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| Ioannes Paulus PP. II Veritatis splendor IntraText CT - Text |
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KAPITEL I - »MEISTER, WAS MUSS ICH GUTES TUN...?« (Mt 19, 16) - Christus und die Antwort auf die moralische Frage »Es kam ein Mann zu Jesus...« (Mt 19, 16) Damit die Menschen diese »Begegnung« mit Christus verwirklichen können, hat Gott seine Kirche gewollt. In der Tat, »diesem Ziel allein möchte die Kirche dienen: jeder Mensch soll Christus finden können, damit Christus jeden einzelnen auf seinem Lebensweg begleiten kann«. »Meister, was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?« (Mt 19, 16) Der Mensch von heute muß sich aufs neue an Christus wenden, um von ihm die Antwort darauf zu erhalten, was gut und was schlecht ist. Er ist der Meister, der Auferstandene, der das Leben in sich hat und der in seiner Kirche und in der Welt immer gegenwärtig ist. Er erschließt den Gläubigen das Buch der Schrift und lehrt durch die volle Offenbarung des Willens des Vaters die Wahrheit über das sittliche Handeln. Am Ursprung und am Höhepunkt des Heilsplanes, des Alphas und Omegas der menschlichen Geschichte (vgl. Offb 1, 8; 21, 6; 22, 13), enthüllt Christus die Lage des Menschen und seine volle Berufung. Darum muß sich »der Mensch, der sich selbst bis in die Tiefe verstehen will - nicht nur nach unmittelbar zugänglichen, partiellen, oft oberflächlichen und sogar nur scheinbaren Kriterien und Maßstäben des eigenen Seins -, mit seiner Unruhe, Unsicherheit und auch mit seiner Schwäche und Sündigkeit, mit seinem Leben und Tod Christus nahen. Er muß sozusagen mit seinem ganzen Selbst in ihn eintreten, muß sich die ganze Wirklichkeit der Menschwerdung und der Erlösung 'aneignen' und assimilieren, um sich selbst zu finden. Wenn sich in ihm dieser tiefgreifende Prozeß vollzieht, wird er nicht nur zur Anbetung Gottes veranlaßt, sondern gerät auch in tiefes Staunen über sich selbst«. Wenn wir also in das Innerste der Moral des Evangeliums vordringen und ihren tiefen und unwandelbaren Inhalt erfassen wollen, müssen wir sorgfältig den Sinn der von dem reichen Jüngling des Evangeliums gestellten Frage und mehr noch den Sinn der Antwort Jesu erforschen, indem wir uns von ihm leiten lassen. Jesus antwortet nämlich mit pädagogischer Einfühlung und Behutsamkeit, indem er den jungen Mann gleichsam an der Hand nimmt und Schritt für Schritt zur Wahrheit hinführt. »Nur einer ist 'der Gute'« (Mt 19, 17) Bevor Jesus auf die Frage antwortet, möchte er, daß der junge Mann sich selbst über das Motiv seiner Frage klar wird. Der »gute Meister« weist seinen Gesprächspartner - und uns alle - darauf hin, daß die Antwort auf die Frage: »Was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?«, nur dadurch gefunden werden kann, daß sich Verstand und Herz dem zuwenden, der »allein der Gute« ist: »Niemand ist gut außer Gott, dem Einen« (Mk 10, 18; vgl. Lk 18, 19). Nur Gott kann auf die Frage nach dem Guten antworten, weil er das Gute ist. In der Tat bedeutet sich nach dem Guten zu fragen letzten Endes, sich Gott, der Fülle des Guten, zuzuwenden. Jesus zeigt, daß die Frage des jungen Mannes in der Tat eine religiöse Frage ist und daß das Gute, das den Menschen anzieht und zugleich verpflichtet, seine Quelle in Gott hat, ja Gott selber ist. Er, der allein würdig ist, »mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allen Gedanken« (Mt 22, 37) geliebt zu werden. Jesus führt die Frage nach dem sittlich guten Tun zurück auf ihre religiösen Wurzeln, auf die Anerkennung Gottes, des einzig Guten, Fülle