KAPITEL III - »DAMIT DAS KREUZ CHRISTI NICHT UM
SEINE KRAFT GEBRACHT WIRD« (1 Kor 1, 17) - Das sittlich Gute für das
Leben der Kirche und der Welt
»Zur
Freiheit hat uns Christus befreit« (Gal 5, 1)
84.
Die grundlegende Frage, die die oben erwähnten Moraltheorien mit
besonderer Eindringlichkeit stellen, ist die nach der Beziehung zwischen der
Freiheit des Menschen und dem Gesetz Gottes, letztendlich die Frage nach der
Beziehung zwischen Freiheit und Wahrheit.
Gemäß
christlichem Glauben und der Lehre der Kirche führt »nur die Freiheit, die sich
der Wahrheit unterwirft, die menschliche Person zu ihrem wahren Wohl. Das Wohl
der Person besteht darin, sich in der Wahrheit zu befinden und die Wahrheit zu
tun«.
Die
Konfrontation zwischen der Position der Kirche und der heutigen
gesellschaftlichen und kulturellen Situation deckt unmittelbar die dringende
Notwendigkeit auf, daß gerade im Hinblick auf diese grundlegende Frage von
seiten der Kirche selbst eine intensive Pastoralarbeit entwickelt
werden muß: »Dieser wesentliche Zusammenhang zwischen der Wahrheit, dem Guten
und der Freiheit ist der modernen Kultur größtenteils abhanden gekommen, und
darum besteht heute eine der besonderen Forderungen an die Sendung der Kirche
zur Rettung der Welt darin, den Menschen zur Wiederentdeckung dieses
Zusammenhanges zu führen. Die Frage des Pilatus: "Was ist Wahrheit?"
wird auch heute an der trostlosen Ratlosigkeit eines Menschen sichtbar, der
häufig nicht mehr weiß, wer er ist, woher er kommt und wohin er
geht. Und so erleben wir nicht selten das er schreckende Abgleiten der
menschlichen Person in Situationen einer fortschreitenden Selbstzerstörung.
Wollte man gewissen Stimmen Gehör schenken, so scheint man nicht mehr die
unzerstörbare Absolutheit auch nur eines einzigen sittlichen Wertes anerkennen
zu dürfen. Allen Augen offenkundig ist die Verachtung des empfangenen und noch
ungeborenen menschlichen Lebens; die ständige Verletzung der Grundrechte der Person;
die ungerechte Zerstörung der für ein wirklich menschliches Leben notwendigen
Güter. Ja, es ist noch viel Bedenklicheres geschehen: der Mensch ist nicht mehr
davon überzeugt, allein in der Wahrheit das Heil finden zu können. Die
rettende, heilbringende Kraft des Wahren wird angefochten, und allein der -
freilich jeder Objektivität beraubten - Freiheit wird die Aufgabe zugedacht,
autonom zu entscheiden, was gut und was böse ist. Dieser Relativismus führt auf
theologischem Gebiet zum Mißtrauen in die Weisheit Gottes, die den Menschen
durch das Sittengesetz leitet. Den Geboten des Sittengesetzes stellt man die
sogenannten konkreten Situationen entgegen, weil man im Grunde nicht mehr daran
festhält, daß das Gesetz Gottes immer das einzige wahre Gut des Menschen ist«.
85.
Die Aufgabe der prüfenden Unterscheidung von seiten der Kirche angesichts
dieser ethischen Theorien beschränkt sich nicht auf deren Entlarvung und
Ablehnung, sondern zielt darauf ab, allen Gläubigen mit großer Liebe bei der
Formung eines sittlichen Gewissens beizustehen, das zu urteilen und zu
wahrheitsgemäßen Entscheidungen zu führen vermag, wie der Apostel Paulus
mahnend schreibt: »Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und
erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes
ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist« (Röm 12, 2). Ihren
festen Halt - ihr pädagogisches »Geheimnis« - findet diese Arbeit der Kirche
nicht so sehr in den Lehraussagen und pastoralen Aufrufen zur Wachsamkeit als
vielmehr darin, daß sie den Blick unverwandt auf den Herrn Jesus richtet. So
blickt die Kirche Tag für Tag mit unermüdlicher Liebe auf Christus, da sie sich
völlig bewußt ist, daß allein bei ihm die wahre und endgültige Antwort auf die
sittlichen Fragestellungen liegt.
Besonders im gekreuzigten
Jesus findet sie die Antwort auf die Frage, die heute so viele Menschen
quält: wie nur kann der Gehorsam gegenüber den allgemeinen und unveränderlichen
sittlichen Normen die Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit respektieren und
nicht ein Angriff auf ihre Freiheit und Würde werden? Die Kirche macht sich
jene Gewissensauffassung zu eigen, die der Apostel Paulus von der an ihn
ergangenen Sendung hatte: »Denn Christus hat mich ... gesandt ..., das
Evangelium zu verkünden, aber nicht mit gewandten und klugen Worten, damit das
Kreuz Christi nicht um seine Kraft gebracht wird ... Wir verkündigen Christus
als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine
Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und
Gottes Weisheit« (1 Kor 1, 17.23-24). Der gekreuzigte Christus
offenbart den authentischen Sinn der Fritheit, er lebt ihn in der Fülle seiner
totalen Selbsthingabe und beruft die Jünger, an dieser seiner Freiheit
teilzuhaben.
86.
Vernünftige Überlegung und alltägliche Erfahrung zeigen die Schwäche, von der
die Freiheit des Menschen gezeichnet ist. Sie ist wirkliche, aber begrenzte
Freiheit: sie hat ihren absoluten und bedingungslosen Ausgangspunkt nicht in
sich selbst, sondern in der Existenz, innerhalb der sie sich findet und die für
sie gleichzeitig eine Grenze und eine Möglichkeit darstellt. Es ist die
Freiheit eines Geschöpfes, das heißt geschenkte Freiheit, die als Keim empfangen
und verantwortungsvoll zur Reife gebracht werden soll. Sie gehört wesentlich zu
jenem geschaffenen Ebenbild Gottes, das die Würde der menschlichen Person
begründet: in ihr hallt die ursprüngliche Berufung wider, mit welcher der
Schöpfer den Menschen zum wahren Gut und, mehr noch, mit der Offenbarung
Christi dazu berufen hat, durch Teilhabe am göttlichen Leben selbst mit ihm in
Freundschaft einzutreten. Sie ist zugleich unveräußerlicher Eigenbesitz und
umfassende Öffnung gegenüber jedem Seienden, indem sie aus sich herausgeht, um
den anderen kennenzulernen und zu lieben. Die Freiheit hat also
ihre Wurzel in der Wahrheit vom Menschen und ihre Zielbestimmung in der
Gemeinschaft.
Vernunft und
Erfahrung sprechen nicht nur von der Schwäche der menschlichen Freiheit,
sondern auch von ihrem Drama. Der Mensch entdeckt, daß seine Freiheit
rätselhafterweise dazu neigt, diese Öffnung für das Wahre und Gute zu
mißbrauchen, und daß er es zu oft tatsächlich vorzieht, endliche, begrenzte und
vergängliche Güter zu wählen. Ja mehr noch, in den Irrtümern und negativen
Entscheidungen spürt der Mensch den Anfang einer radikalen Auflehnung, die ihn
die Wahrheit und das Gute zurückweisen läßt, um sich zum absoluten Prinzip
seiner selbst aufzuwerfen: »Ihr werdet Gott« (Gen 3, 5). Die Freiheit
muß also befreit werden. Christus ist ihr Befreier: er »hat uns zur
Freiheit befreit« (Gal 5, 1).
87.
Zunächst offenbart Christus, daß die ehrliche und offene Anerkennung der
Wahrheit die Bedingung einer authentischen Freiheit ist. »Ihr werdet die
Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen« (Joh 8, 32).
Die Wahrheit macht frei gegenüber der Macht und verleiht die Kraft
zum Martyrium. So spricht es Jesus vor Pilatus aus: »Ich bin dazu geboren und
dazu in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit Zeugnis ablege« (Joh 18,
37). So sollen die wahren Anbeter Gottes diesen »im Geist und in der Wahrheit«
anbeten (Joh 4, 23): durch diese Anbetung werden sie frei: Der
Zusammenhang mit der Wahrheit und die Anbetung Gottes werden in Jesus Christus
als der tiefsten Wurzel der Freiheit offenbar.
Des weiteren
offenbart Jesus mit seiner eigenen Existenz und nicht bloß mit Worten, daß sich
die Freiheit in der Liebe, das heißt in der Selbsthingabe, verwirklicht.
Er, der sagt: »Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine
Freunde hingibt« (Joh 15, 13), geht aus freien Stücken der Passion
entgegen (vgl. Mt 26, 46) und gibt in seinem Gehorsam gegenüber dem
Vater am Kreuz sein Leben für alle Menschen hin (vgl. Phil 2, 6-11). Auf
diese Weise ist die Betrachtung des gekreuzigten Jesus der königliche Weg, den
die Kirche Tag für Tag gehen muß, wenn sie den ganzen Sinn der Freiheit
verstehen will: die Selbsthingabe im Dienst an Gott und den Brüdern. Die
Gemeinschaft mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn ist dann die
unversiegbare Quelle, aus der die Kirche unablässig schöpft, um in der Freiheit
zu leben, sich hinzugeben und zu dienen. In seinem Kommentar zu dem Vers aus
dem 100. Psalm »Dient dem Herrn mit Freude!« sagt der hl. Augustinus: »Im Hause
des Herrn ist die Knechtschaft frei. Frei, da nicht der Zwang, sondern die
Liebe den Dienst auferlegt... Die Liebe mache dich zum Knecht (Diener), wie die
Wahrheit dich frei gemacht hat... Du bist zugleich Diener und frei: Diener,
weil du dazu geworden bist, frei, weil du von Gott, deinem Schöpfer, geliebt
wirst; ja, frei auch, weil es dir gegeben ist, deinen Schöpfer zu lieben ... Du
bist Diener des Herrn und du bist Befreiter des Herrn. Suche nicht eine
Freiheit, die dich fortträgt vom Hause deines Befreiers!«
Auf diese Weise
ist die Kirche und jeder Christ in ihr dazu berufen, teilzuhaben am Königtum
Christi am Kreuz (vgl. Joh 12, 32), an der Gnade und an der
Verantwortung des Menschensohnes, der »nicht gekommen ist, um sich dienen zu
lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele«
(Mt 20, 28).
Jesus ist also
die lebendige und personifizierte Synthese von vollkommener Freiheit und
unbedingtem Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes. Sein gekreuzigter Leib ist
die volle Offenbarung der unlösbaren Bande zwischen Freiheit und Wahrheit, so
wie seine Auferstehung vom Tode die erhabenste Verherrlichung der Fruchtbarkeit
und heilbringenden Kraft einer in Wahrheit gelebten Freiheit ist.
