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Sekten und neue religiöse
Bewegungen
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24. Die Gesellschaft, in der eine
neue Suche nach Spiritualität - mehr noch als vielleicht nach Religion -
in vielfältigen Formen zutage tritt, erinnert unweigerlich an einen der
Schauplätze der Verkündigung des Apostels Paulus, an den Areopag in
Athen (vgl. Apg 17,22-31). Die Sehnsucht nach einer spirituellen
Dimension, die außerdem einen Lebenssinn vermittelt, sowie das tiefe
Verlangen nach einem Netz von affektiven und gesellschaftlichen Beziehungen,
das zumindest in einigen Ländern oft wegen der zunehmenden
Instabilität der Familie als Institution zerrissen ist, äußert
sich in einem neuen "Rivival" im Christentum, aber auch in
mehr oder weniger synkretistischen Gebilden, die auf eine bestimmte umfassende
Einheit jenseits der einzelnen Religionen zielen.
Unter der mehrdeutigen
Bezeichnung Sekten können zahlreiche, sehr unterschiedliche Gruppen
rangieren: gnostische oder esoterische, augenscheinlich christliche oder christus-
und kirchenfeindliche. Sie entsprechen oft einer unbefriedigten Sehnsucht, und
dies begründet ihren Erfolg. Zahlreiche unserer Zeitgenossen finden in
ihnen einen Ort der Zugehörigkeit, der Kommunikation, der
Affektivität und Geschwisterlichkeit, ja dem Anschein nach sogar des
Schutzes und der Sicherheit. Dieses Gefühl vermitteln großenteils auf
den ersten Blick einleuchtende Lösungen - wie der "Gospel of
succes" -, de facto aber trügerische Lösungen, welche
die Sekten scheinbar für die komplexesten Fragen liefern, sowie
eine pragmatische Theologie, deren Grundlage oft die Verherrlichung des
von der Gesellschaft so schlecht behandelten Ichs ist. Die Sekten
verbreiten sich oft dank ihrer angeblichen Antworten auf die Bedürfnisse
von Menschen auf der Suche nach Heilung, Kindern, wirtschaftlichem Erfolg. Das
gleiche gilt für esoterische Religionen, die dank der Unwissenheit und
Leichtgläubigkeit von wenig oder schlecht gebildeten Christen leichtes
Spiel haben. In vielen Ländern gibt es Menschen, die im Leben Schiffbruch
erlitten haben, links liegen gelassen werden und - vor allem in der
Anonymität der städtischen Kultur - die schmerzliche Erfahrung einer
Randexistenz machen. Für eine Anschauung, die ihnen die verlorene Harmonie
zurückgibt und ihnen das Gefühl einer leiblichen und seelischen
Heilung vermittelt, sind sie bereit, alles zu akzeptieren. Darin zeigt sich die
Komplexität und der transversale Charakter des Sektenphänomens, das
sich die Unzufriedenheit mit dem Leben und die Ablehnung des institutionellen
Charakters der Religion zunutze macht und in verschiedenartigen religiösen
Formen und Äußerungen zutage tritt.
Die Verbreitung der Sekten ist
aber auch eine Reaktion auf die Kultur des Säkularismus und eine Folge der
gesellschaftlichen und kulturellen Umwälzungen, bei denen die
traditionellen religiösen Wurzeln verlorengegangen sind. Die Menschen, die
in das Netz der Sekten geraten sind oder in Gefahr stehen, von ihnen angeworben
zu werden, zu erreichen, um ihnen Jesus Christus zu verkündigen, der sie im
Herzen anspricht, ist eine Herausforderung, der sich die Kirche stellen
muß.
Von einem Kontinent zum anderen
bestätigt sich, daß ein "neues Zeitalter der
Menschheitsgeschichte" angebrochen ist, wie das II. Vatikanische Konzil
bereits festgestellt hat. Diese Erkenntnis macht eine Kulturpastoral
erforderlich, die diese neuen Herausforderungen bewältigt in der
Überzeugung, die Johannes Paul II. zur Gründung des Päpstlichen
Rates für die Kultur bewogen hat: "Daraus ergibt sich für die
Kirche, die dafür die Verantwortung trägt, die Bedeutung eines
gewissenhaften und weitblickenden pastoralen Wirkens im Hinblick auf die
Kultur, insbesondere im Hinblick auf das, was man als lebende Kultur
bezeichnet, also die Gesamtheit der Grundsätze und Werte, die das Ethos eines
Volkes ausmachen" (Schreiben an Kardinalstaatssekretär Agostino
Casaroli zur Gründung des Päpstlichen Rates für die Kultur,
20. Mai 1982).
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