungen
jedes einzelnen Landes hinaus zwei aufeinanderfolgende
Entwicklungsdekaden.30 So wurden einige bilaterale und multilaterale
Maßnahmen ergriffen, um zahlreichen Nationen beizustehen, von denen einige seit
längerer Zeit unabhängig waren, andere aber - der größere Teil - eben erst als
Staaten aus dem Prozeß der Entkolonisierung geboren waren. Die Kirche fühlte
sich ihrerseits verpflichtet, die Probleme dieser neuen Situation tiefer zu
bedenken, um diese Bemühungen mit ihrem religiösen und humanen Geist zu
unterstützen und ihnen so eine "Seele" und einen wirksamen Impuls zu
geben.
13. Man kann
nicht sagen, daß diese verschiedenen religiösen, humanitären, wirtschaftlichen
und technischen Initiativen vergebens gewesen seien; denn sie haben doch einige
Ergebnisse erzielen können. Aber aufs Ganze gesehen und in Anbetracht der
verschiedenen Faktoren kann man nicht leugnen, daß die gegenwärtige
Weltsituation unter diesem Gesichtspunkt der Entwicklung eher einen negativen
Eindruck bietet.
Hierfür möchte ich die
Aufmerksamkeit zunächst auf einige allgemeine Indikatoren lenken, ohne einige
andere mehr spezifischer Art zu übergehen. Ohne mich in eine Analyse von Zahlen
oder Statistiken einzulassen, genügt es, die Wirklichkeit einer unzähligen
Menge von Männern und Frauen, Kindern, Erwachsenen und alten Menschen, von
konkreten und einmaligen menschlichen Personen also, zu sehen, die unter der
unerträglichen Last des Elends leiden. Viele Millionen sind ohne Hoffnung, weil
sich ihre Lage in vielen Teilen der Welt fühlbar verschlechtert hat. Angesichts
dieser Dramen von völligem Elend und größter Not, in denen so viele unserer
Brüder und Schwestern leben, ist es der Herr Jesus Christus selbst, der an uns
appelliert (vgl. Mt 25, 31-46).
14. Die erste
negative Feststellung, die es zu machen gilt, ist das Fortbestehen und oft
sogar die Verbreiterung des Grabens zwischen dem sogenannten entwickelten
Norden und dem unterentwickelten Süden. Diese geographische Sprechweise ist nur
eine erste Orientierung; denn man darf nicht übersehen, daß die Grenzen
zwischen Reichtum und Armut durch die verschiedenen Gesellschaften selber
verlaufen. und dies sowohl in den Industrieländern als auch in den
Entwicklungsländern. Wie es nämlich soziale Ungleichheiten bis zu den Stufen
des Elends auch in reichen Ländern gibt, so beobachtet man entsprechend in den
weniger entwickelten Ländern nicht selten Zeichen von Egoismus und
Zurschaustellung von Reichtum, die ebenso empörend wie skandalös sind.
Dem Überfluß an Gütern und
Dienstleistungen, die in einigen Teilen der Welt, vor allem im entwickelten
Norden, zur Verfügung stehen, entspricht im Süden ein unannehmbarer Rückstand.
Und gerade in dieser geopolitischen Zone lebt der größere Teil der Menschheit.
Wenn man die ganze Reihe der
verschiedenen Sektoren - Erzeugung und Verteilung von Lebensmitteln, Hygiene,
Gesundheitswesen und Wohnung, Trinkwasserversorgung, Arbeitsbedingungen, vor
allem jene für Frauen, Lebenserwartung sowie andere wirtschaftliche und soziale
Indikatoren - ins Auge faßt, ergibt sich ein enttäuschendes Gesamtbild, sei es
in sich selbst betrachtet oder in bezug auf die entsprechenden Daten der
stärker entwickelten Länder. Das Wort "Graben" kommt einem dabei
spontan wieder auf die Lippen.
Vielleicht ist dies nicht der
angemessene Ausdruck, um die wahre Realität wiederzugeben, insofern er den
Eindruck eines statischen Phänomens vermitteln könnte. Dies aber ist nicht so.
Im Fortschritt der Industrieländer und der Entwicklungsländer hat es in diesen
Jahren eine unterschiedliche Beschleunigung gegeben, die zu noch breiteren
Abständen führt. So gelangen die Entwicklungsländer, vor allem die ärmsten
unter ihnen, allmählich in die Lage eines sehr schweren Rückstandes.
Hinzufügen muß man noch die
Unterschiede in Kultur und Wertsystemen zwischen den verschiedenen
Bevölkerungsgruppen, die nicht immer mit dem jeweiligen Grad wirtschaftlicher
Entwicklung übereinstimmen, aber dazu beitragen, weitere Abstände zu schaffen.
Es sind diese Elemente und Aspekte, welche die Soziale Frage noch viel komplexer
machen, eben weil sie eine weltweite Dimension erlangt hat.
Wenn man die verschiedenen Teile
der Welt beobachtet, wie sie durch die wachsende Breite eines solchen Grabens
voneinander getrennt sind, und dabei feststellt, daß jeder von ihnen einer
eigenen Richtung mit eigenen Initiativen zu folgen scheint, versteht man, warum
man im allgemeinen Sprachgebrauch von verschiedenen Welten innerhalb unserer
einen Welt spricht: Erste Welt, Zweite Welt, Dritte Welt und manchmal sogar
Vierte Welt.31 Solche Ausdrücke, die gewiß nicht beanspruchen, alle
Länder erschöpfend zu klassifizieren, erscheinen doch bezeichnend: Sie sind
Zeichen eines verbreiteten Gefühls, daß die Einheit der Welt, mit anderen
Worten, die Einheit des Menschengeschlechtes, ernstlich bedroht ist. Jenseits
seiner mehr oder weniger objektiven Bedeutung verbirgt dieser Wortgebrauch
zweifellos einen moralischen Inhalt, dem gegenüber die Kirche als
"Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug... für die Einheit der ganzen
Menschheit",32 nicht gleichgültig bleiben kann.