Im Licht
wandeln (vgl. 1 Joh 1, 7)
88.
Die Gegenüberstellung, ja die radikale Trennung von Freiheit und Wahrheit ist
Folge, Äußerung und Vollendung einer anderen noch schwerwiegenderen und
schädlicheren Dichotomie, die den Glauben von der Moral trennt.
Diese Trennung
ist Gegenstand einer der vordringlichsten pastoralen Sorgen der Kirche im
heutigen Säkularisierungsprozeß, in dem viele, allzu viele Menschen denken und
leben, »als ob es Gott nicht gäbe«. Wir stehen einer Mentalität gegenüber, die
oft auf tiefgreifende, weitreichende Weise und bis in die letzten Winkel der
Gesellschaft hinein die Haltungen und Verhaltensweisen sogar der Christen
beeinflußt, deren Glaube dadurch entkräftet wird und seine Ursprünglichkeit als
eigenständiger Maßstab für das eigene Selbstverständnis und das Handeln im
persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Leben verliert. Die von
denselben Gläubigen übernommenen Beurteilungs-und Entscheidungskriterien
stellen sich im Rahmen einer entchristlichten Kultur tatsächlich oft so dar,
als hätten sie mit den Kriterien des Evangeliums nichts zu tun oder stünden
sogar im Widerspruch zu ihnen.
Es ist nun
dringend notwendig, daß die Christen die Eigenständigkeit ihres Glaubens und
ihre Urteilskraft gegenüber der herrschenden, ja sich aufdrängenden Kultur
wiederentdecken: »Denn einst wart ihr Finsternis - so belehrt uns der Apostel
Paulus -, jetzt aber seid ihr durch den Herrn Licht geworden. Lebt als Kinder des
Lichts! Das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor. Prüft,
was dem Herrn gefällt, und habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis,
die keine Frucht bringen, sondern deckt sie auf!... Achtet also sorgfältig
darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. Nutzt die Zeit,
denn diese Tage sind böse« (Eph 8, 8-11.15-16; vgl. 1 Thess 5,
4-8).
Es ist dringend
notwendig, das wahre Antlitz des christlichen Glaubens zurückzugewinnen und
wieder bekannt zu machen; dies ist ja nicht lediglich eine Summe von Aussagen,
die mit dem Verstand angenommen und bestätigt werden müssen. Er ist vielmehr
eine gelebte Kenntnis von Christus, ein lebendiges Gedächtnis seiner Gebote,
eine Wahrheit, die gelebt werden muß. Ein Wort wird schließlich nur dann
wahrhaft angenommen, wenn es in die Handlungen übergeht, wenn es in die Praxis
umgesetzt wird. Der Glaube ist eine Entscheidung, die die gesamte Existenz in
Anspruch nimmt. Er ist Begegnung, Dialog, Liebes-und Lebensgemeinschaft des
Glaubenden mit Jesus Christus, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist
(vgl. Joh 14, 6). Er schließt einen Akt des Vertrauens und der Hingabe
an Christus ein und gewährt uns zu leben, wie er gelebt hat (vgl. Gal 2,
20), das heißt in der je größeren Liebe zu Gott und zu den Brüdern.
89.
Der Glaube besitzt auch einen sittlichen Inhalt: er schafft und verlangt ein
konsequentes Engagement des Lebens, er unterstützt und vollendet die Annahme
und Einhaltung der göttlichen Gebote. Wie der Evangelist Johannes schreibt,
»Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm. Wenn wir sagen, daß wir
Gemeinschaft mit ihm haben, und doch in der Finsternis leben, lügen wir und tun
nicht die Wahrheit... Wenn wir seine Gebote halten, erkennen wir, daß wir ihn
erkannt haben. Wer sagt: Ich habe ihn erkannt!, aber seine Gebote nicht hält,
ist ein Lügner, und die Wahrheit ist nicht in ihm. Wer sich aber an sein Wort
hält, in dem ist die Gottesliebe wahrhaft vollendet. Wir erkennen daran, daß
wir in ihm sind. Wer sagt, daß er in ihm bleibt, muß auch leben, wie er gelebt
hat« (1 Joh 1, 5-6; 2, 3-6).
Durch das
sittliche Leben wird der Glaube zum »Bekenntnis«, und das nicht nur vor Gott,
sondern auch vor den Menschen: es wird ein Zeugnis abgelegt. »Ihr seid das
Licht der Welt - hat Jesus gesagt -. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann
nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein
Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen
im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten
Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen« (Mt 5, 14-16). Das sind
vor allem jene der Nächstenliebe (vgl. Mt 25, 31-46) und der wahren
Freiheit, die sich in der Selbsthingabe kundtut und lebt. Bis zur völligen
Selbsthingabe, wie es Jesus getan hat, der am Kreuz »die Kirche geliebt und
sich für sie hingegeben hat« (Eph 5, 25). Das Zeugnis Christi ist Quelle
und Maß (Paradigma) für das Zeugnis des Jüngers, der aufgerufen ist, denselben
Weg einzuschlagen: »Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme
täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach« (Lk 9, 23). Dem Anspruch
des evangelischen Radikalismus entsprechend kann die Liebe den Glaubenden zum
äußersten Zeugnis des Martyriums bringen. Über das Vorbild des am Kreuz
sterbenden Jesus schreibt Paulus an die Christen von Ephesus: »Ahmt Gott nach
als seine geliebten Kinder und liebt einander, weil auch Christus uns geliebt
und sich für uns hingegeben hat als Gabe und als Opfer, das Gott gefällt« (Eph
5, 1-2).
Das
Martyrium, Verherrlichung der unverletzlichen Heiligket des Gesetzes Gottes
90.
In der bedingungslosen Achtung gegenüber jenen unaufgebbaren Forderungen, die
sich aus der Personwürde eines jeden Menschen ergeben, jenem von den sittlichen
Normen verteidigten Anspruch, welche die in sich schlechten Handlungen
ausnahmslos verbieten, erstrahlt die Beziehung zwischen Glaube und Moral in
ihrem ganzen Glanz. Die Universalität und Unwandelbarkeit der sittlichen Norm
machen die Würde der Person, das heißt die Unverletzlichkeit des Menschen, auf
dessen Antlitz der Glanz Gottes erstrahlt, offenbar und stellen sich
gleichzeitig in den Dienst ihres Schutzes (vgl. Gen 9, 5-6).
Die
Unannehmbarkeit der »teleologischen«, »konsequenzialistischen« und
»proportionalistischen« ethischen Theorien, die die Existenz negativer,
bestimmte Verhaltensweisen betreffender sittlicher, ausnahmslos geltender
Normen leugnen, findet beredte Bestätigung im Faktum des christlichen
Martyriums, das das Leben der Kirche stets begleitet hat und noch immer
begleitet.
91.
Bereits im Alten Bund begegnen wir eindrucksvollen Zeugnissen einer Treue zum
heiligen Gesetz Gottes, die mit der freiwilligen Annahme des Todes bezahlt
wurde. Beispielhaft ist die Geschichte der Susanna: Den beiden
ungerechten Richtern, die sie für den Fall, daß sie sich geweigert hätte, ihrem
unreinen Begehren zu Willen zu sein, mit dem Tode bedrohten, antwortete sie: »Ich
bin bedrängt von allen Seiten: Wenn ich es tue, so droht mir der Tod; tue ich
es aber nicht, so werde ich euch nicht entrinnen. Es ist besser für mich, es
nicht zu tun und euch in die Hände zu fallen, als gegen den Herrn zu sündigen!«
(Dan 13, 22-23). Susanna, die es vorzieht, »unschuldig« in die
Hände der Richter zu fallen, bezeugt nicht nur ihren Glauben und ihr
Gottvertrauen, sondern auch ihren Gehorsam gegenüber der Wahrheit und der
Absolutheit der sittlichen Ordnung: durch ihre Bereitschaft, das Martyrium auf
sich zu nehmen, bekundet sie, daß es nicht recht ist, das zu tun, was das
göttliche Gesetz als Übel bewertet, um dadurch irgendein Gut zu erlangen. Sie
wählt für sich den »besseren Teil«: ein ganz klares und kompromißloses Zeugnis
für die Wahrheit des Guten und für den Gott Israels; so tut sie in ihren
Handlungen die Heiligkeit Gottes kund.
An der Schwelle
zum Neuen Testament weigerte sich Johannes der Täufer, das Gesetz des Herrn
zu verschweigen und mit dem Bösen zu paktieren, »er opferte sein Leben für die
Gerechtigkeit und die Wahrheit« und wurde so auch als Märtyrer
Vorläufer des Messias (vgl. Mk 6, 17-29). Deswegen »wurde derjenige in
das Dunkel des Kerkers eingeschlossen, der gekommen war, um von dem Licht
Zeugnis zu geben, und der von eben diesem Licht, das Christus ist, gewürdigt
wurde, Licht, das im Dunkel leuchtet, genannt zu werden. Und im eigenen Blut
wurde derjenige getauft, dem es zuteil geworden war, den Erlöser der Welt zu
taufen«.
Im Neuen Bund
begegnen wir zahlreichen Zeugnissen von Jesu Jüngern, angefangen mit dem
Diakon Stefanus (vgl. Apg 6, 8 - 7, 70) und dem Apostel Jakobus (vgl. Apg
12, 1-2), die als Märtyrer starben, um ihren Glauben und ihre Liebe zum Erlöser
zu bezeugen und um ihn nicht zu verleugnen. Darin sind sie dem Herrn Jesus
gefolgt, der vor Kajaphas und Pilatus »das gute Bekenntnis abgelegt« hat (1
Tim 6, 13), und haben die Wahrheit seiner Botschaft durch die Hingabe ihres
Lebens bestätigt. Zahllose andere Märtyrer nahmen eher die Verfolgungen und den
Tod auf sich, als die götzendienerische Tat zu begehen und vor dem Standbild
des Kaisers Weihrauch zu verbrennen (vgl. Offb 13). Sie lehnten
es sogar ab, einen derartigen Kult vorzutäuschen, und gaben damit das Beispiel
für die sittliche Verpflichtung, sich auch nur einer einzigen konkreten
Verhaltensweise zu enthalten, wenn sie der Liebe Gottes und dem Zeugnis des
Glaubens widerspräche. In ihrem Gehorsam vertrauten sie, wie Christus selbst,
ihr Leben dem Vater an und stellten es ihm anheim, der sie vom Tod zu befreien
vermochte (vgl. Hebr 5, 7).
