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| Hugo von Hoffmansthal Elektra IntraText CT - Text |
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Aufzug I
Der innere Hof, begrenzt von der Rückseite des Palastes und niedrigen Gebäuden, in denen die Diener wohnen. Dienerinnen am Ziehbrunnen, links vorne. Aufseherinnen unter ihnen.
I. Magd ihr Wassergefäss aufhebend: Ist doch ihre Stunde, die Stunde, wo sie um den Vater heult, Elektra kommt aus der schon dunkelnden Hausflur gelaufen. Alle drehen sich nach ihr um. Elektra springt zurück wie ein Tier in seinen Schlupfwinkel, den einen Arm vor dem Gesicht. Habt ihr gesehn, wie sie uns ansah? Immer, wenn die Sonne tief steht, wenn man sie ansieht. Ja, wir kamen ihr zu nah. Da pfauchte sie wie eine katze uns an. "Fort, Fliegen!", schrie sie, "fort!" "Schmeissfliegen, fort!" "Sitzt nicht auf meinen Wunden!" und schlug nach uns mit einem Strohwisch. abweiden von der Qual. Ihr sollt nicht schmatzen "Geht ab, verkriecht euch," schrie sie uns nach. "Esst Fettes, und esst Süsses und geht zu Bett mit euren Männern" schrie sie, und die -- ich war nicht faul -- Ja: "wenn du hungrig bist," gab ich zur Antwort, "so isst du auch," da sprang sie auf und schoss grässliche Blicke, reckte ihre Finger wie Krallen gegen uns und schrie: "Ich füttre Und du? "Drum hockst du immerfort," gab ich zurück, "wo Aasgeruch dich hält und scharrst Und was sagte sie da? in ihren Winkel. solch einen Dämon frei in Haus und Hof Wär' sie mein Kind, ich hielte, ich -- bei Gott! -- Sind sie dir nicht hart genug mit ihr? Setzt man ihr nicht den Napf mit Essen zu den Hunden? Hast du den Herrn nie sie schlagen sehn? V. Magd ganz jung, mit zitternder erregter Stimme: Ich will vor ihr mich niederwerfen und die Füsse ihr küssen. Ist sie nicht ein Königskind und duldet solche Schmach! Ich will die Füsse ihr salben und mit meinem Haar sie trocknen. Die Aufseherin Hinein mit dir! Stösst sie das königlicher ist als sie. Sie liegt in Lumpen auf der Schwelle, aber niemand, niemand ist hier im Haus, der ihren Blick Die Aufseherin Hinein! Stösst sie in die offene niedrige Tür links vorne Ihr alle seid nicht wert, die Luft zu atmen, die sie atmet! O, könnt' ich euch alle, euch, erhängt am Halse, in einer Scheuer Dunkel hängen sehn um dessen willen, was ihr an Elektra Die Aufseherin schlägt die Tür zu Hört ihr das? wir, an Elektra! die ihren Napf von unserm Tische stiess, als man mit uns sie essen hiess, die ausspie vor uns und Hündinnen uns nannte. Was? Sie sagte: keinen Hund kann man erniedern, wozu man uns hat abgerichtet: dass wir mit Wasser und mit immer frischem Wasser das ewige Blut des Mordes von der Diele abspülen -- und die Schmach, so sagte sie, die Schmach, die sich bei Tag und Nacht erneut, starrt von dem Unrat, dem wir dienstbar sind! Die Mägde tragen die Gefässe ins Haus links Die Aufseherin die ihnen die Tür aufgemacht Und wenn sie uns mit unsern Kindern sieht, so schreit sie: nichts kann so verflucht sein, nichts, als Kinder, die wir hündisch auf der Treppe im Blute glitschernd, hier in diesem Haus empfangen und geboren haben. Sagt sie das oder nicht? Die Dienerinnen im Abgehen Ja! ja! Die Aufseherin Sagt sie das oder nicht? Die Dienerinnen Alle schon drinnen Ja, ja. Die Eine innen Sie schlagen mich! Die Aufseherin geht hinein. Die Tür fällt zu Allein! Weh, ganz allein. Der Vater fort, hinabgescheucht in seine kalten Klüfte. gegen den Boden Wo bist du, Vater? Hast du nicht die Kraft, dein Angesicht herauf zu mir zu schleppen? Es ist die Stunde, unsre Stunde ist's! Die Stunde, wo sie dich geschlachtet haben, dein Weib und der mit ihr in einem Bette, in deinem königlichen Bette schläft. Sie schlugen dich im Bade tot, dein Blut rann über deine Augen, und das Bad dampfte von deinem Blut, da nahm er dich, der Feige, bei den Schultern, zerrte dich hinaus aus dem Gemach, den Kopf voraus, die Beine schleifend hinterher: dein Auge, das starre, offne, sah herein ins Haus. So kommst du wieder, setzest Fuss vor Fuss und stehst auf einmal da, die beiden Augen weit offen, und ein königlicher Reif von Purpur ist um deine Stirn, der speist sich Ich will dich sehn, lass mich heute nicht allein! Nur so wie gestern, wie ein Schatten, dort im Mauerwinkel zeig dich deinem Kind! Vater! Agamemnon, dein Tag wird kommen! Von den Sternen stürzt alle Zeit herab, so wird das Blut aus hundert Kehlen stürzen auf dein Grab! So wie aus umgeworfnen Krügen wird's aus den gebunden Mördern fliessen, und in einem Schwall, in einem geschwollnen Bach wird ihres Lebens Leben aus ihnen stürzen -- und wir schlachten dir die Rosse, die im Hause sind, wir treiben sie vor dem Grab zusammen, und sie ahnen den Tod und wiehern in die Todesluft und sterben, und wir schlachten dir die Hunde, die dir die Füsse leckten, die mit dir gejagt, denen du die Bissen