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Ioannes Paulus PP. II
Ut unum sint

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  • I. DIE ÖKUMENISCHE VERPFLICHTUNG DER KATHOLISCHEN KIRCHE
    • Vorrang des Gebetes
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Vorrang des Gebetes

21. »Diese Bekehrung des Herzens und die Heiligkeit des Lebens ist in Verbindung mit dem privaten und öffentlichen Gebet für die Einheit der Christen als die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung anzusehen; sie kann mit Recht geistlicher Ökumenismus genannt werden«.

Man schreitet auf dem Weg, der zur Bekehrung der Herzen führt, zum Rhythmus der Liebe voran, die sich Gott und zugleich den Brüdern zuwendet: allen Brüdern, auch jenen, die sich nicht in voller Gemeinschaft mit uns befinden. Aus der Liebe entsteht die Sehnsucht nach der Einheit auch bei denen, die das Erfordernis der Einheit stets ignoriert haben. Die Liebe ist Baumeisterin der Gemeinschaft unter den Menschen und unter den Gemeinschaften. Wenn wir uns lieben, sind wir bestrebt, unsere Gemeinschaft zu vertiefen, sie auf die Vollkommenheit hin auszurichten. Die Liebe wendet sich an Gott als vollkommene Quelle der Gemeinschaft — die Einheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes —, um daraus die Kraft zu schöpfen, die Gemeinsamkeit unter den Menschen und Gemeinschaften zu wecken oder sie unter den getrennten Christen wiederherzustellen. Die Liebe ist der tiefe Strom, der den Prozeß auf die Einheit hin belebt und mit Kraft erfüllt.

Diese Liebe findet ihren vollendetsten Ausdruck im gemeinsamen Gebet. Wenn die Brüder, die miteinander nicht in vollkommener Gemeinschaft stehen, zum gemeinsamen Gebet zusammenkommen, so nennt das II. Vatikanische Konzil ihr Gebet die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung. Es ist »ein sehr wirksames Mittel, um die Gnade der Einheit zu erflehen«, »ein echter Ausdruck der Gemeinsamkeit, in der die Katholiken mit den getrennten Brüdern immer noch verbunden sind«. Auch wenn man nicht im formalen Sinn für die Einheit der Christen, sondern für andere Anliegen, wie zum Beispiel für den Frieden, betet, wird das Gebet an und für sich Ausdruck und Bekräftigung der Einheit. Das gemeinsame Gebet der Christen ist eine Einladung an Christus selbst, die Gemeinschaft derer zu besuchen, die zu ihm flehen: »Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen« (Mt 18, 20).

22. Wenn Christen miteinander beten, erscheint das Ziel der Einheit näher. Es hat den Anschein, als würde die lange Geschichte der durch mannigfache Zersplitterungen gezeichneten Christen wieder zusammengefügt, wenn sie nach jener Quelle ihrer Einheit strebt, die Jesus Christus ist. Er »ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit!« (Hebr 13, 8). In der Gemeinsamkeit des Gebetes ist Christus wirklich gegenwärtig; Er betet »in uns«, »mit uns« und »für uns«. Er leitet unser Gebet in dem Tröstergeist, den er seiner Kirche schon im Abendmahlssaal in Jerusalem verheißen und geschenkt hat, als er sie in ihrer ursprünglichen Einheit gegründet hat.

Der Vorrang auf dem ökumenischen Weg zur Einheit gebührt sicherlich dem gemeinsamen Gebet, der Verbundenheit all derer im Gebet, die sich um Christus selbst zusammenschlieben. Wenn es die Christen ungeachtet ihrer Spaltungen fertigbringen, sich immer mehr im gemeinsamen Gebet um Christus zu vereinen, wird ihr Bewußtsein dafür wachsen, daß das, was sie trennt, im Vergleich zu dem, was sie verbindet, gering ist. Wenn sie sich immer öfter und eifriger vor Christus im Gebet begegnen, werden sie Mut schöpfen können, um der ganzen schmerzlichen menschlichen Realität der Spaltungen entgegentreten zu können, und sie werden sich miteinander in jener Gemeinschaft der Kirche wiederfinden, die Christus trotz aller menschlichen Schwachheiten und Begrenztheiten unaufhörlich im Heiligen Geist aufbaut.

23. Schließlich führt die Gebetsgemeinschaft dazu, die Kirche und das Christentum mit neuen Augen zu sehen. Man darf nämlich nicht vergessen, daß der Herr vom Vater die Einheit seiner Jünger erfleht hat, damit sie Zeugnis gäbe von seiner Sendung und die Welt glauben könnte, daß der Vater ihn gesandt hatte (vgl. Joh 17, 21). Man kann sagen, daß die ökumenische Bewegung in gewissem Sinne ihren Ausgang von der negativen Erfahrung derer genommen hat, die sich bei der Verkündigung des einen Evangeliums jeweils auf ihre Kirche oder kirchliche Gemeinschaft beriefen; ein Widerspruch, der keinem entgehen konnte, der die Heilsbotschaft hörte, und der darin ein Hindernis für die Annahme des Evangeliums fand. Leider ist dieses schwerwiegende Hindernis noch nicht überwunden. Es ist wahr, wir befinden uns noch nicht in voller Gemeinschaft. Doch trotz unserer Spaltungen befinden wir uns auf dem Weg zur vollen Einheit, jener Einheit, die die apostolische Kirche in ihren Anfängen kennzeichnete und nach der wir aufrichtig suchen: unser vom Glauben geleitetes gemeinsames Gebet ist dafür ein Beweis. Zu ihm versammeln wir uns im Namen Christi, der Einer ist. Er ist unsere Einheit.

