IV. DIE WAHRE MENSCHLICHE ENTWICKLUNG
27. Der Blick,
den wir auf Einladung der Enzyklika auf die Welt von heute richten, läßt uns
vor allem erkennen, daß die Entwicklung kein gradliniger, fast automatischer
und von sich aus grenzenloser Prozeß ist, als ob das Menschengeschlecht unter
gewissen Bedingungen auf eine Art unbegrenzter Vollkommenheit zueilen könnte.49
Eine solche Auffassung, die eher
mit einem Begriff von "Fortschritt" verbunden ist, der von
philosophischen Überlegungen aufklärerischer Natur geprägt ist, als mit einem
Begriff von "Entwicklung",50 wie er in spezifisch wirtschaftlich-sozialem
Sinn gebraucht wird erscheint heute ernsthaft in Frage gestellt, und das
besonders nach der tragischen Erfahrung der bei den letzten Weltkriege, der
geplanten und teilweise durchgeführten Vernichtung ganzer Völker sowie der
drohenden atomaren Gefahr. An die Stelle eines einfältigen Optimismus
mechanistischer Art ist eine begründete Sorge um das Schicksal der Menschheit
getreten.
28.
Gleichzeitig ist aber auch die "ökonomische" oder
"ökonomistische" Auffassung selbst, die mit dem Wort
"Entwicklung" verbunden ist, in eine Krise geraten. Tatsächlich
erkennt man heute besser, daß die reine Anhäufung von Gütern und
Dienstleistungen, auch wenn sie zum Nutzen der Mehrheit erfolgt, nicht genügt,
um das menschliche Glück zu verwirklichen. Folglich bringen auch nicht die zur
Verfügung stehenden vielfältigen echten Errungenschaften, die in jüngster Zeit
durch Wissenschaft und Technik hervorgebracht worden sind, einschließlich der
Informatik, die Befreiung von jeglicher Form von Knechtschaft Im Gegenteil die
Erfahrung der letzten Jahre zeigt, daß die gesamte Menge der Hilfsquellen und
Möglichkeiten, die dem Menschen zur Verfügung gestellt worden ist, wenn sie
nicht von einer sittlichen Grundeinstellung gelenkt und auf das wahre Wohl des
Menschengeschlechts hingeordnet wird, sich leicht gegen den Menschen richtet,
um ihn zu unterdrücken.
Eine betrübliche Feststellung aus
der jüngsten Zeit sollte höchst lehrreich sein: Neben dem Elend der
Unterentwicklung, das nicht geduldet werden kann, finden wir eine Art von
Überentwicklung, die gleichermaßen unannehmbar ist, weil sie, wie die erste, im
Gegensatz zum wahren Wohl und Glück steht. Denn diese Überentwicklung, die in
einer übertriebenen Verfügbarkeit von jeder Art materieller Güter zugunsten einiger
sozialer Schichten besteht, macht die Menschen leicht zu Sklaven des
"Besitzens" und des unmittelbaren Genießens, ohne eine andere
Perspektive als die Vermehrung oder den ständigen Austausch der Dinge, die man
schon besitzt, gegen andere immer perfektere. Das ist die sogenannte
Konsumgesellschaft oder der Konsumismus der so viele "Verschwendung"
und "Abfälle" mit sich bringt. Ein Gegenstand, den man besitzt und
der von einem anderen, noch perfekteren, übertroffen wird, wird beiseite
geschoben, ohne seinen möglichen bleibenden Wert in sieh selbst oder zugunsten
eines anderen, ärmeren Menschen zu berücksichtigen.
Wir alle greifen mit den Händen
die traurigen Auswirkungen dieser blinden Unterwerfung unter den reinen Konsum:
vor allem eine Form von krassem Materialismus und zugleich eine tiefgehende
Unzufriedenheit, weil man sofort erkennt, daß man - wenn man nicht gegen die
Flut der Reklame und das ständige verlockende Angebot von Produkten gefeit ist
- um so mehr haben möchte, je mehr man besitzt, während die tieferen Wünsche
unerfüllt bleiben oder vielleicht schon erstickt sind.