Die Kirche legt
das Beispiel zahlreicher Heiliger vor, die die sittliche Wahrheit
gepredigt und bis zum Martyrium verteidigt oder den Tod einer einzigen Todsünde
vorgezogen haben. Indem die Kirche sie zur Ehre der Altäre erhob, hat sie ihr
Zeugnis bestätigt und ihre Überzeugung für richtig erklärt, wonach die Liebe zu
Gott auch unter den schwierigsten Umständen die Einhaltung seiner Gebote und
die Weigerung, sie zu verraten - und sei es auch mit der Absicht, das eigene
Leben zu retten - verbindlich einschließt.
92.
Als Bekräftigung der Unverbrüchlichkeit der sittlichen Ordnung kommen im
Martyrium die Heiligkeit des Gesetzes Gottes und zugleich die Unantastbarkeit
der persönlichen Würde des nach dem Abbild und Gleichnis Gottes geschaffenen
Menschen zum Leuchten: Es ist eine Würde, die niemals, und sei es auch aus
guter Absicht, herabgesetzt oder verstellt werden darf, wie auch immer die
Schwierigkeiten aussehen mögen. Mahnend gibt uns Jesus mit größter Strenge zu
bedenken: »Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei
aber seine Seele verliert?« (Mk 8, 36).
Das Martyrium
entlarvt jeden Versuch, einer in sich schlechten Handlung, und sei es auch
unter »Ausnahme«-Bedingungen, einen »humanen Sinn« verleihen zu wollen, als
illusorisch und falsch; mehr noch, es enthüllt offen das wahre Gesicht der
sittlich schlechten Handlung: sie ist eine Verletzung der »Menschlichkeit«
des Menschen, und zwar mehr noch bei dem, der das Unrecht begeht, als bei
dem, der es erleidet. Das Martyrium ist daher auch Verherrlichung
des vollkommenen »Menschseins« und des wahren »Lebens« der menschlichen Person,
wie der hl. Ignatius von Antiochien bezeugt, als er sich an die Christen Roms,
des Ortes seines Martyriums, wendet: »Habt Mitleid mit mir, Brüder: Hindert
mich nicht daran zu leben, wünscht nicht, daß ich sterbe... Laßt mich zum
reinen Licht gelangen; wenn ich dorthin gelangt bin, werde ich wahrhaft
Mensch sein. Laßt mich das Leiden und Sterben meines Gottes nachahmen«.
93.
Das Martyrium ist schließlich ein leuchtendes Zeichen der Heiligkeit der
Kirche: die mit dem Tod bezeugte Treue zum heiligen Gesetz Gottes ist
feierliches Zeugnis und missionarischer Einsatz usque ad sanguinem, auf
daß nicht der Glanz der sittlichen Wahrheit in den Gewohnheiten und Denkweisen
der Menschen und der Gesellschaft um seine Leuchtkraft gebracht werde. Ein
solches Zeugnis bietet einen außerordentlich wertvollen Beitrag, damit man -
nicht nur in der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch innerhalb der
kirchlichen Gemeinschaften - nicht in die gefährlichste Krise gerät, die den
Menschen überhaupt heimsuchen kann: die Verwirrung in bezug auf Gut und
Böse, was den Aufbau und die Bewahrung der sittlichen Ordnung der einzelnen
und der Gemeinschaften unmöglich macht. Die Märtyrer und, im weiteren Sinne,
alle Heiligen der Kirche erleuchten durch das beredte und faszinierende
Beispiel eines ganz von dem Glanz der sittlichen Wahrheit umgeformten Lebens
jede Epoche der Geschichte durch das Wiederbeleben des sittlichen Empfindens.
Durch ihr hervorragendes Zeugnis für das Gute sind sie ein lebendiger Vorwurf
für all jene, die das Gesetz überschreiten (vgl. Weish 2, 12 ), und
lassen in ständiger Aktualität die Worte des Propheten neu erklingen: »Weh
euch, die ihr das Böse gut und das Gute böse nennt, die ihr die Finsternis zum
Licht und das Licht zur Finsternis macht, die ihr das Bittere süß macht und das
Süße bitter« (Jes 5, 20).
Wenn das
Martyrium den Höhepunkt des christlichen Zeugnisses für die sittliche Wahrheit
bildet, zu dem nur vergleichsweise wenige berufen sein können, so gibt es
dennoch ein kohärentes Zeugnis, das alle Christen täglich zu geben bereit sein
sollen, auch auf Kosten von Leiden und schweren Opfern. In der Tat ist der
Christ angesichts der vielfältigen Schwierigkeiten, welche die Treue zur
Unbedingtheit der sittlichen Ordnung auch unter den gewöhnlichsten Umständen
verlangen kann, mit der im Gebet erflehten göttlichen Gnade zu mitunter
heroischem Bemühen aufgerufen, wobei ihn die Tugend des Starkmutes stützen
wird, mit deren Hilfe er - wie der heilige Gregor der Große lehrt - sogar »die
Schwierigkeiten dieser Welt im Blick auf den ewigen Siegespreis lieben kann«.
94.
In diesem Zeugnis für die Unbedingtheit des sittlich Guten stehen die
Christen nicht allein: Sie finden Bestätigung im sittlichen Bewußtsein der
Völker und in den großen Traditionen der Religions-und Geistesgeschichte des
Abendlandes und des Orients, nicht ohne beständiges und geheimnisvolles Wirken
des Geistes Gottes. Für alle gelte der Ausspruch des lateinischen Dichters
Juvenal: »Betrachte es als das allergrößte Vergehen, das eigene Überleben dem
Ehrgefühl vorzuziehen und aus Liebe zum leiblichen Leben die eigentlichen
Gründe des Lebens zu verlieren«. Die Stimme des Gewissens hat
stets unmißverständlich darauf hingewiesen, daß es sittliche Wahrheiten und
Werte gibt, für die man das Leben hinzugeben bereit sein müsse. Im Wort und vor
allem im Opfer des Lebens für den sittlichen Wert anerkennt die Kirche eben das
Zeugnis für jene bereits in der Schöpfung vorhandene Wahrheit, die auf dem
Antlitz Christi voll erstrahlt: »Wir wissen - schreibt der hl. Justinus - daß
die Anhänger der stoischen Lehre gehaßt und getötet wurden, da sie - wie auch
zuweilen die Dichter - zumeist in ihren Äußerungen über Fragen der Moral, den
Beweis der Wahrheit geliefert haben, aufgrund des Keimes des göttlichen Logos,
der dem ganzen Menschengeschlecht eingepflanzt ist«.
Die
allgemeinen und unveränderlichen sittlichen Normen im Dienst der menschlichen
Person und der Gesellschaft
95.
Die Lehre der Kirche und insbesondere ihre Festigkeit in der Verteidigung der
universalen und dauernden Geltung der sittlichen Gebote, die die in sich
schlechten Handlungen verbieten, werden nicht selten als Zeichen einer
unerträglichen Unnachgiebigkeit kritisiert, vor allem angesichts enorm
komplexer und konfliktanfälliger Situationen des heutigen Lebens des einzelnen
und der Gesellschaft: eine Unnachgiebigkeit, die zu einem mütterlichen
Empfinden der Kirche im Widerspruch stünde. Diese lasse es, so sagt man, an
Verständnis und Barmherzigkeit fehlen. Aber in Wahrheit kann die Mütterlichkeit
der Kirche niemals von ihrem Sendungsauftrag als Lehrerin abgetrennt werden,
den sie als treue Braut Christi, der die Wahrheit in Person ist, immer ausführen
muß: »Als Lehrerin wird sie nicht müde, die sittliche Norm zu verkünden ...
Diese Norm ist nicht von der Kirche geschaffen und nicht ihrem Gutdünken
überlassen. In Gehorsam gegen die Wahrheit, die Christus ist, dessen Bild sich
in der Natur und der Würde der menschlichen Person spiegelt, interpretiert die
Kirche die sittliche Norm und legt sie allen Menschen guten Willens vor, ohne
ihren Anspruch auf Radikalität und Vollkommenheit zu verbergen«.
Wahrhaftes
Verständnis und echte Barmherzigkeit bedeuten in Wirklichkeit Liebe zur
menschlichen Person, zu ihrem wahren Wohl, zu ihrer authentischen Freiheit. Und
dies kommt gewiß nicht dadurch zustande, daß man die sittliche Wahrheit
verbirgt oder abschwächt, sondern indem man sie in ihrer tiefen Bedeutung als
Ausstrahlung der ewigen Weisheit Gottes, die uns in Christus erreicht, und als
Dienst am Menschen, am Wachstum seiner Freiheit und an der Erreichung seiner
Seligkeit darlegt.
Ebenso kann die
klare und kraftvolle Darstellung der sittlichen Wahrheit niemals von einem
tiefen und aufrichtigen, von geduldiger und vertrauensvoller Liebe geprägten
Respekt absehen, dessen der Mensch auf seinem moralischen Weg bedarf, welcher
sich oft wegen Schwierigkeiten, Schwäche und schmerzhafter Situationen als
mühsam erweist. Die Kirche kann niemals von dem »Grundsatz der Wahrheit und der
Folgerichtigkeit« absehen, aufgrund dessen sie »es nicht duldet, gut zu nennen,
was böse ist, und böse, was gut ist«. Paul VI. hat geschrieben:
»Es ist eine hervorragende Form der Liebe zu den unsterblichen Seelen, wenn man
in keiner Weise Abstriche von der heilsamen Lehre Christi macht. Dies jedoch
muß immer von Geduld und Liebe begleitet sein, für die der Herr selbst in
seinem Umgang mit den Menschen ein Beispiel gegeben hat. Er ist gekommen, nicht
um zu richten, sondern um zu retten (vgl. Joh 3, 17); ganz sicher war er
unversöhnlich mit der Sünde, aber er war barmherzig mit dem Sünder«.
96.
Die Festigkeit der Kirche bei der Verteidigung der universalen und
unveränderlichen sittlichen Normen hat nichts Unterdrückendes an sich. Sie
dient einzig und allein der wahren Freiheit des Menschen: Da es außerhalb der
Wahrheit oder gegen sie keine Freiheit gibt, muß die kategorische, das heißt
unnachgiebige und kompromißlose Verteidigung des absolut unverzichtbaren
Erfordernisses der personalen Würde des Menschen Weg und sogar
Existenzbedingung für die Freiheit genannt werden.
