VII. DAS ERBARMEN GOTTES IN DER SENDUNG DER KIRCHE
Im Zusammenhang
mit diesem Bild unserer Generation, das unvermeidlich tiefe Unruhe hervorruft,
erinnern wir uns der Worte, die aus Anlaß der Menschwerdung des Gottessohnes im
Magnifikat Marias erklangen und das Erbarmen »von Geschlecht zu
Geschlecht« preisen. Die Kirche unserer Zeit muß sich, indem sie die
Ausdruckskraft dieser inspirierten Worte stets im Herzen bewahrt und sie auf
die Erfahrungen und Leiden der großen Menschheitsfamilie anwendet, der
Notwendigkeit tiefer und eingehender bewußt werden, in ihrer ganzen Sendung,
auf den Spuren der Tradition des Neuen und des Alten Bundes und vor allem auf
den Spuren Jesu Christi und seiner AposteI, für das Erbarmen Gottes Zeugnis
abzulegen. Die Kirche muß für das Erbarmen Gottes, das Christus in seiner
gesamten messianischen Sendung offenbart hat, Zeugnis ablegen, indem sie es
zunächst als heilbringende Glaubenswahrheit bekennt, die zugleich für
ein Leben notwendig ist, das mit dem Glauben übereinstimmen soll, und dann sucht,
dieses Erbarmen sowohl in das Leben ihrer Gläubigen als auch nach Möglichkeit
in das aller Menschen guten Willens einzuführen und dort Fleisch werden zu
lassen. Schließlich hat die Kirche, indem sie dieses Erbarmen bekennt und
ihm allzeit treu bleibt, das Recht und die Pflicht, sich auf das Erbarmen
Gottes zu berufen und es angesichts aller Erscheinungsformen von physischem und
moralischem Übel, angesichts aller Bedrohungen, die über dem gesamten Horizont
des Lebens der heutigen Menschheit lasten, zu ergehen.
13.
Die Kirche bekennt und verkündet das Erbarmen Gottes
Die Kirche
muß das göttliche Erbarmen in all seiner Wahrheit, wie sie uns die Offenbarung
überliefert hat, bekennen und verkünden. Auf den vorhergehenden Seiten
dieses Dokumentes haben wir versucht, diese Wahrheit, die die gesamte Heilige
Schrift und die Tradition der Kirche so vielfältig bezeugen, wenigstens in
großen Linien darzulegen. Im täglichen Leben der Kirche klingt die Wahrheit vom
Erbarmen Gottes, wie sie in der Bibel zum Ausdruck kommt, ständig in
zahlreichen Lesungen der heiligen Liturgie an. Das echte Glaubensbewußtsein des
Volkes Gottes nimmt sie wahr, wie verschiedene Formen der persönlichen und der
gemeinschaftlichen Frömmigkeit bezeugen. Es wäre sicher schwierig, sie alle
hier aufzuzählen und zusammenzufassen, sind sie doch zum größten Teil im
Innersten der Herzen und Gedanken der Menschen lebendig eingeprägt. Wenn einige
Theologen sagen, daß das Erbarmen unter den Attributen und Vollkommenheiten
Gottes das wichtigste ist, so liefern dafür die Bibel, die Tradition und das
ganze Glaubensleben des Volkes Gottes ihre besonderen Zeugnisse. Es handelt
sich hierbei nicht um die Vollkommenheit des unerforschlichen Wesens Gottes im
Geheimnis der Gottheit als solcher, sondern um die Vollkommenheit und das
Attribut, durch das der Mensch in der tiefsten Wahrheit seiner Existenz dem
lebendigen Gott besonders oft und nahe begegnet. Nach den Worten Christi an
Philippus112 findet die Anschauung des Vaters - eine Schau Gottes im
Glauben - gerade in der Begegnung mit seinem Erbarmen eine einzigartige Gestalt
innerer Einfachheit und Wahrheit, jener ähnlich, die wir im Gleichnis vom
verlorenen Sohn finden.