Die Enzyklika Papst Paul VI. hat
auf den heute so oft betonten Unterschied zwischen "Raben" und
"Sein"51 hingewiesen, den zuvor schon das II. Vatikanische
Konzil mit treffenden Worten ausgedrückt hatte.52 Das "Haben"
von Dingen und Gütern vervollkommnet von sich aus nicht die menschliche Person,
wenn es nicht zur Reifung und zur Bereicherung ihres "Seins", das
heißt, zur Verwirklichung der menschlichen Berufung als solcher, beiträgt.
Gewiß, der Unterschied zwischen
"Sein" und "Haben" sowie die Gefahr, die einer reinen
Vermehrung oder Auswechselung von Dingen, die man besitzt, im Hinblick auf den
Wert des "Seins" innewohnt, muß nicht unbedingt zu einer Antinomie werden.
Eine der größten Ungerechtigkeiten in der Welt von heute besteht gerade darin:
Nur relativ wenige sind es, die viel besitzen, und viele jene, die fast nichts
haben. Es ist die Ungerechtigkeit der schlechten Verteilung der Güter und
Dienstleistungen, die ursprünglich für alle bestimmt sind.
So ergibt sich folgendes Bild: Da
gibt es jene - die wenigen, die viel besitzen -, die nicht wirklich zu
"sein" imstande sind, weil sie durch eine Umkehrung der Hierarchie
der Werte vom Kult des "Habens" daran gehindert werden; und dann
diejenigen - die vielen, die wenig oder nichts besitzen -, die wegen der
Entbehrung der elementaren Güter ihre grundlegende menschliche Berufung nicht
zu verwirklichen vermögen.
Das Übel liegt nicht im
"Haben" als solchem, sondern in der Art und Weise des Habens, die auf
die Qualität und die Rangordnung der besessenen Güter keine Rücksicht nimmt:
Qualität und Rangordnung, wie sie sich aus der
Damit ist nachgewiesen, daß sich
die Entwicklung, wenn sie auch eine notwendige wirtschaftliche Dimension
besitzt, weil sie ja der größtmöglichen Zahl der Erdenbewohner die zum
"Sein" unerläßlichen Güter zur Verfügung stellen muß, dennoch nicht
in dieser Dimension erschöpft. Wenn sie auf diese beschränkt wird, wendet sie
sich gegen diejenigen, die man damit fördern möchte.
Die Merkmale einer umfassenden,
"menschlicheren" Entwicklung, die imstande ist - ohne die
wirtschaftlichen Erfordernisse zu leugnen -, sich auf der Höhe der wahren
Berufung von Mann und Frau zu halten, sind von Paul VI. beschrieben
worden.53
29. Eine nicht
nur wirtschaftliche Entwicklung mißt und orientiert sich an dieser Wirklichkeit
und an dieser Berufung des Menschen in seiner gesamten Existenz, das heißt, an
einer Art von Maßstab, der ihm selbst innewohnt. Er braucht ohne Zweifel die
geschaffenen Güter und die Produkte der Industrie, die sich durch den
wissenschaftlichen und technischen Fortschritt ständig entfaltet. Und während
die immer neue Verfügbarkeit von materiellen Gütern auf die notwendigen
Bedürfnisse antwortet, eröffnet sie zugleich neue Horizonte. Die Gefahr des
konsumistischen Mißbrauchs und das Auftreten von künstlichen Bedürfnissen
dürfen keineswegs die Wertschätzung und den Gebrauch der neuen Güter und
Hilfsquellen, die uns zur Verfügung gestellt werden, verhindern. Wir müssen
darin vielmehr ein Geschenk Gottes und eine Antwort auf die Berufung des
Menschen sehen, die sich in Christus voll verwirklicht.