15. Das hier
beschriebene Bild wäre allerdings unvollständig, fügte man den wirtschaftlichen
und sozialen Indikatoren der Unterentwicklung nicht weitere ebenso negative und
sogar noch besorgniserregendere Faktoren, angefangen im kulturellen Bereich,
hinzu. Es sind folgende: der Analphabetismus, die Schwierigkeit oder
Unmöglichkeit, zu höheren Ausbildungsstufen zu gelangen, die Unfähigkeit, am
Aufbau der eigenen Nation teilzunehmen, die verschiedenen Formen von Ausbeutung
oder wirtschaftlicher, sozialer, politischer und auch religiöser Unterdrückung
der menschlichen Person und ihrer Rechte, die Diskriminierungen jeder Art,
insbesondere jene überaus bösartige, die sich auf den Rassenunterschied
gründet. Wenn man manche dieser Mißstände auch in Gebieten des entwickelteren
Nordens beklagt, so sind sie doch in den Entwicklungsländern ohne Zweifel
häufiger, langfristiger und schwerer zu beseitigen.
Man muß außerdem hervorheben, daß
in der heutigen Welt unter den anderen Rechten oft auch das Recht auf
unternehmerische Initiative unterdrückt wird. Und doch handelt es sich um ein
wichtiges Recht nicht nur für den einzelnen, sondern auch für das Gemeinwohl.
Die Erfahrung lehrt uns, daß die Leugnung eines solchen Rechtes oder seine
Einschränkung im Namen einer angeblichen "Gleichheit" aller in der
Gesellschaft tatsächlich den Unternehmungsgeist, das heißt, die Kreativität des
Bürgers als eines aktiven Subjektes, lähmt oder sogar zerstört. Als Folge
entsteht auf diese Weise nicht so sehr eine echte Gleichheit als vielmehr eine
"Nivellierung nach unten". Anstelle von schöpferischer
Eigeninitiative kommt es zu Passivität, Abhängigkeit und Unterwerfung unter den
bürokratischen Apparat, der als einziges "verfügendes" und
"entscheidenes" - wenn nicht sogar "besitzendes" - Organ
der gesamten Güter und Produktionsmittel alle in eine Stellung fast völliger
Abhängigkeit bringt, die der traditionellen Abhängigkeit des Arbeiterproletariers
vom Kapitalismus gleicht. Das ruft ein Gefühl von Frustration oder Resignation
hervor und bringt die Menschen dazu, sich aus dem Leben der Nation
zurückzuziehen, indem viele zur Auswanderung gedrängt werden und ebenso eine
Form von "innerer" Emigration gefördert wird.
Eine solche Lage wirkt sich auch
auf die "Rechte der Einzelnationen" aus. In der Tat geschieht es
öfters, daß eine Nation ihres Subjektcharakters beraubt wird, das heißt, ihrer
"Souveränität", die ihr in wirtschaftlicher, politisch-sozialer und
in gewisser Weise auch kultureller Beziehung zukommt, weil in einer staatlichen
Gemeinschaft alle diese Dimensionen des Lebens miteinander verbunden sind.
Man muß ferner betonen, daß keine
gesellschaftliche Gruppe, wie zum Beispiel eine politische Partei, das Recht
hat, das Führungsmonopol an sich zu reißen; denn das führt zur Zerstörung des
wahren Subjektcharakters der Gesellschaft und der Bürger als Personen, wie es
bei jedem Totalitarismus geschieht. In einer solchen Situation werden der
Mensch und das Volk zu "Objekten", trotz aller gegenteiligen
Erklärungen und verbaler Beteuerungen.
An diesem Punkt sollte man
hinzufügen, daß es in der heutigen Welt noch viele weitere Formen der Armut
gibt. Verdienen nicht der Mangel oder der Entzug gewisser anderer Güter ebenfalls
diesen Namen? Lassen nicht etwa die Leugnung oder die Einschränkung der
Menschenrechte - ich nenne zum Beispiel das Recht auf Religionsfreiheit, das
Recht, am Aufbau der Gesellschaft teilzunehmen, die Freiheit, Vereinigungen zu
bilden, Gewerkschaften zu gründen oder Initiativen im wirtschaftlichen Bereich
zu ergreifen - die menschliche Person ebenso, wenn nicht sogar noch mehr,
verarmen als durch die Entbehrung materieller Güter? Und ist eine Entwicklung,
die nicht diese Rechte voll bejaht, wirklich eine Entwicklung in menschlicher
Dimension?
So ist, kurz gesagt, die
Unterentwicklung unserer Tage nicht nur wirtschaftlicher Art, sondern erstreckt
sieh auch auf den kulturellen, politischen und einfach menschlichen Bereich,
wie die Enzyklika Populorum Progressio schon vor zwanzig Jahren betont hat.
Darum müssen wir uns an dieser Stelle fragen, ob die so traurige Wirklichkeit
von heute nicht wenigstens zum Teil das Resultat einer zu engen, das heißt,
überwiegend wirtschaftlichen Auffassung von Entwicklung ist.
16. Man muß
klar aussprechen, daß sich die Gesamtlage trotz der lobenswerten Anstrengungen,
die in den letzten zwanzig Jahren von den Industrieländern, von den
Entwicklungsländern sowie von den internationalen Organisationen unternommen
worden sind, um einen Ausweg aus dieser Situation oder wenigstens ein
Heilmittel gegen einige ihrer Symptome zu finden, erheblich verschlimmert hat.
