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| Ioannes Paulus PP. II Redemptoris Mater IntraText CT - Text |
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3. Das Magnifikat der Kirche auf ihrem Pilgerweg 35. In der gegenwärtigen Phase ihres Pilgerweges sucht die Kirche die Einheit derer wiederzufinden, die sich in ihrem Glauben zu Christus bekennen, jene Einheit, die im Laufe der Jahrhunderte verlorengegangen ist, um sich so ihrem Herrn gegenüber gehorsam zu erweisen, der vor seinem Leiden für diese Einheit gebetet hat. Indessen »schreitet die Kirche... auf ihrem Pilgerweg voran und verkündet das Kreuz und den Tod des Herrn, bis er wiederkommt«.87 »Auf ihrem Weg durch Prüfungen und Trübsal wird die Kirche durch die Kraft der ihr vom Herrn verheißenen Gnade Gottes gestärkt, damit sie in der Schwachheit des Fleisches nicht abfalle von der vollkommenen Treue, sondern die würdige Braut ihres Herrn verbleibe und unter der Wirksamkeit des Heiligen Geistes nicht aufhöre, sich selbst zu erneuern, bis sie durch das Kreuz zum Lichte gelangt, das keinen Untergang kennt«.88 Die Jungfrau und Mutter ist auf diesem Weg des Volkes Gottes im Glauben zum Licht stets gegenwärtig. Das zeigt in einer besonderen Weise der Lobgesang des Magnifikat, der, aus der Tiefe des Glaubens Marias auf ihrem Besuch bei Elisabet entsprungen, unaufhörlich im Herzen der Kirche die Jahrhunderte hindurch widerhallt. Das beweist seine tägliche Wiederholung in der Vesperliturgie und in so vielen anderen Momenten persönlicher wie gemeinschaftlicher Frömmigkeit. »Meine Seele
preist die Größe des Herrn, 36. Als Elisabet ihre junge Verwandte begrüßte, die von Nazaret zu ihr kam, antwortete Maria mit dem Magnifikat. In ihrer Begrüßung hatte Elisabet zuvor Maria seliggepriesen: wegen der »Frucht ihres Leibes« und dann wegen ihres Glaubens (vgl. Lk 1, 42. 45). Diese zwei Seligpreisungen bezogen sich unmittelbar auf den Augenblick der Verkündigung. Jetzt, bei diesem Besuch, als der Gruß Elisabets auf diesen allesüberragenden Augenblick hinweist, wird sich Maria ihres Glaubens in einer neuen Weise bewußt und gibt ihm einen neuen Ausdruck. Was bei der Verkündigung in der Tiefe des »Gehorsams des Glaubens« verborgen blieb, bricht jetzt gleichsam hervor wie eine helle, belebende Flamme des Geistes. Die Worte, die Maria an der Schwelle zum Haus Elisabets benutzt, stellen ein geistgewirktes Bekenntnis dieses ihres Glaubens dar, bei dem sich ihre Antwort auf die vernommene Offenbarung in einer frommen und poetischen Erhebung ihres ganzen Seins zu Gott ausdrückt. Ihre erlesenen Worte, die so einfach und zugleich ganz durch die heiligen Texte Israels inspiriert sind,89 zeigen die tiefe persönliche Erfahrung Marias, den Jubel ihres Herzens. In ihnen leuchtet ein Strahl des Geheimnisses Gottes auf, der Glanz seiner unsagbaren Heiligkeit, seine ewige Liebe, die als ein unwiderrufliches Geschenk in die Geschichte des Menschen eintritt. Maria ist die erste, die an dieser neuen göttlichen Offenbarung und der darin liegenden neuen »Selbstmitteilung« Gottes teilhat. Darum ruft sie aus: »Großes hat der Mächtige an mir getan, und heilig ist sein Name«. Ihre Worte geben die Freude ihres Geistes wieder, die nur schwer auszudrücken ist: »Mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter«. Denn »die Tiefe der durch diese Offenbarung über Gott und über das Heil des Menschen erschlossenen Wahrheit leuchtet uns auf in Christus, der zugleich der Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung ist«.90 Im Jubel ihres Herzens bekennt Maria, Einlaß gefunden zu haben in die innerste Mitte dieser Fülle Christi. Sie ist sich bewußt, daß sich an ihr die Verheißung erfüllt, die an die Väter und vor allem an »Abraham und seine Nachkommen auf ewig« ergangen ist; daß also auf sie als die Mutter Christi der gesamte Heilsplan hingeordnet ist, in dem sich »von Geschlecht zu Geschlecht« derjenige offenbart, der als Gott des Bundes »an sein Erbarmen denkt«. 