Um aber die wahre Entwicklung zu
erreichen, darf man den genannten Maßstab nicht aus den Augen verlieren: Er ist
enthalten in der besonderen Natur des Menschen, der von Gott nach seinem Bild
und Gleichnis geschaffen worden ist (vgl. Gen 1, 26), in seiner körperlichen
wie geistigen Natur, im zweiten Schöpfungsbericht symbolisiert durch die zwei
Elemente der Erde, aus der Gott den Leib des Menschen formt, und des
Lebensatems, der in seine Nase eingehaucht wird (vgl. Gen 2, 7).
Der Mensch erhält so eine gewisse
Verwandtschaft mit den anderen Geschöpfen. Er ist berufen, sie zu gebrauchen, sich
um sie zu kümmern, und ist - immer nach dem Genesisbericht (2,15)- in den
Garten versetzt mit der Aufgabe, ihn zu bebauen und zu hüten, über allen
anderen Geschöpfen, die von Gott seiner Herrschaft unterstellt sind (vgl. Gen
1, 25-26). Gleichzeitig aber muß der Mensch dem Willen Gottes ergeben bleiben,
der Unterordnung der Güter und aus deren Verfügbarkeit für das "Sein"
des j ihm die Grenzen für den Gebrauch und die Beherrschung der Dinge
vorschreibt (vgl. Gen 2,16-17), sowie er ihm auch die Unsterblichkeit verheißt
(vgl. Gen 2,9; Weish 2, 23). Darum hat der Mensch, da er Bild Gottes ist, auch
eine echte Verwandtschaft mit Gott.
Auf der Grundlage dieser Lehre
kann Entwicklung nicht nur im Gebrauch, in der Beherrschung und im wahllosen
Besitz der geschaffenen Dinge und der Produkte des menschlichen Fleißes
bestehen, sondern vielmehr in der Unterordnung des Besitzes, der Herrschaft und
des Gebrauchs unter die göttliche Ebenbildlichkeit des Menschen und unter seine
Berufung zur Unsterblichkeit. Dies ist die transzendente Wirklichkeit des
menschlichen Seins, an der von Anfang an ein Menschenpaar, Mann und Frau (vgl.
Gen 1, 27), teilhat und die somit grundsätzlich sozial ausgerichtet ist.
30. Der Begriff
der Entwicklung ist also nach der Heiligen Schrift nicht rein
"weltlich" oder "profan", sondern erscheint auch, obgleich
mit einem sozio-ökonomischen Schwerpunkt, als der moderne Ausdruck einer
wesentlichen Dimension der Berufung des Menschen.
Der Mensch ist ja nicht gleichsam
unbeweglich und statisch geschaffen. Die erste Beschreibung, die die Bibel von
ihm gibt, zeigt ihn gewiß als Geschöpf und Abbild das in seiner inneren
Wirklichkeit von seinem Ursprung und der den Menschen begründenden Ähnlichkeit
bestimmt ist. Dies alles aber senkt in das menschliche Sein, in Mann und Frau,
den Keim und die Anforderung einer grundlegenden Aufgabe, die es zu erfüllen
gilt, sei es von jedem einzeln oder als Paar. Die Aufgabe besteht darin,
"über die anderen Geschöpfe zu herrschen", "den Garten zu
bestellen"; eine Aufgabe, die im Rahmen des Gehorsams gegenüber dem
göttlichen Gesetz und somit in der Achtung vor dem empfangenen Abbild zu
verwirklichen ist, dem offensichtlichen Fundament jener Herrschermacht, die ihm
für seine Vervollkommnung zuerkannt ist (vgl. Gen 1,26-30; 2,15 ff.; Weish 9,
2-3). Wenn der Mensch Gott gegenüber ungehorsam ist und es ablehnt, sich seiner
Macht zu unterwerfen, dann lehnt sich die Natur gegen ihn auf und erkennt ihn
nicht mehr als ihren "Herrn" an, weil er das göttliche Abbild in sich
verdunkelt hat. Der Aufruf zum Besitzen und Gebrauchen der geschaffenen Mittel
bleibt immer gültig; aber nach dem Sündenfall wird der Vollzug schwierig und
leidvoll (vgl. Gen 3,17-19).