des Lebens, Endziel des menschlichen Handelns, vollkommene Glückseligkeit. Was der Mensch ist und tun soll, wird offenkundig im Augenblick der Selbstoffenbarung Gottes. Die Zehn Gebote gründen sich in der Tat auf die Worte: »Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten herausgeführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben« (Ex 20, 2-3). Auf den »zehn Gebotstafeln« des Bundes mit Israel und im ganzen Gesetz gibt sich Gott als der zu erkennen, der »allein gut ist«; als der, der trotz der Sünde des Menschen weiterhin das »Modell« des sittlichen Handelns bleibt, seiner eigenen Aufforderung entsprechend: »Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig« (Lev 19, 2); als der, der seiner Liebe zum Menschen getreu, ihm sein Gesetz schenkt (vgl. Ex 19, 9-24 und 20, 18-21), um die ursprüngliche Harmonie mit dem Schöpfer und mit der ganzen Schöpfung wiederherzustellen, und noch mehr, um ihn in seine Liebe einzuführen: »Ich gehe in eurer Mitte; ich bin euer Gott, und ihr seid mein Volk« (Lev 26, 12). Das sittliche Leben erscheint als geschuldete Antwort auf die freien Initiativen, die Gottes Liebe dem Menschen unbegrenzt zuteil werden läßt. Es ist nach der Aussage, die das Buch Deuteronomium über das grundlegende Gebot macht, eine Antwort der Liebe: »Höre Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Söhnen wiederholen« (Dtn 6, 4-7). So ist das in die unverdiente Liebe Gottes eingebettete sittliche Leben dazu berufen, Gottes Herrlichkeit widerzuspiegeln: »Für den, der Gott liebt, genügt es, dem zu gefallen, den er liebt: er braucht nach keinem anderen, größeren Entgelt für diese Liebe zu suchen; denn die Liebe stammt so von Gott, daß Gott selbst Liebe ist«. Aber wenn nur Gott das Gute ist, gelingt es keiner menschlichen Anstrengung, auch nicht der strengsten Einhaltung der Gebote, das Gesetz »zu erfüllen«, das heißt den Herrn als Gott anzuerkennen und ihm die nur ihm allein gebührende Verehrung zu erweisen (vgl. Mt 4, 10). Die »Erfüllung« kann nur von einem Geschenk Gottes herkommen: es ist das Angebot einer Teilhabe am göttlichen Gutsein, das sich in Jesus offenbart und mitteilt, ihm, den der reiche Jüngling mit den Worten »guter Meister« anredet (vgl. Mk 10, 17; Lk 18, 18). Was der junge Mann jetzt vielleicht nur zu ahnen vermag, wird schließlich von Jesus selbst voll enthüllt werden in seiner Aufforderung: »Komm und folge mir nach!« (Mt 19, 21). »Wenn du aber das Leben erlangen willst, halte die Gebote« (Mt 19, 17) Nach der bedeutsamen Präzisierung: »Nur einer ist 'der Gute'« antwortet Jesus daher dem jungen Mann: »Wenn du aber das Leben erlangen willst, halte die Gebote« (Mt 19, 17). Damit wird ein enger Zusammenhang zwischen dem ewigen Leben und der Befolgung der Gebote Gottes hergestellt: die Gebote Gottes weisen dem Menschen den Weg des Lebens und geleiten ihn zu ihm. Aus dem Mund Jesu, des neuen Mose, werden den Menschen die Gebote des Dekalogs wiedergeschenkt; er selbst bestätigt sie endgültig und stellt sie uns als Weg und Bedingung des Heils vor. Das Gebot verbindet sich mit einer Verheißung: im Alten Bund war Gegenstand der Verheißung der Besitz eines Landes, in dem das Volk ein Dasein in Freiheit und Gerechtigkeit führen können sollte (vgl. Dtn 6, 20-25); im Neuen Bund ist Gegenstand der Verheißung das »Himmelreich«, wie Jesus zu Beginn der Bergpredigt - der Rede, die die umfassendste und vollständigste Darlegung des Neuen Gesetzes enthält (vgl. Mt 5-7) in offenkundiger Bezugnahme auf die Mose von Gott am Berg Sinai übergebenen Zehn Gebote sagt. Auf dieselbe Wirklichkeit des Himmelreiches