KAPITEL I - »MEISTER, WAS MUSS ICH GUTES TUN...?« (Mt
19, 16) - Christus und die Antwort auf die moralische Frage
»Es kam
ein Mann zu Jesus...« (Mt 19, 16)
6.
Das Gespräch Jesu mit dem reichen Jüngling, das im 19. Kapitel des
Evangeliums des hl. Matthäus wiedergegeben wird, kann uns eine nützliche Spur
sein, um seine Morallehre in lebendiger, eindringlicher Weise neu zu
hören: »Es kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muß ich Gutes
tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich nach dem
Guten? Nur einer ist 'der Gute'. Wenn du aber das Leben erlangen willst, halte
die Gebote! Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht
töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst
nicht falsch aussagen; ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten
lieben wie dich selbst! Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich
befolgt. Was fehlt mir jetzt noch? Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen
sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du
einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach« (Mt
19, 16-21).
7.
»Es kam ein Mann zu Jesus.. . «. In dem jungen Mann, dessen Namen das
Matthäusevangelium nicht nennt, können wir jeden Menschen erkennen, der,
bewußt oder unbewußt, an Christus, den Erlöser des Menschen, herantritt und
ihm die moralische Frage stellt. Für den jungen Mann ist es nicht zuerst
eine Frage nach den Regeln, die befolgt werden müssen, als vielmehr eine Frage
nach Sinnerfüllung für das Leben. Und in der Tat liegt dem Menschen bei
jeder Entscheidung und jeder Handlung dieses Verlangen am Herzen; es ist die
stille Suche und der innere Anstoß, der die Freiheit in Bewegung setzt. Diese
Frage ist letzten Endes ein Appell an das absolute Gute, das uns anzieht und
uns zu sich ruft, sie ist der Widerhall einer Berufung durch Gott, Ursprung und
Ziel des Lebens des Menschen. Genau aus dieser Sicht hat das II. Vatikanische
Konzil dazu aufgefordert, die Moraltheologie so zu vervollkommnen, daß sie die
Erhabenheit der Berufung, die die Gläubigen in Christus empfangen haben,
als die einzige Antwort darlegt, die die Sehnsucht des
Menschenherzens voll stillt.
Damit die
Menschen diese »Begegnung« mit Christus verwirklichen können, hat Gott seine
Kirche gewollt. In der Tat, »diesem Ziel allein möchte die Kirche dienen: jeder Mensch soll
Christus finden können, damit Christus jeden einzelnen auf seinem Lebensweg
begleiten kann«.
»Meister,
was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?« (Mt 19, 16)
8.
Aus der Tiefe des Herzens kommt die Frage, die der reiche Jüngling an Jesus von
Nazaret richtet, eine Frage, die für das Leben jedes Menschen wesentlich und
unausweichlich ist: denn sie betrifft das im eigenen Tun zu vollbringende
sittlich Gute und das ewige Leben. Der Gesprächspartner Jesu ahnt, daß ein
Zusammenhang zwischen dem sittlich Guten und der vollen Erfüllung der eigenen
Bestimmung besteht. Er ist ein frommer Jude, der sozusagen im Schatten des
Gesetzes des Herrn aufgewachsen ist. Wenn er Jesus diese Frage stellt, dürfen
wir annehmen, daß er das nicht deshalb tut, weil er die im Gesetz enthaltene
Antwort nicht kennt. Wahrscheinlicher ist, daß die Ausstrahlung der Person Jesu
in ihm neue Fragen bezüglich des sittlich Guten aufbrechen ließ. Er spürt das
Bedürfnis, dem zu begegnen, der seine Predigttätigkeit mit dieser neuen,
entscheidenden Ankündigung begonnen hatte: »Die Zeit ist erfüllt, das Reich
Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!« (Mk 1, 15).
Der Mensch
von heute muß sich aufs neue an Christus wenden, um von ihm die Antwort darauf
zu erhalten, was gut und was schlecht ist. Er ist der Meister, der
Auferstandene, der das Leben in sich hat und der in seiner Kirche und in der
Welt immer gegenwärtig ist. Er erschließt den Gläubigen das Buch der Schrift und
lehrt durch die volle Offenbarung des Willens des Vaters die Wahrheit über das
sittliche Handeln. Am Ursprung und am Höhepunkt des Heilsplanes, des Alphas und
Omegas der menschlichen Geschichte (vgl. Offb 1, 8; 21, 6; 22, 13),
enthüllt Christus die Lage des Menschen und seine volle Berufung. Darum muß
sich »der Mensch, der sich selbst bis in die Tiefe verstehen will - nicht nur
nach unmittelbar zugänglichen, partiellen, oft oberflächlichen und sogar nur
scheinbaren Kriterien und Maßstäben des eigenen Seins -, mit seiner Unruhe,
Unsicherheit und auch mit seiner Schwäche und Sündigkeit, mit seinem Leben und
Tod Christus nahen. Er muß sozusagen mit seinem ganzen Selbst in ihn eintreten,
muß sich die ganze Wirklichkeit der Menschwerdung und der Erlösung 'aneignen'
und assimilieren, um sich selbst zu finden. Wenn sich in ihm dieser
tiefgreifende Prozeß vollzieht, wird er nicht nur zur Anbetung Gottes
veranlaßt, sondern gerät auch in tiefes Staunen über sich selbst«.
Wenn wir also
in das Innerste der Moral des Evangeliums vordringen und ihren tiefen und
unwandelbaren Inhalt erfassen wollen, müssen wir sorgfältig den Sinn der von
dem reichen Jüngling des Evangeliums gestellten Frage und mehr noch den Sinn
der Antwort Jesu erforschen, indem wir uns von ihm leiten lassen. Jesus
antwortet nämlich mit pädagogischer Einfühlung und Behutsamkeit, indem er den
jungen Mann gleichsam an der Hand nimmt und Schritt für Schritt zur Wahrheit
hinführt.
»Nur
einer ist 'der Gute'« (Mt 19, 17)
9.
Jesus sagt: »Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist 'der Gute'. Wenn
du aber das Leben erlangen willst, halte die Gebote!« (Mt 19, 17). In
der Fassung der Evangelisten Markus und Lukas lautet die Frage so: »Warum
nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen« (Mk 10, 18;
vgl. Lk 18, 19).
Bevor Jesus auf
die Frage antwortet, möchte er, daß der junge Mann sich selbst über das Motiv
seiner Frage klar wird. Der »gute Meister« weist seinen Gesprächspartner - und uns
alle - darauf hin, daß die Antwort auf die Frage: »Was muß ich Gutes tun, um
das ewige Leben zu gewinnen?«, nur dadurch gefunden werden kann, daß sich
Verstand und Herz dem zuwenden, der »allein der Gute« ist: »Niemand ist gut
außer Gott, dem Einen« (Mk 10, 18; vgl. Lk 18, 19). Nur Gott
kann auf die Frage nach dem Guten antworten, weil er das Gute ist.