Das folgende Kapitel der Genesis
zeigt uns nämlich die Nachkommenschaft von Kam, die "eine Stadt"
erbaut, den Hirtenberuf ausübt und sich mit den Künsten (der Musik) und der
Technik (der Metallurgie) beschäftigt, während man zugleich beginnt, "den
Namen des Herrn anzurufen" (vgl. Gen 4, 17-26).
Die Geschichte des Menschengeschlechts,
wie sie von der Heiligen Schrift beschrieben wird, ist auch nach dem Sündenfall
eine Geschichte ständiger konkreter Taten, die sich - durch die Sünde immer in
Frage gestellt und gefährdet - wiederholen, sich vervollkommnen und ausbreiten
als Antwort auf die göttliche Berufung, die von Anfang an dem Mann und der Frau
zuerkannt (vgl. Gen 1, 26-28) und dem von ihnen empfangenen göttlichen Abbild
eingeprägt ist.
Es ist wenigstens für diejenigen,
die an das Wort Gottes glauben, naheliegend, daraus zu folgern, daß die
"Entwicklung" von heute als ein Moment der Geschichte gesehen werden
muß, die mit der Schöpfung begonnen hat und wegen der Untreue gegenüber dem
Willen des Schöpfers ständig gefährdet ist, vor allem durch die Versuchung zum
Götzendienst, die aber doch grundsätzlich dem Gesetz ihres Anfangs entspricht.
Wer den schwierigen, aber auch beglückenden Auftrag zurückweisen wollte, das
Los des ganzen Menschen und aller Menschen zu verbessern, und dies unter dem
Vorwand der Last des Kampfes und der ständigen Anstrengung zur Überwindung der
Schwierigkeiten oder sogar wegen der Erfahrung des Mißerfolges und des
Rückfalls auf den Ausgangspunkt, der würde dem Willen des Schöpfers untreu.
Unter dieser Hinsicht habe ich in der Enzyklika Laborem exercens auf die
Berufung des Menschen zur Arbeit hingewiesen, um zu unterstreichen, daß immer
der Mensch die Hauptperson der Entwicklung ist.54
Jesus Christus selbst hebt im
Gleichnis von den Talenten die strenge Behandlung dessen hervor, der die empfangene
Begabung zu verbergen wagte: "Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du
hast doch gewußt, daß ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich
nicht ausgestreut habe... Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der
die zehn Talente hat" (Mt 25, 26-28). Uns, die wir die Gaben Gottes
empfangen, um sie Frucht bringen zu lassen, kommt es zu, zu "säen"
und zu "sammeln". Wenn wir es nicht tun, wird uns auch das genommen,
was wir haben.
Das tiefere Verständnis dieser
strengen Worte kann uns veranlassen, mit mehr Entschlossenheit die heute für
alte dringliche Verpflichtung auf uns zu nehmen, an der vollen Entwicklung der
anderen mitzuwirken: an der "Entwicklung des ganzen Menschen und aller
Menschen".55
31. Während der
Glaube an Christus, den Erlöser, das Wesen der Entwicklung von innen her
erhellt, weist er uns auch den Weg bei der Aufgabe der Zusammenarbeit. Im Brief
des heiligen Paulus an die Kolosser lesen wir, daß Christus der
"Erstgeborene der ganzen Schöpfung" ist und "alles durch ihn und
auf ihn hin geschaffen ist" (1,15-16). Denn jedes Ding "hat in ihm
Bestand", weil "Gott mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen sollte, um
durch ihn alles zu versöhnen (1, 20).
