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| Ioannes Paulus PP. II Sollicitudo rei socialis IntraText CT - Text |
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IV. DIE WAHRE MENSCHLICHE ENTWICKLUNG 27. Der Blick, den wir auf Einladung der Enzyklika auf die Welt von heute richten, läßt uns vor allem erkennen, daß die Entwicklung kein gradliniger, fast automatischer und von sich aus grenzenloser Prozeß ist, als ob das Menschengeschlecht unter gewissen Bedingungen auf eine Art unbegrenzter Vollkommenheit zueilen könnte.49 Eine solche Auffassung, die eher mit einem Begriff von "Fortschritt" verbunden ist, der von philosophischen Überlegungen aufklärerischer Natur geprägt ist, als mit einem Begriff von "Entwicklung",50 wie er in spezifisch wirtschaftlich-sozialem Sinn gebraucht wird erscheint heute ernsthaft in Frage gestellt, und das besonders nach der tragischen Erfahrung der bei den letzten Weltkriege, der geplanten und teilweise durchgeführten Vernichtung ganzer Völker sowie der drohenden atomaren Gefahr. An die Stelle eines einfältigen Optimismus mechanistischer Art ist eine begründete Sorge um das Schicksal der Menschheit getreten. Eine betrübliche Feststellung aus der jüngsten Zeit sollte höchst lehrreich sein: Neben dem Elend der Unterentwicklung, das nicht geduldet werden kann, finden wir eine Art von Überentwicklung, die gleichermaßen unannehmbar ist, weil sie, wie die erste, im Gegensatz zum wahren Wohl und Glück steht. Denn diese Überentwicklung, die in einer übertriebenen Verfügbarkeit von jeder Art materieller Güter zugunsten einiger sozialer Schichten besteht, macht die Menschen leicht zu Sklaven des "Besitzens" und des unmittelbaren Genießens, ohne eine andere Perspektive als die Vermehrung oder den ständigen Austausch der Dinge, die man schon besitzt, gegen andere immer perfektere. Das ist die sogenannte Konsumgesellschaft oder der Konsumismus der so viele "Verschwendung" und "Abfälle" mit sich bringt. Ein Gegenstand, den man besitzt und der von einem anderen, noch perfekteren, übertroffen wird, wird beiseite geschoben, ohne seinen möglichen bleibenden Wert in sieh selbst oder zugunsten eines anderen, ärmeren Menschen zu berücksichtigen. Wir alle greifen mit den Händen die traurigen Auswirkungen dieser blinden Unterwerfung unter den reinen Konsum: vor allem eine Form von krassem Materialismus und zugleich eine tiefgehende Unzufriedenheit, weil man sofort erkennt, daß man - wenn man nicht gegen die Flut der Reklame und das ständige verlockende Angebot von Produkten gefeit ist - um so mehr haben möchte, je mehr man besitzt, während die tieferen Wünsche unerfüllt bleiben oder vielleicht schon erstickt sind. Die Enzyklika Papst Paul VI. hat auf den heute so oft betonten Unterschied zwischen "Raben" und "Sein"51 hingewiesen, den zuvor schon das II. Vatikanische Konzil mit treffenden Worten ausgedrückt hatte.52 Das "Haben" von Dingen und Gütern vervollkommnet von sich aus nicht die menschliche Person, wenn es nicht zur Reifung und zur Bereicherung ihres "Seins", das heißt, zur Verwirklichung der menschlichen Berufung als solcher, beiträgt. Gewiß, der Unterschied zwischen "Sein" und "Haben" sowie die Gefahr, die einer reinen Vermehrung oder Auswechselung von Dingen, die man besitzt, im Hinblick auf den Wert des "Seins" innewohnt, muß nicht unbedingt zu einer Antinomie werden. Eine der größten Ungerechtigkeiten in der Welt von heute besteht gerade darin: Nur relativ wenige sind es, die viel besitzen, und viele jene, die fast nichts haben. Es ist die Ungerechtigkeit der schlechten Verteilung der Güter und Dienstleistungen, die ursprünglich für alle bestimmt sind. So ergibt sich folgendes Bild: Da gibt es jene - die wenigen, die viel besitzen -, die nicht