In der Tat bedeutet
sich nach dem Guten zu fragen letzten Endes, sich Gott, der Fülle des Guten,
zuzuwenden. Jesus zeigt, daß die Frage des jungen Mannes in der Tat eine
religiöse Frage ist und daß das Gute, das den Menschen anzieht und zugleich
verpflichtet, seine Quelle in Gott hat, ja Gott selber ist. Er, der allein
würdig ist, »mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allen Gedanken« (Mt
22, 37) geliebt zu werden. Jesus führt die Frage nach dem sittlich guten Tun
zurück auf ihre religiösen Wurzeln, auf die Anerkennung Gottes, des einzig
Guten, Fülle des Lebens, Endziel des menschlichen Handelns, vollkommene
Glückseligkeit.
10.
Die von den Worten des Meisters unterwiesene Kirche glaubt, daß der Mensch, der
nach dem Abbild des Schöpfers geschaffen, mit dem Blut Christi erlöst und von
der Gegenwart des Heiligen Geistes geheiligt wurde, als Endziel seines Lebens das
Sein »zum Lob der Herrlichkeit« Gottes hat (vgl. Eph 1, 12), indem
er bewirkt, daß jede seiner Handlungen dessen Herrlichkeit widerspiegelt.
»Erkenne dich also selbst, o schöne Seele: du bist das Abbild Gottes -
schreibt der hl. Ambrosius. Erkenne dich selbst, o Mensch: du bist der Abglanz
Gottes (1 Kor 11, 7). Höre, in welcher Weise du sein Abglanz bist.
Der Prophet sagt: Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann
es nicht begreifen (Ps 139, 6), das heißt: in meinem Tun ist deine
Majestät am wunderbarsten, deine Weisheit wird im Verstand des Menschen
gepriesen. Während ich, den du in den geheimsten Gedanken und tiefsten Gefühlen
durchschaust, mich selbst betrachte, erkenne ich die Geheimnisse deines
Wissens. Erkenne dich also selbst, o Mensch, erkenne, wie groß du bist, und
wache über dich...«.
Was der
Mensch ist und tun soll, wird offenkundig im Augenblick der Selbstoffenbarung
Gottes. Die Zehn Gebote gründen sich in der Tat auf die Worte: »Ich bin Jahwe, dein
Gott, der dich aus Ägypten herausgeführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst
neben mir keine anderen Götter haben« (Ex 20, 2-3). Auf den »zehn
Gebotstafeln« des Bundes mit Israel und im ganzen Gesetz gibt sich Gott als der
zu erkennen, der »allein gut ist«; als der, der trotz der Sünde des Menschen
weiterhin das »Modell« des sittlichen Handelns bleibt, seiner eigenen
Aufforderung entsprechend: »Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin
heilig« (Lev 19, 2); als der, der seiner Liebe zum Menschen getreu, ihm
sein Gesetz schenkt (vgl. Ex 19, 9-24 und 20, 18-21), um die
ursprüngliche Harmonie mit dem Schöpfer und mit der ganzen Schöpfung
wiederherzustellen, und noch mehr, um ihn in seine Liebe einzuführen: »Ich gehe
in eurer Mitte; ich bin euer Gott, und ihr seid mein Volk« (Lev 26, 12).
Das sittliche
Leben erscheint als geschuldete Antwort auf die freien Initiativen, die
Gottes Liebe dem Menschen unbegrenzt zuteil werden läßt. Es ist nach der
Aussage, die das Buch Deuteronomium über das grundlegende Gebot macht,
eine Antwort der Liebe: »Höre Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist
einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit
ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute
verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen
Söhnen wiederholen« (Dtn 6, 4-7).
So ist das in
die unverdiente Liebe Gottes eingebettete sittliche Leben dazu berufen, Gottes
Herrlichkeit widerzuspiegeln: »Für den, der Gott liebt, genügt es, dem zu
gefallen, den er liebt: er braucht nach keinem anderen, größeren Entgelt für
diese Liebe zu suchen; denn die Liebe stammt so von Gott, daß Gott selbst Liebe
ist«.
11.
Die Feststellung, daß »nur einer gut ist«, verweist uns also auf die »erste
Tafel« der Gebote, die dazu aufruft, Gott als den einzigen Herrn und den
Absoluten anzuerkennen und aufgrund seiner unergründlichen Heiligkeit nur ihn
zu verehren (vgl. Ex 20, 2-11). Das Gute besteht darin, Gott zu
gehören, ihm zu gehorchen, demütig mit ihm unseren Weg zu gehen, Gerechtigkeit
zu üben und die Güte zu lieben (vgl. Mich 6, 8). Den Herrn als Gott
anzuerkennen, ist der fundamentale Kern, das Herzstück des Gesetzes, von
dem sich die einzelnen Gebote herleiten und dem sie untergeordnet sind. Durch
die Moral der Gebote wird die Zugehörigkeit des Volkes Israel zum Herrn
offenkundig, denn Gott allein ist derjenige, der gut ist. Das ist das Zeugnis
der Heiligen Schrift, die auf jeder ihrer Seiten von der Wahrnehmung der
absoluten Heiligkeit Gottes durchdrungen ist: »Heilig, heilig, heilig ist der
Herr der Heere« (Jes 6, 3).
Aber wenn nur
Gott das Gute ist, gelingt es keiner menschlichen Anstrengung, auch nicht der
strengsten Einhaltung der Gebote, das Gesetz »zu erfüllen«, das heißt den Herrn
als Gott anzuerkennen und ihm die nur ihm allein gebührende Verehrung zu
erweisen (vgl. Mt 4, 10). Die »Erfüllung« kann nur von einem Geschenk
Gottes herkommen: es ist das Angebot einer Teilhabe am göttlichen Gutsein,
das sich in Jesus offenbart und mitteilt, ihm, den der reiche Jüngling mit den
Worten »guter Meister« anredet (vgl. Mk 10, 17; Lk 18, 18). Was
der junge Mann jetzt vielleicht nur zu ahnen vermag, wird schließlich von Jesus
selbst voll enthüllt werden in seiner Aufforderung: »Komm und folge mir nach!«
(Mt 19, 21).
»Wenn du
aber das Leben erlangen willst, halte die Gebote« (Mt 19, 17)
12.
Nur Gott vermag auf die Frage nach dem Guten zu antworten, weil er das Gute
ist. Aber Gott hat bereits auf diese Frage geantwortet: Er hat das dadurch
getan, daß er den Menschen geschaffen und mit Weisheit und Liebe durch
das ihm ins Herz geschriebene Gesetz (vgl. Röm 2, 15), das »natürliche
Gesetz«, auf sein Ziel hingeordnet hat. Dieses natürliche Gesetz ist »nichts
anderes als das von Gott uns eingegebene Licht des Verstandes. Dank seiner
wissen wir, was man tun und was man meiden soll. Dieses Licht und dieses Gesetz
hat Gott uns bei der Erschaffung geschenkt«. Er hat es dann in der Geschichte
Israels im besonderen mit den »zehn Tafeln«, das heißt mit den Geboten
vom Sinai, getan, durch die Gott die Existenz des Bundesvolkes begründet
(vgl. Ex 24) und es dazu berufen hat, »unter allen Völkern sein
besonderes Eigentum«, »ein heiliges Volk« zu sein (vgl. Ex 19, 5-6), das
seine Heiligkeit unter allen Völkern erstrahlen lassen möge (vgl. Weish 18,
4; Ez 20, 41). Das Geschenk der Zehn Gebote ist Verheißung und Zeichen
des Neuen Bundes, wenn das Gesetz wiederum und endgültig in das Herz des
Menschen hineingeschrieben werden wird (vgl. Jer 31, 31-34) und an die
Stelle des Gesetzes der Sünde tritt, die dieses Herz entstellt hatte (vgl. Jer
17, 1). Dann wird ihm »ein neues Herz« geschenkt, denn in ihm wird »ein
neuer Geist«, der Geist Gottes, wohnen (vgl. Ez 36, 24-28).