Dieser Dienst
wendet sich an jeden Menschen, insofern er in der Einzigartigkeit und
Unwiederholbarkeit seines Seins und seiner Existenz gesehen wird. Nur im
Gehorsam gegenüber den universalen sittlichen Normen findet der Mensch eine
volle Bestätigung der Einzigartigkeit seiner Person und die Möglichkeit
wirklichen sittlichen Wachstums. Und eben darum wendet sich dieser Dienst an alle
Menschen: nicht nur an die einzelnen, sondern auch an die Gemeinschaft, an
die Gesellschaft als solche. Diese Normen bilden in der Tat das
unerschütterliche Fundament und die zuverlässige Gewähr für ein gerechtes und
friedliches menschliches Zusammenleben und damit für eine echte Demokratie, die
nur auf der Gleichheit aller ihrer, in den Rechten und Pflichten vereinten
Mitglieder entstehen und wachsen kann. Im Hinblick auf die sittlichen Normen,
die das in sich Schlechte verbieten, gibt es für niemanden Privilegien oder
Ausnahmen. Ob einer der Herr der Welt oder der Letzte, »Elendeste« auf
Erden ist, macht keinen Unterschied: Vor den sittlichen Ansprüchen sind wir
alle absolut gleich.
97.
So erschließen die sittlichen Normen, und an erster Stelle jene negativen, die
das Tun des Schlechten verbieten, ihre Bedeutung und ihre zugleich
personale und soziale Kraft: indem sie die unverletzliche Personwürde jedes
Menschen schützen, dienen sie der Erhaltung des menschlichen Sozialgefüges und
seiner richtigen und fruchtbaren Entwicklung. Besonders die Gebote der zweiten
Tafel des Dekalogs, an die auch Jesus den jungen Mann im Evangelium erinnert
(vgl. Mt 19, 18), stellen die Grundregeln jedes gesellschaftlichen
Lebens dar.
Diese Gebote
werden in allgemeinen Worten formuliert. Aber die Tatsache, daß »Anfang, Träger
und Ziel aller gesellschaftlichen Institutionen die menschliche Person ist und
auch sein muß«, gestattet und ermöglicht ihre Präzisierung und
Erläuterung in einem ausführlicheren Verhaltenskodex. In diesem Sinne sind die
sittlichen Grundregeln des gesellschaftlichen Lebens mit bestimmten
Forderungen verbunden, die sowohl die öffentlichen Gewalten wie die Bürger befolgen
müssen. Ungeachtet der manchmal guten Absichten und der oft schwierigen
Umstände sind die staatlichen Amtsträger und die einzelnen Individuen niemals
befugt, die unveräußerlichen Grundrechte der menschlichen Person zu verletzen.
Nur eine Moral, die Normen anerkennt, die immer und für alle ohne Ausnahme
gelten, kann darum das ethische Fundament für das gesellschaftliche
Zusammenleben sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene
gewährleisten.
Die Moral
und die Erneuerung des gesellschaftlichen und politischen Lebens
98.
Angesichts der schwerwiegenden Formen sozialer und wirtschaftlicher
Ungerechtigkeit und politischer Korruption, von denen ganze Völker und Nationen
heimgesucht werden, wächst die Empörung unzähliger mit Füßen getretener und in
ihren menschlichen Grundrechten gedemütigter Personen, und immer verbreiteter
und heftiger macht sich das Verlangen nach radikaler persönlicher und
gesellschaftlicher Erneuerung bemerkbar, die allein imstande ist,
Gerechtigkeit, Solidarität, Wahrhaftigkeit und Transparenz zu gewährleisten.
Sicher bleibt
noch ein langer und mühsamer Weg zurückzulegen; zahlreiche, gewaltige
Anstrengungen müssen unternommen werden, damit eine solche Erneuerung
verwirklicht werden kann; Grund dafür sind auch die Vielfalt und Schwere der
Ursachen, welche die heutigen ungerechten Zustände in der Welt erzeugen und
nähren. Aber wie die Geschichte und die Erfahrung jedes einzelnen lehren, kann
man unschwer an der Wurzel dieser Situationen eigentlich »kulturelle« Ursachen
entdecken, das heißt Ursachen, die mit bestimmten Auffassungen vom Menschen,
von der Gesellschaft und von der Welt zusammenhängen. Tatsächlich steht im
Mittelpunkt der kulturellen Frage das sittliche Empfinden, das
seinerseits auf dem religiösen Empfinden beruht und sich in ihm
vollendet.
99.
Allein Gott, das höchste Gut, bildet die unverrückbare Grundlage und
unersetzbare Voraussetzung der Sittlichkeit, also der Gebote, im besonderen
jener negativen Gebote, die immer und auf jeden Fall die mit der Würde jedes
Menschen als Person unvereinbaren Verhaltensweisen und Handlungen verbieten. So
begegnen sich das höchste Gut und das sittlich Gute in der Wahrheit: der
Wahrheit über Gott, den Schöpfer und Erlöser, und der Wahrheit über den von ihm
geschaffenen und erlösten Menschen. Nur auf dem Boden dieser Wahrheit ist es
möglich, eine erneuerte Gesellschaft aufzubauen und die komplizierten und
drückenden Probleme, die sie erschüttern, zu lösen, zuallererst jenes Problem
der Überwindung der verschiedenen Formen von Totalitarismus, um der
authentischen Freiheit der Person den Weg zu ebnen. »Der Totalitarismus
entsteht aus der Verneinung der Wahrheit im objektiven Sinn: Wenn es keine
transzendente Wahrheit gibt, in deren Gefolge der Mensch zu seiner vollen
Identität gelangt, gibt es kein sicheres Prinzip, das gerechte Beziehungen
zwischen den Menschen gewährleistet. Ihr Klasseninteresse, Gruppeninteresse und
nationales Interesse bringt sie unweigerlich in Gegensatz zueinander. Wenn die
transzendente Wahrheit nicht anerkannt wird, dann triumphiert die Gewalt der
Macht und jeder trachtet, bis zum Äußersten von den ihm zur Verfügung stehenden
Mitteln Gebrauch zu machen, um ohne Rücksicht auf die Rechte des anderen sein
Interesse und seine Meinung durchzusetzen ... Die Wurzel des modernen
Totalitarismus liegt darum in der Verneinung der transzendenten Würde des
Menschen, der sichtbares Abbild des unsichtbaren Gottes ist. Eben deshalb,
aufgrund seiner Natur, ist er Träger von Rechten, die niemand verletzen darf:
weder der einzelne, noch die Gruppe, die Klasse, die Nation oder der Staat.
Auch die gesellschaftliche Mehrheit darf das nicht tun, indem sie gegen eine
Minderheit vorgeht, sie ausgrenzt, unterdrückt, ausbeutet oder sie zu
vernichten versucht«.
Deshalb besitzt
der untrennbare Zusammenhang zwischen Wahrheit und Freiheit - Ausdruck der
wesenhaften Bande zwischen Weisheit und Willen Gottes - eine äußerst wichtige
Bedeutung für das Leben der Menschen im sozio-ökonomischen und
sozio-politischen Bereich. Das ergibt sich aus der Soziallehre der Kirche - die
»in den Bereich ... der Theologie und insbesondere der Moraltheologie gehört«
- und aus ihrer Darlegung von Geboten, die das gesellschaftliche,
wirtschaftliche und politische Leben nicht nur im Hinblick auf allgemeine
Haltungen, sondern auch auf genau bestimmte Verhaltensweisen und konkrete
Handlungen regeln.
100.
So betont der Katechismus der katholischen Kirche zunächst, daß »auf
wirtschaftlichem Gebiet die Achtung der Menschenwürde die Tugend der Mäßigung
erfordert, um die Anhänglichkeit an die Güter dieser Welt zu zügeln; die Tugend
der Gerechtigkeit, um die Rechte des Nächsten zu wahren und ihm zu
geben, was ihm zusteht; und die Solidarität gemäß der Goldenen Regel und
der Freigebigkeit des Herrn, denn "er, der reich war, wurde euretwegen
arm, um euch durch seine Armut reich zu machen" (2 Kor 8, 9)«
um dann eine Reihe von Verhaltensweisen und von Handlungen, die
der menschlichen Würde widersprechen, beim Namen zu nennen: Diebstahl,
vorsätzliches Zurückbehalten entliehener oder abhanden gekommener Gegenstände,
Geschäftsbetrug (vgl. Dtn 25, 13-16), ungerechte Löhne (vgl. Dtn 24,
14-15; Jak 5, 4), Preiserhöhung durch Ausnützen der Unwissenheit und Not
anderer (vgl. Am 8, 4-6), Aneignung des Gesellschaftsvermögens eines
Unternehmens zur privaten Nutzung, schlecht durchgeführte Arbeiten,
Steuerbetrug, Fälschung von Schecks und Rechnungen, übermäßige Ausgaben, Verschwendung
usw. Und weiter: »Das siebte Gebot verbietet Handlungen und
Unternehmungen, die aus irgendeinem Grund - aus Egoismus, wegen einer
Ideologie, aus Profitsucht oder in totalitärer Gesinnung - dazu führen, daß Menschen
geknechtet, ihrer persönlichen Würde beraubt oder wie Waren gekauft,
verkauft oder ausgetauscht werden. Es ist eine Sünde gegen ihre Menschenwürde
und ihre Grundrechte, sie gewaltsam zur bloßen Gebrauchsware oder zur Quelle
des Profits zu machen. Der hl. Paulus befahl einem christlichen Herrn, seinen
christlichen Sklaven "nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als
geliebten Bruder" zu behandeln (Phlm 16)«.
101.
Im politischen Bereich gilt es hervorzuheben, daß Wahrhaftigkeit in den Beziehungen
zwischen Regierenden und Regierten, Transparenz in der öffentlichen Verwaltung,
Unparteilichkeit im Dienst am Staat, Achtung der Rechte auch der politischen
Gegner, Schutz der Rechte der Angeklagten gegen summarische Verfahren und
Verurteilungen, richtige und gewissenhafte Verwendung der öffentlichen Gelder,
Ablehnung zweifelhafter oder unerlaubter Mittel, um die Macht um jeden Preis zu
erobern, festzuhalten und zu vermehren, Prinzipien sind, die ihre erste Wurzel
- wie auch ihre einzigartige Dringlichkeit - im transzendenten Wert der Person
und in den objektiven sittlichen Erfordernissen für das Funktionieren der
Staaten haben. Wenn sie nicht eingehalten werden, zerbricht das
Fundament des politischen Zusammenlebens, und das ganze gesellschaftliche Leben
wird dadurch fortschreitend beeinträchtigt, bedroht und der Auflösung
preisgegeben (vgl. Ps 14, 3-4; Offb 18, 2-3.9-24). Nach dem
Niedergang der Ideologien in vielen Ländern, die die Politik mit einem
totalitären Weltbild verbanden - unter ihnen vor allem der Marxismus -,
zeichnet sich heute eine nicht weniger ernste Gefahr ab angesichts der
Verneinung der Grundrechte der menschlichen Person und der Auflösung der im
Herzen jedes Menschenwesens wohnenden religiösen Frage in politische Kategorien:
Es ist die Gefahr der Verbindung zwischen Demokratie und ethischem
Relativismus, die dem bürgerlichen Zusammenleben jeden sicheren sittlichen
Bezugspunkt nimmt, ja mehr noch, es der Anerkennung von Wahrheit beraubt. Denn
»wenn es keine letzte Wahrheit gibt, die das politische Handeln leitet und ihm
Orientierung gibt, dann können die Ideen und Überzeugungen leicht für
Machtzwecke mißbraucht werden. Eine Demokratie ohne Werte verwandelt sich, wie
die Geschichte beweist, leicht in einen offenen oder hinterhältigen
Totalitarismus«.