hinwarfst, darum müss ihr Blut hinab, um dir zu Dienst zu sein, und wir, wir, dein Blut, dein Sohn Orest und deine Töchter, wir drei, wenn alles dies vollbracht und Purpur- gezelte aufgerichtet sind, vom Dunst des Blutes, den die Sonne nach sich zieht, dann tanzen wir, dein Blut, rings um dein Grab: und über Leichen hin werd' ich das Knie hochheben Schritt für Schritt, und die mich werden so tanzen sehn, ja, die meinen Schatten von weiten nur so werden tanzen sehn, die werden sagen: einem grossen König wird hier ein grosses Prunkfest angestellt von seinem Fleisch und Blut, und glücklich ist, wer Kinder hat, die um sein hohes Grab so königliche Siegestänze tanzen! Chrysothemis die jüngere Schwester, steht in der Haustür. Elektra fährt zusammen und starrt zuerst wie aus einem Traum Chrysothemis steht an die Tür gedrückt. Ist mein Gesicht dir so verhasst? Was willst du? Rede, sprich, ergiesse dich, dann geh und lass mich! Chrysothemis hebt wie abwehrend die Hände. So hob der Vater seine beiden Hände, da fuhr das Beil hinab und spaltete sein Fleisch. Was willst du, Tochter meiner Mutter, Sie haben etwas Fürchterlichtes vor. Wer? Nun, meine Mutter und jenes andre Weib, die Memme, ei, Aegisth, der tapfre Meuchelmörder, er, der Heldentaten nur im Bett vollführt. Sie werfen dich in einen Turm, wo du von Sonn' und Mond Wie hast denn du Mach keine Türen auf in diesem Haus! Gepresster Atem, pfui! und Röcheln von Erwürgten, nichts andres gibt's in diesen Mauern. Mach keine Türen auf! Schleich nicht herum. Sitz an der Tür wie ich und wünsch den Tod und das Gericht herbei auf sie und ihn. Ich kann nicht sitzen und ins Dunkel starren wie du. Ich hab's wie Feuer in der Brust, es treibt mich immerfort herum im Haus, in keiner Kammer leidet's mich, ich muss von einer Schwelle auf die andre, ach! treppauf, treppab, mir ist, als rief' es mich, und komm ich hin, so stiert ein leeres Zimmer mich an. Ich habe soche Angst, mir zittern die Knie bei Tag und Nacht, mir ist die Kehle wie zugeschnürt, ich kann nicht einmal weinen, wie Stein ist Alles! Schwester, hab Erbarmen! Mit wem? Du bist es, die mit Eisenklammern mich an den Boden schmiedet. Wärst nicht du, sie liessen uns hinaus. Wär nicht dein Hass, dein schlafloses, unbändiges Gemüt, vor dem sie zittern, ah, so liessen sie uns ja heraus aus diesem Kerker, Schwester! Ich will heraus! Ich will nicht jede Nacht bis an den Tod hier schlafen! Eh ich sterbe, will ich auch leben! Kinder will ich haben, bevor mein Leib verwelkt, und wärs ein Bauer, dem sie mich geben, Kinder will ich ihm gebären und mit meinem Leib sie wärmen in kalten Nächten, wenn der Sturm die Hütte Hörst du mich an? Sprich zu mir, Schwester! Hab Mitleid mit der selber und mit mir! Der Vater, der ist tot. Der Bruder kommt nicht heim. Immer sitzen wir auf der Stange wie angehängte Vögel, wenden links und rechts den Kopf und niemand kommt kein Bruder -- kein Bote von dem Bruder, nicht der Bote von einem Boten. Nichts -- Mit Messern gräbt Tag um Tag in dein und mein Gesicht sein Mal und draussen geht die Sonne auf und ab, und Frauen, die ich schlank gekannt hab', sind schwer von Segen, mühn sich zum Brunnen heben kaum die Eimer, und auf einmal sind sie entbunden ihrer Last kommen zum Brunnen wieder und aus ihnen selber quillt süsser Trank und säugend hängt ein Leben an ihnen, und die Kinder werden gross -- Nein, ich bin ein Weib und will ein Weiberschicksal. Viel lieber tot als leben und nicht leben. Sie bricht in heftiges Weinen aus Was heulst du? Fort, hinein! Dort ist dein Platz. Es geht ein Lärm los. Stellen sie vielleicht für dich die Hochzeit an? Ich hör sie laufen. Das ganze Haus ist auf. Sie kreissen oder sie morden. Wenn es an Leichen mangelt, drauf zu schlafen, müssen sie doch morden! Geh fort, verkriech dich! dass sie dich nicht sieht. Stell dich ihr heut' nicht in den Weg: sie schickt Tod aus jedem Blick. Sie hat geträumt. Der Lärm von vielen Kommenden drinnen, allmählich näher Geh fort von hier. Sie kommen durch die Gänge. Sie kommen hier vorbei. Sie hat geträumt: Sie hat geträumt, ich weiss nicht, was, ich hab' es von den Mägden gehört, sie sagen, dass sie von Orest, von Orest geträumt hat, dass sie geschrien hat aus ihrem Schlaf, wie einer schreit, den man erwürgt. Fackeln und Gestalten erfüllen den Gang links von der Tür. Sie kommen schon. Sie treibt die Mägde alle mit Fackeln vor sich her. Sie schleppen Tiere und Opfermesser. Schwester, wenn sie zittert, ist sie am schrecklichsten, geh ihr nur heut, nur diese Stunde geh aus ihrem Weg! Ich habe eine Lust, mit meiner Mutter An den grell erleuchteten Fenstern klirrt und schlürft ein hastiger Zug vorüber: es ist ein Zerren, ein Schleppen von Tieren, ein gedämpftes Keifen, ein schnell ersticktes Aufschreien, das Niedersausen einer Peitsche, ein Aufraffen, ein Weitertaumeln. In dem breiten