Das »ökumenische« Gebet steht im Dienst an der christlichen Sendung und ihrer Glaubwürdigkeit. Darum muß es besonders im Leben der Kirche und bei jeder Tätigkeit präsent sein, die die Förderung der Einheit der Christen zum Ziel hat. Es ist, als sollten wir uns immer wieder im Abendmahlssaal des Gründonnerstag versammeln, obwohl unsere gemeinsame Anwesenheit an jenem Ort noch auf ihre vollkommene Erfüllung wartet, bis sich nach Überwindung der Hindernisse, die der vollkommenen kirchlichen Gemeinschaft im Wege stehen, alle Christen zu der einen Eucharistiefeier versammeln werden.

24. Es besteht Grund zur Freude festzustellen, daß die vielen ökumenischen Begegnungen fast immer das Gebet einschließen und sogar in ihm ihren Höhepunkt erreichen. Die Gebetswoche für die Einheit der Christen, die im Monat Januar oder in einigen Ländern in der Pfingstwoche begangen wird, ist zu einer verbreiteten und festen Tradition geworden. Aber auch darüber hinaus gibt es zahlreiche Gelegenheiten, die im Laufe des Jahres die Christen zum gemeinsamen Gebet zusammenführen. In diesem Zusammenhang möchte ich jene besondere Erfahrung in Erinnerung rufen, die die Pilgerschaft des Papstes zwischen den Kirchen in den verschiedenen Erdteilen und Ländern der heutigen oikoumene darstellt. Ich bin mir bewußt, daß das II. Vatikanische Konzil den Papst auf diese besondere Aufgabe seines apostolischen Amtes hinorientiert hat. Das Konzil hat diese Pilgerschaft des Papstes in der Erfüllung der Rolle des Bischofs von Rom im Dienst der Gemeinschaft zu einer klaren Notwendigkeit gemacht. Meine Pastoralbesuche haben fast immer eine ökumenische Begegnung und das gemeinsame Gebet von Brüdern und Schwestern eingeschlossen, die nach der Einheit in Christus und seiner Kirche suchen. Mit ganz besonderer innerer Bewegung erinnere ich mich an das gemeinsame Gebet mit dem Primas der anglikanischen Gemeinschaft in der Kathedrale von Canterbury am 29. Mai 1982, als ich in jenem wunderbaren Kirchenbau »ein beredtes Zeugnis sowohl für die langen Jahre unseres gemeinsamen Erbes als auch für die traurigen Jahre der darauffolgenden Spaltung« erkannte. Unvergeblich sind mir auch meine Besuche in den skandinavischen und nordischen Ländern (1.-10. Juni 1989), in Nord - und Südamerika oder in Afrika oder am Sitz des Ökumenischen Rates der Kirchen (12. Juni 1984), jener Einrichtung, die sich zum Ziel setzt, die Mitgliedskirchen und kirchlichen Gemeinschaften aufzurufen »zum Ziel der sichtbaren Einheit in einem einzigen Glauben und in einer einzigen eucharistischen Gemeinschaft, die sich im gemeinsamen Kult und im gemeinsamen Leben in Christus ausdrückt«. Und wie könnte ich je meine Teilnahme an der Eucharistiefeier in der Georgioskirche im Phanar am Sitz des Ökumenischen Patriarchates (30. November 1979) und den feierlichen Gottesdienst in der Petersbasilika anläßlich des Besuches meines verehrten Bruders, des Patriarchen Dimitrios I., in Rom (6. Dezember 1987) vergessen? Bei jenem Anlaß sprachen wir am Konfessio-Altar gemeinsam das nicaenokonstantinopolitanische Glaubensbekenntnis nach dem griechischen Originaltext. Die besonderen Merkmale, von denen jede dieser Begegnungen im Gebet gekennzeichnet war, lassen sich nicht mit wenigen Worten beschreiben. Wegen der Vorbehalte aus der Vergangenheit, die auf jeder dieser Begegnungen in unterschiedlicher Weise lasteten, haben alle eine eigene und einzigartige Bedeutsamkeit; alle haben sich dem Gedächtnis der Kirche eingeprägt, die vom Tröster auf die Suche nach der Einheit aller Christgläubigen gelenkt wird.

