Der ökumenische Weg: der
Weg der Kirche
7. »Der Herr
der Geschichte, der seinen Gnadenplan mit uns Sündern in Weisheit und Langmut
verfolgt, hat in jüngster Zeit begonnen, über die gespaltene Christenheit ernste
Reue und Sehnsucht nach Einheit reichlicher auszugießen. Von dieser Gnade sind
heute überall sehr viele Menschen ergriffen, und auch unter unseren getrennten
Brüdern ist unter der Einwirkung der Gnade des Heiligen Geistes eine sich
von Tag zu Tag ausbreitende Bewegung zur Wiederherstellung der Einheit aller
Christen entstanden. Diese Einheitsbewegung, die man als ökumenische
Bewegung bezeichnet, wird von Menschen getragen, die den dreieinigen Gott
anrufen und Jesus als Herrn und Erlöser bekennen, und zwar nicht nur einzeln
für sich, sondern auch in ihren Gemeinschaften, in denen sie die frohe
Botschaft vernommen haben und die sie ihre Kirche und Gottes Kirche nennen.
Fast alle streben, wenn auch auf verschiedene Weise, zu einer einen,
sichtbaren Kirche Gottes hin, die in Wahrheit allumfassend und zur ganzen
Welt gesandt ist, damit sich die Welt zum Evangelium bekehre und so ihr Heil
finde zur Ehre Gottes«.
8. Diese
Aussage des Dekretes Unitatis redintegratio muß im Gesamtzusammenhang
des Konzilslehramtes gelesen werden. Das II. Vatikanische Konzil bringt die
Entschlossenheit der Kirche zum Ausdruck, die ökumenische Aufgabe zugunsten der
Einheit der Christen anzunehmen und sie mit Überzeugung und Entschiedenheit
voranzutreiben: »Dieses Heilige Konzil mahnt alle katholischen Gläubigen, daß
sie, die Zeichen der Zeit erkennend, mit Eifer an dem ökumenischen Werk
teilnehmen«.
Unitatis redintegratio hält sich, wenn es die katholischen
Prinzipien des Ökumenismus anführt, vor allem an die Lehre über die Kirche, wie
sie in der Konstitution Lumen gentium, und zwar in dem Kapitel über das
Volk Gottes niedergelegt ist. Zugleich denkt es an die Aussagen der
Konzilserklärung Dignitatis humanae über die Religionsfreiheit.
Die katholische Kirche nimmt
hoffnungsvoll die ökumenische Verpflichtung an als einen Imperativ des vom
Glauben erleuchteten und von der Liebe geleiteten christlichen Gewissens. Auch
hier läßt sich das Wort des hl. Paulus an die ersten Christen von Rom anwenden:
»Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist«
(5, 5); daher »läßt« uns unsere »Hoffnung nicht zugrunde gehen« (Röm 5,
5). Es ist die Hoffnung auf die Einheit der Christen, die in der trinitarischen
Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes ihre göttliche
Quelle hat.
9. Jesus selbst
hat in der Stunde seines Leidens gebetet, daß »alle eins seien« (Joh 17,
21). Diese Einheit, die der Herr seiner Kirche geschenkt hat und in der er alle
umfangen wollte, ist nicht etwas Nebensächliches, sondern steht im Zentrum
seines Wirkens. Und sie ist auch nicht gleichbedeutend mit einem zweitrangigen
Attribut der Gemeinschaft seiner Jünger. Sie gehört vielmehr zum Wesen dieser
Gemeinschaft selbst. Gott will die Kirche, weil er die Einheit will und in der
Einheit die ganze Tiefe seiner agape zum Ausdruck kommt.
Denn diese vom Heiligen Geist
geschenkte Einheit besteht nicht bloß in einer Ansammlung von Personen, die
sich zu einer Summe addieren. Es ist eine Einheit, die durch die Bande des
Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und der hierarchischen Leitung und
Gemeinschaft gebildet wird. Die Gläubigen sind eins, weil
sie sich im Geist in der Gemeinschaft des Sohnes und in ihm in seiner Gemeinschaft
mit dem Vater befinden: »Wir haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit
seinem Sohn Jesus Christus« (1 Joh 1, 3). Für die katholische Kirche ist
daher die Gemeinschaft der Christen nichts anderes als das
Offenbarwerden der Gnade an ihnen, durch die Gott sie zu Teilhabern an seiner
eigenen Gemeinschaft macht, die sein ewiges Leben ist. Die Worte
Christi, daß »alle eins seien«, sind also das Gebet an den Vater, damit sich
sein Plan voll erfülle, auf daß allen enthüllt werde, »wie jenes Geheimnis Wirklichkeit
geworden ist, das von Ewigkeit her in Gott, dem Schöpfer des Alls, verborgen
war« (Eph 3, 9). An Christus glauben heißt, die Einheit wollen; die
Einheit wollen heißt, die Kirche wollen; die Kirche wollen heißt, die
Gnadengemeinschaft wollen, die dem Plan des Vaters von Ewigkeit her entspricht.