In diesen göttlichen Plan, der
von Ewigkeit her in Christus, dem vollkommenen "Ebenbild" des Vaters,
beginnt und in ihm als dem "Erstgeborenen der Toten" (Kol 1, 15.8)
seinen Höhepunkt findet, fügt sich unsere Geschichte ein, die von unserem
persönlichen wie gemeinschaftlichen Bemühen gekennzeichnet ist, die menschliche
Lage zu bessern und die auf unserem Weg immer wieder entstehenden Widerstände
zu überwinden, indem wir uns so auf die Teilnahme an jener Fülle vorbereiten,
die "in ihm wohnt" und die er "seinem Leib, der die Kirche ist",
mitgeteilt hat (ebd. 1,18; vgl. Eph 1, 22-23), während die Sünde, die uns stets
bedrängt und unsere menschlichen Unternehmungen beeinträchtigt, durch die von
Christus gewirkte "Versöhnung" besiegt und entgolten worden ist (vgl.
Kol 1, 20).
Hier weitet sich der Blick. Der Traum
von einem unbegrenzten "Fortschritt" kehrt wieder, doch radikal
verwandelt durch eine neue Sicht, die der christliche Glaube eröffnet hat,
indem er uns versichert, daß ein solcher Fortschritt nur möglich ist, weil Gott
Vater von Anfang an beschlossen hat, den Menschen an seiner Herrlichkeit
teilhaben zu lassen im auferstandenen Herrn Jesus Christus, in dem wir
"durch sein Blut die Erlösung, die Vergebung der Sünden haben" (Eph
1,7). In ihm hat er die Sünde besiegen und für unser höheres Wohl dienstbar
machen wollen,56 das unendlich übersteigt, was immer der Fortschritt
verwirklichen könnte.
Während wir uns inmitten der
Dunkelheiten und Mängel der Unterentwicklung und der Überentwicklung abmühen,
können wir also sagen, daß eines Tages "dieses Vergängliche sich mit
Unvergänglichkeit und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit bekleidet" (1
Kor 15, 54), wenn der Herr "seine Herrschaft Gott, dem Vater,
übergibt" (ebd. 24) und alle Werke und Handlungen, die des Menschen würdig
sind, eingelöst werden.
Diese Sicht des Glaubens zeigt
ferner gut die Gründe auf, die die Kirche veranlassen, sich mit der Problematik
der Entwicklung zu befassen, sie als eine Verpflichtung ihres pastoralen
Dienstes zu betrachten und alle dazu anzuregen, über die Natur und die Merkmale
der wahren menschlichen Entwicklung nachzudenken. Mit ihrem Einsatz möchte sie
sieh einerseits in den Dienst des göttlichen Planes stellen, der darauf
abzielt, alle Dinge auf die Fülle hinzuordnen, die "in Christus
wohnt" (vgl. Kol 1,19) und die er seinem Leib mitgeteilt hat; andererseits
möchte sie dadurch ihrer grundlegenden Berufung entsprechen,
"Sakrament" oder "Zeichen und Werkzeug für die innigste
Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit" zu sein.57
Einige Kirchenväter haben sich
durch diese Sicht inspirieren lassen, um ihrerseits eine eigene Auffassung vom
Sinn der Geschichte und der menschlichen Arbeit darzulegen, die auf ein Ziel
ausgerichtet ist, das sie übersteigt, und stets durch ihre Beziehung zum Werk Christi
bestimmt ist. Mit anderen Worten, man kann in der patristischen Lehre eine
optimistische Sicht von der Geschichte und der Arbeit finden oder vom
bleibenden Wert der echten menschlichen Werke, insofern sie von Christus erlöst
und für das verheißene Reich bestimmt sind.58
So gehört zur ältesten Lehre und
Praxis der Kirche die Überzeugung, daß sie selbst, ihre Amtsträger und jedes
ihrer Glieder durch ihre Berufung dazu angehalten sind, das Elend der
Leidenden, ob nah oder fern, nicht nur aus dem "Überfluß", sondern
auch aus dem "Notwendigen" zu lindern. Angesichts von Notfällen kann
man nicht einen Überfluß an Kirchenschmuck und kostbare Geräte für die Liturgie
vorziehen; im Gegenteil, es könnte verpflichtend sein, solche Güter zu
veräußern, um den Bedürftigen dafür Speise und Trank, Kleidung und Wohnung zu
geben.59 Wie schon bemerkt wurde, wird uns hier - im Rahmen des Rechts
auf Eigentum - eine "Rangfolge der Werte " zwischen "Haben"
und "Sein" angegeben, besonders wenn sich das "Haben" einiger
zum Schaden des "Seins" von so vielen anderen auswirken kann.
