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| Ioannes Paulus PP. II Redemptoris Mater IntraText CT - Text |
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1. TEIL - MARIA IM GEHEIMNIS CHRISTI 1. Voll der Gnade Der göttliche Heilsplan, der uns mit dem Kommen Christi offenbart worden ist, hat auf ewig Bestand. Er ist auch - nach der Lehre dieses Epheserbriefes sowie anderer Paulusbriefe - auf ewig mit Christus verbunden. Er umfaßt alle Menschen, räumt aber einen besonderen Platz jener »Frau« ein, die die Mutter dessen ist, dem der Vater das Erlösungswerk anvertraut hat.19 »Sie ist«, wie das II. Vatikanische Konzil schreibt, »schon prophetisch in der Verheißung ..., die den in Sünde gefallenen Stammeltern gegeben wurde (vgl. Gen 3, 15), schattenhaft angedeutet. Ähnlich bedeutet sie die Jungfrau, die empfangen und einen Sohn gebären wird, dessen Name Immanuel sein wird« nach den Worten des Jesaja (vgl. 7, 14).20 In dieser Weise bereitet das Alte Testament jene »Fülle der Zeit« vor, wenn Gott seinen Sohn senden wird, »geboren von einer Frau, ... damit wir die Sohnschaft erlangen« (Gal 4, 4-5). Das Kommen des Gottessohnes in die Welt ist das Ereignis, das in den ersten Kapiteln der Evangelien nach Lukas und Matthäus dargestellt wird. 8. Durch dieses Ereignis, die Verkündigung des Engels, wird Maria endgültig in das Geheimnis Christi eingeführt. Dies geschieht in Nazaret in einer konkreten geschichtlichen Situation Israels, des Volkes, dem die Verheißungen Gottes zuerst gelten. Der Bote Gottes spricht zu der Jungfrau: »Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir« (Lk 1, 28). Maria »erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe« (Lk 1, 29): was alle jene außergewöhnlichen Worte zu bedeuten haben, insbesondere der Ausdruck »du Begnadete« (kecharitoméne).21 Wenn wir zusammen mit Maria über diese Worte und vor allem über den Ausdruck »du Begnadete« nachdenken wollen, können wir einen sehr ergiebigen Ansatzpunkt hierfür gerade im Epheserbrief an der oben zitierten Stelle finden. Wenn die Jungfrau von Nazaret nach der Verkündigung des himmlischen Boten sogar »gesegnet ... mehr als alle anderen Frauen« (vgl. Lk 1, 42) genannt wird, so erklärt sich das durch jenen Segen, mit dem uns »Gott Vater« »durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel« gesegnet hat. Es ist ein »Segen seines Geistes«, der sich auf alle Menschen bezieht und jene allumfassende Fülle (»mit allem Segen«) enthält, wie sie aus der Liebe hervorgeht, die den wesensgleichen Sohn im Heiligen Geist mit dem Vater verbindet. Zugleich ist es ein Segen, der durch Jesus Christus in der Menschengeschichte bis zu ihrem Ende über alle Menschen ausgegossen wird. Maria aber wird von diesem Segen in einem ganz besonderen und einzigartigen Maße erfüllt. Elisabet begrüßt sie ja als »gesegnet... mehr als alle anderen Frauen«. Der Grund für den doppelten Gruß ist also, daß sich in der Seele dieser »Tochter Zion« gewissermaßen die gesamte »herrliche Gnade« kundgetan hat, die der »Vater... uns in seinem geliebten Sohn geschenkt hat«. Der Gottesbote begrüßt Maria ja als die »Begnadete«. Er nennt sie so, als ob dies ihr wahrer Name sei. Die er anspricht, nennt er nicht mit dem Namen, der ihr unter den Menschen zu eigen ist: »Miryam« (= Maria), sondern mit diesem neuen Namen: »Begnadete«. Was bedeutet dieser Name? Warum nennt der Erzengel die Jungfrau von Nazaret gerade so? In der Sprache der Bibel bedeutet »Gnade« ein besonderes Geschenk, das seine Quelle nach dem Neuen Testament im dreifaltigen Leben Gottes selbst hat, jenes Gottes, der die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4, 8). Frucht dieser Liebe ist die »Erwählung«, von der der Epheserbrief spricht. Von Gott her ist diese »Erwählung« sein ewiger Wille, den Menschen durch die Teilhabe an seinem eigenen Leben (vgl. 2 Petr 1, 4) in Christus zu retten: Es ist die Rettung durch Teilhabe am übernatürlichen Leben. Die Wirkung dieses ewigen Geschenkes, dieser Gnade der Erwählung des Menschen durch Gott, ist wie ein Keim der Heiligkeit oder wie eine Quelle, die in der Seele des Menschen aufsprudelt als Geschenk Gottes selbst, der die Erwählten durch die Gnade belebt und heiligt. Auf diese Weise erfüllt sich, das heißt verwirklicht sich jene »Segnung« des Menschen »mit allem Segen seines Geistes«, jenes »seine Söhne werden in Christus«, in dem, der von Ewigkeit her der »geliebte Sohn« des Vaters ist. Wenn wir lesen, daß der Bote zu Maria »du Begnadete« sagt, läßt uns der Kontext des Evangeliums, in dem alte Offenbarungen und Verheißungen zusammenfließen, verstehen, daß es sich hier um einen besonderen »Segen« unter allen »geistlichen Segnungen in Christus« handelt. Sie ist im Geheimnis Christi bereits »vor der Erschaffung