Fenster erscheint Klytämnestra. Ihr fahles, gedunsenes Gesicht, in dem grellen Licht der Fackeln, erscheint noch bleicher über dem scharlachroten Gewand. Sie stützt sich auf eine Vertraute, die dunkelviolett gekleidet ist, und auf einen elfenbeinernen, mit Edelsteinen geschmückten Stab. Eine gelbe Gestalt, mit zurückgekämmtem schwarzem Haar, einer Egypterin ähnlich, mit glattem Gesicht einer aufgerichteten Schlange gleichend, trägt ihr die Schleppe. Die Königin ist über und über bedeckt mit Edelsteinen und Talismanen, die Arme sind voll von Reifen, ihre Finger starren von Ringen. Die Lider ihrer Augen scheinen übermässig gross und es scheint ihr eine furchtbare Anstrengung zu kosten, sie Klytämnestra öffnet jäh die Augen, zitternd vor Zorn tritt sie ans Fenster und zeigt mit dem Stock auf Elektra. Was willst du? Seht doch, dort! so seht doch das! Wie es sich aufbäumt mit geblähtem Hals und nach mir züngelt! und das lass ich frei Wenn sie mich mit ihren Blicken töten könnte! O Götter, warum liegt ihr so auf mir? Warum verwüstet ihr mich so? warum muss meine Kraft in mir gelähmt sein, warum bin ich lebendigen Leibes wie ein wüstes Gefild und diese Nessel wächst aus mir heraus, und ich hab' nicht die Kraft zu jäten! Warum geschieht mir das, ihr ew'gen Götter? Die Götter! bist doch selber eine Göttin! bist, was sie sind. Habt ihr gehört? habt ihr verstanden, was sie redet? Die Vertraute Dass auch du Die Schleppträgerin zischend: Klytämnestra Klytämnestras schwere Augenlider fallen zu Das klingt mir so bekannt. Und nur als hätt ich's vergessen, lang und lang. Sie kennt mich gut. Doch weiss man nie, was sie im Schilde führt. Die Vertraute und die Schleppträgerin flüstern miteinander Elektra nähert sich langsam Klytämnestra Du bist nicht mehr du selber. Das Gewürm hängt immerfort um dich. Was sie ins Ohr dir zischen, trennt dein Denken fort und fort entzwei, so gehst du hin im Taumel, immer Ich will hinunter. Lasst, lasst, ich will mit ihr reden. Sie geht vom Fenster weg und erscheint mit ihren Begleiterinnen in der von der Türschwelle aus Sie ist heute nicht widerlich. Sie redet wie ein Arzt. Die Vertraute Sie redet Die Schleppträgerin Ein jedes Wort ist Falschheit. Ich will nichts hören. Was aus euch herauskommt, Und wenn ich nachts euch wekke, redet ihr nicht jede etwas andres? Schreist nicht du, dass meine Augenlider angeschwollen und meine Leber krank ist, und winselst nicht du ins andre Ohr, dass du Dämonen gesehen hast mit langen spitzen Schnäbeln, die mir das Blut aussagen? zeigst du nicht die Spuren mir an meinem Fleisch, und folg' ich dir nicht und schlachte, schlachte, schlachte Opfer um Opfer? Zerrt ihr mich mit euren Reden und Gegenreden nicht zu Tod? Ich will nicht mehr hören: das ist wahr und das ist Lüge. Was die Wahrheit ist, das bringt kein Mensch heraus. Wenn sie zu mir redet, was mich zu hören freut, so will ich horchen, auf was sie redet. Wenn einer etwas Angenehmes sagt, und wär' es meine Tochter, wär es die da, will ich von meiner Seele alle Hüllen abstreifen und das Fächeln sanfter Luft, von wo es kommen mag, einlassen, wie die Kranken tun, wenn sie der kühlen Luft, am Teiche sitzend, abends ihre Beulen und all ihr Eiterndes der kühlen Luft preisgeben abends, und nichts andres denken, Lasst mich allein mit ihr. Ungeduldig weist sie mit dem Stock die Vertraute und die Schleppträgerin ins Haus. Diese verschwinden zögernd in der Tür. Auch die Fackeln verschwinden und nur aus dem Innern des Hauses fällt ein schwacher Schein durch den Flur auf den Hof und streift hie und da die Gestalten Klytämnestra kommt herab Ich habe keine guten Nächte. Weisst du Wer älter wird, der träumt. Allein es lässt sich vertreiben. Es gibt Bräuche. Es muss für alles richtige Bräuche geben. Darum bin ich so behängt mit Steinen. Denn es wohnt in jedem ganz sicher eine Kraft. Man muss nur wissen, wie man sie nützen kann. Wenn du nur wolltest, du könntest etwas sagen, das mir nützt. Ich, Mutter, ich? In deinem Kopf ist alles stark. Du könntest vieles sagen, was mir nützt. Wenn auch ein Wort nichts weiter ist! Was ist denn ein Hauch! und doch kriecht zwischen Tag und Nacht, wenn ich mit offnen Augen lieg', ein Etwas hin über mich, es ist kein Wort, es ist kein Schmerz, es drückt mich nicht, es würgt mich nicht, nichts ist es, nicht einmal ein Alp, und dennoch es ist so fürchterlich, dass meine Seele sich wünscht, erhängt zu sein, und jedes Glied in mir schreit nach dem Tod, und dabei leb' ich und bin nicht einmal krank; du siehst mich doch: seh' ich wie eine Kranke? Kann man denn vergehn, lebend, wie ein faules Aas? kann man zerfallen, wenn man garnicht krank ist? zerfallen wachen Sinnes, wie ein Kleid, zefressen von den Motten? Und dann schlaf' ich und träume, träume! dass sich mir das Mark in den Knochen löst, und taumle wieder auf, und nicht der zehnte