In seiner Enzyklika steht Papst
Paul VI. auf der Linie dieser Lehre, wobei er sich von der Pastoralkonstitution
Gaudium et Spes anregen läßt.60 Meinerseits möchte ich ihre schwerwiegende
Bedeutung und Dringlichkeit noch besonders unterstreichen. Vom Herrn erbitte
ich für alle Christen die Kraft, diese Lehre treu in die Praxis übertragen zu
können.
32. Die
Verpflichtung, sich für die Entwicklung der Völker einzusetzen, ist nicht nur
von individueller und noch weniger von individualistischer Art, als ob es
möglich wäre, sie mit den isolierten Anstrengungen der einzelnen zu erreichen.
Es ist eine Pflicht für alle und jeden, für Mann und Frau, für Gesellschaften
und Nationen, im besonderen aber für die katholische Kirche und für die anderen
Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften mit denen wir zur Zusammenarbeit auf
diesem Gebiet voll bereit sind. Wie wir Katholiken die christlichen Brüder
einladen sich an unseren Initiativen zu beteiligen, so erklären wir uns in
diesem Sinne auch bereit, an den ihrigen mitzuarbeiten, indem wir die an uns
gerichteten Einladungen annehmen. Bei diesem Bemühen um die ganzheitliche
Entwicklung des Menschen können wir vieles auch zusammen mit den Gläubigen der
anderen Religionen tun, wie es übrigens auch an vielen Orten geschieht.
Die Zusammenarbeit für die
Entwicklung des ganzen Menschen und jedes Menschen ist ja eine Pflicht aller
gegenüber allen und muß zugleich den vier Teilen der Welt, Ost und West, Nord
und Süd, oder, um den heute üblichen Ausdruck zu verwenden, den verschiedenen
"Welten" gemeinsam sein. Wenn man sie dagegen nur in einem Teil oder
nur in einer "Welt" zu verwirklichen sucht, dann geschieht dies auf Kosten
der anderen; und dort, wo Entwicklung beginnt, nimmt sie gerade deswegen, weil
die anderen ignoriert werden, übertriebene Ausmaße an und entartet.
Auch die Völker oder Nationen
selbst haben ein Recht auf ihre eigene volle Entwicklung, die natürlich, wie
gesagt, die wirtschaftlichen und sozialen Aspekte beinhaltet, aber auch die
entsprechende kulturelle Identität und die Öffnung zum Transzendenten hin
umfassen muß. Nicht einmal die Notwendigkeit der Entwicklung darf als Vorwand
genommen werden, um anderen den eigenen Lebensstil oder den eigenen religiösen
Glauben aufzuzwingen.
33. Ebenfalls
wäre ein Entwicklungstyp nicht wirklich des Menschen würdig, der nicht auch die
persönlichen und gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen
Menschenrechte, die Rechte der Nationen und Völker eingeschlossen, achten und
fördern würde.
Heute erkennt man vielleicht mehr
als früher und mit größerer Klarheit den inneren Widerspruch einer Entwicklung,
die allein auf die wirtschaftliche Seite beschränkt bleibt. Eine solche ordnet
die menschliche Person und ihre tieferen Bedürfnisse allzu leicht den
Erfordernissen der wirtschaftlichen Planung oder des alleinigen Profits unter.
