Ökumenischer Dialog
28. Wenn das
Gebet die »Seele« der ökumenischen Erneuerung und der Sehnsucht nach der
Einheit ist, stützt sich alles, was das Konzil »Dialog« nennt, auf das
Gebet und erhält von ihm Auftrieb. Diese Definition ist gewiß nicht ohne Zusammenhang
mit dem heutigen personalistischen Denken. Die »Dialog«-Haltung ist auf
der Ebene des Wesens der Person und ihrer Würde angesiedelt. Vom Standpunkt der
Philosophie her verbindet sich eine solche Einstellung mit der vom Konzil
ausgesprochenen christlichen Wahrheit über den Menschen: er ist in der Tat »auf
Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur«; daher kann
der Mensch »sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst
vollkommen finden«. Der Dialog ist ein unerläßlicher Durchgang auf
dem Weg zur Selbsterfüllung des Menschen, des Individuums wie
auch jeder menschlichen Gemeinschaft. Obwohl an dem Begriff »Dialog« in
erster Linie das Erkenntnismoment (dia-logos) hervorzuragen scheint, hat
jeder Dialog eine globale, existentielle Dimension in sich. Er bezieht das
menschliche Subjekt in seiner Ganzheit ein; der Dialog zwischen den
Gemeinschaften nimmt die Subjektivität einer jeden von ihnen in besonderer
Weise in Anspruch.
Diese Wahrheit über den Dialog,
die von Papst Paul VI. in seiner Enzyklika Ecclesiam suam so
tiefgründig dargelegt wurde, ist auch von der Lehre und der ökumenischen Praxis
des Konzils aufgegriffen worden. Der Dialog ist nicht nur ein
Gedankenaustausch. Er ist gewissermaßen immer ein »Austausch von Gaben und
Geschenken«.
29. Aus diesem
Grund stellt auch das Konzilsdekret über den Ökumenismus in den Vordergrund
»alles Bemühen zur Ausmerzung aller Worte, Urteile und Taten, die der Lage der
getrennten Brüder nach Gerechtigkeit und Wahrheit nicht entsprechen und dadurch
die gegenseitigen Beziehungen mit ihnen erschweren«. Dieses
Dokument setzt sich vom Standpunkt der katholischen Kirche mit der Frage
auseinander und bezieht sich auf das Kriterium, das sie gegenüber den anderen
Christen anwenden soll. Bei all dem besteht jedoch ein Erfordernis der
Gegenseitigkeit. Die Beachtung dieses Kriteriums ist für alle Seiten, die in
den Dialog eintreten wollen, Verpflichtung und Vorbedingung, um ihn in Gang zu
bringen. Man muß von einer Position des Gegeneinander und des Konflikts auf
eine Ebene gelangen, auf der man sich gegenseitig als Partner anerkennt.
Wenn der Dialog aufgenommen wird, muß jede Seite bei ihrem Gesprächspartner
einen Willen zur Versöhnung und zur Einheit in der Wahrheit annehmen. Um
das alles zu verwirklichen, muß das zur Schau getragene
Sich-Gegeneinander-Stellen ein Ende haben. Nur auf diese Weise wird der Dialog
die Spaltung überwinden helfen und die Einheit näherbringen können.
30. Man darf
mit großer Dankbarkeit gegenüber dem Geist der Wahrheit sagen, daß das II.
Vatikanische Konzil eine segensreiche Zeit gewesen ist, während der die
Grundvoraussetzungen für die Teilnahme der katholischen Kirche am ökumenischen
Dialog verwirklicht wurden. Auf der anderen Seite haben die Anwesenheit der
zahlreichen Beobachter verschiedener Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften,
ihre starke Einbeziehung in das Konzilsereignis und die vielen Begegnungen und
gemeinsamen Gebete, die das Konzil ermöglicht hat, zur Schaffung der
Bedingungen beigetragen, um den gemeinsamen Dialog aufzunehmen. Die
Vertreter der anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften haben während des
Konzils die Bereitschaft zum Dialog seitens der katholischen Bischöfe der
ganzen Welt und insbesondere des Apostolischen Stuhles erfahren.
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