bezieht sich der Ausdruck »ewiges Leben«, das Teilnahme am Leben Gottes selbst ist: es findet seine vollkommene Verwirklichung erst nach dem Tod, ist aber im Glauben schon jetzt Licht der Wahrheit, Sinnquelle für das Leben, beginnende Teilhabe an einer Fülle in der Nachfolge Christi. Jesus sagt nämlich nach der Begegnung mit dem reichen Jüngling zu den Jüngern: »Und jeder, der um meines Namens willen Häuser oder Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben gewinnen« (Mt 19, 29). Aus dem Gesprächszusammenhang, und insbesondere aus dem Vergleich des Textes bei Matthäus mit den Parallelstellen bei Markus und Lukas, ergibt sich, daß Jesus nicht daran denkt, alle Gebote, die notwendig sind, um »das Leben zu erlangen«, einzeln aufzuzählen; sondern daß es ihm vielmehr darum geht, den jungen Mann hinzuweisen auf die »zentrale Stellung« der Zehn Gebote allen anderen Geboten gegenüber als Deutung dessen, was für den Menschen »Ich bin der Herr, dein Gott« bedeutet. Es kann unserer Aufmerksamkeit also nicht entgehen, an welche Gebote des Gesetzes der Herr den jungen Mann erinnert: es sind einige Gebote, die zur sogenannten »zweiten Tafel« des Dekalogs gehören, deren Zusammenfassung (vgl. Röm 13, 8-10) und Fundament das Gebot der Nächstenliebe ist: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« (Mt 19, 19; vgl. Mk 12, 31) . In diesem Gebot kommt sehr klar die einzigartige Würde der menschlichen Person zum Ausdruck, die »das einzige Geschöpf ist, das Gott um seiner selbst willen gewollt hat«. Die verschiedenen Gebote des Dekalogs spiegeln in der Tat nur das einzige auf das Wohl der Person hingeordnete Gebot auf der Ebene der vielfältigen Güter wider, die die Identität der menschlichen Person als geistiges und leibliches Wesen in Beziehung zu Gott, zum Nächsten und zur Welt der Dinge kennzeichnen. Wie wir im Katechismus der katholischen Kirche lesen, sind die Zehn Gebote Teil der Offenbarung Gottes. Zugleich lehren sie uns die wahre Natur des Menschen. Sie heben seine wesentlichen Pflichten hervor und damit indirekt auch die Grundrechte, die der Natur der menschlichen Person innewohnen.« Die Gebote, an die Jesus seinen jungen Gesprächspartner erinnert, sind dazu bestimmt, das Wohl der Person, Ebenbild Gottes, durch den Schutz seiner Güter zu wahren. »Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen«, sind sittliche Regeln, die als Verbote formuliert sind. Die negativen Vorschriften bringen besonders kraftvoll die ununterdrückbare Forderung zum Ausdruck, das menschliche Leben, die Personengemeinschaft in der Ehe, das Privateigentum, die Wahrhaftigkeit und den guten Ruf zu schützen. Die Gebote stellen also die Grundvoraussetzung für die Nächstenliebe dar; zugleich dienen sie ihrer Überprüfung. Sie sind die erste notwendige Etappe auf dem Weg zur Freihelt, ihr Anfang: »Die erste Freiheit - schreibt der hl. Augustinus - besteht im Freisein von schuldhaftem Versagen: das wären z.B. Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, Betrug, Gotteslästerung usw. Wenn einer beginnt, nichts mit diesen Untaten zu tun zu haben (und kein Christ darf etwas mit ihnen zu tun haben), beginnt er, das Haupt zur Freiheit hin zu erheben, doch das ist erst der Anfang der Freiheit, nicht die vollkommene Freiheit...