wirklich zu "sein" imstande sind, weil sie durch eine Umkehrung der Hierarchie der Werte vom Kult des "Habens" daran gehindert werden; und dann diejenigen - die vielen, die wenig oder nichts besitzen -, die wegen der Entbehrung der elementaren Güter ihre grundlegende menschliche Berufung nicht zu verwirklichen vermögen. Das Übel liegt nicht im "Haben" als solchem, sondern in der Art und Weise des Habens, die auf die Qualität und die Rangordnung der besessenen Güter keine Rücksicht nimmt: Qualität und Rangordnung, wie sie sich aus der Damit ist nachgewiesen, daß sich die Entwicklung, wenn sie auch eine notwendige wirtschaftliche Dimension besitzt, weil sie ja der größtmöglichen Zahl der Erdenbewohner die zum "Sein" unerläßlichen Güter zur Verfügung stellen muß, dennoch nicht in dieser Dimension erschöpft. Wenn sie auf diese beschränkt wird, wendet sie sich gegen diejenigen, die man damit fördern möchte. Die Merkmale einer umfassenden, "menschlicheren" Entwicklung, die imstande ist - ohne die wirtschaftlichen Erfordernisse zu leugnen -, sich auf der Höhe der wahren Berufung von Mann und Frau zu halten, sind von Paul VI. beschrieben worden.53 Um aber die wahre Entwicklung zu erreichen, darf man den genannten Maßstab nicht aus den Augen verlieren: Er ist enthalten in der besonderen Natur des Menschen, der von Gott nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen worden ist (vgl. Gen 1, 26), in seiner körperlichen wie geistigen Natur, im zweiten Schöpfungsbericht symbolisiert durch die zwei Elemente der Erde, aus der Gott den Leib des Menschen formt, und des Lebensatems, der in seine Nase eingehaucht wird (vgl. Gen 2, 7). Der Mensch erhält so eine gewisse Verwandtschaft mit den anderen Geschöpfen. Er ist berufen, sie zu gebrauchen, sich um sie zu kümmern, und ist - immer nach dem Genesisbericht (2,15)- in den Garten versetzt mit der Aufgabe, ihn zu bebauen und zu hüten, über allen anderen Geschöpfen, die von Gott seiner Herrschaft unterstellt sind (vgl. Gen 1, 25-26). Gleichzeitig aber muß der Mensch dem Willen Gottes ergeben bleiben, der Unterordnung der Güter und aus deren Verfügbarkeit für das "Sein" des j ihm die Grenzen für den Gebrauch und die Beherrschung der Dinge vorschreibt (vgl. Gen 2,16-17), sowie er ihm auch die Unsterblichkeit verheißt (vgl. Gen 2,9; Weish 2, 23). Darum hat der Mensch, da er Bild Gottes ist, auch eine echte Verwandtschaft mit Gott. Auf der Grundlage dieser Lehre kann Entwicklung nicht nur im Gebrauch, in der Beherrschung und im wahllosen Besitz der geschaffenen Dinge und der Produkte des menschlichen Fleißes bestehen, sondern vielmehr in der Unterordnung des Besitzes, der Herrschaft und des Gebrauchs unter die göttliche Ebenbildlichkeit des Menschen und unter seine Berufung zur Unsterblichkeit. Dies ist die transzendente Wirklichkeit des menschlichen Seins, an der von Anfang an ein Menschenpaar, Mann und Frau (vgl. Gen 1, 27), teilhat und die somit grundsätzlich sozial ausgerichtet ist. Der Mensch ist ja nicht gleichsam unbeweglich und statisch geschaffen. Die erste Beschreibung, die die Bibel von ihm gibt, zeigt ihn gewiß als Geschöpf und Abbild das in seiner inneren Wirklichkeit von seinem Ursprung und der den Menschen begründenden Ähnlichkeit bestimmt ist. Dies alles aber senkt in das menschliche Sein, in Mann und Frau, den Keim und die Anforderung einer grundlegenden Aufgabe, die es zu erfüllen gilt, sei es von jedem einzeln oder als Paar. Die Aufgabe besteht darin, "über die anderen Geschöpfe zu herrschen", "den Garten zu bestellen"; eine Aufgabe, die im Rahmen des Gehorsams gegenüber dem göttlichen Gesetz und somit in der Achtung vor dem empfangenen Abbild zu verwirklichen ist, dem offensichtlichen Fundament jener Herrschermacht, die ihm