|
Familie und Erziehung
14. "Die Familie als
Gemeinschaft von Personen ist daher die erste menschliche
"Gesellschaft". Sie entsteht, wenn der bei der Trauung geschlossene
eheliche Bund sich verwirklicht, der die Eheleute für eine dauernde
Liebes- und Lebensgemeinschaft öffnet und sich im vollen und eigentlichen
Sinn mit der Zeugung von Kindern vervollständigt: Mit der
"Gemeinsamkeit" der Eheleute beginnt diese grundlegende
"Gemeinschaft" der Familie" (Brief an die Familien, Nr.
7).
Als Wiege des Lebens und der
Liebe ist die Familie auch Quelle von Kultur. Sie nimmt das Leben an, und in
dieser Schule der Menschlichkeit lernen die zukünftigen Eheleute am
besten, verantwortliche Eltern zu werden. Der Wachstumsprozeß, den sie in
einer Lebensund Liebesgemeinschaft gewährleisten, geht in einigen
Zivilisationen über den elterlichen Kern hinaus, um beispielsweise in
Afrika in eine Großfamilie zu münden. Auch wenn materielle,
kulturelle und moralische Armut die Ehe als Institution untergräbt und die
Lebensquellen zu versiegen drohen, ist die Familie dennoch der bevorzugte Ort
zur Personen- und Gesellschaftsbildung. Die Erfahrung lehrt: Die gesamten
Zivilisationen und der Zusammenhalt der Völker hängt vor allem von
der menschlichen Qualität der Familien ab, und insbesondere von der
komplementären Teilhabe beider Elternteile mit ihren jeweiligen Rollen als
Vater und Mutter an der Kinderziehung. In einer Gesellschaft, in der die Zahl
der Familienlosen wächst, gestalten sich die Erziehung und die Vermittlung
einer durch das Evangelium gestalteten Volkskultur schwieriger.
Die schmerzlichen
persönlichen Situationen verdienen Verständnis, Nächstenliebe
und Solidarität. Was sich aber als tragisches Scheitern der Familie
erwiesen hat, darf keinesfalls zum neuen Gesellschafts- und Lebensmodell
erhoben werden. Die Meinungsmache und die familienfeindlichen oder
geburtenfeindlichen Politiken sind ebenfalls Versuche, das
Familienverständnis zu verändern und es seinem Wesen nach zu
entleeren. In diesem Kontext eine Lebens- und Liebesgemeinschaft zu bilden, die
die Eheleute untereinander und mit ihrem Schöpfer verbindet, ist der beste
kulturelle Beitrag, den christliche Familien in der Gesellschaft leisten
können.
15. Mehr als in jeder anderen
Epoche hat die spezifische Rolle der Frau in den zwischenmenschlichen und
gesellschaftlichen Beziehungen zu Überlegungen und Initiativen
geführt. In vielen zeitgenössischen Gesellschaften, die von
Kinderfeindlichkeit geprägt sind, wird das Kind als Last empfunden; es
beeinträchtigt die Autonomie der Frau und ihre Möglichkeiten zur
Selbstverwirklichung. Damit wird die reiche Bedeutung der Mutterschaft sowie
der weiblichen Persönlichkeit verdunkelt. Die grundsätzliche
Gleichheit von Mann und Frau, die nach dem Abbild Gottes geschaffen sind (Gen
1,27), ist in der biblischen Botschaft begründet und wird ungeachtet
der unangenehmen Überraschungen in der Geschichte und der Kultur der
christlichen Nationen gefördert; sie wird durch das jahrhundertealte
Kunsterbe der Kirche veranschaulicht und verlangt von der Kulturpastoral,
daß sie der tiefen Umwandlung des Frauseins in unserer Zeit Rechnung
trägt: "In jüngerer Zeit versuchten einige Strömungen der
Frauenbewegung - in der Absicht, die Emanzipation der Frau zu fördern -,
sie in allem dem Mann anzugleichen. Aber die in der Schöpfung bekundete
göttliche Absicht will zwar die Frau in Würde und Wert dem Mann
gleichstellen, weist aber zugleich ganz klar ihre Verschiedenheit und
Besonderheit auf. Die Identität der Frau kann nicht darin bestehen, eine
Kopie des Mannes zu sein".(17) Die Besonderheit und
Eigentümlichkeit jedes Geschlechts erschließt sich in der
Zusammenarbeit zur gegenseitigen Bereicherung, wobei die Frauen als erste zum
Aufbau einer menschlicheren Gesellschaft beitragen.
16. "Erste und wesentliche
Aufgabe jeder Kultur"(18) ist die Erziehung; sie ist seit
der christlichen Antike - auf religiöser und kultureller sowie auf
persönlicher und gesellschaftlicher Ebene - einer der vorzüglichsten
Bereiche der Seelsorge der Kirche. Heute aber ist sie so entscheidend und
komplex wie nie zuvor. Sie unterliegt grundsätzlich der Verantwortung der
Familien, bedarf aber der Hilfe der ganzen Gesellschaft. Die Welt von morgen
hängt von der Erziehung von heute ab, und diese läßt sich nicht
auf eine einfache Wissensvermittlung beschränken. Sie bildet Personen und
bereitet sie auf die Integration in das Gesellschaftsleben vor. Sie
unterstützt ihre psychologische, intellektuelle, kulturelle, moralische
und spirituelle Reifung.
Die Herausforderung, Kindern,
Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Schule und an der Universität
das Evangelium zu verkünden, erfordert ein angemessenes Bildungsprogramm. Die
Erziehung in der Familie, in der Schule oder an der Universität stellt
"nicht nur eine tiefgreifende Beziehung zwischen Erzieher und zu
Erziehendem her, sondern läßt diese beiden an der Wahrheit und an
der Liebe teilhaben, dem Endziel, zu dem jeder Mensch von Gott Vater, Sohn und
Heiligem Geist berufen ist" (Brief an die Familien, Nr. 16). Sie
macht zu Beziehungen fähig, die auf der Wahrung der Rechte und Pflichten gegründet
sind. Sie bereitet auf ein Leben in Aufnahmebereitschaft und Solidarität
vor sowie auf den maßvollen Umgang mit dem Besitz und den Gütern, um
für alle und überall gerechte Lebensbedingungen zu garantieren. Die
Zukunft der Menschheit geht über die ganzheitliche und solidarische
Entwicklung jeder Person: jedes Menschen und des ganzen Menschen (vgl. Populorum
progressio, Nr. 42). Familie, Schule und Universität sind - jeweils
ihrer Natur entsprechend - aufgerufen, die Kulturen des dritten Jahrtausends
mit dem Sauerteig des Evangeliums zu durchsäuern.
|