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Die Frohe Botschaft des Evangeliums
für die Kulturen
3. Um sich dem Menschen zu
offenbaren, mit ihm ins Gespräch zu kommen und ihn zum Heil zu berufen,
hat Gott sich aus dem reichen Spektrum jahrtausendealter Kulturen, die der
menschliche Geist hervorgebracht hat, ein Volk erwählt, dessen
ursprüngliche Kultur er durchdrungen, gereinigt und fruchtbar gemacht hat.
Die Geschichte des Bundes ist die Geschichte von der Entstehung einer
Kultur, die Gott selbst in seinem Volk erweckt hat. Die Heilige Schrift ist das
von Gott gewollte und gebrauchte Werkzeug, um sich zu offenbaren. Deshalb
transzendiert sie die Kultur. "Zur Abfassung der Heiligen Bücher hat
Gott Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen
Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten" (Dei Verbum, Nr.
11). In der Heiligen Schrift, dem Wort Gottes, das die ursprüngliche
Inkulturation des Glaubens an den Gott Abrahms darstellt, "sind Gottes
Worte, durch Menschenzunge formuliert, menschlicher Rede ähnlich
geworden" (ebd. Nr. 13). Die in der heiligen Geschichte enthaltene
Botschaft der Offenbarung besitzt immer eine kulturelle Hülle, von der sie
sich nicht trennen läßt, insofern diese Hülle ein
unerläßlicher Bestandteil der Botschaft der Offenbarung ist. Die
Bibel, Gottes Wort im Menschenwort, stellt den Archetyp der fruchtbaren
Begegnung zwischen dem Wort Gottes und der Kultur dar.
In dieser Hinsicht ist die
Berufung Abrahams bezeichnend: "Zieh weg aus deinem Land, von deiner
Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus" (Gen 12,1). "Aufgrund
des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum
Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen
würde. Aufgrund des Glaubens hielt er sich als Fremder im
verheißenen Land wie in einem fremden Land auf und wohnte [...] in Zelten;
denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant
und gebaut hat" (Hebr 11,8-10). Die Geschichte des Volkes Gottes
beginnt mit einer Glaubenszustimmung, die gleichzeitig ein Bruch mit der Kultur
ist, um im Kreuz Christi ihren Höhepunkt zu finden. Dieses Kreuz ist ein
wahrer Bruch, die Erhöhung von der Erde, aber auch der Anziehungspunkt,
der die Geschichte der Welt auf Christus ausrichtet und die verstreuten Kinder
Gottes in Einheit versammelt: "Wenn ich über die Erde erhöht
bin, werde ich alle zur mir ziehen" (Joh 12,32).
Der Bruch mit der Kultur, mit dem
die Berufung Abrahams, "des Vaters im Glauben", beginnt, bringt das
zum Ausdruck, was sich in der Tiefe des menschlichen Herzens ereignet, wenn
Gott in seine Existenz einbricht, um sich ihm zu offenbaren und von ihm die
bindende Zusage seines ganzen Seins verlangt. Gott hat Abraham aus seiner
geistigen und kulturellen Umwelt herausgerissen, um ihn im Glauben in das
verheißene Land einzupflanzen. Ja, dieser Bruch macht den grundlegenden,
wesenhaften Unterschied zwischen Glauben und Kultur deutlich. Im Gegensatz zu
den Götzen, die Frucht der Kultur sind, ist der Gott Abrahams der ganz
Andere. Durch die Offenbarung tritt er in Abrahams Leben ein. Die zyklische
Zeit der alten Religionen ist überholt: Mit Abraham und dem jüdischen
Volk beginnt eine neue Zeit, die zur Geschichte der Menschen auf dem Weg zu
Gott wird. Nicht mehr das Volk schafft sich einen Gott, sondern Gott
erwählt sich ein Volk und macht es zu seinem Volk, zum Volk Gottes.
In der biblischen Kultur spielt
dieser Umstand eine große Rolle. Sie ist eine Kultur des Volkes Gottes,
in dessen Mitte er Mensch geworden ist. Die an Abraham ergangene
Verheißung erreicht in der Verherrlichung des gekreuzigten Christus ihren
Höhepunkt. Der Vater im Glauben, der nach der Erfüllung der
Verheißung strebt, verkündet das Opfer des Gottessohnes am Holz des
Kreuzes. In Christus wird die ganze Schöpfung vereint, in ihm ruft Gott in
seiner Liebe alle Menschen auf, ihm ähnlich zu werden. Gott, der ganz
Andere, hat sich in Jesus Christus, der ganz einer von uns war, geoffenbart:
"Des ewigen Vaters Wort ist durch die Annahme menschlich-schwachen
Fleisches den Menschen ähnlich geworden" (Dei Verbum, Nr. 13).
Auch der Glaube besitzt die Kraft, das Herz jeder Kultur zu erreichen, sie zu
reinigen, fruchtbar zu machen, zu bereichern und zu einer Entwicklung zu
befähigen, die der maßlosen Liebe Christi entspricht. Die Annahme
der Botschaft Christi erweckt so eine Kultur, deren zwei wesentliche
Bestandteile in völlig neuer Hinsicht die Person und die Liebe sind.
Die erlösende Liebe Christi enthüllt - über die natürlichen
Grenzen der Personen hinaus - ihren hohen Wert, der im Stand der Gnade, der
Gabe Gottes, aufleuchtet. Christus ist die Quelle dieser Zivilisation der
Liebe, nach der sich die Menschen seit dem Sündenfall im Garten Eden
sehnen. Nach Paul VI. ruft uns Johannes Paul II. unermüdlich auf, diese
Zivilisation zusammen mit allen Menschen guten Willens konkret zu
verwirklichen. Denn die grundlegende Verbindung des Evangeliums, das
heißt Christi und der Kirche, mit dem Menschen in seinem Menschsein, ist
prinzipiell kulturbildend. Indem die Kirche nach dem Evangelium lebt - und die
zweitausendjährige Geschichte bezeugt dies - erhellt sie den Sinn und Wert
des Lebens; sie weitet den Horizont der Vernunft und bekräftigt die
Grundlagen der Moral. Der richtig gelebte christliche Glaube offenbart die
Würde der menschlichen Person in ihrer ganzen Tiefe sowie die Erhabenheit
ihrer Berufung (vgl. Redemptoris hominis, Nr. 10). Das Christentum
zeichnet sich seit seinen Ursprüngen durch sein Glaubensverständnis
und sein kühnes Denken aus. Davon zeugen Pioniere wie der heilige Justin
und der heilige Klemens von Alexandrien, Origenes und die Kappadokier. Auf
diese fruchtbare Begegnung des Evangeliums mit den Philosophien bis in unsere
Zeit hinein hat Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Fides et ratio (vgl.
Nr. 36-48) hingewiesen. "Die Begegnung des Glaubens mit den verschiedenen
Kulturen hat tatsächlich eine neue Wirklichkeit ins Leben gerufen" (Fides
et ratio, Nr. 70); sie hat so in den verschiedensten Kontexten eine
eigenständige Kultur geschaffen.
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