Teil der Wasseruhr ist abgelaufen, und was unter'm Vorhang hereingrinst, ist noch nicht der fahle Morgen, nein, immer noch die Fackel vor der Tür, die grässlich zuckt wie ein Lebendiges ein Ende haben. Wer sie immer schickt: ein jeder Dämon lässt von uns, sobald das rechte Blut geflossen ist. Ein jeder! Und müsst' ich jedes Tier, das kriecht und fliegt, zur Ader lassen und im Dampf des Blutes aufsteh'n und schlafen gehn wie die Völker des letzten Thule in blutroten Nebel: ich will nicht länger träumen. Wenn das rechte Blutopfer unter'm Beile fällt, dann träumst du nicht länger. Mit einem ungeweihten! Rede doch! Nein, darum frag' ich. Den Namen sag des Opfertiers. Ein Weib. Von meinen Dienerinnen eine sag! ein Kind? ein jungfäuliches Weib? ein Weib, Ja! erkannt! das ist's! Und wie das Opfer? und welche Stunde, und wo? Wie brächt' ich's dar? ich selber muss -- Nein. Diesmal gehst du nicht auf die Jagd mit Netz und mit Beil. Ein Mann. Ich sagte doch: ein Mann! Vom Hause jemand? oder muss ein Fremder Elektra zu Boden stierend, wie abwesend: Ja, ja, ein Fremder. Aber freilich ist er vom Haus. Elektra, hör mich an. Ich freue mich, dass ich dich heut einmal nicht störrisch finde. Lässt du den Bruder nicht nach Hause, Mutter? Von ihm zu reden hab' ich dir verboten. Wer sagt das? du zitterst ja! Wer fürchtet sich vor einem Schwachsinnigen. Wie? Es heisst, er stammelt, liegt im Hofe bei den Hunden und weiss nicht Mensch und Tier zu unterscheiden. ihm schlechte Wohnung und Tiere des Hofes zur Gesellschaft. Ah! Klytämnestra mit gesenkten Augenlidern Ich schickte viel Gold und wieder Gold, sie sollten ihn gut halten als ein Königskind. Du lügst! Du schicktest Gold, damit sie ihn erwürgen. Wer sagt dir das? Allein an deinem Zittern seh' ich auch, dass er noch lebt. Dass du bei Tag und Nacht an nichts denkst als an ihn. Dass dir das Herz verdorrt vor Grauen, weil du weisst: er kommt. Was kümmert mich, wer ausser Haus ist. Ich lebe hier und bin die Herrin. Diener hab ich genug, die Tore zu bewachen, und wenn ich will, lass ich bei Tag und Nacht vor meiner Kammer drei Bewaffnete mit offenen Augen sitzen. Und aus dir bring' ich so oder so das rechte Wort schon an den Tag. Du hast dich schon verraten, dass du das rechte Opfer weisst und auch die Bräuche, die mir nützen. Sagst du's nicht im Freien, wirst du's an der Kette sagen. Sagst du nicht satt, so sagst du's hungernd. Träume sind etwas, das man los wird. Wer dran leidet und nicht das Mittel findet, sich zu heilen, ist nur ein Narr. Ich finde mir heraus, wer bluten muss, damit ich wieder schlafe. Elektra mit einem Sprung aus dem Dunkel auf sie zu, immer näher an ihr, immer furchtbarer anwachsend: Was bluten muss? Dein eigenes Genick, wenn dich der Jäger abgefangen hat! Ich hör ihn durch die Zimmer gehn, ich hör ihn den Vorhang von dem Bette heben: Wer schlachtet ein Opfertier im Schlaf! Er jagt dich auf, schreiend entfliehst du. Aber er, er ist hinterdrein, er treibt dich durch das Haus! willst du nach rechts, da steht das Bett! nach links, da schäumt das Bad wie Blut! das Dunkel und die Fakkeln werfen schwarzrote Todesnetze über dich -- Klytämnestra, von sprachlosem Grauen geschüttelt. Hinab die Treppen durch Gewölbe hin, Gewölbe und Gewölbe geht die Jagd Und ich, ich, ich, ich, ich, die ihn dir geschickt, ich bin wie ein Hund an deiner Ferse, willst du in eine Höhle, spring ich dich von seitwärts an. So treiben wir dich fort, bis eine Mauer Alles sperrt, und dort -- im tiefsten Dunkel, doch ich seh ihn wohl, ein Schatten, und doch Glieder und das Weisse von einem Auge doch, da sitzt der Vater, er achtet's nicht, und doch muss es geschehn, zu seinen Füssen drücken wir dich hin. Du möchtest schreien, doch die Luft erwürgt den ungebornen Schrei und lässt ihn lautlos zu Boden fallen, wie von Sinnen hälst du den Nacken hin, fühlst schon die Schärfe zukken bis an den Sitz des Lebens, doch er hält den Schlag zurück: die Bräuche sind noch nicht erfüllt. alles schweigt, du hörst dein eignes Herz an deinen Rippen schlagen: diese Zeit -- sie dehnt sich vor dir wie ein finstrer Schlund von Jahren -- diese Zeit ist dir gegeben zu ahnen, wie es Scheiternden zu Mute ist, wenn ihr vergebliches Geschrei die Schwärze der Wolken und des Tods zerfrisst, diese Zeit ist dir gegeben, alle zu beneiden, die angeschmiedet sind an Kerkermauern, die auf dem Grund von Brunnen nach dem Tod als wie nach Erlösung schrei'n -- denn du, du liegst in deinem Selbst so eingekerkert, als wär's der glühnde Bauch von einem Tier von Erz -- und so wie jetzt kannst du nicht schrein! vor dir, und nun liest du mit starrem Aug' das ungeheure Wort, das mir in mein Gesicht geschrieben ist: erhängt ist dir die Seele in der selbst- gedrehten Schlinge, sausend fällt das Beil, und ich steh' da und seh' dich endlich sterben! Dann träumst du nicht