für seine Vervollkommnung zuerkannt ist (vgl. Gen 1,26-30; 2,15 ff.; Weish 9, 2-3). Wenn der Mensch Gott gegenüber ungehorsam ist und es ablehnt, sich seiner Macht zu unterwerfen, dann lehnt sich die Natur gegen ihn auf und erkennt ihn nicht mehr als ihren "Herrn" an, weil er das göttliche Abbild in sich verdunkelt hat. Der Aufruf zum Besitzen und Gebrauchen der geschaffenen Mittel bleibt immer gültig; aber nach dem Sündenfall wird der Vollzug schwierig und leidvoll (vgl. Gen 3,17-19). Das folgende Kapitel der Genesis zeigt uns nämlich die Nachkommenschaft von Kam, die "eine Stadt" erbaut, den Hirtenberuf ausübt und sich mit den Künsten (der Musik) und der Technik (der Metallurgie) beschäftigt, während man zugleich beginnt, "den Namen des Herrn anzurufen" (vgl. Gen 4, 17-26). Die Geschichte des Menschengeschlechts, wie sie von der Heiligen Schrift beschrieben wird, ist auch nach dem Sündenfall eine Geschichte ständiger konkreter Taten, die sich - durch die Sünde immer in Frage gestellt und gefährdet - wiederholen, sich vervollkommnen und ausbreiten als Antwort auf die göttliche Berufung, die von Anfang an dem Mann und der Frau zuerkannt (vgl. Gen 1, 26-28) und dem von ihnen empfangenen göttlichen Abbild eingeprägt ist. Es ist wenigstens für diejenigen, die an das Wort Gottes glauben, naheliegend, daraus zu folgern, daß die "Entwicklung" von heute als ein Moment der Geschichte gesehen werden muß, die mit der Schöpfung begonnen hat und wegen der Untreue gegenüber dem Willen des Schöpfers ständig gefährdet ist, vor allem durch die Versuchung zum Götzendienst, die aber doch grundsätzlich dem Gesetz ihres Anfangs entspricht. Wer den schwierigen, aber auch beglückenden Auftrag zurückweisen wollte, das Los des ganzen Menschen und aller Menschen zu verbessern, und dies unter dem Vorwand der Last des Kampfes und der ständigen Anstrengung zur Überwindung der Schwierigkeiten oder sogar wegen der Erfahrung des Mißerfolges und des Rückfalls auf den Ausgangspunkt, der würde dem Willen des Schöpfers untreu. Unter dieser Hinsicht habe ich in der Enzyklika Laborem exercens auf die Berufung des Menschen zur Arbeit hingewiesen, um zu unterstreichen, daß immer der Mensch die Hauptperson der Entwicklung ist.54 Jesus Christus selbst hebt im Gleichnis von den Talenten die strenge Behandlung dessen hervor, der die empfangene Begabung zu verbergen wagte: "Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewußt, daß ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe... Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat" (Mt 25, 26-28). Uns, die wir die Gaben Gottes empfangen, um sie Frucht bringen zu lassen, kommt es zu, zu "säen" und zu "sammeln". Wenn wir es nicht tun, wird uns auch das genommen, was wir haben. Das tiefere Verständnis dieser strengen Worte kann uns veranlassen, mit mehr Entschlossenheit die heute für alte dringliche Verpflichtung auf uns zu nehmen, an der vollen Entwicklung der anderen mitzuwirken: an der "Entwicklung des ganzen Menschen und aller Menschen".55 In diesen göttlichen Plan, der von Ewigkeit her in Christus, dem vollkommenen "Ebenbild" des Vaters, beginnt und in ihm als dem "Erstgeborenen der Toten" (Kol 1, 15.8) seinen Höhepunkt findet, fügt sich unsere Geschichte ein, die von unserem persönlichen wie gemeinschaftlichen Bemühen gekennzeichnet ist, die menschliche Lage zu bessern und die auf unserem Weg immer wieder entstehenden Widerstände zu überwinden, indem wir uns so auf die Teilnahme an jener Fülle vorbereiten, die "in ihm wohnt" und die er "seinem Leib, der die Kirche ist", mitgeteilt hat (ebd. 1,18; vgl. Eph 1, 22-23), während die Sünde, die uns stets bedrängt und unsere menschlichen Unternehmungen beeinträchtigt, durch die von Christus gewirkte "Versöhnung" besiegt und entgolten worden ist (vgl. Kol 1, 20). Hier weitet sich der Blick. Der Traum von einem unbegrenzten "Fortschritt" kehrt wieder, doch radikal verwandelt durch eine neue Sicht, die der christliche Glaube eröffnet hat, indem er uns versichert, daß ein solcher Fortschritt nur möglich ist, weil Gott Vater von Anfang an beschlossen hat, den Menschen an seiner Herrlichkeit teilhaben zu lassen im auferstandenen Herrn Jesus Christus, in dem wir "durch sein Blut die Erlösung, die Vergebung der Sünden haben" (Eph 1,7). In ihm hat er die Sünde besiegen und für unser höheres Wohl dienstbar machen wollen,56 das unendlich übersteigt, was immer der Fortschritt verwirklichen könnte. Während wir uns inmitten der Dunkelheiten und Mängel der Unterentwicklung und der Überentwicklung abmühen, können wir also sagen, daß eines Tages "dieses Vergängliche sich mit Unvergänglichkeit und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit bekleidet" (1 Kor 15, 54), wenn der Herr "seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt" (ebd. 24) und alle Werke und Handlungen, die des Menschen würdig sind, eingelöst werden. Diese Sicht des Glaubens zeigt ferner gut die Gründe auf, die die Kirche veranlassen, sich mit der Problematik der Entwicklung zu befassen, sie als eine Verpflichtung ihres pastoralen Dienstes zu betrachten und alle dazu anzuregen, über die Natur und die Merkmale der wahren menschlichen Entwicklung nachzudenken. Mit ihrem Einsatz möchte sie sieh einerseits in den Dienst des göttlichen Planes stellen, der darauf abzielt, alle Dinge auf die Fülle hinzuordnen, die "in Christus wohnt" (vgl. Kol 1,19) und die er seinem Leib mitgeteilt hat; andererseits möchte sie dadurch ihrer grundlegenden Berufung entsprechen, "Sakrament" oder "Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit" zu sein.57 Einige Kirchenväter haben sich durch diese Sicht inspirieren lassen, um ihrerseits eine eigene Auffassung vom Sinn der Geschichte und der menschlichen Arbeit darzulegen, die auf ein Ziel ausgerichtet ist, das sie übersteigt, und stets durch ihre Beziehung zum Werk Christi bestimmt ist. Mit anderen Worten, man kann in der patristischen Lehre eine optimistische Sicht von der Geschichte und der Arbeit finden oder vom bleibenden Wert der echten menschlichen Werke, insofern sie von Christus erlöst und für das verheißene Reich bestimmt sind.58 So gehört zur ältesten Lehre und Praxis der Kirche die Überzeugung, daß sie selbst, ihre Amtsträger und jedes ihrer Glieder durch ihre Berufung dazu angehalten sind, das Elend der Leidenden, ob nah oder fern, nicht nur aus dem "Überfluß", sondern auch aus dem "Notwendigen" zu lindern. Angesichts von Notfällen kann man nicht einen Überfluß an Kirchenschmuck und kostbare Geräte für die Liturgie vorziehen; im Gegenteil, es könnte verpflichtend sein, solche Güter zu veräußern, um den Bedürftigen dafür Speise und Trank, Kleidung und Wohnung zu geben.59 Wie schon bemerkt wurde, wird uns hier - im Rahmen des Rechts auf Eigentum - eine "Rangfolge der Werte " zwischen "Haben" und "Sein" angegeben, besonders wenn sich das "Haben" einiger zum Schaden des "Seins" von so vielen anderen auswirken kann. In seiner Enzyklika steht Papst Paul VI. auf der Linie dieser Lehre, wobei er sich von der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes anregen läßt.60 Meinerseits möchte ich ihre schwerwiegende Bedeutung und Dringlichkeit noch besonders unterstreichen. Vom Herrn erbitte ich für alle Christen die Kraft, diese Lehre treu in die Praxis übertragen zu können. Die Zusammenarbeit für die Entwicklung des ganzen Menschen und jedes Menschen ist ja eine Pflicht aller gegenüber allen und muß zugleich den vier Teilen der Welt, Ost und West, Nord und Süd, oder, um