In allen
Bereichen des persönlichen, familiären, gesellschaftlichen und politischen
Lebens leistet also die Moral - die sich auf die Wahrheit gründet und sich in
der Wahrheit der authentischen Freiheit öffnet - nicht nur dem einzelnen
Menschen und seinem Wachstum im Guten, sondern auch der Gesellschaft und ihrer
wahren Entwicklung einen ursprünglichen, unersetzlichen und äußerst wertvollen
Dienst.
Gnade und
Gehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes
102.
Auch in den schwierigsten Situationen muß der Mensch die sittlichen Normen
beachten, um den heiligen Geboten Gottes gehorsam und in Übereinstimmung mit
der eigenen Personenwürde zu sein. Sicherlich verlangt die Harmonie zwischen
Freiheit und Wahrheit mitunter durchaus ungewöhnliche Opfer und wird um einen
hohen Preis erlangt: er kann auch das Martyrium einschließen. Doch wie unsere
allgemeine und tägliche Erfahrung beweist, ist der Mensch versucht, diese
Harmonie zu zerbrechen: »Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich
hasse... Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht
will« (Röm 7, 15. 19).
Woher rührt
letztlich diese innere Spaltung des Menschen? Die Geschichte seiner Schuld nimmt
ihren Anfang, sobald er nicht mehr den Herrn als seinen Schöpfer anerkennt und
in vollkommener Unabhängigkeit selber darüber entscheiden möchte, was gut und
was böse ist. »Ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse« (Gen 3, 5):
das ist die erste Versuchung, auf die alle anderen Versuchungen folgen; ihnen
nachzugeben, ist der Mensch aufgrund der Wunden des Sündenfalls noch leichter
geneigt.
Doch die
Versuchungen können besiegt, die Sünden können vermieden werden, weil uns der
Herr zusammen mit den Geboten die Möglichkeit schenkt, sie zu befolgen: »Die
Augen Gottes schauen auf das Tun der Menschen, er kennt alle ihre Taten. Keinem
gebietet er zu sündigen, und die Betrüger unterstützt er nicht« (Sir 15,
19-20). Die Befolgung des Gesetzes Gottes kann in bestimmten Situationen
schwer, sehr schwer sein: niemals jedoch ist sie unmöglich. Dies ist eine
beständige Lehre der Tradition der Kirche, wie sie vom Konzil von Trient
formuliert wurde: »Niemand aber, wie sehr er auch gerechtfertigt sein mag, darf
meinen, er sei frei von der Beachtung der Gebote, niemand jenes leichtfertige
und von den Vätern unter (Androhung des) Anathema verbotene Wort benützen, die
Vorschriften Gottes seien für einen gerechtfertigten Menschen unmöglich zu
beobachten. "Denn Gott befiehlt nichts Unmögliches, sondern wenn er
befiehlt, dann mahnt er, zu tun, was man kann, und zu erbitten, was man nicht
kann", und er hilft, daß man kann; "seine Gebote sind nicht
schwer" (1 Joh 5, 3), sein "Joch ist sanft und (seine) Last
leicht" (Mt 11, 30)«.
103.
Mit Hilfe der göttlichen Gnade und durch die Mitwirkung der menschlichen
Freiheit steht dem Menschen immer der geistliche Raum der Hoffnung offen.
Im rettenden
Kreuz Jesu, in der Gabe des Heiligen Geistes, in den Sakramenten, die aus der
durchbohrten Seite des Erlösers hervorgehen (vgl. Joh 19, 34), findet
der Glaubende die Gnade und die Kraft, das heilige Gesetz Gottes immer, auch
unter größten Schwierigkeiten, zu befolgen. Wie der hl. Andreas von Kreta sagt,
wurde das Gesetz »durch die Gnade neu belebt und, in harmonischer und
fruchtbarer Verbindung, in ihren Dienst gestellt, ohne Vermischung und
Verwirrung ihrer je besonderen Eigenschaften; und doch hat er auf göttliche
Weise das früher belastende und tyrannische Gesetz in eine leichte Last und
eine Quelle der Freiheit verwandelt.«
Allein im
Erlösungsgeheimnis Christi gründen die »konkreten« Möglichkeiten des Menschen. »Es wäre ein
schwerwiegender Irrtum, den Schluß zu ziehen..., die von der Kirche gelehrte
Norm sei an sich nur ein "Ideal", das dann, wie man sagt, den
konkreten Möglichkeiten des Menschen angepaßt, angemessen und entsprechend
abgestuft werden müsse: nach "Abwägen der verschiedenen in Frage stehenden
Güter". Aber welches sind die "konkreten Möglichkeiten des
Menschen?" Und von welchem Menschen ist die Rede? Von dem Menschen,
der von der Begierde beherrscht wird, oder von dem Menschen, der von
Christus erlöst wurde? Schließlich geht es um Folgendes: um die Wirklichkeit
der Erlösung durch Christus. Christus hat uns erlöst! Das bedeutet:
Er hat uns die Möglichkeit geschenkt, die ganze Wahrheit unseres
Seins zu verwirklichen; Er hat unsere Freiheit von der Herrschaft der
Begierde befreit. Und auch wenn der erlöste Mensch noch sündigt, so ist das nicht
der Unvollkommenheit der Erlösungstat Christi anzulasten, sondern dem Willen
des Menschen, sich der jener Tat entspringenden Gnade zu entziehen. Das
Gebot Gottes ist sicher den Fähigkeiten des Menschen angemessen: Aber den
Fähigkeiten des Menschen, dem der Heilige Geist geschenkt wurde; des Menschen,
der, wiewohl er in die Sünde verfiel, immer die Vergebung erlangen und sich der
Gegenwart des Geistes erfreuen kann«.
104.
Hier öffnet sich dem Erbarmen Gottes mit der Sünde des sich bekehrenden
Menschen und dem Verständnis für die menschliche Schwäche der
angemessene Raum. Dieses Verständnis bedeutet niemals, den Maßstab von Gut und
Böse aufs Spiel zu setzen und zu verfälschen, um ihn an die Umstände anzupassen.
Während es menschlich ist, daß der Mensch, nachdem er gesündigt hat, seine
Schwäche erkennt und wegen seiner Schuld um Erbarmen bittet, ist hingegen die
Haltung eines Menschen, der seine Schwäche zum Kriterium der Wahrheit vom Guten
macht, um sich von allein gerechtfertigt fühlen zu können, ohne es nötig zu
haben, sich an Gott und seine Barmherzigkeit zu wenden, unannehmbar. Eine
solche Haltung verdirbt die Sittlichkeit der gesamten Gesellschaft, weil sie
lehrt, an der Objektivität des Sittengsetzes im allgemeinen könne gezweifelt
und die Absolutheit der sittlichen Verbote hinsichtlich bestimmter menschlicher
Handlungen könne geleugnet werden, was schließlich dazu führt, daß man
sämtliche Werturteile durcheinanderbringt.
Vielmehr müssen
wir die Botschaft aufnehmen, die uns das biblische Gleichnis vom Pharisäer
und vom Zöllner übermittelt (vgl. Lk 18, 9-14). Der Zöllner hätte
vielleicht die eine oder andere Rechtfertigung für die von ihm begangenen
Sünden anführen können, die seine Verantwortlichkeit verringerte. Doch sein
Gebet hält sich nicht bei solchen Rechtfertigungen auf, sondern hat die eigene
Unwürdigkeit angesichts der unendlichen Heiligkeit Gottes im Auge: »Gott, sei
mir Sünder gnädig!« (Lk 18, 13). Der Pharisäer hingegen rechtfertigt
sich ganz allein, vielleicht indem er für jeden einzelnen seiner Verfehlungen
eine Entschuldigung findet. Wir werden also mit zwei verschiedenen Haltungen
des sittlichen Gewissens des Menschen aller Zeiten konfrontiert. Der Zöllner
stellt uns ein »reuevolles« Gewissen vor Augen, das sich der Hinfälligkeit der
eigenen Natur voll bewußt ist und in den eigenen Mängeln, welch subjektive
Rechtfertigungen es auch immer geben mag, eine Bestätigung der eigenen
Erlösungsbedürftigkeit sieht. Der Pharisäer stellt uns ein »selbstzufriedenes«
Gewissen vor, das sich einbildet, das Gesetz ohne Gnadenhilfe befolgen zu
können, und davon überzeugt ist, kein Erbarmen nötig zu haben.
105.
Von allen wird große Wachsamkeit verlangt, sich nicht von der Haltung des Pharisäers
anstecken zu lassen, die den Anspruch erhebt, das Bewußtsein von der eigenen
Begrenztheit und Sünde aufzuheben, und die heute in dem Versuch, die sittliche
Norm den eigenen Fähigkeiten und den eigenen Interessen anzupassen, und sogar
in der Ablehnung des Normbegriffes selbst besonders zum Ausdruck kommt.
Umgekehrt entfacht das Annehmen des »Mißverhältnisses« zwischen dem Gesetz und
den Fähigkeiten des Menschen - d.h. den Fähigkeiten der sittlichen Kräfte des
sich selbst überlassenen Menschen - die Sehnsucht nach der Gnade und bereitet
den Boden für ihren Empfang. »Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib
erretten?«, fragt sich der Apostel Paulus. Und mit einem freudigen und
dankbaren Bekenntnis antwortet er: »Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren
Herrn!« (Röm 7, 24-25).
Dasselbe
Bewußtsein treffen wir im folgenden Gebet des hl. Ambrosius von Mailand an:
»Der Mensch ist nichts wert, wenn du ihn nicht aufsuchst. Vergiß den Schwachen
nicht, denke daran, daß du mich aus Staub geformt hast. Wie soll ich mich
aufrecht halten können, wenn du mich nicht ununterbrochen im Blick hast, um
diese Tonerde zu festigen, so daß meine Festigkeit auf deinen Blick
zurückzuführen ist? Verbirgst du dein Gesicht, bin ich verstört (Ps
104, 29): Wehe mir, wenn du mich anblickst! Du kannst bei mir nur
Verderbtheiten durch Vergehen sehen; es ist weder von Vorteil verlassen noch
gesehen zu werden, denn wenn wir gesehen werden, sind wir Grund zur Abscheu.