mehr, dann brauche ich nicht mehr zu träumen, und wer dann noch lebt, der jauchzt und kann sich seines Lebens freun! Sie stehn einander, Elektra in wilder Trunkenheit, Klytämnestra grässlich atmend vor Angst, Aug' in Aug'. In diesen Augenblick erhellt sich die Hausflur. die Vertraute kommt hergelaufen. Sie flüstert Klytämnestra etwas ins Ohr. Diese scheint erst nicht recht zu verstehen. Allmählich kommt sie zu sich. Sie winkt: Lichter! Es laufen Dienerinnen mit Fackeln heraus, und stellen sich hinter Klytämnestra. Sie winkt: Mehr Lichter! Nun verändern sich ihre Züge allmählich und die Spannung weicht einem bösen Triumph. Es kommen immer mehr Dienerinnen heraus, stellen sich hinter Klytämnestra, so dass der Hof voll von Licht wird und rotgelber Schein um die Mauern flutet. Klytämnestra lässt sich die Botschaft abermals zuflüstern und verliert dabei Elektra keinen Augenblick aus dem Auge. Ganz bis an den Hals sich sättigend mit wilder Freude, streckt Klytämnestra die beiden Hände drohend gegen Elektra. Dann hebt ihr die Vertraute den Stock auf und, auf beide sich stützend, eilig, gierig, an den Stufen ihr Gewand aufraffend, läuft sie ins Haus. Die Dienerinnen mit den Lichtern, Was sagen sie ihr denn? sie freut sich ja! Mein Kopf! Mir fällt nichts ein. Worüber freut sich das weib? Chrysothemis kommt, laufend, zur Hoftür herein, laut heulend wie ein Elektra winkt ihr ab, wie von Sinnen: Ich kam hinaus, da wussten sie's schon! Alle standen herum und alle wussten es schon, nur wir nicht. Niemand weiss es. Niemand kann's wissen: denn es ist nicht wahr. Chrysothemis wirft sich verzweifelt auf den Boden. Elektra Chrysothemis emporreissend Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr! ich sag' dir doch! es ist nicht wahr! Die Fremden standen an der Wand, die Fremden, die hergeschickt sind, es zu melden: zwei, ein Alter und ein Junger. Allen hatten sie's schon erzählt, im Kreise standen alle um sie herum und alle, Alle, wussten es schon. Es ist nicht wahr. An uns denkt niemand. Tot! Elektra, tot! Gestorben in der Fremde! Tot! Gestorben dort in fremdem Land. Von seinen Pferden erschlagen und geschleift. Ein junger Diener kommt eilig aus dem Haus, stolpert über die vor Platz da! wer lungert so vor einer Tür? Ah, konnt' mir's denken! Heda, Stallung! he! Ein alter Diener finsteren Gesichts, zeigt sich an der Hoftür: soll werden, und so rasch als möglich! hörst du? ein Gaul, ein Maultier, oder meinetwegen Für wen? Für den, der dir's befiehlt. Da glotzt er! Rasch, für mich! Sofort! für mich! Trab, trab! Weil ich hinaus muss auf's Feld, den Herren holen, weil ich ihm Botschaft zu bringen habe, grosse Botschaft, wichtig genug, um eine eurer Mähren im Abgehen Ein alter Diener auch der Alte verschwindet. Elektra vor sich hin, leise und sehr energisch: Nun muss es hier von uns geschehn. Chrysothemis verwundert fragend Wir! Was, Elektra? Am besten heut', am besten diese Nacht. Was, Schwester? Was? Das Werk, das nun auf uns gefallen ist, weil er nicht kommen kann Chrysothemis angstvoll steigernd Nun müssen du und ich hingehn und das Weib und ihren Mann Schwester, sprichst du von der Mutter? Von ihr. Und auch von ihm. Ganz ohne Zögern Schweig still. Zu sprechen ist nichts. Nichts gibt es zu bedenken, als nur: wie? wie wir es tun. Ich? Ja. Du und ich. Wer sonst? Wir, wir beide sollen hingehn? Wir? wir zwei? Dafür lass du mich nur sorgen. Das Beil! das Beil, womit der Vater -- Du? Entsetzliche, du hast es? bewahrt' ich es. Nun müssen wir es schwingen. Du? diese Arme den Aegisth erschlagen? erst sie, dann ihn, erst ihn, dann sie, gleichviel. Ich fürchte mich. Es schläft niemand in ihrem Vorgemach. Wer schläft, ist ein gebundnes Opfer. Schliefen sie nicht zusamm', könnt' ich's allein vollbringen. So aber musst du mit. Du! Du! Dicht bei Chrysothemis die jungfräulichen Nächte stark gemacht. Überall ist so viel Kraft in dir! Sehnen hast du wie ein Füllen. Schlank sind deine Füsse. Wie schlank und biegsam leicht umschling ich sie deine Hüften sind! Du windest dich durch jeden Spalt, du hebst dich durch's Fenster! Lass mich deine Arme fühlen: wie kühl und stark sie sind! Wie du mich abwehrst, fühl' ich, was das für Arme sind. Du könntest erdrükken, was du an dich ziehst. Du könntest mich, oder einen Mann in deinen Armen ist so viel Kraft in dir! Sie strömt wie kühles verhaltnes Wasser aus dem Fels. Sie flutet mit deinen Haaren auf die starken Schultern herab. Ich spüre durch die Kühle deiner Haut das warme Blut hindurch, mit meiner Wange spür ich den Flaum auf deinen jungen Armen. Du bist voller Kraft, du bist schön, du bist wie eine Frucht an der Reife Tag. Lass mich! Nein: ich halte dich! Mit meinen traurigen verdorrten Armen umschling ich deinen Leib, wie du dich sträubst, ziehst du den Knoten nur noch fester, ranken will ich mich rings um dich versenken meine