Nach der bedeutsamen
Präzisierung: »Nur einer ist 'der Gute'« antwortet Jesus daher dem jungen Mann:
»Wenn du aber das Leben erlangen willst, halte die Gebote« (Mt 19, 17).
Damit wird ein enger Zusammenhang zwischen dem ewigen Leben und der
Befolgung der Gebote Gottes hergestellt: die Gebote Gottes weisen dem
Menschen den Weg des Lebens und geleiten ihn zu ihm.
Aus dem Mund
Jesu, des neuen Mose, werden den Menschen die Gebote des Dekalogs
wiedergeschenkt; er selbst bestätigt sie endgültig und stellt sie uns als Weg
und Bedingung des Heils vor. Das Gebot verbindet sich mit einer Verheißung:
im Alten Bund war Gegenstand der Verheißung der Besitz eines Landes, in dem das
Volk ein Dasein in Freiheit und Gerechtigkeit führen können sollte (vgl. Dtn
6, 20-25); im Neuen Bund ist Gegenstand der Verheißung das »Himmelreich«,
wie Jesus zu Beginn der Bergpredigt - der Rede, die die umfassendste und
vollständigste Darlegung des Neuen Gesetzes enthält (vgl. Mt 5-7) in
offenkundiger Bezugnahme auf die Mose von Gott am Berg Sinai übergebenen Zehn
Gebote sagt. Auf dieselbe Wirklichkeit des Himmelreiches bezieht sich der
Ausdruck »ewiges Leben«, das Teilnahme am Leben Gottes selbst ist: es findet
seine vollkommene Verwirklichung erst nach dem Tod, ist aber im Glauben schon
jetzt Licht der Wahrheit, Sinnquelle für das Leben, beginnende Teilhabe an
einer Fülle in der Nachfolge Christi. Jesus sagt nämlich nach der Begegnung mit
dem reichen Jüngling zu den Jüngern: »Und jeder, der um meines Namens willen
Häuser oder Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker verlassen hat,
wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben gewinnen« (Mt 19,
29).
13.
Die Antwort Jesu genügt dem jungen Mann nicht, und er fragt den Meister weiter
nach den Geboten, die befolgt werden sollen: »Darauf fragte er ihn: Welche?« (Mt
19, 18). Er fragt, was er im Leben tun müsse, um die Anerkennung der Heiligkeit
Gottes kundzutun. Nachdem Jesus den Blick des jungen Mannes auf Gott hingelenkt
hat, erinnert er ihn an die Gebote des Dekalogs, die sich auf den Nächsten
beziehen: »Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe
brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, ehre Vater
und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Mt
19, 18-19).
Aus dem
Gesprächszusammenhang, und insbesondere aus dem Vergleich des Textes bei
Matthäus mit den Parallelstellen bei Markus und Lukas, ergibt sich, daß Jesus
nicht daran denkt, alle Gebote, die notwendig sind, um »das Leben zu erlangen«,
einzeln aufzuzählen; sondern daß es ihm vielmehr darum geht, den jungen Mann
hinzuweisen auf die »zentrale Stellung« der Zehn Gebote allen anderen
Geboten gegenüber als Deutung dessen, was für den Menschen »Ich bin der Herr,
dein Gott« bedeutet. Es kann unserer Aufmerksamkeit also nicht entgehen, an
welche Gebote des Gesetzes der Herr den jungen Mann erinnert: es sind einige
Gebote, die zur sogenannten »zweiten Tafel« des Dekalogs gehören, deren
Zusammenfassung (vgl. Röm 13, 8-10) und Fundament das Gebot der
Nächstenliebe ist: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« (Mt 19,
19; vgl. Mk 12, 31) . In diesem Gebot kommt sehr klar die einzigartige
Würde der menschlichen Person zum Ausdruck, die »das einzige Geschöpf ist,
das Gott um seiner selbst willen gewollt hat«. Die verschiedenen
Gebote des Dekalogs spiegeln in der Tat nur das einzige auf das Wohl der Person
hingeordnete Gebot auf der Ebene der vielfältigen Güter wider, die die
Identität der menschlichen Person als geistiges und leibliches Wesen in Beziehung
zu Gott, zum Nächsten und zur Welt der Dinge kennzeichnen. Wie wir im Katechismus
der katholischen Kirche lesen, sind die Zehn Gebote Teil der Offenbarung
Gottes. Zugleich lehren sie uns die wahre Natur des Menschen. Sie heben seine
wesentlichen Pflichten hervor und damit indirekt auch die Grundrechte, die der
Natur der menschlichen Person innewohnen.«
Die Gebote, an
die Jesus seinen jungen Gesprächspartner erinnert, sind dazu bestimmt, das
Wohl der Person, Ebenbild Gottes, durch den Schutz seiner Güter zu wahren.
»Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht
stehlen, du sollst nicht falsch aussagen«, sind sittliche Regeln, die als
Verbote formuliert sind. Die negativen Vorschriften bringen besonders kraftvoll
die ununterdrückbare Forderung zum Ausdruck, das menschliche Leben, die
Personengemeinschaft in der Ehe, das Privateigentum, die Wahrhaftigkeit und den
guten Ruf zu schützen.
Die Gebote
stellen also die Grundvoraussetzung für die Nächstenliebe dar; zugleich dienen
sie ihrer Überprüfung. Sie sind die erste notwendige Etappe auf dem Weg zur
Freihelt, ihr Anfang: »Die erste Freiheit - schreibt der hl. Augustinus -
besteht im Freisein von schuldhaftem Versagen: das wären z.B. Mord, Ehebruch,
Unzucht, Diebstahl, Betrug, Gotteslästerung usw. Wenn einer beginnt, nichts mit
diesen Untaten zu tun zu haben (und kein Christ darf etwas mit ihnen zu tun
haben), beginnt er, das Haupt zur Freiheit hin zu erheben, doch das ist erst
der Anfang der Freiheit, nicht die vollkommene Freiheit...«.
14.
Das heißt selbstverständlich nicht, daß Jesus der Nächstenliebe Vorrang
einräumen oder sie gar von der Gottesliebe trennen möchte. Das Gegenteil ist
der Fall, wie sein Gespräch mit dem Gesetzeslehrer beweist: als dieser ihm eine
ganz ähnliche Frage wie der reiche Jüngling stellt, sieht er sich von Jesus auf
die beiden Gebote der Gottesliebe und der Nächstenliebe verwiesen (vgl. Lk
10, 25-27) und dazu aufgefordert sich zu erinnern, daß nur ihre Befolgung
zum ewigen Leben führen kann: »Handle danach, und du wirst leben« (Lk
10, 28). Bezeichnend ist allerdings, daß gerade das zweite dieser Gebote die
Neugier und die Frage des Gesetzeslehrers auslöst: »Und wer ist mein
Nächster?«(Lk 10, 29). Der Meister antwortet mit dem Gleichnis vom
barmherzigen Samariter, dem Schlüsselgleichnis für das volle Verständnis des
Gebotes der Nächstenliebe (vgl. Lk 10, 30-37).