Die Verantwortung für eine solche
Verschlechterung ist bei verschiedenen Ursachen zu suchen. Man muß hinweisen
auf die zweifellos schwerwiegenden Unterlassungen der Entwicklungsländer selber
und insbesondere jener Personen, die dort die wirtschaftliche und politische
Macht in Händen halten. Das darf uns aber nicht dazu verleiten, die
Verantwortung der Industrieländer zu übersehen, die nicht immer, wenigstens
nicht in erforderlichem Maße, die Verpflichtung erkannt haben, den Ländern, die
von der Welt des Wohlstandes ausgeschlossen sind, zu der sie selber gehören,
Hilfe zu leisten.
Auf jeden Fall muß man das
Bestehen wirtschaftlicher, finanzieller und sozialer Mechanismen anprangern,
die, obgleich vom Willen des Menschen gelenkt, doch fast automatisch wirken,
wobei sie die Situation des Reichtums der einen und der Armut der anderen
verfestigen. Solche Mechanismen, von den stärker entwickelten Ländern in
direkter oder indirekter Weise gesteuert, begünstigen durch die ihnen eigene
Wirkweise die Interessen derer, die über sie verfügen, erdrücken oder lenken
aber schließlich vollständig die Wirtschaftsordnungen der weniger entwickelten
Länder. Es wird notwendig sein, diese Mechanismen später einer sorgfältigen
Analyse in ethisch-moralischer Hinsicht zu unterziehen.
Die Enzyklika Populorum
Progressio sah bereits voraus, daß mit solchen Systemen der Reichtum der Reichen
zunehmen und das Elend der Armen verfestigt werden konnte.33 Eine
Bestätigung dieser Voraussage war das Auftreten der Vierten Welt.
17. Sosehr sich
die Weltgesellschaft in mancher Beziehung gespalten zeigt, wie jene bekannten
Ausdrücke einer Ersten, Zweiten, Dritten und Vierten Welt es dartun, bleibt
doch die wechselseitige Abhängigkeit dieser Welten stets sehr eng. Klammert man
von dieser Abhängigkeit die ethischen Forderungen aus, so führt das gerade für
die Schwächsten zu traurigen Konsequenzen. Die gegenseitige Abhängigkeit ruft
durch eine Art von innerer Dynamik und unter dem Druck von Mechanismen, die man
geradezu als entartet bezeichnen muß, sogar in den reichen Ländern negative
Wirkungen hervor. Im Innern dieser Länder findet man, wenn auch in geringerem
Umfang, sehr ausgeprägte Formen von Unterentwicklung Darum sollte es
unbestritten sein, daß die Entwicklung entweder allen Teilen der Welt gemeinsam
zugute kommt oder einen Prozeß der Rezession auch in jenen Gegenden erleidet,
die bisher einen ständigen Fortschritt zu verzeichnen hatten Diese Tatsache ist
besonders aufschlußreich für das Wesen echter Entwicklung: Entweder nehmen alle
Nationen der Welt daran teil, oder sie ist tatsächlich nicht echt.
Unter den typischen Kennzeichen
von Unterentwicklung, die in wachsendem Maße auch die entwickelten Völker
betreffen, gibt es zwei, die in besonderer Weise eine dramatische Situation
offenbaren. An erster Stelle steht die Wohnungskrise. In diesem Internationalen
Jahr der Menschen ohne Wohnung, das die Organisation der Vereinten Nationen
beschlossen hat, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Millionen von Menschen
ohne angemessene oder sogar ohne jegliche Wohnung, um die Gewissen aller
aufzurütteln und eine Lösung für dieses schwere Problem zu finden, das eine
Reihe von negativen Folgen im individuellen, familiären und gesellschaftlichen
Bereich hat.34
Wohnungen fehlen überall; dies
ist größtenteils eine Folge der stets zunehmenden Verstädterung.35
Sogar die stärker entwickelten Völker bieten den traurigen Anblick von
einzelnen und Familien, die im wahrsten Sinne des Wortes um das Überleben
kämpfen und dabei ohne Wohnung sind oder in einer derart elenden Behausung
leben müssen, daß sie den Namen einer Wohnung nicht verdient.
Die Wohnungsnot, die in sich
selbst schon ein ziemlich schweres Problem darstellt, muß als Zeichen und
Synthese einer ganzen Reihe von wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder
einfach menschlichen Unzulänglichkeiten angesehen werden. In Anbetracht der
Ausdehnung des Phänomens kann man sich leicht davon überzeugen, wie weit wir
noch vom wirklichen Fortschritt der Völker entfernt sind.
18. Ein
weiteres Kennzeichen, das die große Mehrheit der Nationen betrifft, ist das Phänomen
der Arbeitslosigkeit und der Unterbeschäftigung.
Niemandem entgeht, wie aktuell
und stets schwieriger sich dieses Problem in den industrialisierten Ländern
darstellt.36 Wenn es in den Entwicklungsländern wegen ihres hohen
Bevölkerungszuwachses und der Menge junger Menschen bereits alarmierend wirkt,
scheinen in den Ländern starker wirtschaftlicher Entwicklung die Quellen der
Arbeit selbst abzunehmen und, statt zuzunehmen, verringern sich so die
Möglichkeiten für eine Beschäftigung.