«. Die beiden Gebote, an denen »das ganze Gesetz hängt samt den Propheten« (Mt 22, 40), sind zutiefst miteinander verbunden und durchdringen sich gegenseitig. Ihre unauflösliche Einheit wird von Christus mit den Worten und mit dem Leben bezeugt: seine Sendung erreicht ihren Höhepunkt in dem Kreuz, das die Erlösung bringt (vgl. Joh 3, 14-15), Zeichen seiner unteilbaren Liebe zum Vater und zur Menschheit (vgl. Joh 13, 1). Sowohl das Alte wie das Neue Testament bringen sehr klar zum Ausdruck, daß ohne die Nächstenliebe, die sich in der Einhaltung der Gebote konkretisiert, die echte Gottesliebe nicht möglich ist. Mit außerordentlicher Wortgewalt schreibt der hl. Johannes: »Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder haßt, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht« (1 Joh 4, 20). Der Evangelist pflichtet der moralischen Verkündigung Christi bei, die in dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter (vgl. Lk 10, 30-37) und in der »Rede« vom Weltgericht auf bewundernswerte und unmißverständliche Weise Ausdruck findet (vgl. Mt 25, 31-46). Jesus führt die Gebote Gottes, insbesondere das Gebot der Nächstenliebe, dadurch ihrer Erfüllung zu, daß er ihre Forderungen verinnerlicht und ihren Anforderungen größere Radikalität verleiht: Die Liebe zum Nächsten entspringt einem Herzen, das liebt und das eben deshalb, weil es liebt, bereit ist, die höchsten Forderungen zu leben. Jesus zeigt, daß die Gebote nicht als eine nicht zu überschreitende Minimalgrenze verstanden werden dürfen, sondern vielmehr als eine Straße, die offen ist für einen sittlichen und geistlichen Weg der Vollkommenheit, deren Seele die Liebe ist (vgl. Kol 3, 14). So wird das Gebot »Du sollst nicht töten« zum Aufruf zu einer fürsorglichen Liebe, die das Leben des Nächsten schützt und fördert; das Gebot, das den Ehebruch verbietet, wird zur Aufforderung zu einem reinen Blick, der imstande ist, die bräutliche Bedeutung des Leibes zu achten: »Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein... Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen« (Mt 5, 21-22. 27-28). Jesus selbst ist die lebendige »Erfüllung« des Gesetzes, da er die Bedeutung des Gesetzes mit der totalen Selbsthingabe lebt: er selbst wird in seinem Geist zum lebendigen und persönlichen Gesetz, das zu seiner Nachfolge einlädt, das die Gnade gewährt, sein Leben und seine Liebe zu teilen, und die Kraft bietet, in Entscheidungen und Taten von ihm Zeugnis zu geben (vgl. Joh 13, 34-35). »Wenn du vollkommen sein willst« (Mt 19, 21) Wie schon der vorhergehende Abschnitt der Antwort Jesu, so muß auch dieser Abschnitt im Zusammenhang der ganzen sittlichen Botschaft des Evangeliums und insbesondere im Zusammenhang der Bergpredigt, der Seligpreisungen (vgl. Mt 5, 3-12) verstanden und interpretiert werden, deren erste ja die Seligpreisung der Armen ist, derer, »die arm sind vor Gott«, wie der hl. Matthäus präzisiert (Mt 5, 3), das heißt der Demütigen. In diesem Sinne kann man sagen, auch die Seligpreisungen gehören in den Raum, der von der Antwort geöffnet wird, die Jesus auf die Frage des jungen Mannes gibt: »Was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?«. In der Tat verheißt jede Seligpreisung nach einer je besonderen Sicht gerade jenes »Gute«, das den Menschen für das ewige Leben öffnet, ja das das ewige Leben selbst ist. Die Seligpreisungen haben nicht eigentlich konkrete Verhaltensnormen zum Gegenstand, sondern reden von inneren Haltungen und existentiellen Grundeinstellungen und decken sich daher nicht genau mit den Geboten. Andererseits besteht keine Trennung oder Diskrepanz zwischen den Seligpreisungen und den Geboten: beide beziehen sich auf das Gute, auf das ewige Leben. Die Bergpredigt beginnt mit der Verkündigung der Seligpreisungen, enthält aber auch den Bezug auf die Gebote (vgl. Mt 5, 20-48). Gleichzeitig zeigt die Bergpredigt die Öffnung und Ausrichtung der Gebote auf die