Wir dürfen jedoch annehmen, daß Gott jene nicht zurückweist, die er sieht, denn
er macht die rein, die er anblickt. Vor ihm ein alle Schuld versengendes Feuer
(vgl. Joel 2, 3)«.
Moral und
Neuevangelisierung
106.
Die Evangelisierung ist die stärkste und aufregendste Herausforderung, der sich
die Kirche von ihren Anfängen an zu stellen hat. Tatsächlich entstammt diese
Herausforderung nicht so sehr den gesellschaftlichen und kulturellen
Situationen, mit denen die Kirche sich im Laufe der Geschichte auseinandergesetzt
hat, als vielmehr dem Auftrag des auferstandenen Jesus Christus, der den
eigentlichen Grund für die Existenz der Kirche bestimmt: »Geht hinaus in die
ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!« (Mk 16, 15).
Was wir jedoch
derzeit, wenigstens bei zahlreichen Völkern, erleben, ist eigentlich eine
außerordentliche Herausforderung an die »Neu-Evangelisierung«, das heißt an die
Verkündigung des immer neuen und immer Neues vermittelnden Evangeliums, eine
Evangelisierung, die neu sein muß, »neu in ihrem Eifer, neu in ihren Methoden
und neu in ihren Aussageweisen«. Die Entchristlichung, die auf
ganzen Völkern und Gemeinschaften lastet, die einst von Glauben und
christlichem Leben erfüllt waren, zieht nicht nur den Verlust des Glaubens oder
zumindest seine Bedeutungslosigkeit für das Leben nach sich, sondern
notgedrungen auch einen Verfall oder eine Trübung des sittlichen Empfindens:
und das zum einen wegen des fehlenden Sinns für die Ursprünglichkeit der
Moral des Evangeliums, zum anderen wegen der Verdunkelung fundamentaler
sittlicher Grundätze und Werte. Heute so weit verbreitete subjektivistische,
utilitaristische und relativistische Tendenzen treten nicht einfach als
pragmatische Positionen mit Gewohnheitscharakter auf, sondern unter
theoretischem Gesichtspunkt als feste Konzeptionen, die ihre volle kulturelle
und gesellschaftliche Legitimität beanspruchen.
107.
Die Evangelisierung - und damit die »Neuevangelisierung« - schließt
auch die Verkündigung und das Anbieten einer Moral ein. Jesus selbst hat,
als er das Reich Gottes und seine rettende Liebe verkündete, zum Glauben und
zur Umkehr aufgerufen (vgl. Mk 1, 15). Und mit den anderen Aposteln
spricht Petrus, als er die Auferstehung des Jesus von Nazaret von den Toten
verkündet, von einem neuen Leben, das es zu leben, von einem »Weg«, dem es zu
folgen gilt, um Jünger des Auferstandenen zu sein (vgl. Apg 2, 37-41; 3,
17-20).
Wie im Falle
der Glaubenswahrheiten, ja in noch höherem Maße, bekundet eine
Neuevangelisierung, die Grundlagen und Inhalte der christlichen Moral darlegt,
ihre Authentizität und verströmt gleichzeitig ihre ganze missionarische Kraft,
wenn sie sich durch das Geschenk nicht nur des verkündeten, sondern auch des
gelebten Wortes vollzieht. Insbesondere ist es das Leben in Heiligkeit, das
in so vielen demütigen und oft vor den Blicken der Menschen verborgenen
Gliedern des Volkes Gottes erstrahlt, was den schlichtesten und
faszinierendsten Weg darstellt, auf dem man unmittelbar die Schönheit der
Wahrheit, die befreiende Kraft der Liebe Gottes, den Wert der unbedingten
Treue, selbst unter schwierigsten Umständen, angesichts aller Forderungen des
Gesetzes des Herrn wahrzunehmen vermag. Darum hat die Kirche in ihrer weisen
Moralpädagogik stets die Glaubenden eingeladen, in den heiligen Männern und
Frauen und zuallererst in der Jungfrau und Gottesmutter, die »voll der Gnade«
und »ganz heilig« ist, das Vorbild, die Kraft und die Freude zu suchen und zu
finden, um ein Leben gemäß den Geboten Gottes und den Seligpreisungen des
Evangeliums zu führen.
Das Leben der
Heiligen - es ist Spiegelbild der Güte Gottes, der »allein der Gute ist« -
stellt nicht nur ein echtes Glaubensbekenntnis und einen Impuls für seine
Mitteilung an die anderen dar, sondern auch eine Verherrlichung Gottes und
seiner unendlichen Heiligkeit. Das heiligmäßige Leben führt so zur Vollendung
in Wort und Tat des einen und dreifachen Amtes, des munus propheticum,
sacerdotale et regale, das jeder Christ bei der Wiedergeburt in der Taufe
»aus Wasser und Geist« (Joh 3, 5) als Geschenk empfängt. Das sittliche
Leben besitzt den Wert eines »Gottesdienstes« (Röm 12, 1; vgl. Phil 3,
3), der aus jener unerschöpflichen Quelle von Heiligkeit und Verherrlichung
Gottes gespeist wird, die die Sakramente, insbesondere die Eucharistie, sind:
Denn durch die Teilnahme am Kreuzesopfer hat der Christ Gemeinschaft mit der
Opferliebe Christi und wird dazu befähigt und verpflichtet, dieselbe Liebe in
allen seinen Lebenshaltungen und Verhaltensweisen zu leben. In der sittlichen
Existenz offenbart und verwirklicht sich auch der königliche Dienst des
Christen: Je mehr er mit Hilfe der Gnade dem neuen Gesetz des Heiligen Geistes
gehorcht, desto mehr wächst er in der Freiheit, zu der er im Dienst der
Wahrheit, der Liebe und der Gerechtigkeit berufen ist.
108.
Am Ursprung der neuen Evangelisierung und des neuen sittlichen Lebens, das sie
in ihren Früchten der Heiligkeit und des missionarischen Engagements darlegt
und weckt, steht der Geist Christi, Prinzip und Kraft der Fruchtbarkeit
der heiligen Mutter Kirche, wie uns Paul VI. in Erinnerung bringt: »Ohne Wirken
des Heiligen Geistes wird die Evangelisierung niemals möglich sein«.
Dem Geist Jesu, der vom demütigen und bereiten Herzen des
Glaubenden aufgenommen wird, ist also das Erblühen und Gedeihen des sittlichen
Lebens des Christen und das Zeugnis der Heiligkeit in der großen Vielfalt der
Berufungen, der Gaben, der Verantwortlichkeiten und der Lebensbedingungen und
-situationen zu verdanken: es ist der Heilige Geist - betonte bereits Novitian
und brachte damit den authentischen Glauben der Kirche zum Ausdruck - »der den
Jüngern in Herz und Geist Festigkeit verliehen hat, der ihnen die Geheimnisse
des Evangeliums erschlossen hat, der ihnen Erleuchtung für die göttlichen Dinge
gegeben hat; von ihm haben sie Stärkung erfahren, so daß sie weder vor
Gefängnissen noch vor Ketten um des Namens des Herrn willen mehr Angst hatten;
ja sie treten auf eben diese Mächte und Leiden der Erde, bewaffnet und gestärkt
durch ihn; in sich tragen sie die Gaben, die eben dieser Geist spendet und der
Kirche, der Braut Christi, als wertvollen Schmuck weitergibt. In der Tat ist er
es, der in der Kirche Propheten erweckt, die Lehrer anleitet, die Zungen lenkt,
Zeichen und Heilungen vollbringt, wunderbare Werke hervorbringt, die
Unterscheidung der Geister ermöglicht, jede andere Geistesgabe zuteilt und
ordnet und somit durch alles und in allem die Kirche des Herrn auf vollendete
Weise zur Vollkommenheit führt«.
Im lebendigen
Zusammenhang dieser Neuevangelisierung, die »den Glauben, der in der Liebe
wirksam ist« (Gal 5, 6), hervorbringen und fördern soll, und im Blick
auf das Wirken des Heiligen Geistes können wir jetzt begreifen, welcher Platz
in der Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen ist, der Reflexion über das
sittliche Leben gebührt, wie es die Theologie in Gang bringen und
entwickeln muß, ebenso wie wir nun den Auftrag und die eigentliche
Verantwortung der Moraltheologen darlegen können.
Der
Dienst der Moraltheologen
109.
Zur Evangelisierung und zum Zeugnis eines Glaubenslebens berufen ist die ganze
Kirche, die am munus propheticum des Herrn Jesus durch das Geschenk
seines Geistes teilhat. Dank der ständigen Anwesenheit des Geistes der Wahrheit
in ihr (vgl. Joh 14, 16-17) »kann die Gesamtheit der Gläubigen, welche
die Salbung von dem Heiligen Geist haben (vgl. 1 Joh 2, 20. 27), im
Glauben nicht irren. Und diese ihre besondere Eigenschaft macht sie durch den
übernatürlichen Glaubenssinn des ganzen Volkes dann kund, wenn sie 'von den
Bischöfen bis zum letzten gläubigen Laien' ihre allgemeine Übereinstimmung in
Sachen des Glaubens und der Sitten äußert«.
Um ihre
prophetische Sendung auszuüben, muß die Kirche ihr Glaubensleben ständig
wiedererwecken und »neu beleben« (vgl.2 Tim 1, 6), insbesondere durch
immer tiefere Reflexion, die sich unter der Führung des Heiligen Geistes mit
dem Inhalt des Glaubens selber auseinandersetzt. Im Dienst dieser »gläubigen
Erforschung des Glaubensverständnisses« steht in besonderer Weise die »Berufung«
des Theologen in der Kirche: »Unter den durch den Geist in der Kirche
entfachten Berufungen - so lesen wir in der Instruktion Donum veritatis
- zeichnet sich die des Theologen aus, dessen Aufgabe darin besteht, in
Gemeinschaft mit dem Lehramt ein immer tieferes Verständnis des Wortes Gottes,
wie es in der inspirierten und von der lebendigen Tradition der Kirche
getragenen Schrift enthalten ist, zu gewinnen. Der Glaube strebt von seiner Natur
her nach Erkenntnis, denn er enthüllt dem Menschen die Wahrheit über seine
Bestimmung und den Weg, sie zu erreichen. Obwohl diese geoffenbarte Wahrheit
all unser Reden überschreitet und unsere Begriffe angesichts seiner letzten
Endes unergründlichen Erhabenheit (vgl. Eph 3, 19) unvollkommen bleiben,
so fordert sie doch unsere Vernunft, dieses Geschenk Gottes, zum Erfassen der
Wahrheit auf, in ihr Licht einzutreten und so fähig zu werden, das Geglaubte in
einem gewissen Maß auch zu verstehen. Theologische Wissenschaft, die sich um
das Verständnis des Glaubens in Antwort auf die Stimme der sie ansprechenden
Wahrheit bemüht, hilft dem Volk Gottes, gemäß dem Auftrag des Apostels (vgl. 1
Petr 3, 15) dem, der nach seiner Hoffnung fragt, Rede und Antwort zu stehen«.