»Wer mich
gesehen hat, hat den Vater gesehen«.113 Die Kirche bekennt das Erbarmen
Gottes, sie lebt davon in ihrer reichen Glaubenserfahrung und auch in ihrer
Lehre, indem sie unablässig Christus betrachtet und sich auf ihn ausrichtet,
auf sein Leben und sein Evangelium, auf sein Kreuz und seine Auferstehung, auf
sein Geheimnis insgesamt. Alles was zur »Anschauung« Christi im lebendigen
Glauben und in der Lehre der Kirche gehört, bringt uns der »Anschauung des
Vaters« in der Heiligkeit seines Erbarmens näher. Die Kirche bekennt und
verehrt das Erbarmen Gottes, so will es scheinen, auf besondere Weise, indem
sie sich an Christi Herz wendet. Tatsächlich erlaubt uns gerade die Hinwendung
zu Christus im Geheimnis seines Herzens, bei diesem Thema der Offenbarung, der
erbarmenden Liebe des Vaters, zu verweilen, das den innersten Kern der
messianischen Sendung des menschgewordenen Gottessohnes ausmacht: ein zentraler
Punkt und gleichzeitig der dem Menschen am leichtesten zugängliche.
Die Kirche lebt ein authentisches
Leben, wenn sie das Erbarmen bekennt und verkündet - das am meisten
überraschende Attribut des Schöpfers und des Erlösers - und wenn sie die
Menschen zu den Quellen des Erbarmens des Heilandes führt, welche sie hütet und
aus denen sie austeilt. Große Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der
ständigen Betrachtung des Wortes Gottes zu und vor allem der bewußten, mit
innerer Reife vollzogenen Feier der Eucharistie und des Sakraments der Buße
oder Versöhnung. Die Eucharistie nähert uns ja immer mehr jener Liebe,
die mächtiger ist als der Tod: »Sooft wir von diesem Brot essen und aus diesem
Kelch trinken«, verkünden wir nicht nur den Tod des Erlösers, sondern auch
seine Auferstehung, »bis er kommt« in Herrlichkeit.114 Die gleiche
Eucharistiefeier, die zum Gedächtnis dessen gefeiert wird, der uns in seiner
messianischen Sendung durch sein Wort und sein Kreuz den Vater geoffenbart hat,
beweist die unerschöpfliche Liebe, durch die er immer danach strebt,
sich mit uns zu verbinden und mit uns einszuwerden, indem er allen
Menschenherzen entgegenkommt. Das Sakrament der Buße oder Versöhnung ebnet
dabei den Weg zu jedem Menschen selbst dann, wenn er mit schwerer Schuld
beladen ist. In diesem Sakrament kann jeder Mensch auf einzigartige Weise das
Erbarmen erfahren, das heißt die Liebe, die mächtiger ist als die Sünde.
Darüber wurde bereits in der Enzyklika Redemptor Hominis gesprochen; es
ist jedoch sinnvoll, noch einmal auf dieses grundlegende Thema einzugehen.
Gerade weil es
die Sünde in der Welt gibt, die »Gott so sehr geliebt hat, daß er seinen
einzigen Sohn hingab«,115 kann Gott, der »die Liebe«116
ist, sich nicht anders denn als Erbarmen offenbaren. Dieses
Erbarmen entspricht nicht nur der tiefsten Wahrheit jener Liebe, die Gott ist,
sondern auch der ganzen inneren Wahrheit des Menschen und der Welt, seiner
derzeitigen Heimat.
Das Erbarmen
als solches ist als Vollkommenheit des unendlichen Gottes auch selbst
unendlich. Unendlich und unerschöpflich ist daher die Bereitschaft des Vaters,
die verlorenen Söhne aufzunehmen, die zu seinem Hause zurückkehren. Unendlich
sind die Bereitschaft und die Macht der Vergebung, die unablässig aus dem
wunderbaren Wert des Opfers des Sohnes hervorgehen. Keine menschliche Sünde
kann diese Macht bezwingen oder auch nur einschränken. Von seiten des Menschen
kann sie nur der Mangel an gutem Willen, der Mangel an Bereitschaft zur
Bekehrung und zur Buße, also die hartnäckige Verstockung einschränken, die sich
der Gnade und der Wahrheit widersetzt, besonders vor dem Zeugnis des Kreuzes
und der Auferstehung Christi.
Die Kirche
bekennt und verkündet also die Bekehrung. Die Bekehrung zu Gott ist immer ein Entdecken
seines Erbarmens, jener Liebe also, die nach dem Maßstab des Schöpfers und
Vaters langmütig und wohlwollend117 ist: jener Liebe, der »der Gott und
Vater Jesu Christi, unseres Herrn«,118 in der Geschichte des Bundes mit
dem Menschen treu ist bis zum Äußersten, bis zum Kreuz, zum Tod und zur
Auferstehung seines Sohnes. Die Bekehrung zu Gott ist immer Frucht des
»Wiederfindens« dieses Vaters, der voll des Erbarmens ist.