Auch diese Erscheinung mit ihrer
Reihe von negativen Folgen auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene, von
der Abwertung der Person bis zum Verlust der Selbstachtung, die sich jeder Mann
und jede Frau schuldet, drängt uns dazu, die Art der im Laufe der letzten
zwanzig Jahre angestrebten Entwicklung ernsthaft in Frage zu stellen. Hierbei
erweist sich als höchst angebracht die folgende Überlegung der Enzyklika
Laborem Exercens: "Dabei ist hervorzuheben, daß das entscheidende Element
und gleichzeitig der beste Prüfstein eines solchen Fortschritts im Geist der
Gerechtigkeit und des Friedens, wie ihn die Kirche verkündet und unaufhörlich
vom Vater aller Menschen und Völker erbittet, gerade die ständige Aufwertung
der menschlichen Arbeit ist, sei es unter dem Gesichtspunkt ihrer objektiven
Zielsetzung, sei es im Hinblick auf die Würde des Subjekts jeder Arbeit, die
der Mensch ist". Demgegenüber "werden wir unvermeidlich von einer
erschütternden Tatsache ungeheuren Ausmaßes schmerzlich berührt", daß es nämlich
"Scharen von Arbeitslosen und Unterbeschäftigten... gibt, eine Tatsache,
die zweifelsfrei bezeugt, daß im Innern der einzelnen politischen
Gemeinschaften wie auch in den Beziehungen zwischen ihnen auf kontinentaler und
globaler Ebene hinsichtlich der Organisation der Arbeit und der Beschäftigung
irgend etwas nicht funktioniert, und zwar gerade in den entscheidenden und
sozial wichtigen Punkten".37
Wie das erstgenannte, so bedeutet
auch dieses zweite Phänomen wegen seines universalen Charakters und seiner sich
gleichsam fortpflanzenden Tendenz ein in seiner negativen Auswirkung höchst
aufschlußreiches Zeichen für den Zustand und die Qualität jener Entwicklung der
Völker, vor der wir heute stehen.
19. Ein
weiteres Phänomen, ebenfalls typisch für die letzten Jahre - auch wenn es nicht
überall auftritt -,ist zweifellos genauso bezeichnend für die wechselseitige
Abhängigkeit zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern. Es ist das
Problem der internationalen Verschuldung dem die Päpstliche Kommission Iustitia
et Pax dieses Jahr ein eigenes Dokument38 gewidmet hat.
Man muß an dieser Stelle die enge
Verbindung eines solchen Problems, dessen wachsendes Gewicht die Enzyklika
Populorum Progressio bereits vorausgesehen hatte,39 mit der Frage nach
der Entwicklung der Völker deutlich aussprechen.
Der Grund, der die
Entwicklungsländer veranlaßte, das Angebot einer Fülle von bereitstehenden
Kapitalien anzunehmen, war die Hoffnung, sie in Entwicklungsprojekte
investieren zu können. Darum kann man die Bereitstellung von Kapitalien und
ihre Annahme in Form von Darlehen durchaus als einen Beitrag zur Entwicklung
selbst ansehen. Das ist an sich ein wünschenswerter und berechtigter Vorgang,
wenn er vielleicht auch unvorsichtig und manchmal überstürzt in die Wege
geleitet worden ist. Seitdem sich aber die Lage in den Schuldnerländern ebenso
wie auf dem internationalen Finanzmarkt geändert hat, hat sich das Instrument,
das bestimmt war, die Entwicklung voranzutreiben, in einen Mechanismus verwandelt,
der das Gegenteil bewirkt: sei es, weil die Schuldnerländer, um dem
Schuldendienst nachzukommen, sich verpflichtet sehen, Kapitalien auszuführen,
die notwendig wären, um ihren Lebensstandard zu heben oder wenigstens zu
halten, sei es, weil sie aus demselben Grund keine neuen Kredite erhalten
können, die sie dringend bräuchten.
Durch diesen Mechanismus ist das
Mittel, das zur Entwicklung der Völker bestimmt war, zu einer Bremse geworden,
in gewissen Fällen sogar zur Ursache einer verschärften Unterentwicklung.
Diese Feststellungen müssen dazu
drängen - wie das kürzlich erschienene Dokument der Päpstlichen Kommission
Iustitia et Pax sagt -,40 über den ethischen Charakter der
wechselseitigen Abhängigkeiten der Völker nachzudenken und in der Linie der
vorliegenden Betrachtung die ebenfalls von ethischen Prinzipien bestimmten
Erfordernisse und Bedingungen der Zusammenarbeit zur Entwicklung zu bedenken.
20. Wenn wir an
diesem Punkt die Ursachen eines solchen schweren Rückstandes im Prozeß der
Entwicklung untersuchen, wie er im Gegensatz zu den Hinweisen der Enzyklika
Populorum Progressio, die so viele Hoffnungen geweckt hatte, eingetreten ist,
richtet sich unsere Aufmerksamkeit in besonderer Weise auf die politischen
Ursachen der heutigen Situation.
Weil wir uns dabei vor einem
Bündel zweifellos komplexer Faktoren befinden, ist es nicht möglich, hier zu
einer vollständigen Analyse zu gelangen. Wir dürfen jedoch ein besonders
entscheidendes Faktum der politischen Situation, die den geschichtlichen
Abschnitt prägt, der auf den Zweiten Weltkrieg folgt, und den Verlauf der
Entwicklung der Völker stark beeinflußt, nicht verschweigen.
Wir meinen damit die Existenz
zweier entgegengesetzter Blöcke, die allgemein mit den gebräuchlichen Namen von
Ost und West, oder auch Orient und Okzident, bezeichnet werden. Der Grund für
diese Namengebung ist nicht einfach nur politischer, sondern, wie man sagt,
auch weltpolitischer Art. Denn jeder dieser beiden Blöcke neigt dazu, rings um
sich her weitere Länder oder Ländergruppen sich anzugleichen oder
anzuschließen.
Dieser Gegensatz ist zuallererst
politischer Art insofern jeder der beiden Blöcke seine eigene Identität in
einem System gesellschaftlicher Organisation und Machtausübung findet das dazu
neigt das jeweils andere auszuschließen. Seinerseits hat der politische
Gegensatz seine Wurzeln in einem tieferen ideologischer Art.