Das also ist die Bedeutung des Gebetes Christi: »Ut unum sint«.
10. Im
gegenwärtigen Zustand der Spaltung unter den Christen und der zuversichtlichen
Suche nach der vollen Gemeinschaft fühlen sich die katholischen Gläubigen
zutiefst ermahnt vom Herrn der Kirche. Das II. Vatikanische Konzil hat durch
ein klares und für alle, auch unter den anderen Christen vorhandene kirchliche
Werte offenes Kirchenbild ihren Einsatz gestärkt. Die katholischen Gläubigen
stellen sich im Geist des Glaubens der ökumenischen Problematik.
Das Konzil sagt, daß »die Kirche
Christi in der katholischen Kirche verwirklicht ist, die vom Nachfolger Petri
und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird«, und anerkennt
gleichzeitig, »daß außerhalb ihres Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung
und der Wahrheit zu finden sind, die als der Kirche Christi eigene Gaben auf
die katholische Einheit hindrängen«.
»Daher sind die getrennten
Kirchen und Gemeinschaften trotz der Mängel, die ihnen nach unserem Glauben
anhaften, nicht ohne Bedeutung und Gewicht im Geheimnis des Heiles. Denn der
Geist Christi hat sich gewürdigt, sie als Mittel des Heiles zu gebrauchen,
deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der
Gnade und Wahrheit herleitet«.
11. Auf diese
Weise bestätigt die katholische Kirche, daß sie während ihrer
zweitausendjährigen Geschichte in der Einheit mit sämtlichen Gütern, mit denen
Gott seine Kirche ausstatten möchte, erhalten geblieben ist, und das trotz der
oft schweren Krisen, die sie erschüttert haben, trotz mangelnder Treue einiger
ihrer Amtsträger und der Fehler, in die ihre Mitglieder tagtäglich verfallen.
Die katholische Kirche weiß, daß namens der Hilfe, die ihr vom Heiligen Geist
zukommt, die Schwächen, die Mittelmäßigkeiten, die Sünden, mitunter die
Treuebrüche mancher ihrer Söhne und Töchter das nicht zerstören können, was
Gott auf Grund seines Planes an Gnaden in sie eingegossen hat. Auch »die Mächte
der Unterwelt werden sie nicht überwältigen« (Mt 16, 18). Die
katholische Kirche vergißt jedoch nicht, daß viele in ihren Reihen Gottes Plan
trüben. Wenn das Dekret über den Ökumenismus die Spaltung der Christen ins
Gedächtnis zurückruft, weiß es sehr wohl um die »Schuld der Menschen auf beiden
Seiten« und erkennt an, daß die Verantwortung nicht ausschließlich
den »anderen« zugeschrieben werden kann. Durch Gottes Gnade ist jedoch das, was
den Aufbau der Kirche Christi ausmacht, und auch jene Gemeinschaft, die mit den
anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften fortbesteht, nicht zerstört
worden.
Die Elemente der Heiligung und
der Wahrheit, die in den anderen christlichen Gemeinschaften in je
unterschiedlichem Grad vorhanden sind, bilden in der Tat die objektive
Grundlage der, wenn auch unvollkommenen, Gemeinschaft, die zwischen ihnen und
der katholischen Kirche besteht.
In dem Maße, in dem diese
Elemente in den anderen christlichen Gemeinschaften vorhanden sind, ist die
eine Kirche Christi in ihnen wirksam gegenwärtig. Deshalb spricht das II.
Vatikanische Konzil von einer gewissen, wenngleich unvollkommenen Gemeinschaft.
Die Konstitution Lumen gentium unterstreicht, daß die katholische Kirche
sich mit diesen Gemeinschaften sogar durch eine bestimmte, echte Verbindung im
Heiligen Geist »aus mehrfachem Grunde verbunden weiß«.