Perspektive der Vollkommenheit, die zu den Seligpreisungen gehört. Diese sind zunächst Verheißungen, aus denen indirekt auch normative Anweisungen für das sittliche Leben hervorgehen. In ihrer ursprünglichen Tiefe sind sie so etwas wie ein Selbstbildnis Christi und eben deshalb Einladungen zu seiner Nachfolge und zur Lebensgemeinschaft mit ihm. Die Vollkommenheit erfordert jene Relfe in der Selbsthingabe, zu der die Freiheit des Menschen berufen ist. Jesus weist den jungen Mann auf die Gebote als die erste, unverzichtbare Voraussetzung hin, um das ewige Leben zu erlangen; die Aufgabe all dessen, was der junge Mann besitzt, und die Nachfolge des Herrn nehmen hingegen den Charakter eines Angebots an: »Wenn du... willst«. Das Wort Jesu enthüllt die besondere Dynamik des Wachstums der Freiheit zur Reife und bezeugt zugleich die fundamentale Beziehung der Freiheit zum göttlichen Gesetz. Die Freiheit des Menschen und das Gesetz Gottes widersprechen sich nicht, sondern im Gegenteil, sie fordern einander. Der Jünger Christi weiß, daß seine Berufung eine Berufung zur Freiheit ist. »Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder« (Gal 5, 13), verkündet der Apostel Paulus mit Freude und Stolz. Aber sogleich präzisiert er: »Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!« (ebd. ). Die Festigkeit, mit der sich der Apostel dem widersetzt, der seine Rechtfertigung dem Gesetz anvertraut, hat nichts gemein mit der »Befreiung« des Menschen von den Geboten, die im Gegenteil im Dienst der prak tisch geübten Liebe stehen: »Wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die Gebote: Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren! und alle anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefaßt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Röm 13, 8-9). Nachdem der hl. Augustinus von der Befolgung der Gebote als der ersten unvollkommenen Freiheit gesprochen hat, fährt er fort: »Warum noch nicht vollkommen?, wird mancher fragen. Weil 'ich spüre, daß in meinen Gliedern ein anderes Gesetz im Konflikt mit dem Gesetz meiner Vernunft steht'... Teils Freiheit, teils Knechtschaft: noch nicht vollkommen, noch nicht rein, noch nicht voll ist die Freiheit, weil wir noch nicht in der Ewigkeit sind. Zum Teil bewahren wir die Schwäche und zum Teil haben wir die Freiheit erlangt. Alle unsere Sünden sind bei der Taufe getilgt worden, aber ist etwa die Schwachheit verschwunden, nachdem die Ungerechtigkeit ausgemerzt worden ist? Wäre sie verschwunden, würde man auf Erden ohne Sünde leben. Wer wird das zu behaupten wagen, außer einer, der anmaßend und daher der Barmherzigkeit des Befreiers unwürdig ist?... Da also eine Schwäche in uns geblieben ist, wage ich zu sagen, daß wir in dem Maße, in dem wir Gott dienen, frei sind, während wir in dem Maße, in dem wir dem Gesetz der Sünde folgen, Sklaven sind«. Diese Berufung zu vollkommener Liebe ist nicht ausgewählten Gruppen vorbehalten. Dle Aufforderung: »Geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen«, mit der Verheißung: »so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben«, betrifft alle, denn sie ist eine grundlegende Erneuerung des Gebotes der Nächstenliebe, wie die folgende Einladung »Komm und folge mir nach« die neue konkrete Form des Gebotes der Gottesliebe ist. Die Gebote und die Einladung Jesu an den reichen Jüngling stehen im Dienst einer einzigen, unteilbaren Liebe, die aus eigenem Antrieb nach Vollkommenheit strebt und deren Maß allein Gott ist: »Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist« (Mt 5, 48). Im Lukasevangelium präzisiert Jesus den Sinn dieser Vollkommenheit weiter: »Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!