Im Westen besteht nämlich ein
System, das sich historisch an den Prinzipien des liberalistischen Kapitalismus
orientiert, wie er sich im vergangenen Jahrhundert mit der Industrialisierung
entwickelt hat; im Osten dagegen besteht ein System, das sich am marxistischen
Kollektivismus orientiert, der entstanden ist aus einer Interpretation der Lage
der proletarischen Klassen, wie sie im Licht einer besonderen Geschichtsdeutung
vorgenommen wurde. Indem sich jede der beiden Ideologien auf zwei so
unterschiedliche Auffassungen vom Menschen, von seiner Freiheit und seiner
gesellschaftlichen Rolle bezieht, vertreten sie in Vergangenheit und Gegenwart
auf wirtschaftlicher Ebene entgegengesetzte Formen der Arbeitsorganisation und
der Eigentumsstrukturen, insbesondere was die sogenannten Produktionsmittel
betrifft.
Es war unvermeidlich, daß der
ideologische Gegensatz durch die Entwicklung von miteinander ringenden Systemen
und Machtzentren und mit je eigenen Formen von Propaganda und Indoktrination zu
einem wachsenden militärischen Gegensatz führte und so zwei Blöcke bewaffneter
Macht entstehen ließ, von denen jeder die Vorherrschaft des anderen mißtrauisch
fürchtet.
Die internationalen Beziehungen
mußten ihrerseits die Auswirkungen dieser "Logik der Blöcke" und der
jeweiligen "Einflußsphären" notwendigerweise zu spüren bekommen.
Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges entstanden, hat die Spannung zwischen den
beiden Blöcken die ganzen folgenden vierzig Jahre beherrscht, indem sie bald
den Charakter eines "kalten Krieges"; bald den eines
"Stellvertreterkrieges" durch die Ausnutzung örtlicher Konflikte
annahm oder mit der Drohung eines offenen und totalen Krieges die Herzen in
Unruhe und Angst hielt
Wenn sich auch eine solche Gefahr
gegenwärtig weiter entfernt zu haben scheint, ohne freilich völlig verschwunden
zu sein, und wenn man auch zu einem ersten Abkommen über die Zerstörung einer Kategorie
von Atomwaffen gekommen ist, so bleiben doch die Existenz und der Gegensatz der
Blöcke immer noch eine reale und beunruhigende Wirklichkeit, die weiterhin die
Weltlage bestimmt.
21. Das zeigt
sich mit besonders negativer Auswirkung in den internationalen Beziehungen, die
die Entwicklungsländer betreffen. Die Spannung zwischen Ost und West ist ja
eigentlich, wie bekannt, nicht ein Gegensatz zwischen zwei unterschiedlichen
Graden von Entwicklung, sondern eher zwischen zwei Auffassungen von der
Entwicklung der Menschen und Völker, die beide unvollkommen sind und als solche
eine tiefgreifende Korrektur erfordern. Dieser Gegensatz wird dann in jene
Länder eingeführt und trägt so zur Verbreiterung des Grabens bei, der bereits
auf wirtschaftlicher Ebene zwischen Nord und Süd besteht und die Folge des
Abstandes der entwickelten von der weniger entwickelten Welt darstellt.
Das ist einer der Gründe, warum
die Soziallehre der Kirche eine kritische Haltung gegenüber dem
liberalistischen Kapitalismus wie dem kollektivistischen Marxismus einnimmt.
Und in der Tat, von der Entwicklung her gesehen, stellt sich die spontane
Frage: Auf welche Weise oder in welchem Maße lassen diese beiden Systeme
Veränderungen oder Anpassungen zu, so daß eine echte und umfassende Entwicklung
des Menschen und der Völker in der heutigen Gesellschaft begünstigt oder
gefördert würde? Solche Veränderungen und Anpassungen sind für die Sache einer
gemeinsamen Entwicklung aller dringend und unerläßlich.
Die eben erst unabhängig
gewordenen Länder, die für ihre Anstrengungen, eine eigene kulturelle und
politische Identität zu erlangen, den wirksamen und selbstlosen Beitrag der
reicheren und entwickelteren Länder nötig hätten, sehen sich in ideologische
Konflikte hineingezogen - und manchmal sogar von ihnen überwältigt -, die im
Innern des Landes unvermeidliche Spaltungen erzeugen und in gewissen Fällen
sogar wahre Bürgerkriege entfesseln. Dies auch deswegen, weil die Investitionen
und Entwicklungshilfen oft ihrem eigentlichen Zweck entzogen und dazu
mißbraucht werden, Gegensätze zu vertiefen, außerhalb und sogar gegen die
Interessen der Länder, die dadurch gefördert werden sollten. Viele von ihnen
werden sich immer mehr der Gefahr bewußt, zu Opfern eines Neokolonialismus zu
werden, und versuchen, sich herauszuhalten. Ein solches Bewußtsein hat, wenn
auch unter Schwierigkeiten, Schwankungen und gelegentlichen Widersprüchen, die
internationale Bewegung der blockfreien Länder hervorgebracht, die, was ihre
positive Ausrichtung betrifft, das Recht jedes Volkes auf seine Identität, auf
seine Unabhängigkeit und Sicherheit sowie, auf der Grundlage von Gleichheit und
Solidarität, das Recht zur Nutzung der Güter, die für alte Menschen bestimmt
sind, in wirksamer Weise vertreten möchte.
22. Nach diesen
Erwägungen gelingt es leicht, einen klareren Überblick über das Bild der
letzten zwanzig Jahre zu bekommen und besser zu verstehen, daß die Kontraste im
Norden der Welt, das heißt, zwischen Ost und West, wahrlich nicht die geringste
Ursache für den Rückstand oder den Stillstand des Südens sind.