25. Aber nicht nur der Papst ist zum Pilger geworden. In diesen Jahren haben mich viele hochrangige Vertreter anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften in Rom besucht, und ich konnte bei öffentlichen und privaten Anlässen mit ihnen beten. Auf die Anwesenheit des Ökumenischen Patriarchen Dimitrios I. habe ich bereits hingewiesen. Ich möchte nun auch an jene Begegnung im Gebet erinnern, die mich anläßlich des 600. Jahrestages der Heiligsprechung der hl. Brigitta gleichfalls hier in der Petersbasilika mit den lutherischen Erzbischöfen, dem Primas von Schweden und dem Primas von Finnland, zur Feier der Vesper vereint hat (5. Oktober 1991). Es handelt sich um ein Musterbeispiel dafür, daß das Bewußtsein der Verpflichtung, für die Einheit zu beten, zum integrierenden Bestandteil des Lebens der Kirche geworden ist. Es gibt kein wichtiges, bedeutsames Ereignis, das nicht von der Anwesenheit beider Seiten und dem Gebet der Christen begleitet würde. Ich kann unmöglich all diese Begegnungen aufzählen, obwohl jede verdienen würde genannt zu werden. Der Herr hat uns tatsächlich an der Hand genommen und leitet uns. Dieser vielfältige Gedankenaustausch, diese Gebete haben bereits Seite um Seite unseres »Buches der Einheit« beschrieben, eines »Buches«, das wir immer aufschlagen und neu lesen müssen, um daraus Inspiration und Hoffnung zu schöpfen.

26. Das Gebet, die Gemeinschaft im Gebet, läßt uns immer die Wahrheit der Worte aus dem Evangelium wiederfinden: »nur einer ist euer Vater« (Mt 23, 9), jener Vater, Abbà, den Christus selber anruft, Er, der sein eingeborener Sohn und eines Wesens mit ihm ist. Und dann: »nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder« (Mt 23, 8). Das »ökumenische« Gebet enthüllt diese grundlegende Dimension der Brüderlichkeit in Christus, der gestorben ist, um die Kinder Gottes, die zerstreut waren, zusammenzuführen, auf daß wir im Sohn zu Söhnen werden (vgl. Eph 1, 5) und die unergründliche Wirklichkeit der Vaterschaft Gottes und zugleich die Wahrheit über die Menschlichkeit eines jeden und aller vollkommener widerspiegeln.

Das »ökumenische« Gebet, das Gebet der Brüder und Schwestern bringt das alles zum Ausdruck. Eben weil sie voneinander getrennt sind, vereinen sie sich mit um so größerer Hoffnung in Christus und vertrauen ihm die Zukunft ihrer Einheit und ihrer Gemeinschaft an. Auf diesen Umstand könnte man wieder einmal treffend die Lehre des Konzils anwenden: »Wenn der Herr Jesus zum Vater betet, 'daß alle sollen eins seien 1 wie auch wir eins sind? (Joh 17, 20-22), und damit Horizonte aufreibt, die der menschlichen Vernunft unerreichbar sind, legt er eine gewisse Ähnlichkeit nahe zwischen der Einheit der göttlichen Personen und der Einheit der Kinder Gottes in der Wahrheit und in der Liebe«.

Ja, die Bekehrung des Herzens, Grundvoraussetzung für jede glaubwürdige Suche nach der Einheit, erwächst aus dem Gebet und wird von ihm auf ihre Erfüllung hin orientiert: »Denn aus dem Neuwerden des Geistes, aus der Selbstverleugnung und aus dem freien Strömen der Liebe erwächst und reift das Verlangen nach der Einheit. Deshalb müssen wir vom göttlichen Geiste die Gnade aufrichtiger Selbstverleugnung, der Demut und des geduldigen Dienstes sowie der brüderlichen Herzensgüte zueinander erflehen«.

27. Für die Einheit zu beten ist jedoch nicht denen vorbehalten, die in einem Umfeld der Spaltung unter den Christen leben. In jenem intimen und persönlichen Dialog, den jeder von uns mit dem Herrn im Gebet führen soll, darf die Sorge um die Einheit nicht ausgeschlossen werden. Denn nur so wird sie voll zum Bestandteil der Wirklichkeit unseres Lebens und der Verpflichtungen werden, die wir in der Kirche übernommen haben. Um dieses Erfordernis neuerlich zu bekräftigen, habe ich den Gläubigen der katholischen Kirche ein für mich beispielhaftes Vorbild vor Augen gestellt, nämlich das der Trappistin Maria Gabriella von der Einheit, die ich am 25. Januar 1983 seliggesprochen habe. Auf Grund ihrer Berufung zu einem Leben in Abgeschiedenheit von der Welt hat Schwester Maria Gabriella ihr Dasein der Meditation und dem Gebet mit dem Schwerpunkt auf dem 17. Kapitel des Johannesevangeliums gewidmet und es für die Einheit der Christen dargebracht. Genau das ist der Ansatz und Kern jedes Gebetes: die totale und vorbehaltlose Hingabe des eigenen Lebens an den Vater durch den Sohn im Heiligen Geist. Das Beispiel von Schwester Maria Gabriella lehrt uns und läßt uns begreifen, daß es keine besonderen Zeiten, Situationen oder Orte gibt, um für die Einheit zu beten. Das Gebet Christi zum Vater ist Modell für alle, immer und an jedem Ort.

 




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