Für die
Identitätsbestimmung der Theologie und folglich für die Verwirklichung ihrer
eigentlichen Funktion ist es äußerst wichtig, ihren inneren und lebendigen
Zusammenhang mit der Kirche, ihrem Geheimnis, ihrem Leben und ihrer Sendung
anzuerkennen: »Die Theologie ist kirchliche Wissenschaft, weil sie in der
Kirche wächst und über die Kirche handelt... Sie steht im Dienst der Kirche und
muß sich daher dynamisch einbezogen fühlen in die Sendung der Kirche, besonders
in ihre prophetische Funktion«. Aufgrund ihrer Natur und ihres
Dynamismus kann die authentische Theologie nur durch eine überzeugte und
verantwortliche Teilnahme und »Zugehörigkeit« zur Kirche als
»Glaubensgemeinschaft« blühen und sich entfalten, so wie dieser Kirche und
ihrem Glaubensleben das Ergebnis der Forschung und theologischen Vertiefung zum
Nutzen gereicht.
110.
Was wir über die Theologie im allgemeinen gesagt haben, kann und muß erneut für
die Moraltheologie vorgetragen werden, insofern sie begriffen wird in
ihrer Eigentümlichkeit als wissenschaftliche Reflexion über das Evangelium
als Geschenk und Gebot neuen Lebens, über das Leben, das »von der Liebe
geleitet, sich an die Wahrheit hält« (vgl. Eph 4, 15), über das
heiligmäßige Leben der Kirche, in welchem die Wahrheit des zu seiner Vollendung
gebrachten Guten glänzt. Nicht nur im Bereich des Glaubens, sondern auch und
untrennbar davon im Bereich der Moral greift das Lehramt der Kirche ein,
dessen Aufgabe es ist, »durch das Gewissen der Gläubigen bindende Urteile jene
Handlungen zu bezeichnen, die in sich selber mit den Forderungen des Glaubens
übereinstimmen und seine Anwendung im Leben fördern, aber auch jene Handlungen,
die aufgrund ihres inneren Schlechtseins mit diesen Forderungen unvereinbar
sind«. Durch die Verkündigung der Gebote Gottes und der Liebe
Christi lehrt das Lehramt der Kirche die Gläubigen auch konkrete Einzelgebote
und verlangt von ihnen, sie gewissenhaft als sittlich verpflichtend zu
betrachten. Außerdem übt das Lehramt ein wichtiges Wächteramt aus, indem es die
Gläubigen vor möglichen, auch nur implizit vorhandenen Irrtümern warnt, wenn
ihr Gewissen nicht dahin gelangt, die Richtigkeit und Wahrheit der vom Lehramt
der Kirche gelehrten sittlichen Regeln anzuerkennen.
Hinzukommt hier
die besondere Aufgabe all derer, die im Auftrag der zuständigen Bischöfe in den
Priesterseminaren und an den Theologischen Fakultäten Moraltheologie lehren.
Sie haben die schwere Pflicht, die Gläubigen - besonders die künftigen Seelsorger
- über alle Gebote und über die praktischen Normen zu unterweisen, die die
Kirche mit Autorität verkündet. Die Moraltheologen sind
aufgerufen, unbeschadet der möglichen Grenzen menschlicher, vom Lehramt
vorgelegter Beweisführungen die Argumentation seiner Verlautbarungen zu
vertiefen, die Berechtigung seiner Vorschriften und ihren verpflichtenden
Charakter zu erläutern, indem sie deren gegenseitigen Zusammenhang und ihre
Beziehung zum Endziel des Menschen aufzeigen. Den Moraltheologen
fällt die Aufgabe zu, die Lehre der Kirche darzulegen und bei der Ausübung
ihres Amtes das Beispiel einer loyalen, inneren und äußeren Zustimmung zur
Lehre des Lehramtes sowohl auf dem Gebiet des Dogmas wie auf dem der Moral zu
geben. Den Moraltheologen wird es, wenn sie ihre Kräfte zur
Zusammenarbeit mit dem hierarchischen Lehramt vereinen, ein Anliegen sein, die
biblischen Grundlagen, die ethischen Inhalte und die anthropologischen
Begründungen, auf denen die von der Kirche vorgelegte Morallehre und Sicht des
Menschen aufruhen, immer klarer herauszustellen.
111.
Der Dienst, den die Moraltheologen in der heutigen Zeit zu leisten aufgerufen
sind, hat nicht nur für das Leben und die Sendung der Kirche, sondern auch für
die menschliche Gesellschaft und Kultur eine äußerst wichtige Bedeutung. Ihnen
obliegt es, in tiefer und lebendiger Verbindung mit der biblischen Theologie
und der Dogmatik in wissenschaftlicher Reflexion »den dynamischen Aspekt zu
unterstreichen, der die Antwort bestimmt, die der Mensch in seinem
Wachstumsprozeß in der Liebe, innerhalb der Heilsgemeinschaft auf den
göttlichen Anruf geben soll. Auf diese Weise wird die Moraltheologie eine ihr
innewohnende geistliche Dimension annehmen, die den Forderungen nach voller
Entfaltung der imago Dei, des Gottesbildes, das im Menschen ist, und den
Gesetzen des in der christlichen Aszetik und Mystik beschriebenen geistlichen
Prozesses entspricht«.
Sicher sehen
sich die Moraltheologie und ihre Lehre heutzutage einer besonderen
Schwierigkeit gegenüber. Da die Moral der Kirche notwendigerweise eine
normative Dimension einschließt, kann sich die Moraltheologie nicht auf ein nur
im Rahmen der sogenannten Humanwissenschaften erarbeitetes Wissen
beschränken. Während sich diese mit dem Phänomen der Sittlichkeit als
historisches und soziales Faktum beschäftigen, ist hingegen die Moraltheologie,
die sich zwar der Human-und Naturwissenschaften bedienen muß, nicht den
Ergebnissen der empirisch-formalen Beobachtung oder des phänomenologischen
Verständnisses untergeordnet. Tatsächlich muß die Zuständigkeit der
Humanwissenschaften in der Moraltheologie stets an der ursprünglichen Frage
gemessen werden: Was ist gut bzw. böse? Was muß ich tun, um das ewige Leben
zu gewinnen?
112.
Der Moraltheologe muß darum im Rahmen der heute überwiegend
naturwissenschaftlichen und technischen Kultur, die den Gefahren des
Relativismus, des Pragmatismus und des Positivismus ausgesetzt ist, sorgfältig unterscheiden.
Vom theologischen Standpunkt her sind die moralischen Prinzipien nicht vom
geschichtlichen Augenblick abhängig, in dem sie entdeckt werden. Die Tatsache,
daß manche Gläubige handeln, ohne die Lehren des Lehramtes zu befolgen, oder
ein Verhalten zu Unrecht als sittlich richtig ansehen, das von ihren Hirten als
dem Gesetz Gottes widersprechend erklärt worden ist, kann kein stichhaltiges
Argument darstellen, um die Wahrheit der von der Kirche gelehrten sittlichen
Normen zurückzuweisen. Die Bestätigung der sittlichen Normen fällt nicht in die
Zuständigkeit der empirisch-formalen Methoden. Ohne die Gültigkeit solcher
Methoden zu verneinen, aber auch ohne ihre eigene Perspektive auf diese zu
beschränken, betrachtet die Moraltheologie in Treue zum übernatürlichen Sinn
des Glaubens vor allem die geistliche Dimension des menschlichen Herzens und
seine Berufung zur göttlichen Liebe.
Während die
Humanwissenschaften nämlich wie alle experimentellen Wissenschaften ein
empirisches und statistisches Konzept von »Normalität« entfalten, lehrt der
Glaube, daß eine solche Normalität die Spuren eines Falles des Menschen aus der
Höhe seines ursprünglichen Zustandes in sich trägt, daß sie also von der Sünde
angegriffen ist. Einzig und allein der christliche Glaube weist dem Menschen
den Weg der Rückkehr zum »Anfang« (vgl. Mt 19, 8), ein Weg, der häufig
sehr verschieden ist von dem der empirischen Normalität. So können die
Humanwissenschaften unbeschadet des großen Wertes der Erkenntnisse, die sie
anbieten, nicht als die entscheidenden Wegweiser für das Aufstellen sittlicher
Normen angesehen werden. Es ist das Evangelium, das die ganze Wahrheit über den
Menschen und über den sittlichen Weg enthüllt und so die Sünder erleuchtet und
ermahnt und ihnen von der Barmherzigkeit Gottes kündet, der unablässig wirkt,
um sie zu bewahren sowohl vor der Verzweiflung darüber, daß sie das göttliche
Gesetz nicht erkennen und befolgen können, als auch vor der falschen Meinung,
sich ohne Verdienst retten zu können. Es erinnert sie darüber hinaus an die
Freude der Vergebung, die allein die Kraft dazu verleiht, im sittlichen Gesetz
eine befreiende Wahrheit, eine Gnade zur Hoffnung, einen Lebensweg zu erkennen.
113.
Die Sittenlehre schließt die bewußte Übernahme dieser intellektuellen,
geistlichen und pastoralen Verantwortlichkeiten ein. Deshalb haben die
Moraltheologen, die den Auftrag zur Unterweisung in der Lehre der Kirche
annehmen, die schwere Aufgabe, die Gläubigen zu diesem sittlichen
Unterscheidungsvermögen, zum Einsatz für das wahre Gute und zur
vertrauensvollen Hinwendung zur göttlichen Gnade zu erziehen.