Die beiden
Gebote, an denen »das ganze Gesetz hängt samt den Propheten« (Mt 22,
40), sind zutiefst miteinander verbunden und durchdringen sich gegenseitig.
Ihre unauflösliche Einheit wird von Christus mit den Worten und mit dem
Leben bezeugt: seine Sendung erreicht ihren Höhepunkt in dem Kreuz, das die
Erlösung bringt (vgl. Joh 3, 14-15), Zeichen seiner unteilbaren Liebe
zum Vater und zur Menschheit (vgl. Joh 13, 1).
Sowohl das Alte
wie das Neue Testament bringen sehr klar zum Ausdruck, daß ohne die
Nächstenliebe, die sich in der Einhaltung der Gebote konkretisiert, die echte
Gottesliebe nicht möglich ist. Mit außerordentlicher Wortgewalt schreibt
der hl. Johannes: »Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder haßt,
ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott
nicht lieben, den er nicht sieht« (1 Joh 4, 20). Der Evangelist pflichtet
der moralischen Verkündigung Christi bei, die in dem Gleichnis vom barmherzigen
Samariter (vgl. Lk 10, 30-37) und in der »Rede« vom Weltgericht auf
bewundernswerte und unmißverständliche Weise Ausdruck findet (vgl. Mt 25,
31-46).
15.
In der »Bergpredigt«, die gleichsam die Magna Charta der Moral des Evangeliums
darstellt, sagt Jesus: »Denkt nicht, ich sei gekommen, um das
Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben,
sondern um zu erfüllen« (Mt 5, 17). Christus ist die Schlüsselfigur der
Heiligen Schrift: »Ihr erforscht die Schriften: gerade sie legen Zeugnis über
mich ab« (vgl. Joh 5, 39); er ist der Mittelpunkt des Heilsplanes, die
Zusammenfassung des Alten und des Neuen Testamentes, der Verheißungen des
Gesetzes und ihrer Erfüllung im Evangelium; er ist die lebendige und ewige
Verbindung zwischen dem Alten und dem Neuen Bund. In seinem Kommentar zur
Feststellung des Paulus, »Christus ist das Ende des Gesetzes« (Röm 10,
4), schreibt der hl. Ambrosius: »Ende nicht als Wegfall, sondern als Fülle des
Gesetzes: dieses erfüllt sich in Christus (plenitudo legis in Christo est) von
dem Augenblick an, wo er gekommen ist, nicht das Gesetz aufzulösen, sondern es
zu Ende zu führen, es zu erfüllen. Ebenso wie es ein Altes Testament gibt, aber
alle Wahrheit im Neuen Testament ist, so geschieht es auch mit dem Gesetz:
jenes Gesetz, das durch Mose gegeben worden ist, ist Sinnbild des wahren
Gesetzes. Jenes mosaische Gesetz ist also Nachbildung der Wahrheit«.
Jesus führt
die Gebote Gottes, insbesondere das Gebot der Nächstenliebe, dadurch ihrer
Erfüllung zu, daß er ihre Forderungen verinnerlicht und ihren Anforderungen
größere Radikalität verleiht: Die Liebe zum Nächsten entspringt einem
Herzen, das liebt und das eben deshalb, weil es liebt, bereit ist, die höchsten
Forderungen zu leben. Jesus zeigt, daß die Gebote nicht als eine nicht zu
überschreitende Minimalgrenze verstanden werden dürfen, sondern vielmehr als
eine Straße, die offen ist für einen sittlichen und geistlichen Weg der
Vollkommenheit, deren Seele die Liebe ist (vgl. Kol 3, 14). So wird das
Gebot »Du sollst nicht töten« zum Aufruf zu einer fürsorglichen Liebe, die das
Leben des Nächsten schützt und fördert; das Gebot, das den Ehebruch verbietet,
wird zur Aufforderung zu einem reinen Blick, der imstande ist, die bräutliche
Bedeutung des Leibes zu achten: »Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt
worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem
Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur
zürnt, soll dem Gericht verfallen sein... Ihr habt gehört, daß gesagt worden
ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch
nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen« (Mt
5, 21-22. 27-28). Jesus selbst ist die lebendige »Erfüllung« des Gesetzes, da
er die Bedeutung des Gesetzes mit der totalen Selbsthingabe lebt: er selbst
wird in seinem Geist zum lebendigen und persönlichen Gesetz, das zu seiner
Nachfolge einlädt, das die Gnade gewährt, sein Leben und seine Liebe zu teilen,
und die Kraft bietet, in Entscheidungen und Taten von ihm Zeugnis zu geben
(vgl. Joh 13, 34-35).
»Wenn du
vollkommen sein willst« (Mt 19, 21)
16.
Die Antwort über die Gebote befriedigt den jungen Mann nicht, der Jesus fragt:
»Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir jetzt noch?« (Mt
19, 20). Es ist nicht leicht, mit gutem Gewissen zu sagen: »Alle diese Gebote
habe ich befolgt«, wenn man nur halbwegs den tatsächlichen Bedeutungsreichtum
der im Gesetz Gottes eingeschlossenen Forderungen begreift. Und dennoch, obwohl
es ihm möglich ist, eine solche Antwort zu geben, und obwohl er von Kindheit an
dem sittlichen Ideal mit Ernsthaftigkeit und Großmut gefolgt ist, weiß der
reiche Jüngling, daß er vom Ziel noch weit entfernt ist: vor der Person Jesu
wird er gewahr, daß ihm noch etwas fehlt. Auf das Bewußtsein dieses Mangels nimmt
Jesus in seiner letzten Antwort Bezug: Indem der gute Meister die Sehnsucht
nach einer Fülle, die über die legalistische Auslegung der Gebote hinausgeht, aufgreift,
lädt er den jungen Mann ein, den Weg der Vollkommenheit einzuschlagen:
»Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld
den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und
folge mir nach« (Mt 19, 21).
Wie schon der
vorhergehende Abschnitt der Antwort Jesu, so muß auch dieser Abschnitt im Zusammenhang
der ganzen sittlichen Botschaft des Evangeliums und insbesondere im
Zusammenhang der Bergpredigt, der Seligpreisungen (vgl. Mt 5, 3-12)
verstanden und interpretiert werden, deren erste ja die Seligpreisung der Armen
ist, derer, »die arm sind vor Gott«, wie der hl. Matthäus präzisiert (Mt
5, 3), das heißt der Demütigen. In diesem Sinne kann man sagen, auch die
Seligpreisungen gehören in den Raum, der von der Antwort geöffnet wird, die
Jesus auf die Frage des jungen Mannes gibt: »Was muß ich Gutes tun, um das
ewige Leben zu gewinnen?«. In der Tat verheißt jede Seligpreisung nach einer je
besonderen Sicht gerade jenes »Gute«, das den Menschen für das ewige Leben
öffnet, ja das das ewige Leben selbst ist.