Wurzeln Lass mich! Elektra wild ihr nach, fasst sie am Gewand: Nein! Ich lass dich nicht. Du bist so klug, hilf uns aus diesem Haus, hilf uns ins Freie. Elektra, hilf uns, Von jetzt an will ich deine Schwester sein, so wie ich niemals deine Schwester war! Getreu will ich mit dir in deiner Kammer sitzen und warten auf den Bräutigam, für ihn will ich dich salben und ins duftige Bad sollst du mir tauchen wie der junge Schwan und deinen Kopf an meiner Brust verbergen bevor er dich, die durch die Schleier glüht wie eine Fakkel, in das Hochzeitsbett Chrysothemis schliesst die Augen: Nicht, Schwester, nicht. Sprich nicht ein solches Wort in diesem Haus. O ja! weit mehr als Schwester bin ich dir von diesem Tage an: ich diene dir wie deine Sklavin. Wenn du liegst in Weh'n, sitz ich an deinem Bette Tag und Nacht, wehr' dir die Fliegen, schöpfe kühles Wasser, und wenn auf einmal auf dem nackten Schoss dir ein Lebendiges liegt, erschreckend fast, so heb' ich's empor, so hoch! damit sein Lächeln hoch von oben in die tiefsten geheimsten Klüfte deiner Seele fällt und dort das letzte, eisig Grässliche vor dieser Sonne schmilzt und du's in hellen Elektra an den Knieen der Chrysothemis: wenn er sich einmal auftut um zu zürnen! Aus deinem reinen starken Mund muss furchtbar ein Schrei hervorsprüh'n, furchtbar wie der Schrei der Todesgöttin, wenn man unter dir so daliegt, wie nun ich. Was redest du? und mir entkommst, musst du es tun! Chrysothemis will reden. Dir führt kein Weg hinaus als der. Ich lass' dich nicht, eh du mir Mund auf Mund es zugeschworen, Chrysothemis windet sich los: Lass mich! heut Nacht, wenn alles still ist, an den Fuss der Treppe. Lass mich! es bleibt kein Tropfen Blut am Leibe haften: schnell schlüpfst du aus dem blutigen Gewand mit reinem Leib ins hochzeitliche Hemd. Lass mich! Sei nicht zu feige! Was du jetzt an Schaudern überwindest, wird vergolten mit Wonneschaudern Nacht für Nacht -- Ich kann nicht! Ich kann nicht! Sieh, ich lieg' vor dir, ich küsse deine Füsse! Chrysothemis ins Haustor entspringend: Ich kann nicht! Nun denn allein! Sie fängt an der Wand des Hauses, seitwärts der Türschwelle, eifrig zu graben an, lautlos, wie ein Tier. Elektra hält mit Graben inne, Elektra sieht sich von Neuem um und lauscht. Elektra gräbt wieder. Orest steht in der Hoftür, von der letzten Helle sich schwarz abhebend. Er tritt herein. Elektra blickt auf ihn. Er dreht sich langsam um, so dass sein Blick auf sie fällt. Elektra fährt heftig auf. Was willst du, fremder Mensch? was treibst du dich zur dunklen Stunde hier herum, belauerst, was andre tun! Ich hab' hier ein Geschäft. Was kümmert's dich! Doch du bist hier aus dem Haus? bist eine von den Mägden dieses Hauses? Du aber hast hier nichts zu schaffen. Freu dich und geh. Ich sagte dir, ich muss hier warten, bis sie mich rufen Du lügst. Weiss ich doch gut, der Herr ist nicht zu Haus'. Und sie, was sollte sie mit dir? Ich und noch einer, der mit mir ist, wir haben einen Auftrag an die Frau. Wir sind an sie geschickt, weil wir bezeugen können, dass ihr Sohn Orest gestorben ist vor unsern Augen. Denn ihn erschlugen seine eignen Pferde. Ich war so alt wie er und sein Gefährte Muss ich dich noch sehn? Schleppst du dich hierher Herold des Unglücks! Kannst du nicht die Botschaft austrompeten dort, wo sie sich freu'n! Dein Aug' da starrt mich an und seins ist Gallert. Dein Mund geht auf und zu und seiner ist mit Erde vollgefropft. Du lebst, und er, der besser war als du und edler tausendmal, und tausendmal so wichtig, dass er lebte. er ist hin! Lass den Orest. Er freute sich zu sehr an seinem Leben, die Götter droben vertragen nicht den allzuhellen Laut der Lust. So musste er denn sterben. Doch ich! doch ich! da liegen, und zu wissen, dass das Kind nie wieder kommt, nie wieder kommt. Dass das Kind da drunten in den Klüften des Grausens lungert, dass die da drinnen leben und sich freuen, dass dies Gezücht in seiner Höhle lebt und isst und trinkt und schläft und ich hier droben wie nicht das Tier des Waldes einsam und grässlich lebt ich hier droben allein. dich, wer ich bin. du musst verwandtes Blut zu denen sein, die starben, Agamemnon und Orest. Verwandt? ich bin dies Blut! ich bin das hündisch vergossene Blut des Königs Agamemnon! Nein! Er bläst auf mich und nimmt mir meinen Namen. Weil ich nicht Vater hab', noch Bruder, So seh' ich sie? ich seh' sie wirklich? du? So haben sie dich darben lassen oder -- sie haben dich geschlagen? Lass mein Kleid, wühl nicht mit deinem Blick daran. Was haben sie gemacht mit deinen Nächten! Lass mich! drin hab' ich eine Schwester, die bewahrt sich für Freudenfeste auf! Ich will nicht wissen, wer du bist. Ich will niemand sehen! Hör mich an, ich hab' nicht Zeit. Hör zu. Wenn du dich regst, So ist er frei? wo ist er? Er ist unversehrt wie ich. So rett ihn doch! bevor sie