« (Lk 6, 36). »Komm und folge mir nach!« (Mt 19, 21) Es ist Jesus selbst, der die Initiative ergreift und uns aufruft, ihm zu folgen. Der Ruf richtet sich vor allem an diejenigen, denen er eine besondere Sendung anvertraut, angefangen bei den Zwölfen; aber es erscheint ebenso klar, daß jeder Gläubige dafür disponiert ist, Jünger Christi zu werden (vgl. Apg 6, 1). Darum ist die Nachfolge Christi das wesentliche und ursprüngliche Fundament der christlichen Moral: Wie das Volk Israel Gott folgte, der es durch die Wüste in das verheißene Land führte (vgl. Ex 13, 21), so muß der Jünger Jesus folgen, zu dem der Vater selbst ihn hinlenkt (vgl. Joh 6, 44). Es handelt sich hier nicht allein darum, auf eine Lehre zu hören und ein Gebot im Gehorsam anzunehmen. Es geht ganz radikal darum, der Person Jesu selbst anzuhängen, sein Leben und sein Schicksal zu teilen durch Teilnahme an seinem freien und liebenden Gehorsam gegenüber dem Vater. Wenn er durch die Antwort des Glaubens dem folgt, der die fleischgewordene Weisheit ist, ist der Jünger Jesu wahrhaftig Jünger Gottes (vgl. Joh 6, 45). Jesus ist in der Tat das Licht der Welt, das Licht des Lebens (vgl. Joh 8, 12); er ist der Hirte, der die Schafe führt und nährt (vgl. Joh 10, 11-16), er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben (vgl. Joh 14, 6), er ist der, der zum Vater führt, so daß wer ihn, den Sohn, sieht, den Vater sieht (vgl. Joh 14, 6-10). Daher heißt den Sohn nachahmen, der »das Ebenbild des unsichtbaren Gottes« ist (Kol 1, 15), den Vater nachahmen. Dieses »so wie« gibt auch das Maß an, mit dem Jesus geliebt hat und mit dem seine Jünger einander lieben sollen. Nachdem er gesagt hat: »Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe«, fährt Jesus mit den Worten fort, die auf das Opfergeschenk seines Lebens am Kreuz als Zeugnis seiner Liebe »bis zur Vollendung« (Joh 13, 1 ) hinweisen: »Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt« (Joh 15, 13). Als Jesus den jungen Mann auffordert, ihm auf dem Weg der Vollkommenheit zu folgen, verlangt er von ihm, vollkommen zu sein im Gebot der Liebe, in »seinem« Gebot: sich einzufügen in das Leben seiner Ganzhingabe, die Liebe des »guten« Meisters, die Liebe dessen, der »bis zur Vollendung« geliebt hat, nachzuahmen und nachzuleben. Das ist es, was Jesus von jedem Menschen fordert, der sich in seine Nachfolge begeben will: »Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach« (Mt 16, 24). Durch seine Einverleibung in Christus wird der Christ Glied seines Leibes, der die Kirche ist (vgl. 1 Kor 12, 13. 27). Unter dem Antrieb des Geistes gestaltet die Taufe den Gläubigen auf radikale Weise Christus gleich im österlichen Geheimnis des Todes und der Auferstehung, sie »zieht ihm Christus an« (vgl. Gal 3, 27): »Freuen wir uns und danken wir - ruft der hl. Augustinus an die Getauften gewandt aus -: wir sind nicht nur Christen geworden, sondern Christus Staunt und freut euch: Wir sind Christus geworden!«. Der Sünde gestorben, empfängt der Getaufte das neue Leben (vgl. Röm 6, 3-11): während er durch Gott in Christus Jesus lebt, ist er aufgerufen, nach dem Geist zu wandeln und dessen Früchte im Leben kundzutun (vgl. Gal 5, 16-25). Die Teilnahme an der Eucharistie, dem Sakrament des Neuen Bundes (vgl. 1 Kor 11, 23-29), ist der Höhepunkt der Angleichung an Christus, Quelle des »ewigen Lebens« (vgl. Joh 6, 51-58), Ursprung und Kraft der totalen Selbsthingabe, derer wir nach dem Gebot Jesu - nach dem Zeugnis, das Paulus überliefert hat - in der