den heute üblichen Ausdruck zu verwenden, den verschiedenen "Welten" gemeinsam sein. Wenn man sie dagegen nur in einem Teil oder nur in einer "Welt" zu verwirklichen sucht, dann geschieht dies auf Kosten der anderen; und dort, wo Entwicklung beginnt, nimmt sie gerade deswegen, weil die anderen ignoriert werden, übertriebene Ausmaße an und entartet. Auch die Völker oder Nationen selbst haben ein Recht auf ihre eigene volle Entwicklung, die natürlich, wie gesagt, die wirtschaftlichen und sozialen Aspekte beinhaltet, aber auch die entsprechende kulturelle Identität und die Öffnung zum Transzendenten hin umfassen muß. Nicht einmal die Notwendigkeit der Entwicklung darf als Vorwand genommen werden, um anderen den eigenen Lebensstil oder den eigenen religiösen Glauben aufzuzwingen. Heute erkennt man vielleicht mehr als früher und mit größerer Klarheit den inneren Widerspruch einer Entwicklung, die allein auf die wirtschaftliche Seite beschränkt bleibt. Eine solche ordnet die menschliche Person und ihre tieferen Bedürfnisse allzu leicht den Erfordernissen der wirtschaftlichen Planung oder des alleinigen Profits unter. Die innere Verbindung zwischen wahrer Entwicklung und Achtung der Menschenrechte offenbart noch einmal deren moralischen Charakter. Die wahre Förderung des Menschen, die im Einklang mit der wesentlichen und geschichtlichen Berufung jedes einzelnen steht, erreicht man nicht, indem man nur ein Übermaß an Gütern und Dienstleistungen nutzt oder über perfekte Infrastrukturen verfügt. Wenn Einzelmenschen und Gemeinschaften nicht die moralischen, kulturellen und geistigen Erfordernisse gewissenhaft respektiert sehen, die auf der Würde der Person und auf der eigenen Identität einer jeden Gemeinschaft, angefangen bei der Familie und den religiösen Gesellschaften, gründen, dann wird sich alles übrige - Verfügbarkeit von Gütern, Überfluß an technischen Hilfsmitteln für das tägliche Leben, ein gewisses Niveau materiellen Wohlstandes - als ungenügend und langfristig als verachtenswert erweisen. Das bestätigt der Herr eindeutig im Evangelium, wo er die Aufmerksamkeit aller auf die wahre Rangfolge der Werte lenkt: "Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber seine Seele verliert?" (Mt 16, 26). Echte Entwicklung nach den eigenen Erfordernissen des menschlichen Wesens, ob Mann oder Frau, Kind, Erwachsener oder Betagter, schließt, in erster Linie bei allen, die sich an diesem Prozeß aktiv beteiligen und dafür verantwortlich sind, ein lebendiges Bewußtsein ein vom Wert der Rechte al1er und eines jeden sowie von der Notwendigkeit, das Recht eines jeden auf den vollen Gebrauch der Hilfen, die von Wissenschaft und Technik angeboten werden, zu achten. Im inneren Bereich einer jeden Nation erhält die Achtung aller Menschenrechte eine große Bedeutung: besonders das Recht auf Leben in jedem Stadium seiner Existenz; die Rechte der Familie, insofern sie die soziale Grundgemeinschaft oder "Zelle der Gesellschaft" ist; die Gerechtigkeit in den Arbeitsverhältnissen; die Rechte, die dem Leben der politischen Gemeinschaft als solcher innewohnen; die Rechte aus der transzendenten Berufung des Menschen, angefangen beim Recht auf Freiheit, den eigenen religiösen Glauben zu bekennen und zu praktizieren. Auf internationaler Ebene, in den Beziehungen zwischen den Staaten oder - nach dem geläufigen Sprachgebrauch - zwischen den verschiedenen "Welten", muß die Identität eines jeden Volkes mit seinen geschichtlichen und kulturellen Eigenschaften voll geachtet werden. Ebenso unerläßlich ist es, wie schon die Enzyklika Populorum Progressio gewünscht hat, jedem Volk das gleiche Recht zuzugestehen mit am Tisch des gemeinsamen Mahles zu sitzen",61 statt wie Lazarus draußen vor der Tür zu liegen