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Galoppierende
Verstädterung und kulturelle Entwurzelung
8. Unter verschiedenen
Zwängen wie der Armut, ja der Unterentwicklung der ländlichen
Gebiete, wo es an unentbehrlichen Gütern und Dienstleistungen fehlt, aber
auch in bestimmten Ländern, wo Millionen von Menschen wegen bewaffneter
Konflikte zum Verlassen ihrer Familie und ihres kulturellen Umfelds gezwungen
sind, erleben wir einen großen Exodus aus den ländlichen Gebieten, der
die großen städtischen Ballungszentren maßlos anwachsen
läßt. Zu diesen wirtschaftlichen und sozialen Zwängen kommen
Faszination, Wohlstand und Vergnügen, welche die Stadt bietet und mit
denen die sozialen Kommunikationsmittel locken. Wegen fehlender Planung bilden
sich am Stadtrand bzw. in den Vorstädten oft sogenannte Gettos, riesige
Ansammlungen von gesellschaftlich entwurzelten, politisch ungebildeten,
wirtschaftlich ausgegrenzten und kulturell einsamen Menschen.
Die kulturelle Entwurzelung, die
vielfältige Ursachen hat, macht im Kontrast dazu die fundamentale Rolle
der kulturellen Wurzeln deutlich. Der haltlose Mensch, dessen kulturelle
Identität angeschlagen oder verlorengegangen ist, neigt leichter zu
unmenschlichem Handeln. Der Mensch hat im 20. Jahrhundert wie nie zuvor so
viele Fähigkeiten und Begabungen erkennen lassen. Gleichzeitig wurde aber
die menschliche Würde noch nie zuvor in der Geschichte so oft verneint und
verletzt, was die bittere Folge der Leugnung oder Ablehnung Gottes ist. Wenn
die Werte in die Privatsphäre verbannt werden, steht die Moral auf dem
Kopf, und das geistliche Leben ist geschwächt. Der grauenhafte Begriff
"Kultur des Todes" prangert eine Anti-Kultur an, die den unheimlichen
Widerspruch zwischen erklärtem Lebenswillen und hartnäckiger Ablehnung
Gottes, der Quelle allen Lebens (vgl. Evangelium vitae, Nr. 11-12 und
19-28) deutlich hervortreten läßt.
"Die städtische Kultur
zu evangelisieren, stellt für die Kirche eine riesige Herausforderung dar.
So wie sie es im Laufe der Jahrhunderte verstanden hat, die ländliche
Kultur zu evangelisieren, ist sie auch heute aufgerufen, durch die Katechese,
Liturgie und die Gestaltungsweise ihrer pastoralen Strukturen eine methodische
und engmaschige Evangelisierung der Stadt durchzuführen" (Ecclesia
in America, Nr. 21).
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