Eucharistiefeier und im Leben gedenken sollen: »Denn sooft ihr von diesem Brot eßt und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt« (1 Kor 11, 26). »Für Gott aber ist alles möglich« (Mt 19, 26) Im gleichen Kapitel des Matthäusevangeliums (19, 3-10) weist Jesus bei der Interpretation des mosaischen Gesetzes über die Ehe das Recht auf Verstoßung der Frau zurück unter Hinweis auf einen im Vergleich zum Gesetz des Mose ursprünglicheren und verbindlicheren »Anfang«: den ursprünglichen Plan Gottes mit den Menschen, einen Plan, dem der Mensch nach dem Sündenfall nicht mehr angemessen war: »Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so« (Mt 19, 8). Der Hinweis auf den »Anfang« macht die Jünger bestürzt, und sie kommentieren ihn mit den Worten: »Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu heiraten« (Mt 19, 10). Und Jesus, der sich in besonderer Weise auf das Charisma der Ehelosigkeit »um des Himmelreiches willen« (Mt 19, 12) bezieht, aber eine allgemeine Regel darlegt, verweist auf die neue, überraschende Möglichkeit, die dem Menschen von der Gnade Gottes eröffnet wird: Jesus sagte zu ihnen: »Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist« (Mt 19, 11). Die Liebe Christi nachzuahmen und nachzuleben, ist dem Menschen aus eigener Kraft allein nicht möglich. Er wird zu dieser Liebe fähig allein kraft einer Gabe, die er empfangen hat. Wie der Herr Jesus die Liebe von seinem Vater empfängt, so gibt er sie seinerseits aus freien Stücken an die Jünger weiter: »Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!« (Joh 15, 9). Die Gabe Christi ist sein Geist, dessen erste »Frucht« (vgl. Gal 5, 22) die Liebe ist: »Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist« (Röm 5, 5). Der hl. Augustinus fragt sich: »Ist es die Liebe, die uns die Gebote befolgen läßt, oder ist es die Befolgung der Gebote, die die Liebe entstehen läßt?«. Diese unauflösliche Verbindung zwischen der Gnade des Herrn und der Freiheit des Menschen, zwischen der Gabe und der Aufgabe hat der hl. Augustinus mit schlichten und tiefen Worten zum Ausdruck gebracht, wenn er betet: »Da quod iubes et iube quod vis« (Gib, was Du gebietest, und gebiete, was Du willst). Die Gabe mindert nicht, sondern vermehrt die sittlichen Forderungen der Liebe: »Und das ist sein Gebot: Wir sollen an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, wie es seinem Gebot entspricht« (1 Joh 3, 23). Nur unter der Bedingung, daß man die Gebote hält, kann man, wie Jesus sagt, in der Liebe »bleiben«: »Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe« (Joh 15, 10). Der hl. Thomas, der die Sinnspitze der moralischen Botschaft Jesu und der Verkündigung der Apostel erfaßte, konnte in Wiedergabe einer großartigen Zusammenschau der großen Traditionen der Kirchenväter des Ostens und des Westens, insbesondere des hl. Augustinus, schreiben: das Neue Gesetz ist die durch den Glauben an Christus gewährte Gnade des Heiligen Geistes. Die äußeren Vorschriften, von denen das Evangelium auch redet, bereiten auf diese Gnade vor oder bringen deren Wirkungen im Leben zum Tragen. Das Neue Gesetz begnügt sich nämlich nicht damit zu sagen, was man tun muß, sondern es verleiht auch die Kraft, »die Wahrheit zu tun« (vgl. Joh 3, 21). Gleichzeitig hat der hl. Johannes Chrysosthomos angemerkt, daß das Neue Gesetz genau da gegeben wurde, als der Heilige Geist vom Himmel herabkam, und daß die Apostel nicht vom Berg herabstiegen »mit Steintafeln in ihren Händen wie Mose; sondern sie kamen und trugen den Heiligen Geist in ihren Herzen..., nachdem sie durch seine Gnade zu einem lebendigen