der Welt« gegenwärtig als diejenige, die der Vater als Mutter seines Sohnes in der Menschwerdung »erwählt« hat und die zusammen mit dem Vater auch der Sohn erwählt hat, indem er sie von Ewigkeit her dem Geist der Heiligkeit anvertraute. Maria ist auf eine besondere und einzigartige Weise mit Christus verbunden. Auf besondere und einzigartige Weise ist sie zugleich geliebt in diesem von Ewigkeit her »geliebten Sohn«, in diesem dem Vater wesensgleichen Sohn, in dem die gesamte »herrliche Gnade« zusammengefaßt ist. Gleichzeitig ist und bleibt sie vollkommen offen für dieses »Geschenk von oben« (vgl. Jak 1, 17). Wie das Konzil lehrt, »ragt (Maria) unter den Demütigen und Armen des Herrn hervor, die das Heil mit Vertrauen von ihm erhoffen und empfangen«.22 Der Gottesbote sagt zu ihr: »Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: Dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden« (Lk 1, 30-32). Und als die Jungfrau, von diesem außergewöhnlichen Gruß verwirrt, fragt: »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?«, empfängt sie vom Engel eine Bekräftigung und Deutung der vorhergehenden Worte. Gabriel sagt ihr: »Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden« (Lk 1, 35). Die Verkündigung ist also die Offenbarung des Geheimnisses der Menschwerdung am Beginn seiner irdischen Verwirklichung. Die erlösende Hingabe, in der Gott sich selbst, sein göttliches Leben, in gewisser Weise der ganzen Schöpfung und unmittelbar dem Menschen schenkt, erreicht im Geheimnis der Menschwerdung einen Höhepunkt. Dieses ist ja fürwahr ein Gipfel unter allen Gnadengaben in der Geschichte des Menschen und des Kosmos. Maria ist »voll der Gnade«, weil die Menschwerdung des göttlichen Wortes, die Verbindung des Gottessohnes mit der Menschennatur in einer Person (unio hypostatica), sich gerade in ihr verwirklicht und vollzieht. Wie das Konzil sagt, ist Maria »die Mutter des Sohnes Gottes und daher die bevorzugt geliebte Tochter des Vaters und das Heiligtum des Heiligen Geistes ... Durch dieses hervorragende Gnadengeschenk hat sie bei weitem den Vorrang vor allen anderen himmlischen und irdischen Kreaturen«.23 10. Wo der Epheserbrief von der »herrlichen Gnade« spricht, die »Gott, der Vater, ... uns in seinem geliebten Sohn geschenkt hat«, fügt er noch hinzu: »Durch sein Blut haben wir die Erlösung« (Eph 1, 7). Nach der Lehre, wie sie von der Kirche in feierlichen Dokumenten formuliert worden ist, hat sich diese »herrliche Gnade« an der Mutter Gottes dadurch gezeigt, daß sie »auf erhabenere Weise« erlöst worden ist.24 Kraft der reichen Gnade des geliebten Sohnes und wegen der Erlöserverdienste dessen, der ihr Sohn werden wollte, ist Maria vom Erbe der Ursünde bewahrt worden.25 Auf diese Weise gehört sie vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis, das heißt ihrer eigenen Existenz, an zu Christus; sie hat Anteil an der heilenden und heiligmachenden Gnade und an jener Liebe, die vom »geliebten Sohn« ausgeht, dem Sohn des ewigen Vaters, der durch die Menschwerdung ihr eigener Sohn geworden ist. Darum ist es zutiefst wahr, daß Maria durch den Heiligen Geist auf der Ebene der Gnade, das heißt der Teilhabe an der göttlichen Natur (vgl. 2 Petr 1, 4), von demjenigen das Leben empfängt, dem sie selbst es, auf der Ebene irdischer Zeugung, als Mutter gegeben hat. Die Liturgie zögert nicht, sie »Tochter deines göttlichen Sohnes« zu nennen,26 und sie mit den Worten, die Dante Alighieri dem hl. Bernhard in den Mund legt, zu grüßen: »Tochter deines Sohnes«.27 Und weil Maria dieses »neue Leben« in einer Fülle empfängt, wie sie der Liebe des Sohnes zu seiner Mutter, der Würde göttlicher Mutterschaft also, entspricht, nennt sie der Engel bei der Verkündigung »voll der Gnade«. Maria, Mutter des menschgewordenen ewigen Wortes, wird in die Mitte jener Feindschaft gestellt, jenes Kampfes, der die Geschichte der Menschheit auf Erden und auch die Heilsgeschichte selbst begleitet. An diesem Ort trägt sie, die zu den »Demütigen und Armen des Herrn« gehört, wie kein anderer unter den Menschen jene »herrliche Gnade« in sich, die der Vater »uns in seinem geliebten Sohn geschenkt hat«, und diese Gnade bestimmt die außergewöhnliche Größe und Schönheit ihres ganzen menschlichen Seins. Maria bleibt so vor Gott und auch vor der ganzen Menschheit gleichsam das bleibende und unzerstörbare Zeichen jener Erwählung durch Gott, von der der Paulusbrief spricht: »In ihm (Christus) hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt,... dazu bestimmt, seine Söhne zu werden« (Eph 1, 4. 5). Diese Erwählung ist stärker als jede Erfahrung des Bösen und der Sünde, all jener »Feindschaft«, von der die Geschichte des Menschen geprägt ist. In dieser Geschichte bleibt Maria ein Zeichen sicherer Hoffnung.