Die Seligpreisungen
haben nicht eigentlich konkrete Verhaltensnormen zum Gegenstand, sondern
reden von inneren Haltungen und existentiellen Grundeinstellungen und decken
sich daher nicht genau mit den Geboten. Andererseits besteht keine
Trennung oder Diskrepanz zwischen den Seligpreisungen und den Geboten:
beide beziehen sich auf das Gute, auf das ewige Leben. Die Bergpredigt beginnt
mit der Verkündigung der Seligpreisungen, enthält aber auch den Bezug auf die
Gebote (vgl. Mt 5, 20-48). Gleichzeitig zeigt die Bergpredigt die
Öffnung und Ausrichtung der Gebote auf die Perspektive der Vollkommenheit, die
zu den Seligpreisungen gehört. Diese sind zunächst Verheißungen, aus denen
indirekt auch normative Anweisungen für das sittliche Leben hervorgehen.
In ihrer ursprünglichen Tiefe sind sie so etwas wie ein Selbstbildnis
Christi und eben deshalb Einladungen zu seiner Nachfolge und zur
Lebensgemeinschaft mit ihm.
17.
Wir wissen nicht, wie weit der junge Mann des Evangeliums den tiefen und
anspruchsvollen Inhalt der ersten Antwort verstanden hat, die ihm von Jesus
gegeben wurde: »Wenn du das Leben erlangen willst, halte die Gebote!«; es ist
jedoch gewiß, daß der Eifer, den der junge Mann angesichts der sittlichen
Forderungen der Gebote erkennen läßt, den unentbehrlichen Boden darstellt, auf
dem das Verlangen nach Vollkommenheit keimen und reifen kann, also nach der
Verwirklichung ihres Sinngehaltes in der Nachfolge Christi. Das Gespräch Jesu
mit dem jungen Mann hilft uns, dieVoraussetzungen für das sittliche Wachstum
des zur Vollkommenheit berufenen Menschen zu begreifen: der junge Mann, der
alle Gebote befolgt hat, erweist sich als unfähig, aus eigener Kraft den
nächsten Schritt zu tun. Um ihn zu tun, bedarf es einer reifen menschlichen
Freiheit: »Wenn du willst«, und des göttlichen Geschenkes der Gnade: »Komm und
folge mir nach«.
Die
Vollkommenheit erfordert jene Relfe in der Selbsthingabe, zu der die Freiheit
des Menschen berufen ist. Jesus weist den jungen Mann auf die Gebote als die erste,
unverzichtbare Voraussetzung hin, um das ewige Leben zu erlangen; die Aufgabe
all dessen, was der junge Mann besitzt, und die Nachfolge des Herrn nehmen
hingegen den Charakter eines Angebots an: »Wenn du... willst«. Das Wort Jesu
enthüllt die besondere Dynamik des Wachstums der Freiheit zur Reife und bezeugt
zugleich die fundamentale Beziehung der Freiheit zum göttlichen Gesetz. Die
Freiheit des Menschen und das Gesetz Gottes widersprechen sich nicht, sondern
im Gegenteil, sie fordern einander. Der Jünger Christi weiß, daß seine Berufung
eine Berufung zur Freiheit ist. »Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder« (Gal
5, 13), verkündet der Apostel Paulus mit Freude und Stolz. Aber sogleich
präzisiert er: »Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch,
sondern dient einander in Liebe!« (ebd. ). Die Festigkeit, mit der sich
der Apostel dem widersetzt, der seine Rechtfertigung dem Gesetz anvertraut, hat
nichts gemein mit der »Befreiung« des Menschen von den Geboten, die im
Gegenteil im Dienst der prak tisch geübten Liebe stehen: »Wer den andern liebt,
hat das Gesetz erfüllt. Denn die Gebote: Du sollst nicht die Ehe brechen, du
sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren! und
alle anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefaßt: Du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst« (Röm 13, 8-9). Nachdem der hl.
Augustinus von der Befolgung der Gebote als der ersten unvollkommenen Freiheit
gesprochen hat, fährt er fort: »Warum noch nicht vollkommen?, wird mancher
fragen. Weil 'ich spüre, daß in meinen Gliedern ein anderes Gesetz im Konflikt
mit dem Gesetz meiner Vernunft steht'... Teils Freiheit, teils Knechtschaft:
noch nicht vollkommen, noch nicht rein, noch nicht voll ist die Freiheit, weil
wir noch nicht in der Ewigkeit sind. Zum Teil bewahren wir die Schwäche und zum
Teil haben wir die Freiheit erlangt. Alle unsere Sünden sind bei der Taufe
getilgt worden, aber ist etwa die Schwachheit verschwunden, nachdem die
Ungerechtigkeit ausgemerzt worden ist? Wäre sie verschwunden, würde man auf
Erden ohne Sünde leben. Wer wird das zu behaupten wagen, außer einer, der
anmaßend und daher der Barmherzigkeit des Befreiers unwürdig ist?... Da also
eine Schwäche in uns geblieben ist, wage ich zu sagen, daß wir in dem Maße, in
dem wir Gott dienen, frei sind, während wir in dem Maße, in dem wir dem Gesetz
der Sünde folgen, Sklaven sind«.
18.
Wer »nach dem Fleische« lebt, empfindet das Gesetz Gottes als eine Last, ja als
eine Verneinung oder jedenfalls eine Einschränkung der eigenen Freiheit. Wer hingegen
von der Liebe beseelt ist und »sich vom Geist leiten läßt« (Gal 5, 16)
und den anderen dienen will, findet im Gesetz Gottes den grundlegenden und
notwendigen Weg zur praktischen Übung der frei gewählten und gelebten Liebe.
Ja, er spürt den inneren Drang - ein echtes und eigenes »Bedürfnis« und nicht
etwa einen Zwang -, nicht bei den Minimalforderungen des Gesetzes
stehenzubleiben, sondern sie in ihrer »Fülle« zu leben. Es ist ein noch
unsicherer und brüchiger Weg, solange wir auf Erden sein werden, der aber
ermöglicht wird von der Gnade, die es uns gewährt, die volle Freiheit der
Kinder Gottes zu besitzen (vgl. Röm 8, 21) und somit im sittlichen Leben
auf die erhabene Berufung zu antworten, »Söhne im Sohn« zu sein.
Diese Berufung
zu vollkommener Liebe ist nicht ausgewählten Gruppen vorbehalten. Dle
Aufforderung: »Geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen«, mit
der Verheißung: »so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben«, betrifft
alle, denn sie ist eine grundlegende Erneuerung des Gebotes der
Nächstenliebe, wie die folgende Einladung »Komm und folge mir nach« die neue
konkrete Form des Gebotes der Gottesliebe ist. Die Gebote und die Einladung
Jesu an den reichen Jüngling stehen im Dienst einer einzigen, unteilbaren
Liebe, die aus eigenem Antrieb nach Vollkommenheit strebt und deren Maß allein
Gott ist: »Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater
ist« (Mt 5, 48). Im Lukasevangelium präzisiert Jesus den Sinn dieser
Vollkommenheit weiter: »Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!« (Lk
6, 36).
»Komm und
folge mir nach!« (Mt 19, 21)
19.