Gesetz, zu einem beseelten Buch geworden waren«. »Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28, 20) Die von Gott im Alten Bund auferlegten und im Neuen und Ewigen Bund in der Person des menschgewordenen Gottessohnes erfüllten sittlichen Gebote müssentreu bewahrt und in den verschiedenen Kulturen im Laufe der Geschichte immer wieder aktualisiert werden. Die Aufgabe ihrer Interpretation war von Jesus den Aposteln und ihren Nachfolgern mit dem besonderen Beistand des Geistes der Wahrheit übertragen worden: »Wer euch hört, der hört mich« (Lk 10, 16). Mit dem Licht und der Kraft dieses Geistes haben die Apostel den Auftrag erfüllt, das Evangelium zu verkünden und »im Weg« des Herrn zu unterweisen (vgl. Apg 18, 25), indem sie vor allem die Nachfolge und Nachahmung Christi lehren: »Für mich ist Christus das Leben« (Phil 1, 21). Kein Riß darf die Harmonie zwischen Glaube und Leben gefährden: die Einheit der Kirche wird nicht nur von den Christen verletzt, die die Glaubenswahrheiten ablehnen oder verzerren, sondern auch von jenen, die die sittlichen Verpflichtungen verkennen, zu denen sie das Evangelium aufruft (vgl. 1 Kor 5, 9-13). Die Apostel haben jede Trennung zwischen dem Anliegen des Herzens und den Gesten, die es zum Ausdruck bringen und kontrollieren, entschieden abgelehnt (vgl. 1 Joh 2, 3-6). Und seit der apostolischen Zeit haben die Bischöfe der Kirche die Vorgehensweisen derjenigen mit aller Klarheit angezeigt, die mit ihren Lehren oder mit ihrem Verhalten Spaltungen Vorschub leisteten. Innerhalb der Überlieferung entwickelt sich mit dem Beistand des Heiligen Geistes die authentische Interpretation des Gesetzes des Herrn. Der Geist selbst, der am Beginn der Offenbarung der Gebote und der Lehren Jesu steht, gewährleistet, daß sie heiligmäßig bewahrt, getreu dargelegt und im Wechsel der Zeiten und Umstände korrekt angewandt werden. Diese »Aktualisierung« der Gebote ist Zeichen und Frucht eines tieferen Eindringens in die Offenbarung und eines Verstehens neuer historischer und kultureller Situationen im Lichte des Glaubens. Sie kann jedoch nur die bleibende Gültigkeit der Offenbarung bestätigen und sich in den Traditionsstrom der Auslegung einfügen, den die große Lehr-und Lebensüberlieferung der Kirche bildet und dessen Zeugen die Lehre der Kirchenväter, das Leben der Heiligen, die Liturgie der Kirche und das Lehramt sind. Insbesondere ist - wie das Konzil sagt - »die Aufgabe, das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes verbindlich zu erklären, nur dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut, dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi ausgeübt wird«. Auf diese Weise erscheint die Kirche in ihrem Leben und in ihrer Lehre als »die Säule und das Fundament der Wahrheit« (1 Tim 3, 15), auch der Wahrheit über das sittliche Handeln. In der Tat »kommt es der Kirche zu, immer und überall die sittlichen Grundsätze auch über die soziale Ordnung zu verkündigen wie auch über menschliche Dinge jedweder Art zu urteilen, insoweit die Grundrechte der menschlichen Person oder das Heil der Seelen dies erfordern«. Gerade was die Fragestellungen anbelangt, die für die Diskussion von Fragen der Moral heute kennzeichnend sind und in deren Umfeld sich neue Tendenzen und Theorien entwickelt haben, empfindet es das Lehramt in Treue zu Jesus Christus und in der Kontinuität der Tradition der Kirche als sehr dringende Pflicht, sein eigenes Urteil und seine Lehre anzubieten, um dem Menschen auf seinem Weg zur Wahrheit und zur Freiheit behilflich zu sein.
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