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19 Über die Vorherbestimmung Marias vgl. JOHANNES VON DAMASKUS, Hom. in Nativitatem, 7; 10: S. Ch. 80, 65 u. 73; Hom. in Dormitionem, I, 3: S. Ch. 80, 85: »Sie ist es ja, die, seit alter Zeit erwählt, kraft der Vorherbestimmung und Gnade Gottes, des Vaters, der dich (das Wort Gottes) außerhalb der Zeit und ohne sich selbst zu verlassen oder zu verändern, gezeugt hat, sie also ist es, die dich in diesen letzten Zeiten geboren und mit ihrem Leib genährt hat...«. 20 Lumen gentium, 55. 21 Zu diesem Ausdruck gibt es in der patristischen Tradition eine breite und vielfältige Auslegung: vgl. ORIGENES, In Lucam homiliae, VI, 7: S. Ch. 87, 148; SEVERIAN VON GABALA, In mundi creationem, Oratio VI, 10: PG 56, 497 f.; JOHANNES CHRYSOSTOMUS (Pseudonym), In Annuntiationem Deiparae et contra Arium impium: PG 62, 765 f.; BASILIUS VON SELEUKIA, Oratio 39, In Sanctissimae Deiparae Annuntiationem 5: PG 85, 441-446; ANTIPATER VON BOSTRA, Hom. II, In Sanctissimae Deiparae Annuntiationem, 3-11: PG 85, 1777-1783; SOPHRONIUS VON JERUSALEM, Oratio II, In Sanctissimae Deiparae Annuntiationem, 17-19: PG 87/3, 3235-3240; JOHANNES VON DAMASKUS, Hom. in Dormitionem, I, 7: S. Ch. 80, 96-101; HIERONYMUS, Epistola 65, 9: PL 22, 628; AMBROSIUS Expos. Evang. sec. Lucam, II, 9: CSEL 32/4, 45 f.; AUGUSTINUS Sermo 291, 4-6: PL 38, 1318 f.; Enchiridion, 36, 11: PL 40, 250; PETRUS CHRYSOLOGUS, Sermo 142: PL 52, 579 f.; Sermo 143: PL 52, 583; FULGENTIUS VON RUSPE, Epistola 17, VI, 12:PL 65, 458; BERNHARD V. CL., In laudibus Virginis Matris Homilia III, 2-3: S. Bernardi Opera, IV (1966) 36-38. 22 Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 55. 23 Ebd., 53. 24 Vgl. PIUS IX., Apostolisches Schreiben Ineffabilis Deus (8.12.1854): Pii IX P.M. Acta, pars I, 616. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 53. 25 Vgl. GERMANUS VON KONSTANTINOPEL, In Annuntiationem SS. Deiparae Hom.: PG 98, 327 f.; ANDREAS VON KRETA, Canon in B. Mariae Natalem, 4: PG 97, 1321 f.; In Nativitatem B. Mariae, I: PG 97, 811 f.; Hom. in Dormitionem S. Mariae, 1: PG 97, 1067 f. 26 Stundengebet zum Hochfest von Mariä Aufnahme in den Himmel, am 15. August, Hymnus zur 1. und 2. Vesper; PETRUS DAMIANI, Carmina et preces, XLVII: PL 145, 934. 27 Göttliche Komödie, Paradies, XXXIII, 1; vgl. Stundengebet, Mariengedenken am Samstag, 2. Hymnus zur Lesehore. |
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