Anstatt sich zu selbständigen
Nationen zu entwickeln, die sich um den eigenen Weg zur gerechten Teilhabe an
den für alle bestimmten Gutem und Dienstleistungen bemühen, werden die Länder
auf dem Wege der Entwicklung zu Rädern eines Mechanismus zu Teilen einer
gewaltigen Maschinerie. Das geschieht oft auch auf dem Gebiet der sozialen
Kommunikationsmittel: Weil diese meistens von Zentren im Norden der Welt aus
geleitet werden, berücksichtigen sie nicht immer in gebührender Weise die
eigenen vorrangigen Anliegen und Probleme dieser Länder, noch achten sie ihr
kulturelles Antlitz, sondern drängen ihnen nicht selten ein entstelltes Bild
vom Leben und vom Menschen auf und entsprechen so nicht den Anforderungen einer
echten Entwicklung.
Jeder der beiden Blöcke birgt auf
seine Weise in sich die Tendenz zum Imperialismus, wie man dies allgemein
nennt, oder zu Formen eines Neokolonialismus, eine naheliegende Versuchung, in
die man nicht selten fällt, wie selbst die jüngste Geschichte noch lehrt.
Diese anormale Situation, die
Folge eines Krieges und einer Besorgnis, die von Motiven der eigenen Sicherheit
über das berechtigte Maß hinaus ins Unermeßliche gesteigert ist, ertötet den
Aufschwung zu solidarischer Zusammenarbeit aller für das Gemeinwohl des
Menschengeschlechtes, zum Schaden vor allem der friedensbereiten Völker, die
dadurch in ihrem Recht, Zugang zu den für alle Menschen bestimmten Gütern zu
erlangen, blockiert sind.
So gesehen, ist die gegenwärtige
Spaltung der Welt ein direktes Hindernis für eine wirkliche Veränderung der
Bedingungen der Unterentwicklung in den Ländern auf dem Wege der Entwicklung
oder in jenen weniger entwickelten. Die Völker finden sieh allerdings nicht
immer mit ihrem Los ab. Ferner scheinen nunmehr die Bedürfnisse einer
Wirtschaft selber, die von den Militärausgaben sowie von Bürokratismus und
innerer Leistungsschwäche erstickt wird, Prozesse zu begünstigen, die jenen
Gegensatz der Blöcke mildern und den Beginn eines fruchtbaren Dialogs und einer
echten Zusammenarbeit für den Frieden erleichtern.
23. Die
Feststellung der Enzyklika Populorum Progressio, daß die zur Verfügung
stehenden Mittel und Investitionen1 die für die Waffenproduktion vorgesehen sind,
verwendet werden müßten, um das Elend der darbenden Bevölkerungen zu
mildern,41 macht den Appell, den Gegensatz zwischen den beiden Blöcken
zu überwinden, noch dringender.
Praktisch dienen heute solche
Mittel dazu jedem der beiden Blöcke zu ermöglichen, Vorteile gegenüber dem
anderen zu erringen und so die eigene Sicherheit zu garantieren. Diese
Einstellung, ein Fehler von Anfang an, erschwert es den Nationen, die in
historischer, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht die Möglichkeit besitzen,
eine Führungsrolle zu übernehmen, ihrer Verpflichtung, sich den Völkern
solidarisch zu erweisen, die ihre volle Entwicklung anstreben, hinreichend
nachzukommen.
Es ist angebracht, an diesem
Punkt darauf hinzuweisen - und es sollte nicht als Übertretung erscheinen -,
daß eine Führungsrolle unter den Nationen nur von der Möglichkeit und
Bereitschaft gerechtfertigt werden kann, umfassend und großzügig zum Gemeinwohl
beizutragen.
Eine Nation, die mehr oder
weniger bewußt der Versuchung nachgäbe, sich in sich selbst zu verschließen und
der Verantwortung nicht nachzukommen, die sich aus ihrer Überlegenheit im
Verbund der Nationen ergibt, würde in schwerwiegender Weise ihre eindeutige
ethische ,wicht verletzen. Das ist leicht zu erkennen in einer geschichtlichen
Situation, in der der gläubige Mensch die Fügungen der göttlichen Vorsehung
wahrnimmt, die gewillt ist, sich der Nationen für die Verwirklichung ihrer
Pläne zu bedienen wie auch ,,die Pläne der Völker zunichte zumachen" (vgl.
PS 33,10). Wenn der Westen den Eindruck macht, sich in Formen einer wachsenden
egoistischen Isolierung zurückzuziehen, und der Osten seinerseits aus
fragwürdigen Gründen die eigene Verpflichtung zu ignorieren scheint, den
Einsatz für die Erleichterung des Elends der Völker mitzutragen, handelt es
sich nicht nur um einen Verrat an den berechtigten Erwartungen der Menschheit,
der unvorhersehbare Folgen ahnen läßt, sondern um ein echtes Versagen vor einer
moralischen Verpflichtung.
24. Wenn
bereits die Produktion von Waffen in Anbetracht der wahren Notwendigkeiten der
Menschen und des erforderlichen Einsatzes von geeigneten Mitteln, um ihnen zu
genügen, ein schwerer Mißstand in der heutigen Welt ist, so ist dies ebenso der
Handel mit solchen Waffen. Was diesen angeht, so muß man hinzufügen, so ist das
moralische Urteil sogar noch strenger. Bekanntlich handelt es sich um ein
Geschäft ohne Grenzen und dazu fähig, sogar die Mauern der Blöcke zu
überwinden. Es versteht sich darauf, die Trennungslinie zwischen Ost und West und
vor allem jene zwischen Nord und Süd zu überschreiten und sogar, was noch
schwerwiegender ist, in die verschiedenen Strukturen der südlichen Zone der
Erde einzudringen. So befinden wir uns vor einem seltsamen Phänomen: Während
Wirtschaftshilfen und Entwicklungspläne auf das Hindernis unüberwindlicher
Barrieren von Ideologien sowie von Steuer - und Handelsgesetzen stoßen, fließen
Waffen jeglicher Herkunft fast ungehindert in alle Teile der Welt. Und
jedermann weiß - wie das kürzlich erschienene Dokument der Päpstlichen
Kommission Iustitia et Pax über die internationale Verschuldung
hervorhebt42 -, daß in gewissen Fällen die Gelder, die von der
entwickelten Welt als Darlehen gegeben werden, in der unterentwickelten Welt
zum Erwerb von Waffen benutzt werden.