Die wahre
Kenntnis Gottes in seinem Erbarmen und seiner wohlwollenden Liebe ist eine
ununterbrochene und nie versiegende Quelle der Bekehrung, die nicht als nur
vorübergehender innerer Akt zu verstehen ist, sondern als ständige Haltung, als
Zustand der Seele. Denn wer Gott auf diese Weise kennenlernt, ihn so »sieht«,
kann nicht anders, als in fortwährender Bekehrung zu ihm zu leben. Er lebt also
in statu conversionis, im Zustand der Bekehrung; gerade diese
Haltung stellt das tiefste Element der Pilgerfahrt jedes Menschen auf dieser
Erde in statu viatoris, im Zustand des Unterwegs-seins, dar
Selbstverständlich bekennt die Kirche das Erbarmen Gottes, das im gekreuzigten
und auferstandenen Christus geoffenbart wurde, nicht nur mit den Worten ihrer
Lehre, sondern vor allem mit dem lebendigen Pulsschlag des ganzen Volkes Gottes.
Durch dieses Lebenszeugnis erfüllt die Kirche die dem Volk Gottes eigene
Mission, die an der messianischen Sendung Christi teilhat und diese in gewissem
Sinne fortsetzt.
Die Kirche von
heute ist sich voll bewußt, daß sie nur dann die aus der Lehre des Zweiten
Vatikanischen Konzils entstehenden Aufgaben verwirklichen kann, wenn sie sich
auf das Erbarmen Gottes stützt; das gilt in erster Linie von der ökumenischen
Aufgabe, welche die Einheit aller anstrebt, die sich zu Christus bekennen.
Indem die Kirche zahlreiche Bemühungen in diesem Sinn unternimmt, bekennt sie
demütig, daß nur die Liebe, die mächtiger ist als die Schwäche der
menschlichen Uneinigkeit, jene Einheit endgültig verwirklichen kann, um
die Christus den Vater anflehte und die der Heilige Geist unablässig »mit
Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können«,119 erbittet.
14.
Die Kirche sucht das Erbarmen zu verwirklichen
Jesus Christus
hat gelehrt, daß der Mensch das Erbarmen Gottes nicht nur empfängt und erfährt,
sondern auch berufen ist, an seinen Mitmenschen »Erbarmen zu üben«: »Selig die
Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden«.120 Die Kirche sieht in
diesen Worten einen Aufruf zum Handeln und bemüht sich, Erbarmen zu üben.
Obwohl alle Seligpreisungen der Bergpredigt den Weg der Bekehrung und der
Lebensänderung weisen, ist die von den Barmherzigen hierin besonders sprechend.
Der Mensch hat Zugang zur erbarmenden Liebe Gottes, zu seinem Erbarmen, im Maß
und insofern er sich selbst innerlich von diesem Geist der Liebe zum Nächsten
umwandeln läßt.
Dieser wahrhaft
evangelische Prozeß ist mehr als eine ein für allemal verwirklichte geistliche
Umkehr; er ist ein Lebensstil, ein wesentliches und immerwährendes Kennzeichen
der christlichen Berufung. Er besteht in der ständigen Entdeckung und
ausdauernden Verwirklichung der Liebe als einigender und zugleich erhebender
Kraft - allen psychologisch oder sozial bedingten Schwierigkeiten zum
Trotz; es handelt sich um eine erbarmende Liebe, die ihrem Wesen nach
schöpferisch ist. Die erbarmende Liebe ist in den zwischenmenschlichen
Beziehungen nie ein einseitiger Akt oder Prozeß. Selbst dort, wo allem Anschein
nach nur ein Teil gibt und hingibt und der andere nur empfängt und nimmt (z.B.
im Fall des Arztes, der behandelt; des Lehrers, der unterrichtet; der Eltern,
die die Kinder ernähren und erziehen; des Wohltäters, der die Bedürftigen
unterstützt), wird tatsächlich auch der Geber immer zum Beschenkten. Auch kann
er leicht selbst in die Lage dessen kommen, der empfängt, dem eine Wohltat
zuteil wird, der die erbarmende Liebe erfährt, der Gegenstand von Erbarmen
wird.