ihn Bei meines Vaters Leichnam! dazu kam ich her! Elektra von seinen Ton getroffen: Wer Der alte finstre Diener stürzt, gefolgt von drei andern Dienern, aus dem Hof lautlos herein, wirft sich vor Orest nieder, küsst seine Füsse, die andern Orests Hände und den Saum seines Gewandes. Wer bist du denn? Ich fürchte mich. Die Hunde auf dem Hof erkennen mich, und meine Schwester nicht? Es rührt sich niemand. O lass deine Augen mich sehn! Traumbild, mir geschenktes Traumbild, schöner als alle Träume. Hehres, unbegreifliches, erhabenes Gesicht, in Luft dich auf, vergeh mir nicht, vergeh mir nicht, es sei denn, das ich jetzt gleich sterben muss und du dich anzeigst und mich hollen kommst: dann sterb ich seliger als ich gelebt. Orest! Orest! Orest! Nein, du sollst mich nicht umarmen! Tritt weg, ich schäme mich vor dir. Ich weiss nicht, wie du mich ansiehst. Ich bin nur mehr der Leichnam deiner Schwester, mein armes Kind. Ich weiss, es schaudert dich vor mir. Und war doch eines Königs Tochter! Ich glaube, ich war schön: wenn ich die Lampe ausblies vor meinem Spiegel, fühlt ich Ich fühlt' es, wie der dünne Strahl des Mondes in meines Körpers weisser Nacktheit badete so wie in einem Weiher, und mein Haar war solches Haar, vor dem die Männer zittern, dies Haar, versträhnt, beschmutzt, erniedrigt, verstehst du's, Bruder? Ich habe alles, was ich war, hingeben müssen. Meine Scham hab' ich geopfert, die Scham, die süsser als Alles ist, die Scham, die wie der Silberdunst, der milchige des Monds, um jedes Weib herum ist und das Grässliche von ihr und ihrer Seele weghält, Verstehst du's, Bruder! diese süssen Schauder hab' ich dem Vater opfern müssen. Meinst du, wenn ich an meinem Leib mich freute, drangen seine Seufzer, drang nicht sein Stöhnen an mein Bette? Eifersüchtig sind die Toten: und er schickte mir den Hass, den hohläugigen Hass als Bräutigam. So bin ich eine Prophetin immerfort gewesen und habe nichts hervorgebracht aus mir und meinem Leib als Flüche und Verzweiflung. Was schaust du ängstlich um dich? sprich zu mir! sprich doch! Du zitterst ja am ganzen Leib! Er ahnt welchen Weg ich ihn führe. Du wirst es tun? Allein? Du armes Kind. Du wirst es tun! die Götter, werden da sein, mir zu helfen. Ich will es tun, ich will es eilig tun. Der ist selig, der tun darf! Die Tat ist wie ein Bette, auf dem die Seele ausruht, wie ein Bett von Balsam, drauf die Seele ruhen kann, die eine Wunde ist, ein Brand, ein Eiter und eine Flamme! Ich werde es tun! Ich werde es tun! Der ist selig, der seine Tat zu tun kommt, selig der, der ihn ersehnt, selig der ihn erschaut! Selig, wer ihn erkennt, selig, wer ihn berührt! Selig, wer ihm das Beil aus der Erde gräbt, selig, wer ihm die Fakkel hält, selig, selig, wer ihm öffnet die Tür. Der Pfleger Orests steht in der Hoftür, ein starker Greis mit blitzenden Seid ihr von Sinnen, dass ihr euren Mund nicht bändigt, wo ein Hauch, ein Laut, ein Nichts uns und das Werk verderben kann -- Der Pfleger des Orest Zu Orest in fliegender Eile Sie wartet drinnen. Ihre Mägde suchen nach dir. Es ist kein Mann im Haus. Orest! Orest reckt sich auf, seinen Schauder bezwingend Die Tür des Hauses erhellt sich. Es erscheint eine Dienerin mit einer Fackel, hinter ihr die Vertraute. Elektra ist zurückgesprungen, steht im Dunkel. Die Vertraute verneigt sich gegen die beiden Fremden, winkt, ihr hinein zu folgen. Die Dienerin befestigt die Fackel an einem eisernen Ring im Türpfosten. Orest und der Pfleger gehen hinein. Orest schliesst einen Augenblick, schwindelnd, die Augen, der Pfleger ist dicht hinter ihm, sie tauschen einen schnellen Blick. Die Tür schliesst sich hinter ihnen. Elektra allein, in entsetzlicher Spannung. Sie läuft auf einem Strich vor der Tür hin und her, mit gesenkten Kopf, wie das gefangene Tier im Käfig. Ich habe ihm das Beil nicht geben können! Sie sind gegangen und ich habe ihm das Beil nicht geben können. Es sind keine Abermals ein furchtbares Warten. Von ferne tönt drinnen, gellend, der Schrei Klytämnestras. Elektra schreit auf wie ein Dämon: Von drinnen ein zweiter Schrei. Aus dem Wohngebäude links kommen Chrysothemis und eine Schar Dienerinnen Elektra steht in der Tür, mit dem Rücken an die Tür gepresst. Sie schreit so aus dem Schlaf. Alle Türen sind verriegelt. Es sind Mörder! Oh! II. Magd, III. Magd, 6 andere Dienerinnen Was ist? Seht ihr denn nicht: dort in der Tür steht einer! Das ist Elektra! das ist ja Elektra! Ich will hinaus Aegisth! Zurück in unsre Kammern! schnell! Aegisth kommt durch den Hof! Wenn er uns findet und wenn im Hause was geschehen ist,