37. Die Kirche, die von Anfang an ihren irdischen Weg ähnlich wie die Mutter Gottes geht, spricht nach ihrem Beispiel immer wieder neu die Worte des Magnifikat. Aus dem tiefen Glauben der Jungfrau bei der Verkündigung des Engels und während des Besuches bei Elisabet schöpft die Kirche die Wahrheit über den Gott des Bundes: über Gott, der allmächtig ist und »Großes« am Menschen tut; denn »heilig ist sein Name«. Im Magnifikat erkennt sie, daß die Sünde, die am Anfang der irdischen Geschichte des Mannes und der Frau steht, die Sünde der Ungläubigkeit, der »Kleingläubigkeit« gegenüber Gott, an der Wurzel besiegt ist. Gegen den Verdacht, den der »Vater der Lüge« im Herzen Evas, der ersten Frau, hat aufkeimen lassen, verkündet Maria, von der Tradition oft »neue Eva«91 und wahre »Mutter der Lebenden«92 genannt, kraftvoll die leuchtende Wahrheit über Gott: über den heiligen und allmächtigen Gott, der von Anfang an die Quelle jeder Gnadengabe ist, der »Großes« getan hat. Allem, was ist, schenkt Gott das Dasein im Schöpfungsakt. Indem er den Menschen erschafft, verleiht er ihm die Würde, sein Bild und Gleichnis zu sein, und dies auf besondere Weise im Vergleich zu allen anderen Kreaturen der Erde. Und trotz der Sünde des Menschen läßt sich Gott in seiner Bereitschaft, zu schenken, nicht aufhalten; er schenkt sich in seinem Sohn: »Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab« (Joh 3, 16). Maria bezeugt als erste diese wundervolle Wahrheit, die sich voll verwirklichen wird in den Taten und Worten (vgl. Apg 1, 1) ihres Sohnes und endgültig in seinem Kreuz und seiner Auferstehung. Die Kirche, die auch in »Prüfungen und Bedrängnissen« unablässig mit Maria die Worte des Magnifikat wiederholt, wird durch die machtvolle Wahrheit über Gott gestärkt, wie sie damals in einer so außerordentlichen Schlichtheit verkündet worden ist, und möchte zugleich mit dieser Wahrheit über Gott die schwierigen und manchmal verschlungenen Wege der irdischen Existenz der Menschen erhellen. Der Pilgerweg der Kirche gegen Ende des zweiten christlichen Jahrtausends enthält einen neuen Sendungsauftrag. Die Kirche, die demjenigen folgt, der von sich gesagt: »Der Herr... hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe« (vgl. Lk 4, 18), hat von Generation zu Generation dieselbe Sendung zu verwirklichen gesucht und tut dies auch heute. Ihre vorrangige Liebe zu den Armen ist im Magnifikat Marias eindrucksvoll enthalten. Der Gott des Bundes, im Jubel des Herzens der Jungfrau von Nazaret besungen, ist zugleich derjenige, der »die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht«, der »die Hungernden mit seinen Gaben beschenkt und die Reichen leer ausgehen läßt«, der »die Hochmütigen zerstreut« und »sich über alle erbarmt, die ihn fürchten«. Maria ist tief durchdrungen vom Geist der »Armen Jahwes«, die im Gebet der Psalmen ihr Heil von Gott erwarteten, in den sie ihre Hoffnung setzten (vgl. Ps 25; 31; 35; 55). Sie verkündet ja die Ankunft des Heilsgeheimnisses, das Kommen des »Messias der Armen« (vgl. Jes 11, 4; 61, 1). Indem die Kirche aus dem Herzen Marias schöpft, aus ihrem tiefen Glauben, wie er in den Worten des Magnifikat zum Ausdruck kommt, wird sich die Kirche immer wieder neu und besser bewußt, daß man die Wahrheit über Gott, der rettet, über Gott, die Quelle jeglicher Gabe, nicht von der Bekundung seiner vorrangigen Liebe für die Armen und Niedrigen trennen kann, wie sie, bereits im Magnifikat besungen, dann in den Worten und Taten Jesu ihren Ausdruck findet. Die Kirche ist sich also nicht nur bewußt - und in unserer Zeit verstärkt sich dieses Bewußtsein in einer ganz besonderen Weise -, daß sich diese zwei schon im Magnifikat enthaltenen Elemente nicht voneinander trennen lassen, sondern auch, daß sie die Bedeutung, die die »Armen« und die »Option zugunsten der Armen« im Wort des lebendigen Gottes haben,sorgfältig sicherstellen muß. Es handelt sich hierbei um Themen und Probleme, die eng verbunden sind mit dem christlichen Sinn von Freiheit und Befreiung. »Ganz von Gott abhängig und durch ihren Glauben ganz auf ihn hingeordnet, ist Maria an der Seite ihres Sohnes das vollkommenste Bild der Freiheit und der Befreiung der Menschheit und des Kosmos. Auf Maria muß die Kirche, deren Mutter und Vorbild sie ist, schauen, um den Sinn ihrer eigenen Sendung in vollem Umfang zu verstehen«.93
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87 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 8. 88 Ebd., 9 89 Bekanntlich sind in den Worten des Magnifikat zahlreiche Stellen des Alten Testamentes enthalten oder klingen an. 90 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum, 2. 91 Vgl. z. B. JUSTINUS, Dialogus cum Tryphone Iudaeo, 100 J. C. DE OTTO, Corpus Apol., II, 358; IRENÄUS, Adversus haereses, III, 22, 4: S. Ch. 211, 439-445; TERTULLIAN, De carne Christi, 17/4-6: CCL II, 904 ff. 92 Vgl. EPIPHANIUS, Panarion, III, 2; Haer. 78, 18: PG 42, 727-730; AMBROSIUS, Expos. Evang. Lucae, II, 86: CSEL 32/4, 90f. 93 KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE, Instruktion über christliche Freiheit und Befreiung (22. März 1986), 97. |
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