Der Weg und zugleich der Inhalt dieser Vollkommenheit besteht in derNachfolge
Christi, darin, daß man Jesus folgt, nachdem man dem eigenen Besitz und
sich selbst entsagt hat. Genauso endet das Gespräch mit dem jungen Mann: »Dann
komm und folge mir nach!« (Mt 19, 21). Es ist eine Einladung, deren
wunderbare Tiefe von den Jüngern erst nach der Auferstehung Christi voll
begriffen werden wird, wenn der Heilige Geist sie in die ganze Wahrheit führen
wird (vgl. Joh 16, 13)
Es ist Jesus
selbst, der die Initiative ergreift und uns aufruft, ihm zu folgen. Der Ruf
richtet sich vor allem an diejenigen, denen er eine besondere Sendung
anvertraut, angefangen bei den Zwölfen; aber es erscheint ebenso klar, daß
jeder Gläubige dafür disponiert ist, Jünger Christi zu werden (vgl. Apg
6, 1). Darum ist die Nachfolge Christi das wesentliche und ursprüngliche
Fundament der christlichen Moral: Wie das Volk Israel Gott folgte, der es
durch die Wüste in das verheißene Land führte (vgl. Ex 13, 21), so muß
der Jünger Jesus folgen, zu dem der Vater selbst ihn hinlenkt (vgl. Joh 6,
44).
Es handelt sich
hier nicht allein darum, auf eine Lehre zu hören und ein Gebot im Gehorsam
anzunehmen. Es geht ganz radikal darum, der Person Jesu selbst anzuhängen, sein
Leben und sein Schicksal zu teilen durch Teilnahme an seinem freien und
liebenden Gehorsam gegenüber dem Vater. Wenn er durch die Antwort des Glaubens
dem folgt, der die fleischgewordene Weisheit ist, ist der Jünger Jesu
wahrhaftig Jünger Gottes (vgl. Joh 6, 45). Jesus ist in der Tat
das Licht der Welt, das Licht des Lebens (vgl. Joh 8, 12); er ist der
Hirte, der die Schafe führt und nährt (vgl. Joh 10, 11-16), er ist der
Weg, die Wahrheit und das Leben (vgl. Joh 14, 6), er ist der, der zum
Vater führt, so daß wer ihn, den Sohn, sieht, den Vater sieht (vgl. Joh 14,
6-10). Daher heißt den Sohn nachahmen, der »das Ebenbild des unsichtbaren
Gottes« ist (Kol 1, 15), den Vater nachahmen.
20.
Jesus fordert dazu auf, ihm zu folgen und ihn nachzuahmen auf dem Weg der
Liebe, einer Liebe, die sich aus Liebe zu Gott wöllig den Brüdern hingibt: »Das
ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe« (Joh 15,
12). Dieses »so wie« verlangt die Nachahmung Jesu, besonders die
Nachahmung seiner Liebe, wie sie in der Fußwaschung symbolischen Ausdruck
findet: »Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann
müßt auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben,
damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe« (Joh 13,
14-15 ) . Das Handeln Jesu und sein Wort, seine Taten und seine Gebote bilden
die sittliche Richtschnur für das christliche Leben. Denn diese seine Taten und
besonders sein Leiden und Sterben am Kreuz sind die lebendige Offenbarung
seiner Liebe zum Vater und zu den Menschen. Genau diese Liebe soll, so verlangt
Jesus, von allen, die ihm folgen, nachgeahmt werden. Sie ist das »neue«
Gebot: »Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt
habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, daß ihr
meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt« (Joh 13, 34-35).
Dieses »so wie«
gibt auch das Maß an, mit dem Jesus geliebt hat und mit dem seine Jünger
einander lieben sollen. Nachdem er gesagt hat: »Das ist mein Gebot: Liebt
einander, so wie ich euch geliebt habe«, fährt Jesus mit den Worten fort, die
auf das Opfergeschenk seines Lebens am Kreuz als Zeugnis seiner Liebe »bis zur
Vollendung« (Joh 13, 1 ) hinweisen: »Es gibt keine größere Liebe, als
wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt« (Joh 15, 13).
Als Jesus den
jungen Mann auffordert, ihm auf dem Weg der Vollkommenheit zu folgen, verlangt
er von ihm, vollkommen zu sein im Gebot der Liebe, in »seinem« Gebot: sich
einzufügen in das Leben seiner Ganzhingabe, die Liebe des »guten« Meisters, die
Liebe dessen, der »bis zur Vollendung« geliebt hat, nachzuahmen und
nachzuleben. Das ist es, was Jesus von jedem Menschen fordert, der sich in
seine Nachfolge begeben will: »Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich
selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach« (Mt 16, 24).
21.
Nachfolge Christi ist nicht eine äußerliche Nachahmung, denn sie berührt den
Menschen in seinem tiefsten Inneren. Jünger Christi zu sein bedeutet ihm gleich
geworden zu sein, ihm, der sich zum Knecht gemacht hat bis zur Selbsthingabe am
Kreuz (vgl. Phil 2, 5-8). Durch den Glauben wohnt Christus im Herzen des
Glaubenden (vgl. Eph 3, 17), und so wird der Jünger seinem Herrn
angeglichen und gleichgestaltet. Das ist die Frucht der Gnade, der wirksamen
Anwesenheit des Heiligen Geistes in uns.
Durch seine
Einverleibung in Christus wird der Christ Glied seines Leibes, der die
Kirche ist (vgl. 1 Kor 12, 13. 27). Unter dem Antrieb des Geistes
gestaltet die Taufe den Gläubigen auf radikale Weise Christus gleich im
österlichen Geheimnis des Todes und der Auferstehung, sie »zieht ihm Christus
an« (vgl. Gal 3, 27): »Freuen wir uns und danken wir - ruft der hl.
Augustinus an die Getauften gewandt aus -: wir sind nicht nur Christen
geworden, sondern Christus Staunt und freut euch: Wir sind
Christus geworden!«. Der Sünde gestorben, empfängt der Getaufte das
neue Leben (vgl. Röm 6, 3-11): während er durch Gott in Christus Jesus
lebt, ist er aufgerufen, nach dem Geist zu wandeln und dessen Früchte im Leben
kundzutun (vgl. Gal 5, 16-25). Die Teilnahme an der Eucharistie, dem
Sakrament des Neuen Bundes (vgl. 1 Kor 11, 23-29), ist der Höhepunkt der
Angleichung an Christus, Quelle des »ewigen Lebens« (vgl. Joh 6, 51-58),
Ursprung und Kraft der totalen Selbsthingabe, derer wir nach dem Gebot Jesu -
nach dem Zeugnis, das Paulus überliefert hat - in der Eucharistiefeier und im
Leben gedenken sollen: »Denn sooft ihr von diesem Brot eßt und aus dem Kelch
trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt« (1 Kor 11, 26).
»Für Gott
aber ist alles möglich« (Mt 19, 26)
22.
Eine bittere Enttäuschung ist der Schluß des Gespräches Jesu mit dem reichen
Jüngling: »Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein
großes Vermögen« (Mt 19, 22). Nicht nur der reiche Mann, sondern auch
die Jünger erschrecken bei dem Aufruf Jesu zur Nachfolge, dessen Forderungen
die menschlichen Bestrebungen und Kräfte übersteigen: »Als die Jünger das
hörten, erschraken sie sehr und sagten: Wer kann dann noch gerettet werden?« (Mt
19, 25). Aber der Meister verweist auf die Macht Gottes: »Für Menschen
ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich« (Mt 19, 26).