Die innere Verbindung zwischen
wahrer Entwicklung und Achtung der Menschenrechte offenbart noch einmal deren
moralischen Charakter. Die wahre Förderung des Menschen, die im Einklang mit
der wesentlichen und geschichtlichen Berufung jedes einzelnen steht, erreicht
man nicht, indem man nur ein Übermaß an Gütern und Dienstleistungen nutzt oder
über perfekte Infrastrukturen verfügt.
Wenn Einzelmenschen und
Gemeinschaften nicht die moralischen, kulturellen und geistigen Erfordernisse
gewissenhaft respektiert sehen, die auf der Würde der Person und auf der
eigenen Identität einer jeden Gemeinschaft, angefangen bei der Familie und den
religiösen Gesellschaften, gründen, dann wird sich alles übrige - Verfügbarkeit
von Gütern, Überfluß an technischen Hilfsmitteln für das tägliche Leben, ein
gewisses Niveau materiellen Wohlstandes - als ungenügend und langfristig als
verachtenswert erweisen. Das bestätigt der Herr eindeutig im Evangelium, wo er
die Aufmerksamkeit aller auf die wahre Rangfolge der Werte lenkt: "Was
nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber seine Seele
verliert?" (Mt 16, 26).
Echte Entwicklung nach den
eigenen Erfordernissen des menschlichen Wesens, ob Mann oder Frau, Kind,
Erwachsener oder Betagter, schließt, in erster Linie bei allen, die sich an
diesem Prozeß aktiv beteiligen und dafür verantwortlich sind, ein lebendiges
Bewußtsein ein vom Wert der Rechte al1er und eines jeden sowie von der
Notwendigkeit, das Recht eines jeden auf den vollen Gebrauch der Hilfen, die
von Wissenschaft und Technik angeboten werden, zu achten.
Im inneren Bereich einer jeden
Nation erhält die Achtung aller Menschenrechte eine große Bedeutung: besonders
das Recht auf Leben in jedem Stadium seiner Existenz; die Rechte der Familie,
insofern sie die soziale Grundgemeinschaft oder "Zelle der
Gesellschaft" ist; die Gerechtigkeit in den Arbeitsverhältnissen; die
Rechte, die dem Leben der politischen Gemeinschaft als solcher innewohnen; die
Rechte aus der transzendenten Berufung des Menschen, angefangen beim Recht auf
Freiheit, den eigenen religiösen Glauben zu bekennen und zu praktizieren.
Auf internationaler Ebene, in den
Beziehungen zwischen den Staaten oder - nach dem geläufigen Sprachgebrauch -
zwischen den verschiedenen "Welten", muß die Identität eines jeden
Volkes mit seinen geschichtlichen und kulturellen Eigenschaften voll geachtet
werden. Ebenso unerläßlich ist es, wie schon die Enzyklika Populorum Progressio
gewünscht hat, jedem Volk das gleiche Recht zuzugestehen mit am Tisch des
gemeinsamen Mahles zu sitzen",61 statt wie Lazarus draußen vor der
Tür zu liegen während "die Hunde kommen, um seine Geschwüre zu lecken
(vgl. Lk 16 20.21). Sowohl die Völker als auch die einzelnen Personen müssen
sich der grundsätzlichen Gleichheit erfreuen,62 auf der zum Beispiel
die Charta der Organisationen der Vereinten Nationen beruht: eine Gleichheit,
die das Fundament des Rechtes aller auf Teilnahme am Prozeß einer vollen
Entwicklung ist.
Um von solcher Art zu sein, muß
sich die Entwicklung im Rahmen von Solidarität und Freiheit vollziehen, ohne
jemals die eine oder die andere, unter welchem Vorwand auch immer zu opfern.