Wenn man all dem die weithin
bewußte furchtbare Gefahr hinzufügt, die von den unglaublich angewachsenen
Vorräten an Atomwaffen ausgeht, scheint dies die logische Konsequenz zu sein:
Statt sich um eine echte Entwicklung zu sorgen, die alle zu einem
,,humaneren" Leben führen könnte - wie es sich die Enzyklika Populorum
Progressio erhofft hatte43 -, scheint sich das Bild der heutigen Welt,
einschließlich der Wirtschaft, schneller und schneller auf eine tödliche
Vernichtung hinzubewegen.
Die Folgen dieser Lage der Dinge
zeigen sich in der Zunahme einer Plage, die typisch und bezeichnend ist für die
Ungleichgewichte und Konflikte der heutigen Welt: die Millionen von
Flüchtlingen, denen Kriege, Naturkatastrophen, Verfolgungen und Diskriminierungen
aller Art Heim, Arbeit Familie und Vaterland geraubt haben. Die Tragödie dieser
Menschenmengen spiegelt sich im niedergeschlagenen Antlitz der Männer, Frauen
und Kinder wider, die in einer geteilten und ungastlich gewordenen Welt keine
Heimstatt mehr finden können.
Man darf auch nicht die Augen
schließen vor einer weiteren schmerzhaften Plage der heutigen Welt: vor dem
Phänomen des Terrorismus, verstanden als Vorsatz, unterschiedslos Menschen zu
töten Güter zu zerstören und gerade so ein Klima des Schreckens und der
Unsicherheit zu schaffen, oft auch verbunden mit Geiselnahme. Auch wenn man als
Motivation dieser unmenschlichen Praxis irgendeine Ideologie oder die
Errichtung einer besseren Gesellschaft anführt, sind terroristische Akte
niemals zu rechtfertigen. Das sind sie noch weniger, wenn solche Beschlüsse und
Täten, durch die es manchmal zu wahren Blutbädern kommt, sowie manche
Entführungen unschuldiger Menschen außerhalb der Konflikte einem
propagandistischen Zweck zum Vorteil der eigenen Sache dienen sollen oder wenn
sie, was noch schlimmer ist, als Ziel an sich gewollt sind, so daß man allein
darum tötet, um zu töten. Angesichts von soviel Entsetzen und Leid behalten
jene Worte stets ihren Wert, die ich vor einigen Jahren ausgesprochen habe und
hier noch einmal wiederholen möchte: "Das Christentum verbietet ..., die
Wege des Hasses einzuschlagen sowie das Mittel des Mordes an wehrlosen Personen
und die Methode des Terrorismus zu benutzen".44
25. An dieser
Stelle muß auch an das Problem der Bevölkerungsentwicklung erinnert werden und
an die Weise, darüber heute nach den Maßstäben zu reden, die Paul VI. in seiner
Enzyklika45 aufgezeigt und die ich selbst im Apostolischen Schreiben
Familiaris Consortio46 ausführlich dargelegt habe.
Unleugbar gibt es, vor allem im
Süden unseres Planeten, ein derartiges demographisches Problem, daß es
Schwierigkeiten für die Entwicklung bereitet. Es ist aber angebracht, gleich
hinzufügen daß sich dieses Problem im Norden mit umgekehrten Vorzeichen
darstellt Was hier Sorgen macht, ist der Abfall der Geburtenziffer mit
Auswirkungen auf die Altersstruktur der Bevölkerung, die sogar unfähig wird,
sich biologisch zu erneuern. Auch dieses Phänomen ist von sich aus geeignet,
die Entwicklung zu behindern. Wie es ungenau ist, zu behaupten, solche
Schwierigkeiten kämen nur vom Bevölkerungswachstum her, so ist es auch nicht
erwiesen, daß jegliches Bevölkerungswachstum unvereinbar sei mit einer
geordneten Entwicklung. Andererseits erscheint es sehr alarmierend, in vielen
Ländern auf Initiative ihrer Regierungen die Propagierung von systematischen
Kampagnen zur Geburtenkontrolle festzustellen, und das im Gegensatz nicht nur
zur kulturellen und religiösen Identität der Länder selbst, sondern auch zum
Wesen einer echten Entwicklung. Oft geschieht es, daß diese Kampagnen unter
Druck zustande kommen und durch Kapital aus dem Ausland finanziert werden, ja,
daß wirtschaftliche und finanzielle Hilfe und Unterstützung ihnen manchmal
sogar untergeordnet werden. In jedem Fall handelt es sich um einen absoluten
Mangel an Respekt vor der Entscheidungsfreiheit der betroffenen Personen,
Männer und Frauen, die nicht selten unerträglichem Druck, auch wirtschaftlicher
Art, ausgesetzt sind, um sie für diese neue Form der Unterdrückung gefügig zu
machen. Gerade die ärmsten Völker erleiden diese Mißhandlungen; und es endet
mitunter damit, daß die Tendenz zu einem gewissen Rassismus geweckt oder die
Anwendungen gewisser Formen von Eugenetik gefördert werden, die gleichermaßen
rassistisch sind.
Auch diese Vorgänge, die auf das
energischste zu verurteilen sind, sind Zeichen eines irrigen und entarteten
Begriffes: von echter menschlicher Entwicklung.