Auch wenn
Auseinandersetzungen und Meinungskonflikte im Rahmen einer repräsentativen
Demokratie normale Ausdrucksformen des öffentlichen Lebens darstellen mögen, so
kann die Sittenlehre gewiß nicht von der einfachen Befolgung eines
Entscheidungsverfahrens abhängen: Sie wird überhaupt nicht durch die Befolgung
von Regeln und Entscheidungsverfahren demokratischer Art bestimmt. Der von
kalkuliertem Protest und Polemik bestimmte, durch die Kommunikationsmittel
herbeigeführte Dissens steht im Widerspruch zur kirchlichen Gemeinschaft und
zum richtigen Verständnis der hierarchischen Verfassung desVolkes Gottes. Im
Widerstand gegen die Lehre der Hirten ist weder eine legitime Ausdrucksform der
christlichen Freiheit noch der Vielfalt der Gaben des Geistes zu erkennen. In
diesem Fall haben die Hirten die Pflicht, ihrem apostolischen Auftrag gemäß zu
handeln und zu verlangen, daß das Recht der Gläubigen, die katholische
Lehre rein und unverkürzt zu empfangen, immer geachtet wird: »Da er nie
vergessen wird, daß auch er ein Glied des Volkes Gottes ist, muß der Theologe
dieses achten und sich bemühen, ihm eine Lehre vorzutragen, die in keiner Weise
der Glaubenslehre Schaden zufügt«.
Unsere
Verantwortlichkeiten als Hirten
114.
Die Verantwortung gegenüber dem Glauben und dem Glaubensleben des Volkes Gottes
lastet ganz besonders und wesentlich auf den Bischöfen, woran uns das II.
Vatikanische Konzil erinnert: »Unter den hauptsächlichsten Ämtern der Bischöfe
hat die Verkündigung des Evangeliums einen hervorragenden Platz. Denn die
Bischöfe sind Glaubensboten, die Christus neue Jünger zuführen; sie sind
authentische, das heißt mit der Autorität Christi ausgerüstete Lehrer. Sie
verkündigen dem ihnen anvertrauten Volk die Botschaft zum Glauben und zur
Anwendung auf das sittliche Leben und erklären sie im Licht des Heiligen Geistes,
indem sie aus dem Schatz der Offenbarung Neues und Altes vorbringen (vgl. Mt
13, 52). So lassen sie den Glauben fruchtbar werden und halten die ihrer
Herde drohenden Irrtümer wachsam fern (vgl. 2 Tim 4, 14)«.
Es ist unsere
gemeinsame Pflicht und zuvor noch unsere gemeinsame Gnade, als Hirten und
Bischöfe der Kirche die Gläubigen das zu lehren, was sie auf den Weg des Herrn
führt, so wie es einst der Herr Jesus mit dem jungen Mann des Evangeliums
gemacht hat. In der Antwort auf seine Frage: »Was muß ich Gutes tun, um das
ewige Leben zu gewinnen?« hat Jesus auf Gott, den Herrn der Schöpfung und des
Bundes, verwiesen; er hat die bereits im Alten Testament geoffenbarten
sittlichen Gebote in Erinnerung gerufen; er hat auf deren Geist und Radikalität
hingedeutet, als er ihn zur Nachfolge in Armut, Demut und Liebe aufforderte:
»Komm und folge mir nach!«. Die Wahrheit dieser Lehre hat ihr Siegel am Kreuz
im Blut Christi ausgedrückt erhalten: Sie ist im Heiligen Geist zum neuen
Gesetz der Kirche und jedes Christen geworden.
Diese »Antwort«
auf die Fragen der Moral wird von Jesus Christus in besonderer Weise uns
Bischöfen der Kirche anvertraut, die wir aufgerufen sind, sie zum Gegenstand
unserer Unterweisung zu machen, anvertraut in der Erfüllung unseres munus
propheticum. Zugleich muß sich unsere Verantwortung als Hirten gegenüber
der christlichen Sittenlehre auch in der Form des munus sacerdotale erfüllen:
Das geschieht, wenn wir den Gläubigen die Gaben der Gnade und Heiligung spenden
als Mittel zum Gehorsam gegenüber dem heiligen Gesetz Gottes und wenn wir durch
unser ständiges und vertrauensvolles Gebet die Gläubigen stärken, damit sie den
Anforderungen des Glaubens treu sind und dem Evangelium gemäß leben (vgl. Kol
1, 9-12). Die christliche Sittenlehre muß vor allem heute einen der
bevorzugten Bereiche unserer pastoralen Wachsamkeit, der Ausübung unseres munus
regale, bilden.
115.
Es ist in der Tat das erste Mal, daß das Lehramt der Kirche die Grundelemente
dieser Lehre mit einer gewissen Ausführlichkeit darlegt und die Erfordernisse
der in komplexen und mitunter kritischen praktischen und kulturellen
Situationen absolut notwendigen pastoralen Unterscheidung aufzeigt.
Im Licht der
Offenbarung und der beständigen Lehre der Kirche und insbesondere des II.
Vatikanischen Konzils habe ich kurz an die wesentlichen Züge der Freiheit, die
mit der Würde der menschlichen Person und mit der Wahrheit ihrer Handlungen
verbundenen Grundwerte in Erinnerung gerufen, um so im Gehorsam gegenüber dem Sittengesetz
eine Gnade und ein Zeichen unserer Gotteskindschaft in dem einen Sohn (vgl. Eph
1, 4-6) erkennen zu können. Insbesondere werden mit dieser Enzyklika
Bewertungen einiger gegenwärtiger Tendenzen der Moraltheologie vorgelegt. Diese
teile ich hier mit im Gehorsam gegenüber dem Wort des Herrn, der Petrus
beauftragt hat, seine Brüder zu stärken (vgl. Lk 22, 32), zur
Erleuchtung und Hilfe für unsere gemeinsame Aufgabe der Unterscheidung der
Geister.
Jeder von uns
weiß um die Bedeutung der Lehre, die den Kern dieser Enzyklika darstellt und an
die heute mit der Autorität des Nachfolgers Petri erinnert wird. Jeder von uns
kann den Ernst dessen spüren, worum es mit der erneuten Bekräftigung der
Universalität und Unveränderlichkeit der sittlichen Gebote und insbesondere
derjenigen, die immer und ohne Ausnahme in sich schlechte Akte
verbieten, nicht nur für die einzelnen Personen, sondern für die ganze
Gesellschaft geht.
In Anerkenntnis
dieser Gebote vernehmen das Herz des Christen und unsere pastorale Liebe den
Anruf dessen, der »uns zuerst geliebt hat« (1 Joh 4, 19). Gott verlangt
von uns, heilig zu sein, wie er heilig ist (vgl. Lev 19, 2), vollkommen
zu sein - in Christus -, wie er vollkommen ist (vgl. Mt 5, 48): Die
anspruchsvolle Festigkeit des Gebotes beruht auf der unerschöpflichen
barmherzigen Liebe Gottes (vgl. Lk 6, 36), und das Ziel des Gebotes ist
es, uns mit der Gnade Christi auf den Weg der Fülle des Lebens der Kinder
Gottes zu führen.
116.
Wir haben als Bischöfe die Pflicht, darüber zu wachen, daß das Wort Gottes
zuverlässig gelehrt wird. Meine Mitbrüder im Bischofsamt, es gehört zu
unserem Hirtenamt, über die getreue Weitergabe dieser Morallehre zu wachen und
die passenden Maßnahmen zu ergreifen, damit die Gläubigen vor jeder Lehre und
Theorie, die ihr widersprechen, geschützt werden. In dieser Aufgabe werden wir
alle von den Theologen unterstützt; die theologischen Meinungen bilden jedoch
weder die Regel noch die Norm für unsere Lehre. Ihre Autorität beruht, mit dem
Beistand des Heiligen Geistes und in der Gemeinschaft cum Petro et sub
Petro, auf unserer Treue zu dem von den Aposteln empfangenen katholischen
Glauben. Als Bischöfe haben wir die schwerwiegende Verpflichtung, persönlich
darüber zu wachen, daß in unseren Diözesen die »gesunde Lehre« (1 Tim 1,
10) des Glaubens und der Moral gelehrt wird.
Eine besondere
Verantwortung obliegt den Bischöfen im Hinblick auf diekatholischen
Institutionen. Ob es sich um Organe für die Familien-oder Sozialpastoral
oder um Einrichtungen handelt, die sich dem Unterricht oder der medizinischen
Betreuung und Krankenpflege widmen, die Bischöfe können diese Strukturen
errichten und anerkennen und ihnen eine Reihe von Verantwortlichkeiten
übertragen; das entbindet sie jedoch niemals von ihren eigenen Verpflichtungen.
Sie haben gemeinsam mit dem Heiligen Stuhl die Aufgabe, Schulen,
Universitäten, Krankenhäusern sowie anderen medizinischen und
sozialen Einrichtungen, die sich auf die Kirche berufen, die Bezeichnung
»katholisch« zuzuerkennen oder, in Fällen schwerwiegender Nichtübereinstimmung,
abzuerkennen.
117.
Im Herzen des Christen, in der verborgensten Mitte des Menschen, klingt immer
wieder die Frage an, die eines Tages der junge Mann des Evangeliums an Jesus
richtete: »Meister, was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?« (Mt
19, 16). Es ist freilich notwendig, daß ein jeder diese Frage an den
»guten« Meister richtet, denn er ist der Einzige, der in jeder Situation, unter
den verschiedensten Umständen im Vollbesitz der Wahrheit zu antworten vermag.
Und wenn Christen an ihn die Frage richten, die aus ihrem Gewissen aufsteigt,
antwortet der Herr mit den Worten des Neuen Bundes, die er seiner Kirche
anvertraut hat. Wir sind nun einmal, wie der Apostel von sich sagt, gesandt,
»das Evangelium zu verkünden, aber nicht mit gewandten und klugen Worten, damit
das Kreuz Christi nicht um seine Kraft gebracht wird« (1 Kor 1,
17). Darum besitzt die Antwort der Kirche auf die Frage des Menschen die
Weisheit und Macht des gekreuzigten Christus, die sich hingebende Wahrheit.
Wenn die
Menschen der Kirche Gewissensfragen stellen, wenn sich in der Kirche die
Gläubigen an die Bischöfe und Hirten wenden, dann findet sich in der Antwort
der Kirche die Stimme Jesu Christi, die Stimme der Wahrheit über Gut und Böse.
In dem von der Kirche verkündeten Wort erklingt im Innersten der Menschen die
Stimme Gottes, der »allein der Gute« (Mt 19, 17), der allein »die Liebe«
(1 Joh 4, 8.16) ist.
Dieses zugleich
liebenswürdige wie auch anspruchsvolle Wort wird in der Salbung mit dem
Geist zu Licht und Leben für den Menschen. Wiederum ist es der Apostel
Paulus, der uns einlädt, Vertrauen zu haben, denn »unsere Befähigung stammt von
Gott. Er hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht des
Buchstabens, sondern des Geistes... Der Herr aber ist der Geist, und wo der
Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit. Wir alle spiegeln mit enthülltem
Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild
verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn« (2
Kor 3, 5-6. 17-18).
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