Der gekreuzigte
Christus ist uns hierin im Höchstmaß Beispiel, Anregung und Aufruf. Auf
dieses ergreifende Vorbild schauend, können wir in aller Demut den anderen
Erbarmen erweisen, wohl wissend, daß Christus es als ihm selbst erwiesen
annimmt.121 Dieses Vorbild ins Auge fassend, müssen wir auch ständig
all jene Handlungen und Absichten läutern, in denen wir das Erbarmen nur in
einer Richtung, nur als Wohltat für den anderen auffassen und üben, während ein
echter Akt erbarmender Liebe die Überzeugung in uns voraussetzt, daß wir
zugleich von denen Erbarmen empfangen, denen wir es erweisen. Fehlt diese
Gegenseitigkeit, dann sind weder unsere Handlungen echte Akte des Erbarmens,
noch hat sich in uns die Bekehrung restlos vollzogen, deren Weg uns Christus
mit seinem Wort und Beispiel bis zum Kreuz gewiesen hat, noch haben wir schon
vollen Anteil an dem wunderbaren Quell der erbarmenden Liebe, den er uns
erschlossen hat.
So ist also der
Weg, den Christus uns in der Bergpredigt mit der Seligpreisung der Barmherzigen
gewiesen hat, viel reicher, als es manche allgemein übliche Ansichten über das
Erbarmen wahrhaben wollen. Diese Ansichten sehen im Erbarmen einen Akt oder
Vorgang, der nur in eine Richtung geht und zwischen dem, der es übt, und
dem, der damit beschenkt wird, zwischen dem, der das Gute tut, und dem, der
empfängt, einen Abstand voraussetzt und aufrecht erhält. Aus dieser Sicht
ergibt sich die Anmaßung, die zwischenmenschlichen und sozialen Beziehungen vom
Erbarmen zu befreien und ausschließlich auf die Gerechtigkeit zu gründen.
Solchem Denken über das Erbarmen entgeht das fundamentale Band zwischen
Erbarmen und Gerechtigkeit, von dem die ganze biblische Tradition und noch mehr
die messianische Sendung Jesu Christi spricht. Das echte Erbarmen ist
sozusagen die tiefste Quelle der Gerechtigkeit. Ist es der letzteren
gegeben, zwischen den Menschen nach Gebühr »Recht zu sprechen«, wenn sie die
Sachgüter verteilen und tauschen, so ist die Liebe und nur die Liebe (auch jene
gütige Liebe, die wir als »Erbarmen« bezeichnen) fähig, den Menschen sich
selbst zurückzugeben.
Das wahrhaft christliche Erbarmen
ist in gewisser Hinsicht auch die vollkommenste Inkarnation der
»Gleichheit« unter den Menschen und daher auch die vollkommenste Inkarnation
der Gerechtigkeit, insofern auch diese in ihrem Bereich das gleiche
Ergebnis anstrebt. Die von der Gerechtigkeit bewirkte Gleichheit beschränkt
sich jedoch auf den Bereich der äußeren, der Sachgüter, während Liebe und
Erbarmen die Menschen dazu bringen, einander in dem Wert zu begegnen, den der
Mensch selbst in der ihm eigenen Würde darstellt. Auch löscht die von der
»langmütigen« und »gütigen«122 Liebe geschaffene Gleichheit unter den
Menschen die Unterschiede keineswegs aus: wer gibt, wird hochherziger, wenn er
sich gleichzeitig von dem beschenkt fühlt, der seine Gabe empfängt; umgekehrt
leistet der Empfänger, der die Gabe in dem Bewußtsein anzunehmen weiß, daß er
mit diesem Annehmen etwas Gutes tut, seinerseits einen Beitrag in dem großen
Anliegen der personalen Würde und hilft so, die Menschen in tiefere Verbindung
zueinander zu bringen.