Alle Sie verschwinden im Hause links. Aegisth tritt rechts durch die Hoftür auf. Aegisth an der Tür stehend bleibend: Ist niemand da, zu leuchten? Rührt sich keiner von allen diesen Schuften? Kann das Volk Elektra nimmt die Fackel von dem Ring, läuft hinunter, ihm entgegen, und verneigt sich vor ihm. Aegisth erschrickt vor der wirren Gestalt im zuckenden Licht, Was ist das für ein unheimliches Weib? Ich hab' verboten, dass ein unbekanntes Gesicht mir in die Nähe kommt! Was, du? Wer heisst dich, mir entgegentritten? Darf ich nicht leuchten? ja doch vor allen an. Wo find' ich die fremden Männer, die das von Orest uns melden? fanden sie vor, und sie ergetzen sich mit ihr. Und melden also wirklich, dass er gestorben ist, und melden so, dass nicht zu zweifeln ist? mit worten blos, nein, mit leibhaftigen Zeichen, an denen auch kein Zweifel möglich ist. Was hast du in der Stimme? Und was ist in dich gefahren, dass du nach dem Mund mir redest? Was taumelst du so hin und her mit deinem Licht! Es ist nichts anderes, als dass ich endlich klug ward und zu denen mich halte, die die Stärkern sind. Erlaubst du, Bis zur Tür. Elektra indem sie ihn, wie in einem unheimlichen Tanz, umkreist, Hier! die Stufen, Warum ist hier kein Licht? Wer sind die dort? dir aufzuwarten wünschen, Herr. Und ich, die so oft durch freche unbescheidne Näh' dich störte, will nun endlich lernen, mich im rechten Augenblick zurückzuziehen. Aegisth geht ins Haus. Stille. Lärm drinnen. Aegisth erscheint an einem kleinen Fenster, reisst den Vorhang Helft! Mörder! helft dem Herren! Mörder, Mörder! Sie morden mich! mich niemand? Er wird weggezerrt. Noch einmal erscheint Aegisths Gesicht am Fenster. Aegisth er wird fortgerissen: Weh mir! Elektra steht, furchtbar atmend, gegen das Haus gekehrt. Die Frauen kommen von links herausgelaufen, Chrysothemis unter ihnen. Wie besinnungslos laufen sie gegen die Hoftür. Dort machen sie Elektra! Schwester! komm mit uns! O komm mit uns! es ist der Bruder drin im Haus! es ist Orest, der es getan hat!
Stimmen hinter der Scene im Hause Getümmel im Hause, Stimmengewirr, aus dem sich ab und zu die Rufe des Chors: "Orest" bestimmter abheben. Komm! Er steht im Vorsaal, alle sind um ihn, und küssen seine Füsse, alle, die Aegisth von Herzen hassten, haben sich geworfen auf die andern, überall in allen Höfen liegen Tote, alle, die leben, sind mit Blut bespritzt und haben selbst Wunden, und doch strahlen alle, alle umarmen sich -- Draussen wachsender Lärm, der sich jedoch, wenn Elektra beginnt, mehr und mehr nach den äusseren Höfen rechts und im Hintergrunde verzogen hat. die Frauen sind hinausgelaufen, Chrysothemis allein, von draussen fällt sind angezündet. Hörst du nicht, so hörst du denn nicht? Elektra auf der Schwelle kauernd: Ob ich nicht höre? ob ich die Musik nicht höre? sie kommt doch aus mir. Die Tausende, die Fackeln tragen und deren Tritte, deren uferlose Myriaden Tritte überall die Erde dumpf dröhnen machen, alle warten auf mich: ich weiss doch, dass sie alle warten, weil ich den Reigen führen muss, und ich kann nicht, der Ozean, der ungeheure, der zwanzigfache Ozean begräbt mir jedes Glied mit seiner Wucht, ich kann mich nicht heben! Chrysothemis fast schreiend vor Erregung: Hörst du denn nicht, sie tragen ihn, sie tragen ihn auf ihren Händen, Elektra springt auf) (vor sich hin, ohne auf Chrysothemis zu achten Wir sind bei den Göttern, wir Vollbringenden. Sie fahren dahin wie die Schärfe des Schwerts durch uns, die Götter, sind die Gesichter verwandelt, allen schimmern die Augen und die alten Wangen von Tränen! Alle weinen, hörst du's nicht? aber ihre Herrlichkeit ist nicht zu viel für uns! Ich habe Finsternis gesät und ernte Lust über Lust. gut! Ich war ein schwarzer Leichnam unter Lebenden, Es fängt ein Leben für dich und mich und alle Menschen an. und diese Stunde bin ich das Feuer des Lebens, und meine Flamme verbrenn die Finsternis der Welt. Die über schwänglich guten Götter sind's, die das geben haben. Mein Gesicht muss weisser sein als das weissglüh'nde Gesicht des Monds. Wenn einer auf mich sieht, muss er den Tod empfangen oder muss vergehn Seht ihr denn mein Gesicht? Seht ihr das Licht, das von mir ausgeht? und Liebe fliesst über uns wie Öl und Myrrhen. Liebe ist Alles! Wer kann leben ohne Liebe? Ai! Liebe tötet, aber keiner fährt dahin und hat die Liebe nicht gekannt! ich muss bei meinem Bruder stehn! Sie läuft hinaus. Elektra schreitet von der Schwelle herunter. Sie hat den Kopf zurückgeworfen wie eine Mänade. Sie wirft die Kniee, sie reckt die Arme aus, es ist ein namenloser Tanz, in welchem sie nach Chrysothemis erscheint wieder an der Tür, hinter ihr Fackeln, Gedräng, Gesichter von Männern und Frauen: Elektra bleibt stehen, sieht starr auf sie hin: Schweig, und tanze. Alle müssen herbei! hier schliesst euch an! Ich trage die Last des Glükkes, und ich tanze vor euch her. Wer glücklich ist wie wir, dem ziemt nur eins: Sie tut noch einige Schritte des angespanntesten Triumphes Chrysothemis zu ihr. Elektra liegt starr. Chrysothemis läuft an die Tür
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