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Neue Areopage und herkömmliche
Kulturbereiche
Umwelt, Naturwissenschaft,
Philosophie und Bioethik
11. Mit der Entwicklung des
Umweltschutzes zeichnet sich ein neues Bewußtsein ab. Für die Kirche
ist es aber keine Neuheit: Das Licht des Glaubens erhellt den Sinn der
Schöpfung und der Beziehungen des Menschen zur Natur. Der heilige Franz
von Assisi und der heilige Philipp Neri sind Zeugen und Symbole für die
Achtung vor der Natur, die sich aus dem christlichen Verständnis der
geschaffenen Welt ergibt. Diese Achtung entspringt dem Umstand, daß die
Natur nicht Eigentum des Menschen ist; sie gehört Gott, ihrem
Schöpfer, der sie dem Menschen zur Verwaltung anvertraut hat (vgl. Gen 1,28),
damit er sie achtet und mit ihr seinen berechtigten Unterhalt bestreitet (vgl. Centesimus
annus, Nr. 38-39).
Die allgemein verbreiteten
wissenschaftlichen Erkenntnisse bewegen den Menschen oft, seine Stellung im
unermeßlichen Kosmos zu behaupten und vor Entzücken über die
eigenen Fähigkeiten und über das Universum außer sich zu geraten,
ohne auch nur im geringsten daran zu denken, daß Gott ihr Urheber ist. Die
Herausforderung für die Kulturpastoral besteht darin, den Menschen zur
Transzendenz zu führen, ihn zu lehren, wieder den Weg, der von seiner
geistigen und menschlichen Erfahrung ausgeht und zur Erkenntnis des
Schöpfers führt, zu gehen und dabei in Weisheit die guten
Errungenschaften der modernen Wissenschaften im Licht der rechten Vernunft zu
gebrauchen. Auch wenn die Wissenschaft aufgrund ihres Prestiges die
zeitgenössische Kultur durchtränkt, kann sie weder die menschliche
Erfahrung in ihrer Substanz noch die eigentliche Wirklichkeit der Dinge
erfassen. Eine kohärente Kultur, die in der Transzendenz und der
Überlegenheit des Geistes über die Materie gründet, erfordert
Weisheit, damit sich die wissenschaftliche Erkenntnis in einem Horizont
metaphysischer Überlegungen entfaltet. Auf der Erkenntnisebene sind Glaube
und Wissenschaft nicht kongruent, und deshalb empfiehlt es sich, die Methoden
und Prinzipien nicht zu vermischen, sondern sauber zu trennen, um jenseits der
Sinnzersplitterung durch die abgekapselten Wissensbereiche eine harmonische
Synthese und den einheitlichen Sinn des Gesamten wiederzufinden, die eine
vollkommen menschliche Kultur kennzeichnen. In unserer zersplitterten Kultur,
welche die große Ansammlung von Wissen, die wunderbaren Entdeckungen der
Wissenschaften und die bemerkenswerten Beiträge der modernen Techniken nur
mit Mühe integrieren kann, setzt die Kulturpastoral zwangsläufig eine
philosophische Reflexion voraus, die sich mit der Organisation und
Strukturierung des gesamten Wissens befaßt und dabei die
Wahrheitsfähigkeit der Vernunft und ihre Regulierungsfunktion in der
Kultur bestätigt.
"Da die
Bruchstückhaftigkeit des Wissens eine fragmentarische Annäherung an
die Wahrheit mit der sich daraus ergebenden Sinnzersplitterung mit sich bringt,
verhindert sie die innere Einheit des heutigen Menschen. Sollte sich die Kirche
etwa nicht darüber Sorgen machen? Diese der Weisheit geltende Aufgabe
erwächst den Bischöfen direkt aus dem Evangelium; sie können
sich der Verpflichtung nicht entziehen, dieser Aufgabe nachzukommen" (Fides
et ratio, Nr. 85).
12. Aufgabe qualifizierter Philosophen
und Theologen ist es auch, in der herrschenden Kultur der Technik
und Wissenschaft fachkundig die Herausforderungen und die Ansatzpunkte für
die Verkündigung des Evangeliums auszumachen. Dies macht eine Erneuerung
der philosophischen und theologischen Vorlesungen erforderlich, insofern eine
dem Geschenk des Glaubens vollkommen treue Theologie Voraussetzung für
jeden Dialog und jede Inkulturation ist. Die Kulturpastoral bedarf ebenso katholischer
Wissenschaftler, die es als Pflicht empfinden, ihren Beitrag zum Leben der
Kirche zu leisten, indem sie ihre persönliche Erfahrung in der Begegnung
zwischen Wissenschaft und Glauben weitergeben. Der Mangel an theologischer
Bildung und wissenschaftlicher Fachkenntnis macht die Präsenz der Kirche
in der aus wissenschaftlichen Forschungen und deren technischen Anwendungen
entstandenen Kultur aleatorisch. Und deshalb ist die Zeit für den
Dialog zwischen Naturwissenschaften und Glaube besonders günstig.(16)
13. Wissenschaft und Technik
haben sich hervorragender Mittel bedient, um das Wissen, die Fähigkeit und
den Wohlstand der Menschen zu vergrößern. Für einen
verantwortungsbewußten Umgang mit Wissenschaft und Technik ist die
ethische Dimension der wissenschaftlichen Fragen jedoch unumgänglich. Oft
stellen die Wissenschaftler bei der Suche nach der Wahrheit selbst diese
Fragen; sie zeigen die Notwendigkeit eines Dialogs zwischen Wissenschaft und
Ethik. Diese Suche nach der Wahrheit, welche die Sinneserfahrung
übersteigt, bietet neue Möglichkeiten für eine Kulturpastoral,
die auf die Verkündigung des Evangeliums im wissenschaftlichen Umfeld
zielt.
Ganz offensichtlich ist die
Bioethik - und dies zeigt ihr Umfang - wegen ihrer kulturellen, sozialen,
politischen und rechtlichen Auswirkungen, denen die Kirche größte
Bedeutung beimißt, mehr als eine wissenschaftliche Disziplin. Die
Entwicklung der Gesetzgebung im Bereich der Bioethik hängt in der Tat von
der Wahl der ethischen Grundsätze ab, auf die sich der Gesetzgeber beruft.
Die Grundfrage ist und bleibt unerbittlich: Wie sollen die Beziehungen zwischen
moralischen Normen und dem bürgerlichen Gesetz in einer pluralistischen
Gesellschaft aussehen? (vgl. Evangelium vitae, Nr. 18 und 68-74). Wenn
man die ethischen Grundfragen einer späteren Gesetzgebung
überläßt, läuft man dann nicht Gefahr, das zum Gesetz zu
erheben, was moralisch inakzeptabel ist?
Die Bioethik ist einer jener
sensiblen Bereiche, die zur Suche der Grundlagen der Anthropologie und der
Sittlichkeit auffordern. Die Rolle der Christen ist hierbei unersetzlich. In
einem respektvollen und anspruchsvollen Dialog tragen sie zur Bildung des
Gewissens und des Bürgersinns in der Gesellschaft bei. Diese kulturelle
Situation macht eine gründliche Ausbildung der Priester und Laien, die in
diesem entscheidenden Bereich, der Bioethik, wirken, erforderlich.
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