Im gleichen
Kapitel des Matthäusevangeliums (19, 3-10) weist Jesus bei der Interpretation
des mosaischen Gesetzes über die Ehe das Recht auf Verstoßung der Frau zurück unter
Hinweis auf einen im Vergleich zum Gesetz des Mose ursprünglicheren und
verbindlicheren »Anfang«: den ursprünglichen Plan Gottes mit den Menschen,
einen Plan, dem der Mensch nach dem Sündenfall nicht mehr angemessen war: »Nur
weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu
entlassen. Am Anfang war das nicht so« (Mt 19, 8). Der Hinweis auf den
»Anfang« macht die Jünger bestürzt, und sie kommentieren ihn mit den Worten:
»Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu
heiraten« (Mt 19, 10). Und Jesus, der sich in besonderer Weise auf das
Charisma der Ehelosigkeit »um des Himmelreiches willen« (Mt 19, 12)
bezieht, aber eine allgemeine Regel darlegt, verweist auf die neue,
überraschende Möglichkeit, die dem Menschen von der Gnade Gottes eröffnet wird:
Jesus sagte zu ihnen: »Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die,
denen es gegeben ist« (Mt 19, 11).
Die Liebe
Christi nachzuahmen und nachzuleben, ist dem Menschen aus eigener Kraft allein
nicht möglich. Er wird zu dieser Liebe fähig allein kraft einer Gabe, die er
empfangen hat. Wie der Herr Jesus die Liebe von seinem Vater empfängt, so
gibt er sie seinerseits aus freien Stücken an die Jünger weiter: »Wie mich der
Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!« (Joh
15, 9). Die Gabe Christi ist sein Geist, dessen erste »Frucht« (vgl. Gal
5, 22) die Liebe ist: »Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch
den Heiligen Geist, der uns gegeben ist« (Röm 5, 5). Der hl. Augustinus
fragt sich: »Ist es die Liebe, die uns die Gebote befolgen läßt, oder ist es
die Befolgung der Gebote, die die Liebe entstehen läßt?«.
23.
»Das Gesetz des Geistes und des Lebens in Jesus Christus hat dich frei gemacht
vom Gesetz der Sünde und des Todes« (Röm 8, 2). Mit diesen Worten leitet
uns der Apostel Paulus an, das Verhältnis zwischen dem (alten) Gesetz und
der Gnade (neues Gesetz) in der Perspektive der Heilsgeschichte, die sich in
Christus erfüllt hat, zu betrachten. Er erkennt die erzieherische Rolle des
Gesetzes an, das dem sündigen Menschen ermöglicht, sein Unvermögen zu ermessen,
und ihn dadurch, daß er ihm die Anmaßung der Selbstgenügsamkeit nimmt, für die
Anrufung und Annahme des »Lebens im Geiste« öffnet: in diesem neuen Leben ist
die Einhaltung der Gebote Gottes möglich. Durch den Glauben an Christus sind
wir gerecht geworden (vgl. Röm 3, 28): die »Gerechtigkeit«, die das
Gesetz fordert, aber keinem zu verleihen vermag, findet jeder Gläubige vom
Herrn Jesus bekundet und verliehen. So faßt der hl. Augustinus wiederum auf
wunderbare Weise die paulinische Dialektik von Gesetz und Gnade zusammen:
»Deswegen ist das Gesetz gegeben worden, damit man die Gnade erbitte; die Gnade
wurde gegeben, damit man das Gesetz befolge«. Die Liebe und das
Leben nach dem Evangelium dürfen nicht zuerst in der Gestalt des Gebots gedacht
werden, denn das, was sie verlangen, geht über die Kräfte des Menschen hinaus:
sie sind nur möglich als Frucht einer Gabe Gottes, der durch seine Gnade das
Herz des Menschen heil und gesund macht und es umgestaltet: »Denn das Gesetz
wurde durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit kamen durch Jesus Christus« (Joh
1, 17). Darum ist die Verheißung des ewigen Lebens an die Gabe der Gnade
gebunden, und das Geschenk des Geistes, das wir empfangen haben, ist bereits
»der erste Anteil unseres Erbes« (Eph 1, 14).
24.
So offenbaren sich das Gebot der Liebe und jenes der Vollkommenheit, auf die
ersteres hingeordnet ist, in ihrer authentischen Ursprünglichkeit: Es ist eine Möglichkeit,
die dem Menschen ausschließlich von der Gnade, von der Gabe Gottes, von
seiner Liebe, eröffnet wird. Andererseits bewirkt und trägt das
Bewußtsein, in Jesus Christus die Liebe Gottes zu besitzen, die
verantwortliche Antwort für eine volle Liebe zu Gott und unter den Brüdern,
wie der Apostel Johannes in seinem ersten Brief eindringlich in Erinnerung
bringt: »Liebe Brüder, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott,
und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat
Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe... Liebe Brüder, wenn Gott uns so
geliebt hat, müssen auch wir einander lieben... Wir wollen lieben, weil er uns
zuerst geliebt hat« ( 1 Joh 4, 7-8. 11. 19).
Diese
unauflösliche Verbindung zwischen der Gnade des Herrn und der Freiheit des
Menschen, zwischen der Gabe und der Aufgabe hat der hl. Augustinus mit
schlichten und tiefen Worten zum Ausdruck gebracht, wenn er betet: »Da quod
iubes et iube quod vis« (Gib, was Du gebietest, und gebiete, was Du
willst).
Die Gabe
mindert nicht, sondern vermehrt die sittlichen Forderungen der Liebe: »Und das ist sein Gebot:
Wir sollen an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander
lieben, wie es seinem Gebot entspricht« (1 Joh 3, 23). Nur unter der
Bedingung, daß man die Gebote hält, kann man, wie Jesus sagt, in der Liebe
»bleiben«: »Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben,
so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe« (Joh
15, 10). Der hl. Thomas, der die Sinnspitze der moralischen Botschaft Jesu und
der Verkündigung der Apostel erfaßte, konnte in Wiedergabe einer großartigen
Zusammenschau der großen Traditionen der Kirchenväter des Ostens und des
Westens, insbesondere des hl. Augustinus, schreiben: das Neue
Gesetz ist die durch den Glauben an Christus gewährte Gnade des Heiligen
Geistes. Die äußeren Vorschriften, von denen das Evangelium auch
redet, bereiten auf diese Gnade vor oder bringen deren Wirkungen im Leben zum
Tragen. Das Neue Gesetz begnügt sich nämlich nicht damit zu sagen, was man tun
muß, sondern es verleiht auch die Kraft, »die Wahrheit zu tun« (vgl. Joh
3, 21). Gleichzeitig hat der hl. Johannes Chrysosthomos angemerkt, daß das Neue
Gesetz genau da gegeben wurde, als der Heilige Geist vom Himmel herabkam, und
daß die Apostel nicht vom Berg herabstiegen »mit Steintafeln in ihren Händen
wie Mose; sondern sie kamen und trugen den Heiligen Geist in ihren Herzen...,
nachdem sie durch seine Gnade zu einem lebendigen Gesetz, zu einem beseelten
Buch geworden waren«.
»Seid
gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28, 20)
25.