Mithin wird das
Erbarmen zu einem unerläßlichen Element, sollen die Beziehungen der Menschen
zueinander vom Geist höchster Achtung des wahrhaft Menschlichen und
gegenseitiger Brüderlichkeit geprägt werden. Es ist unmöglich, dieses
Band unter den Menschen zu knüpfen, wenn ihre Beziehungen zueinander keinen
anderen Maßstab kennen als den der Gerechtigkeit. Diese muß in allen Bereichen
zwischenmenschlicher Beziehung sozusagen eine tiefgreitende »Korrektur«
erfahren: durch die Liebe, welche nach dem Hohen Lied des heiligen Paulus
»langmütig« und »gütig« ist oder, anders ausgedrückt, die für das Evangelium
und das Christentum so wesentlichen Züge des Erbarmens trägt. Wir wollen
darüber hinaus daran erinnern, daß die erbarmende Liebe auch jene
herzliche Zärtlichkeit und Empfindsamkeit in sich schließt, die uns im
Gleichnis vom verlorenenen Sohn so eindrucksvoll vor Augen geführt
wird123 oder auch in denen vom verlorenen Schaf und von der verlorenen
Drachme.124 Am wenigsten darf die erbarmende Liebe zwischen denen
fehlen, die einander am nächsten sind: Ehegatten, Eltern und Kinder, Freunde;
unerläßlich ist sie auch im Erziehungswesen und in der Seelsorge.
Ihre
Ausstrahlung reicht aber weiter. Wenn Paul VI. mehrmals von der »Kultur der
Liebe«125 als dem Ziel gesprochen hat, auf das alle Anstrengungen auf
sozialem und kulturellem, wirtschaftlichem und politischem Gebiet ausgerichtet
sein müssen, so ist hier hinzuzufügen, daß dieses Ziel unerreichbar bleibt,
solange wir in den weiten und verflochtenen Bereichen des menschlichen
Zusammenlebens mit unseren Entwürfen und Maßnahmen haltmachen bei »Auge für
Auge und Zahn für Zahn«126 und nicht darum bestrebt sind, diesen
Grundsatz umzuformen, zu ergänzen durch einen neuen Geist. In diese Richtung
weist zweifellos auch das Zweite Vatikanische Konzil, wenn es wiederholt von der
Notwendigkeit spricht, die Welt menschlicher zu machen,127 und
die Mission der Kirche in der heutigen Welt eben in der Verwirklichung dieser
Aufgabe sieht. Die Welt der Menschen kann nur dann immer menschlicher werden,
wenn wir in den vielgestaltigen Bereich der zwischenmenschlichen und sozialen
Beziehungen zugleich mit der Gerechtigkeit jene »erbarmende Liebe«
hineintragen, welche die messianische Botschaft des Evangeliums ausmacht.
Die Welt der
Menschen kann nur dann »immer menschlicher« werden, wenn wir in alle
gegenseitigen Beziehungen, die ihr geistiges Antlitz prägen, das Element des
Verzeihens einbringen, welches für das Evangelium so wesentlich ist. Das
Verzeihen bezeugt, daß in der Welt eine Liebe gegenwärtig ist, die stärker
ist als die Sünde. Es ist darüber hinaus die Grundbedingung für die
Versöhnung, nicht nur in den Beziehungen zwischen Gott und dem Menschen,
sondern auch in den gegenseitigen Beziehungen zwischen den Menschen. Eine Welt
ohne Verzeihen wäre eine Welt kalter und ehrfurchtsloser Gerechtigkeit, in
deren Namen jeder dem anderen gegenüber nur seine Rechte einfordert; so könnten
die verschiedenen Formen des Egoismus, die im Menschen schlummern, das Leben
und Zusammenleben der Menschen in ein System der Unterdrückung der Schwächeren
durch die Stärkeren oder in einen Schauplatz ständigen Kampfes der einen gegen
die anderen verwandeln.
Die Kirche muß
es daher in jedem geschicht lichen Zeitalter, aber besonders in unserem als
eine ihrer wichtigsten Aufgaben betrachten, das Geheimnis des Erbarmens, das
uns in Christus aufstrahlt, zu verkünden und ins Leben hineinzutragen.
Dieses Geheimnis ist nicht nur für die Kirche selbst als Gemeinschaft der
Glaubenden, sondern in gewissem Sinn für alle Menschen Quelle eines Lebens,
das grundverschieden ist von dem, welches der Mensch, seiner dreifachen
Begehrlichkeit128 überlassen, aufbauen könnte. Im Namen dieses
Geheimnisses lehrt uns Christus, immer zu verzeihen. Wie oft wiederholen wir in
dem Gebet, das er selbst uns gelehrt hat, die Bitte: »Vergib uns unsere
Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern«, das heißt jenen, die
uns gegenüber schuldig geworden sind!129 Es ist wirklich schwer, den
tiefen Wert der Haltung auszudrücken, welche diese Worte bezeichnen und uns ins
Bewußtsein einprägen wollen. Wieviel sagen sie jedem Menschen über seinen
Mitmenschen und auch über sich selbst! Das Wissen um die Tatsache, daß einer
des anderen Schuldner ist, geht Hand in Hand mit der Berufung zur brüderlichen
Solidarität, die der heilige PauIus in der prägnanten Einladung formuliert:
»Ertragt einander in Liebe«.130 Welches Programm der Demut gegenüber
dem Menschen lehren uns diese Worte - sowohl dem Nächsten als auch sich selbst
gegenüber! Welche Schule des guten Willens für das tägliche Zusammenleben in
den verschiedenen Umständen unseres Daseins sind sie! Was bleibt von allen
»humanistischen« Lebens - und Erziehungsprogrammen, wenn wir diese Lehre
unbeachtet lassen?
