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Nationale Identität und
nationale Minderheiten
10. Alle Menschen sind aufgrund
der Einheit der Natur Glieder ein und derselben großen Gemeinschaft;
aufgrund des geschichtlichen Charakters des Menschseins sind sie jedoch
zwangsläufig innerlich enger mit besonderen Gruppen verbunden, die von der
Familie bis zur Nation reichen. Das Menschsein steht daher in der Spannung
zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen, und diese lebenswichtige Spannung
ist besonders fruchtbar, wenn sie in Ausgeglichenheit und Harmonie gelebt wird.
Das Fundament des
Völkerrechts ist ausschließlich die menschliche Person. In diesem
Sinn ist das Völkerrecht nichts anderes als die Übertragung der
Menschenrechte auf das Gemeinschaftsleben. Das erste dieser Rechte ist das
Recht auf Leben. "Niemand also - weder ein Staat, noch eine andere Nation,
noch eine internationale Organisation - ist je zu der Ansicht berechtigt,
daß eine einzelne Nation nicht wert sei, zu existieren".(15)
Das Recht auf Leben impliziert natürlich für jede Nation das Recht
auf eine eigene Sprache und Kultur, durch die ein Volk seine Souveränität
artikuliert und verteidigt.
Während das Völkerrecht
die Ansprüche der Besonderheit zum Ausdruck bringt, gilt es andererseits
auch, die Bedürfnisse der Allgemeinheit zu betonen, das heißt die
Pflichten, die jede Nation gegenüber jeder anderen und der ganzen
Menschheit hat. Die erste dieser Pflichten ist sicherlich der Wille zum
friedlichen, respektvollen und solidarischen Zusammenleben mit den anderen
Nationen. Die jungen Generationen zu lehren, ihre eigene Identität in der
Verschiedenheit zu leben, ist eine vorrangige Aufgabe der Erziehung zur Kultur,
zumal Interessengruppen die Religion oft für politische Ziele
mißbrauchen, die dieser allerdings völlig fremd sind.
Im Gegensatz zum Nationalismus,
der Mißtrauen, ja sogar Abneigung gegen andere Nationen und Kulturen
auslöst, ist der Patriotismus die legitime, bevorzugte, aber nicht
ausschließliche Liebe zum eigenen Land und seiner Kultur, in deren Dienst
man sich stellt; echtem Patriotismus liegt Kosmopolitismus ebenso fern wie
Kulturnationalismus. Jede Kultur ist durch ihre guten Seiten offen für das
Allgemeine. Auf der anderen Seite soll sie sich aber auch von ihrem
sündigen Erbe reinigen, das in bestimmten Vorurteilen, dem Evangelium
widersprechenden Sitten und Bräuchen besteht, den Beitrag des Glaubens
integrieren und "die Gesamtkirche selbst in ihren verschiedenen
Lebensbereichen an Ausdrucksformen und Werten" (Redemptoris Missio, Nr.
52; vgl. Slavorum Apostoli, Nr. 21) bereichern.
Zur gleichen Zeit stützt
sich die Kulturpastoral auf die Gabe des Geistes Jesu und auf seine Liebe,
"die jedem Volk und allen Völkern und Kulturen gilt, um sie nach dem
Beispiel der vollkommenen Einheit des einen und dreifaltigen Gottes
untereinander zu vereinen" (Ecclesia in America, Nr. 70).
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