während "die Hunde kommen, um seine Geschwüre zu lecken (vgl. Lk 16 20.21). Sowohl die Völker als auch die einzelnen Personen müssen sich der grundsätzlichen Gleichheit erfreuen,62 auf der zum Beispiel die Charta der Organisationen der Vereinten Nationen beruht: eine Gleichheit, die das Fundament des Rechtes aller auf Teilnahme am Prozeß einer vollen Entwicklung ist. Um von solcher Art zu sein, muß sich die Entwicklung im Rahmen von Solidarität und Freiheit vollziehen, ohne jemals die eine oder die andere, unter welchem Vorwand auch immer zu opfern. Der moralische Charakter der Entwicklung und seine notwendige Förderung werden besonders herausgestellt, wenn alle Erfordernisse, die sich aus der dem menschlichen Geschöpf eigenen Ordnung von Wahr und Gut herleiten, auf das strengste beachtet werden. Der Christ, der dazu angeleitet worden ist, im Menschen das Abbild Gottes zu sehen, das zur Teilnahme an der Wahrheit und am Guten berufen ist, die Gott selbst darstellt, versteht ferner den Einsatz für die Entwicklung und ihre Verwirklichung nicht unabhängig von der Beachtung und dem Respekt vor der einzigartigen Würde dieses "Abbildes". Mit anderen Worten, die wahre Entwicklung muß sich auf die Liebe zu Gott und zum Nächsten gründen und dazu beitragen, die Beziehungen zwischen den einzelnen und der Gesellschaft zu fördern. Das ist die "Zivilisation der Liebe", von der Papst Paul VI. so oft gesprochen hat. Die erste besteht darin, daß es angemessen ist, sich zunehmend dessen bewußt zu werden, daß man nicht ungestraft von den verschiedenen lebenden oder leblosen Geschöpfen - Naturelemente, Pflanzen, Tiere - rein nach eigenem Gutdünken und entsprechend den eigenen wirtschaftlichen Erfordernissen Gebrauch machen kann. Im Gegenteil, man muß der Natur eines jeden Wesens und seiner Wechselbeziehung in einem geordneten System wie dem Kosmos Rechnung tragen. Die zweite Überlegung gründet sich hingegen auf die noch eindringlichere Feststellung von der Begrenztheit der natürlichen Hilfsquellen, von denen sich einige, wie man sagt, nicht regenerieren. Diese Quellen mit absolutem Verfügungsanspruch zu benutzen, als ob sie unerschöpflich wären, bringt ihr Fortbestehen nicht nur für die gegenwärtige Generation, sondern vor al1cm für die künftigen in ernste Gefahr. Die dritte Überlegung bezieht sich unmittelbar auf die Folgen, die eine gewisse Art von Entwicklung auf die Lebensqualität in den Industriegebieten hat. Wir wissen alle, daß ein direktes oder indirektes Ergebnis der Industrialisierung immer häufiger die Verschmutzung der Umwelt ist, mit schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung. Ein weiteres Mal wird dadurch deutlich, daß sich die Entwicklung, der Wille zur Planung, der sie lenkt, der Gebrauch der Hilfsquellen und die Art und Weise, sie zu verwerten, nicht von der Beachtung der moralischen Forderungen lösen dürfen. Eine davon verlangt ohne Zweifel Grenzen für den Gebrauch der sichtbaren Natur Die vom Schöpfer dem Menschen anvertraute Herrschaft ist keine absolute Macht noch kann man von der Freiheit sprechen, sie zu "gebrauchen oder zu mißbrauchen" oder über die Dinge zu verfügen, wie es beliebt. Die Beschränkung, die der Schöpfer selber von Anfang an auferlegt hat, ist symbolisch in dem Verbot enthalten, "von der Frucht des Baumes zu essen" (vgl. Gen 2, 16-17); sie zeigt mit genügender Klarheit, daß wir im Hinblick auf die sichtbare Natur nicht nur biologischen, sondern auch moralischen Gesetzen unterworfen sind, die man nicht ungestraft übertreten darf. Eine richtige Auffassung von Entwicklung kann nicht von solchen Überlegungen hinsichtlich des Gebrauchs der Naturdinge, der möglichen Erneuerung der Hilfsquellen und der Folgen einer ungeordneten Industrialisierung absehen, die unser Gewissen erneut auf die moralische Dimension der Entwicklung hinlenken.63