Das Gespräch Jesu mit dem reichen Jüngling wird gewissermaßen in jeder
Epoche der Geschichte, auch heute, weitergeführt. Die Frage: »Meister, was
muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?« bricht im Herzen jedes
Menschen auf, und es ist immer und allein Christus, der die volle und
entscheidende Antwort anbietet. Der Meister, der die Gebote Gottes lehrt, der
zur Nachfolge einlädt und die Gnade für ein neues Leben schenkt, ist immer
unter uns gegenwärtig und tätig, gemäß der Verheißung: »Seid gewiß: Ich bin
bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28, 20). Das
gleichzeitige Gegenwärtigsein Christi mit dem Menschen jeder Zeit verwirklicht
sich im lebendigen Leib der Kirche. Darum hat der Herr seinen Jüngern den
Heiligen Geist verheißen: er würde sie an seine Gebote »erinnern« und sie ihnen
verständlich machen (vgl. Joh 14, 26) und würde der Anfang und Quell
eines neuen Lebens in der Welt sein (vgl. Joh 3, 5-8; Röm 8,
1-13).
Die von Gott im
Alten Bund auferlegten und im Neuen und Ewigen Bund in der Person des
menschgewordenen Gottessohnes erfüllten sittlichen Gebote müssentreu bewahrt
und in den verschiedenen Kulturen im Laufe der Geschichte immer wieder
aktualisiert werden. Die Aufgabe ihrer Interpretation war von Jesus den
Aposteln und ihren Nachfolgern mit dem besonderen Beistand des Geistes der
Wahrheit übertragen worden: »Wer euch hört, der hört mich« (Lk 10, 16).
Mit dem Licht und der Kraft dieses Geistes haben die Apostel den Auftrag
erfüllt, das Evangelium zu verkünden und »im Weg« des Herrn zu unterweisen
(vgl. Apg 18, 25), indem sie vor allem die Nachfolge und Nachahmung
Christi lehren: »Für mich ist Christus das Leben« (Phil 1, 21).
26.
In der Moralkatechese der Apostel gibt es neben Ermahnungen und an den
kulturellen Kontext gebundenen Weisungen eine ethische Unterweisung mit genauen
Verhaltensnormen. Das geht aus ihren Briefen hervor, die vom Heiligen
Geist geleitete Interpretation der Gebote des Herrn enthalten, die unter den
verschiedenen kulturellen Gegebenheiten gelebt werden sollen (vgl. Röm 12-15;
1 Kor 11-14; Gal 5-6; Eph 4-6; Kol 3-4; 1 Petr und
Jak ). Die Apostel, die mit der Verkündigung des Evangeliums beauftragt
waren, haben seit den Anfängen der Kirche kraft ihrer pastoralen Verantwortung über
die Rechtschaffenheit des Verhaltens der Christen gewacht,
ebenso wie sie über die Reinheit des Glaubens und über die Weitergabe der
göttlichen Gaben durch die Sakramente wachten. Die ersten Christen,
die sowohl aus dem jüdischen Volk wie aus den anderen Völkern stammten,
unterschieden sich von den Heiden nicht nur durch ihren Glauben und ihre
Liturgie, sondern auch durch das Zeugnis ihres am Neuen Gesetz inspirierten
sittlichen Verhaltens. Die Kirche ist nämlich zugleich Glaubens-und
Lebensgemeinschaft; ihre Norm ist »der Glaube, der in der Liebe wirksam ist« (Gal
5, 6).
Kein Riß darf
die Harmonie zwischen Glaube und Leben gefährden: die Einheit der
Kirche wird nicht nur von den Christen verletzt, die die Glaubenswahrheiten
ablehnen oder verzerren, sondern auch von jenen, die die sittlichen
Verpflichtungen verkennen, zu denen sie das Evangelium aufruft (vgl. 1 Kor
5, 9-13). Die Apostel haben jede Trennung zwischen dem Anliegen des Herzens und
den Gesten, die es zum Ausdruck bringen und kontrollieren, entschieden
abgelehnt (vgl. 1 Joh 2, 3-6). Und seit der apostolischen Zeit haben die
Bischöfe der Kirche die Vorgehensweisen derjenigen mit aller Klarheit
angezeigt, die mit ihren Lehren oder mit ihrem Verhalten Spaltungen Vorschub
leisteten.
27.
Die Förderung und Bewahrung des Glaubens und des sittlichen Lebens in der
Einheit der Kirche ist die von Jesus den Aposteln anvertraute Aufgabe (vgl. Mt
28, 19-20), die auf das Amt ihrer Nachfolger übergeht. Das alles findet sich in
der lebendigen Überlieferung, durch die - wie das II. Vatikanische
Konzil lehrt - »die Kirche in Lehre, Leben und Kult alles, was sie selber ist,
alles, was sie glaubt durch die Zeiten weiterführt und allen Geschlechtern
übermittelt. Diese apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem
Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt«. Im Geist empfängt
die Kirche die Schrift und gibt sie weiter als Zeugnis für »das Große«, das
Gott in der Geschichte bewirkt (vgl. Lk 1, 49), durch den Mund der
Kirchenväter und -lehrer bekennt sie die Wahrheit des fleischgewordenen Wortes,
setzt dessen Gebote und die Liebe im Leben der Heiligen und im Opfer der
Märtyrer in die Praxis um, feiert deren Hoffnung in der Liturgie: durch die
Überlieferung empfangen die Christen »die lebendige Stimme des Evangeliums«
als gläubigen Ausdruck der göttlichen Weisheit und des göttlichen
Willens.
Innerhalb der
Überlieferung entwickelt sich mit dem Beistand des Heiligen Geistes die authentische
Interpretation des Gesetzes des Herrn. Der Geist selbst, der am Beginn der
Offenbarung der Gebote und der Lehren Jesu steht, gewährleistet, daß sie
heiligmäßig bewahrt, getreu dargelegt und im Wechsel der Zeiten und Umstände
korrekt angewandt werden. Diese »Aktualisierung« der Gebote ist Zeichen und
Frucht eines tieferen Eindringens in die Offenbarung und eines Verstehens neuer
historischer und kultureller Situationen im Lichte des Glaubens. Sie kann
jedoch nur die bleibende Gültigkeit der Offenbarung bestätigen und sich in den
Traditionsstrom der Auslegung einfügen, den die große Lehr-und
Lebensüberlieferung der Kirche bildet und dessen Zeugen die Lehre der
Kirchenväter, das Leben der Heiligen, die Liturgie der Kirche und das Lehramt
sind.
Insbesondere
ist - wie das Konzil sagt - »die Aufgabe, das geschriebene oder überlieferte
Wort Gottes verbindlich zu erklären, nur dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut,
dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi ausgeübt wird«. Auf
diese Weise erscheint die Kirche in ihrem Leben und in ihrer Lehre als »die
Säule und das Fundament der Wahrheit« (1 Tim 3, 15), auch der Wahrheit
über das sittliche Handeln. In der Tat »kommt es der Kirche zu, immer und
überall die sittlichen Grundsätze auch über die soziale Ordnung zu verkündigen
wie auch über menschliche Dinge jedweder Art zu urteilen, insoweit die
Grundrechte der menschlichen Person oder das Heil der Seelen dies erfordern«.
Gerade was die
Fragestellungen anbelangt, die für die Diskussion von Fragen der Moral heute
kennzeichnend sind und in deren Umfeld sich neue Tendenzen und Theorien
entwickelt haben, empfindet es das Lehramt in Treue zu Jesus Christus und in
der Kontinuität der Tradition der Kirche als sehr dringende Pflicht, sein
eigenes Urteil und seine Lehre anzubieten, um dem Menschen auf seinem Weg zur
Wahrheit und zur Freiheit behilflich zu sein.
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