26. Ein solches
vorwiegend negatives Bild der realen Situation der Entwicklung in der Welt von
heute wäre nicht vollständig wenn nicht auch das gleichzeitige Vorhandensein
von positiven Aspekten aufgezeigt würde.
Das erste positive Merkmal ist
das wache Bewußtsein sehr vieler Männer und Frauen von der eigenen Würde und
der eines jeden Menschen. Dieses Bewußtsein kommt zum Beispiel in der überall
auflebenden Sorge um die Achtung der Menschenrechte und in einer
entschiedeneren Zurückweisung ihrer Verletzungen zum Ausdruck. Ein deutliches
Zeichen dafür ist die Zahl der privaten Vereinigungen, einige von weltweiter
Bedeutung, die in jüngster Zeit dafür entstanden sind; fast alle bemühen sich
darum, mit großer Sorgfalt und lobenswerter Objektivität das internationale
Geschehen in diesem so delikaten Bereich zu verfolgen.
Auf dieser Ebene muß man den
Einfluß anerkennen den die Erklärung der Menschenrechte ausübt, die vor
ungefähr vierzig Jahren von der Organisation der Vereinten Nationen verkündet
worden ist. Ihr Vorhandensein als solches und ihre fortschreitende Annahme von
seiten der internationalen Gemeinschaft sind ein Zeichen für ein Bewußtsein das
sich immer mehr durchsetzt. Dasselbe muß man, immer im Bereich der
Menschenrechte auch von den anderen Rechtsmitteln derselben Organisation der
Vereinten Nationen oder anderer internationaler Organe sagen.47
Das Bewußtsein, von dem wir hier
sprechen meint nicht nur die einzelnen Personen, sondern auch die Nationen und
Völker die als Körperschaften mit bestimmter kultureller Identität für die
Wahrung freie Handhabung und Förderung dieses kostbaren Erbes besonders
aufgeschlossen sind.
Gleichzeitig breitet sich in der
durch alle Art von Konflikten entzweiten und verworrenen Welt die Überzeugung
von einer tiefen wechselseitigen Abhängigkeit aus und folglich auch die
Forderung nach einer Solidarität, die diese aufgreift und auf die moralische
Ebene überträgt. Mehr als in der Vergangenheit werden sich die Menschen heute
dessen bewußt, durch ein gemeinsames Schicksal verbunden zu sein, das man
vereint gestalten muß, wenn die Katastrophe für alle vermieden werden soll. Aus
der tiefen Erfahrung von Sorge und Angst sowie von Fluchtmitteln wie den
Drogen, die für die Welt von heute charakteristisch sind, erhebt sich
allmählich die Einsicht, daß das Gut, zu dem wir alle berufen sind, und das
Glück, nach dem wir uns sehnen, ohne die Anstrengung und den Einsatz aller,
niemanden ausgeschlossen, und ohne konsequenten Verzicht auf den eigenen
Egoismus nicht erreicht werden können.
Hier fügt sich auch als Zeichen
für die Achtung vor dem Leben trotz aller Versuchungen, es zu zerstören, von
der Abtreibung bis zur Euthanasie - die gleichzeitige Sorge um den Frieden ein
und wiederum das Bewußtsein davon, daß dieser unteilbar ist: Fr gehört entweder
allen oder niemandem; ein Friede, der immer mehr die strenge Beachtung der
Gerechtigkeit und folglich die gerechte Verteilung der Früchte wahrer
Entwicklung fordert.48 Unter die positiven Zeichen der Gegenwart muß
man auch das wachere Bewußtsein von der Begrenztheit der verfügbaren Grundstoffe
zählen; ferner die Notwendigkeit, die Unversehrtheit und die Rhythmen der Natur
zu achten und bei der Planung der Entwicklung zu berücksichtigen, ohne diese
bestimmten demagogischen Auffassungen von ihr zu opfern. Wir bezeichnen dies
heute als Sorge für die Umwelt.
Es ziemt sich, auch den Einsatz
von Personen in Regierung, Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften, in der
Wissenschaft und im internationalen Leben anzuerkennen, die sich - oft von
religiösem Glauben inspiriert - darum bemühen, mit nicht geringen persönlichen
Opfern und mit Hochherzigkeit die Übel der Welt zu überwinden, und alles daran
setzen, daß immer mehr Männer und Frauen sich der Wohltaten des Friedens und
einer Lebensqualität erfreuen können, die diesen Namen verdient.
Dazu tragen in nicht geringem
Maße die großen internationalen und einige regionale Organisationen bei, deren
vereinte Anstrengungen Initiativen von größerer Wirksamkeit ermöglichen.
Auch durch diese Beiträge ist es
einigen Entwicklungsländern trotz der Last zahlreicher negativer
Voraussetzungen gelungen, eine gewisse Selbstversorgung in der Ernährung oder
eine Stufe der Industrialisierung zu erreichen, die es ihnen gestattet, in
Würde zu überleben und der aktiven Bevölkerung Arbeitsplätze zu beschaffen.
Darum ist nicht alles negativ in
der Welt von heute, und es könnte auch nicht anders sein, weil doch die
Vorsehung des himmlischen Vaters sogar über unseren täglichen Sorgen mit Liebe
wacht (vgl. Mt 6, 25-32; 10, 23-31; Lk 12, 6-7.22-30); die positiven Werte, die
wir aufgezeigt haben, bezeugen sogar eine neue moralische Besorgtheit, vor
allem hinsichtlich der großen Menschheitsprobleme wie der Entwicklung und des
Friedens.
Diese Tatsache veranlaßt mich,
die Überlegungen nun auf die wahre Natur der Entwicklung der Völker zu lenken,
im Einklang mit der Enzyklika, deren Jubiläum wir feiern, und als Würdigung
ihrer Lehre.
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