12. Dieselbe
Konstitution hat ausführlich »die Elemente der Heiligung und Wahrheit«
dargelegt, die in unterschiedlicher Weise außerhalb der sichtbaren Grenzen der
katholischen Kirche vorhanden und wirksam sind: »Viele nämlich halten die
Schrift als Glaubens - und Lebensnorm in Ehren, zeigen einen aufrichtigen
religiösen Eifer, glauben in Liebe an Gott, den allmächtigen Vater, und an
Christus, den Sohn Gottes und Erlöser, empfangen das Zeichen der Taufe, wodurch
sie mit Christus verbunden werden; ja, sie anerkennen und empfangen auch andere
Sakramente in ihren eigenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Mehrere
unter ihnen besitzen auch einen Episkopat, feiern die heilige Eucharistie und
pflegen die Verehrung der jungfräulichen Gottesmutter. Dazu kommt die
Gemeinschaft im Gebet und in anderen geistlichen Gütern; ja sogar eine wahre
Verbindung im Heiligen Geiste, der in Gaben und Gnaden auch in ihnen mit seiner
heiligmachenden Kraft wirksam ist und manche von ihnen bis zur Vergießung des
Blutes gestärkt hat. So erweckt der Geist in allen Jüngern Christi Sehnsucht
und Tat, daß alle in der von Christus angeordneten Weise in der einen Herde
unter dem einen Hirten in Frieden geeint werden mögen«.
Unter Bezugnahme auf die
orthodoxen Kirchen erklärte das Konzilsdekret über den Ökumenismus im
besonderen, daß »durch die Feier der Eucharistie des Herrn in diesen Einzelkirchen
die Kirche Gottes sich aufbaut und wächst«. Das alles anzuerkennen
ist ein Erfordernis der Wahrheit.
13. Dasselbe
Dokument arbeitet die Auswirkungen dieser Situation auf die Lehre mit aller
Nüchternheit heraus. Es erklärt bezüglich der Mitglieder dieser Gemeinschaften:
»Nichtsdestoweniger sind sie durch den Glauben in der Taufe gerechtfertigt und
Christus eingegliedert, darum gebührt ihnen der Ehrenname des Christen, und mit
Recht werden sie von den Söhnen der katholischen Kirche als Brüder im Herrn
anerkannt«.
Unter Bezugnahme auf die
vielfältigen Güter, die in den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften
vorhanden sind, fügt das Dekret hinzu: »All dieses, das von Christus ausgeht
und zu ihm hinführt, gehört rechtens zu der einzigen Kirche Christi. Auch
zahlreiche liturgische Handlungen der christlichen Religion werden bei den von
uns getrennten Brüdern vollzogen, die auf verschiedene Weise je nach der
verschiedenen Verfaßtheit einer jeden Kirche und Gemeinschaft ohne Zweifel
tatsächlich das Leben der Gnade zeugen können und als geeignete Mittel für den
Zutritt zur Gemeinschaft des Heiles angesehen werden müssen«.
Hier handelt es sich um ökumenische
Texte von allergrößter Bedeutung. Außerhalb der Grenzen der katholischen
Gemeinschaft besteht also kein kirchliches Vakuum. Viele und bedeutende (eximia)
Elemente, die in der katholischen Kirche zur Fülle der Heilsmittel und der
Gnadengaben gehören, die die Kirche ausmachen, finden sich auch in den anderen
christlichen Gemeinschaften.
14. Alle diese
Elemente tragen den Hinweis auf die Einheit in sich, in der sie ihre Fülle
finden sollen. Es geht also nicht darum, alle in den christlichen
Gemeinschaften verstreuten Reichtümer einfach summarisch aneinanderzureihen, um
schließlich zu einer Kirche zu gelangen, die Gott für die Zukunft anstreben
würde. Gemäß der großen, von den Kirchenvätern des Orients und des Abendlandes
bezeugten Tradition glaubt die katholische Kirche, daß im Pfingstereignis Gott bereits
die Kirche in ihrer eschatologischen Wirklichkeit offenbar gemacht hat, wie er
sie »seit der Zeit des gerechten Abel« vorbereitete. Sie ist
bereits eine Gegebenheit. Aus diesem Grund befinden wir uns bereits in der
Endzeit. Die Elemente dieser bereits gegebenen Kirche existieren in ihrer
ganzen Fülle in der katholischen Kirche und noch nicht in dieser Fülle in den
anderen Gemeinschaften, wo gewisse Aspekte des christlichen
Geheimnisses bisweilen sogar wirkungsvoller zutage treten. Das Bestreben des
Ökumenismus ist es eben, die zwischen den Christen bestehende teilweise
Gemeinschaft bis zur vollen Gemeinschaft in der Wahrheit und in der Liebe
wachsen zu lassen.
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