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Die Religionen und das
"Religiöse"
26. In ihrer Sendung, den
Menschen aller Kulturen das Evangelium zu verkünden, begegnet die Kirche,
vor allem in Afrika und Asien den traditionellen Religionen.(22) Die
Ortskirchen sind aufgerufen und ermutigt, die Kulturen und traditionellen
religiösen Übungen ihrer Region zu untersuchen: nicht um sie
abzusegnen, sondern um die Werte, Bräuche und Riten zu prüfen, die
geeignet sind, eine tiefere Verwurzelung des Christentums in den örtlichen
Kulturen zu fördern (vgl. Ad gentes, Nr. 19 und 22).
Die "Rückkehr"
oder das "Wiedererwachen" des Religiösen im Westen erfordert
sicherlich eine gründliche Prüfung. Auch wenn es sich dabei eher um
die Rückkehr des religiösen Empfindens als um den persönlichen
Glauben an Gott in der Glaubensgemeinschaft der Kirche handelt, läßt
sich doch nicht bestreiten, daß Männer und Frauen in steigender Zahl
einer Dimension der menschlichen Existenz ihre Aufmerksamkeit widmen, die sie
je nachdem spirituell, religiös oder sakral bezeichnen. Vor allem unter
jungen Menschen und unter Armen ist ein Phänomen zu beobachten, auf das es
sorgfältig zu achten gilt. Sie kehren bald zu einem Christentum
zurück, das sie ein bißchen enttäuscht hat, wenden sich bald
anderen Religionen zu, geben bald dem Drängen der Sekten oder sogar den
Täuschungen des Okkultismus nach.
Überall auf der Welt bieten
sich der Kulturpastoral neue Möglichkeiten und Felder, damit das
Evangelium Christi in den Herzen aufleuchtet. Es gibt zahlreiche Punkte, in
denen der christliche Glaube den herrschenden Kulturen zugänglicher
gemacht und dementsprechend besser zum Ausdruck gebracht werden sollte, um der
steigenden Konkurrenz durch eine verbreitete und reiche Religiosität
gewachsen zu sein.
Die Suche des Dialogs und die
damit verbundene Notwendigkeit, das spezifisch Christliche besser zu
bestimmen, stellen ein immer wichtigeres Überlegungs- und
Handlungsfeld dar für die Verkündigung des Glaubens in den Kulturen. Angesichts
der Herausforderungen der Sekten (vgl. Ecclesia in America, Nr. 73)
paßt die Kulturpastoral in dieses Bild, denn die kulturellen Wirkungen,
die sie hervorrufen, sind zuinnerst mit ihrem "spirituellen" Gerede
verbunden. Diese Situation macht eine gründliche Erörterung
darüber erforderlich, wie in unseren Gesellschaften Toleranz und
Religionsfreiheit zu leben sind (vgl. Dignitatis humanae, Nr. 4). Es ist
sicherlich notwendig, Priester und Laien besser auszubilden, um ihnen
Sachkenntnis und Urteilsvermögen zu vermitteln, was die Frage der Sekten
und ihren Erfolg angeht. Dabei darf man aber nicht aus dem Blick verlieren,
daß die Qualität des kirchlichen Lebens das eigentliche Mittel gegen
die Sekten ist. Daher ist eine entsprechende Vorbereitung der Priester
notwendig, damit sie die Herausforderungen der Sekten erkennen und den
Gläubigen beistehen, wenn diese in Gefahr stehen, aus der Kirche
auszutreten und vom Glauben abzufallen.
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