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49 Vgl. Apost. Schreiben Familiaris Consortio (22. November 1981), 6: AAS 74 (1982) 88: "Die Geschichte ist nicht einfach ein notwendiger Fortschritt zum Besseren, sondern vielmehr ein Ereignis der Freiheit, ja ein Kampf zwischen Freiheiten". 50 Aus diesem Grunde wurde es vorgezogen, im Text dieser Enzyklika statt des Wortes "Fortschritt das Wort "Entwicklung" zu gebrauchen, wobei aber versucht wurde, dem Wort "Entwicklung" einen volleren Sinn zu geben. 51 Enzyklika Populorum Progressio, 19: a.a.O., S. 266: "Mehr haben ist also weder für die Völker noch für die einzelnen das letzte Ziel. Jedes Wachstum ist ambivalent. Das ausschließliche Streben nach Besitz wird so ein Hindernis für das Wachsen im Sein und steht im Gegensatz zu seiner wahren Größe: Für die Nationen wie für die einzelnen ist die Habsucht das deutlichste Zeichen für moralische Unterentwicklung": vgl. auch von PAUL VI., Apost. Schreiben Octogesima Adveniens (14. Mai 1971), 8: AAS 63 (1971) 407 f. 52 Vgl. Pastoralkonst. über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et Spes, 3.5; PAUL VI., Ansprache an das Diplomatische Korps (7. Januar 1965): AAS 57 (1965) 232. 53 Vgl. Enzyklika Populorum Progressio, 20-21: a.a.O., S. 267 f. 54 Vgl. Enzyklika Laborem Exercens (14. September 1931), 4: AAS 73 (1981), 584 f.: PAUL VI., Enzyklika Populorum Progressio. 15: a.a.O., S. 265. 55 Enzyklika Populorum Progressio, 42: a.a.O., S. 278. 56 Vgl. Exsultet, Missale Romanum, ed. typ. altera 1975, S. 272: "O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam, du wurdest uns zum Segen, da Christi Tod dich vernichtet hat. O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden!" 57 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen Gentium 1. 58 Vgl. z.B. BASILIUS d. Gr., Regulae fusius tractatae, interrogatio XXXVII, 1-2. PG, 31, 1009-1012; THEODORET VON KYROS, De Providentia, Oratio VII: PG 665-686; AUGUSTINIUS, De Civitate Dei, XIX, 17: CCL 48, 683-685. 59 Vgl. z.B. JOHANNES CHRYSOSTOMUS. In Evang. S. Mathaei 50, 3-4: PG 58, 508-510; AMBROSIUS, De Officiis Ministrorurn, lib. II, XXVIII, 136-140: PL 16, 139-141; POSIDIUS, Vita S. Augustini Episcopi, XXIV: PL 32, 53 a. 60 Enzyklika Populorum Progressio, 23: a.a.O.: S. 268: "Wer aber die Güter der Welt hat und seinen Bruder Not leiden sieht und sein Herz gegen ihn verschließt, wie kann da die Liebe Gottes in ihm bleiben?" (1 Joh 3, 17). Es ist bekannt, mit welcher Entschiedenheit die Kirchenväter gelehrt haben, welche Haltung die Besitzenden gegenüber den Notleidenden einzunehmen haben. In der vorausgehenden Nummer hatte der Papst die Nr.69 der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes das II. Vatikanischen Konzil zitiert. 61 Vgl. Enzyklika Populorum Progressio, 47: a.a.O., S. 280: "...eine Welt, wo die Freiheit nicht ein leeres Wort ist, wo der arme Lazarus an derselben Tafel mit dem Reichen sitzen kann". 62 Vgl. ebd., 47: a.a.O., S.28o: "Es geht darum, eine Welt zu bauen wo jeder Mensch ohne Unter schied der Rasse, der Religion, der Abstammung ein volles menschliches Leben fuhren kann frei von Versklavung von seiten der Menschen..."; vgl. auch II. Vatikanisches Konzil Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et Spes, 29. Diese fundamentale Gleichheit ist eines der Grundmotive, mit dem sich die Kirche immer jeder Form von Rassismus widersetzt hat. 63 Vgl. Homilie in Val Visdende, Norditalien (12. Juli 1987), 5: L'Osservatore Romano. 13-14. Juli 1987; PAUL VI., Apostolisches Schreiben Octogesima Adveniens (14. Mai 1971) 21: AAS 63 (1971) 416 f. |
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