Christus legt
auf die Notwendigkeit, den anderen zu verzeihen, so großen Nachdruck, daß er
Petrus auf die Frage, wie oft er dem Nächsten verzeihen müsse, die symbolische
Zahl »siebenundsiebzigmal«131 nennt und hiermit die Antwort gibt, daß
er jedem und jedesmal verzeihen muß. Selbstverständlich hebt die
Forderung, hochherzig zu verzeihen, die objektiven Forderungen der
Gerechtigkeit nicht auf. Die richtig verstandene Gerechtigkeit ist
sozusagen der Zweck des Verzeihens. An keiner Stelle der Frohen Botschaft
bedeutet das Verzeihen, noch seine Quelle, das Erbarmen, ein Kapitulieren vor
dem Bösen, dem Ärgernis, vor der erlittenen Schädigung oder Beleidigung. In
jedem Fall sind Wiedergutmachung des Bösen und des Ärgenisses, Behebung des
Schadens, Genugtuung für die Beleidigung Bedingungen der Vergebung.
So braucht also
das Erbarmen als grundlegende Struktur immer die Gerechtigkeit. Aber es hat die
Kraft, der Gerechtigkeit einen neuen Inhalt zu geben. Dieser findet seinen
einfachsten und vollsten Ausdruck im Verzeihen. Es macht uns deutlich, daß es
außer »Wiedergutmachung« und »Waffenstillstand« - Forderungen der Gerechtigkeit
- auch die Liebe geben muß, wenn der Mensch Mensch bleiben soll. Daß die
Forderungen der Gerechtigkeit erfüllt werden, ist eine Hauptbedingung dafür,
daß das Antlitz der Liebe aufleuchten kann. Schon beim Betrachten des
Gleichnisses vom verlorenen Sohn haben wir die Aufmerksamkeit auf die Tatsache
gelenkt, daß der, der verzeiht, und der, dem verziehen wird, einander in
einem wesentlichen Punkt begegnen: in der Würde, im Ur-Wert des Menschseins,
der nicht zerstört werden kann und dessen Entfaltung beziehungsweise
Wiederfindung Quelle größter Freude ist.132
Die Kirche
betrachtet es mit Recht als ihre Pflicht, als Ziel ihrer Sendung, die
Echtheit des Verzeihens zu bewahren, sowohl im Leben und Verhalten als auch
in der Erziehung und Seelsorge. Sie tut das, indem sie seine Quelle
bewahrt, das heißt das Geheimnis des in Jesus Christus offenbaren göttlichen
Erbarmens.
Der Sendung der
Kirche in all den Gebieten, auf die zahlreiche Aussagen des letzten Konzils und
eine mehrhundertjährige Erfahrung im Apostolat verweisen, liegt nichts anderes
zugrunde als das »Schöpfen aus den Quellen des Heilands«.133 Dieses
Schöpfen schenkt vielfache Orientierung für die Sendung der Kirche im Leben der
einzelnen Christen, der einzelnen Gemeinschaften und auch der ganzen
Gemeinschaft des Volkes Gottes; ein »Schöpfen aus den Quellen des Heilandes«
kann einzig und allein im Geist jener Armut verwirklicht werden, zu welcher der
Herr uns mit Wort und Beispiel aufruft: »Umsonst habt ihr empfangen, umsonst
sollt ihr geben«.134 So wird durch die evangelische Armut der Träger
von Amt und Verwaltung sowie des ganzen Volkes, das »die großen Werke« seines
Herrn bezeugt, überall im Leben und Wirken der Kirche noch klarer sichtbar, daß
Gott »reich an Erbarmen« ist.
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