Der moralische Charakter der Entwicklung und seine notwendige Förderung werden
besonders herausgestellt, wenn alle Erfordernisse, die sich aus der dem
menschlichen Geschöpf eigenen Ordnung von Wahr und Gut herleiten, auf das
strengste beachtet werden. Der Christ, der dazu angeleitet worden ist, im
Menschen das Abbild Gottes zu sehen, das zur Teilnahme an der Wahrheit und am
Guten berufen ist, die Gott selbst darstellt, versteht ferner den Einsatz für
die Entwicklung und ihre Verwirklichung nicht unabhängig von der Beachtung und
dem Respekt vor der einzigartigen Würde dieses "Abbildes". Mit
anderen Worten, die wahre Entwicklung muß sich auf die Liebe zu Gott und zum
Nächsten gründen und dazu beitragen, die Beziehungen zwischen den einzelnen und
der Gesellschaft zu fördern. Das ist die "Zivilisation der Liebe",
von der Papst Paul VI. so oft gesprochen hat.
34. Der
moralische Charakter der Entwicklung kann auch nicht von der Achtung vor den
Geschöpfen absehen, welche die sichtbare Natur bilden, die die Griechen in
Anspielung auf die Ordnung, von der sie geprägt ist, "Kosmos"
nannten. Auch diese Wirklichkeiten verlangen Achtung, und zwar in einer
dreifachen Hinsicht, über die aufmerksam nachzudenken sich lohnt.
Die erste besteht darin, daß es
angemessen ist, sich zunehmend dessen bewußt zu werden, daß man nicht
ungestraft von den verschiedenen lebenden oder leblosen Geschöpfen -
Naturelemente, Pflanzen, Tiere - rein nach eigenem Gutdünken und entsprechend
den eigenen wirtschaftlichen Erfordernissen Gebrauch machen kann. Im Gegenteil,
man muß der Natur eines jeden Wesens und seiner Wechselbeziehung in einem
geordneten System wie dem Kosmos Rechnung tragen.
Die zweite Überlegung gründet
sich hingegen auf die noch eindringlichere Feststellung von der Begrenztheit
der natürlichen Hilfsquellen, von denen sich einige, wie man sagt, nicht
regenerieren. Diese Quellen mit absolutem Verfügungsanspruch zu benutzen, als
ob sie unerschöpflich wären, bringt ihr Fortbestehen nicht nur für die
gegenwärtige Generation, sondern vor al1cm für die künftigen in ernste Gefahr.
Die dritte Überlegung bezieht
sich unmittelbar auf die Folgen, die eine gewisse Art von Entwicklung auf die
Lebensqualität in den Industriegebieten hat. Wir wissen alle, daß ein direktes
oder indirektes Ergebnis der Industrialisierung immer häufiger die
Verschmutzung der Umwelt ist, mit schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit der
Bevölkerung.
Ein weiteres Mal wird dadurch
deutlich, daß sich die Entwicklung, der Wille zur Planung, der sie lenkt, der
Gebrauch der Hilfsquellen und die Art und Weise, sie zu verwerten, nicht von
der Beachtung der moralischen Forderungen lösen dürfen. Eine davon verlangt
ohne Zweifel Grenzen für den Gebrauch der sichtbaren Natur Die vom Schöpfer dem
Menschen anvertraute Herrschaft ist keine absolute Macht noch kann man von der
Freiheit sprechen, sie zu "gebrauchen oder zu mißbrauchen" oder über
die Dinge zu verfügen, wie es beliebt. Die Beschränkung, die der Schöpfer selber
von Anfang an auferlegt hat, ist symbolisch in dem Verbot enthalten, "von
der Frucht des Baumes zu essen" (vgl. Gen 2, 16-17); sie zeigt mit
genügender Klarheit, daß wir im Hinblick auf die sichtbare Natur nicht nur
biologischen, sondern auch moralischen Gesetzen unterworfen sind, die man nicht
ungestraft übertreten darf.
Eine richtige Auffassung von
Entwicklung kann nicht von solchen Überlegungen hinsichtlich des Gebrauchs der
Naturdinge, der möglichen Erneuerung der Hilfsquellen und der Folgen einer
ungeordneten Industrialisierung absehen, die unser Gewissen erneut auf die
moralische Dimension der Entwicklung hinlenken.63
|